Kino

RTL entdeckt das deutsche Kino für sich

Die Mediengruppe RTL weitet ihre Fiction-Offensive auf den Kinofilm aus. Als Verbund aus den Sendern und dem Verleih Universum Film will man zum starken Partner der Kinoschaffenden werden. Philipp Steffens spricht in Zeiten auslaufender Output-Deals von einem "logischen Schritt". Blickpunkt:Film sprach mit den Verantwortlichen von RTL, Vox und Universum Film über ihre Pläne und über das Kinoprequel von "Club der roten Bänder".

28.06.2018 09:53 • von Frank Heine
Das Kinoquartett der Mediengruppe: Philipp Steffens (Bereichsleiter Fiction von RTL), Max Conradt (Head of German Feature Film Co-/Production & Acquisitions Universum Film), Universum GF- Bernhard zu Castell und Hauke Bartel (Head of Fiction bei Vox) (Bild: MG RTL D/Stefan Gregorowius)
Als Verbund aus ihren Sendern und dem Verleih Universum Film will die Mediengruppe RTL ein starker Partner für die Kinoschaffenden werden. Blickpunkt:Film sprach mit den Verantwortlichen Philipp Steffens (RTL), Hauke Bartel (Vox), Bernhard zu Castell und Max Conradt (beide Universum) über ihre Pläne und über das erste große Projekt, das von Bantry Bay produzierte Kinoprequel von Club der roten Bänder".

Die Fiction-Offensive von RTL, die sich bislang vor allem auf den Serienbereich erstreckte, wird nun auch auf den Kinofilm ausgeweitet. Was sind die Hintergründe?

Philipp Steffens: Wir befinden uns in einer komfortablen Situation, weil wir innerhalb der Mediengruppe RTL mit Universum Film einen starken Kinopartner haben. Wir haben beschlossen, uns noch konkreter und stärker auszutauschen, um auf allen Ebenen eine Heimat für die Kreativen zu sein. Autoren, Regisseure, Produzenten und auch Schauspieler sollen nicht nur zu uns kommen, wenn sie mit einer bestimmten Farbe ein großes Publikum bei RTL oder Vox ansprechen wollen. Auch wenn sie Lust haben, einen Kinofilm zu machen, finden sie bei uns den richtigen Partner. Diese einmalige Möglichkeit kann sonst keine andere Sendergruppe den Kreativen bieten.

Von wem geht diese Initiative innerhalb der RTL-Gruppe aus? Auch von Universum Film, um zu zeigen, wir sind Teil eines größeren Ganzen, in dem Filme und Ideen noch ganz anders ausgewertet werden können?

Bernhard zu Castell: Wir machen ja seit vielen Jahren deutschen Film und haben uns schon immer in der Gruppe über Projekte ausgetauscht. Das Interesse kommt von beiden Seiten, guten Content zu generieren und unseren Talenten etwas zu bieten. Nicht nur bei uns, auch bei Vox und RTL sitzen Leute, die sich intensiv mit Kino beschäftigen, vieles wird angeschoben - da bietet es sich an, noch enger zusammenzuarbeiten.

Es gibt also das konkrete Angebot von Ihnen an die Branche, ihre Ideen zu Ihnen zu tragen.

Max Conradt: Absolut. Man kann gemeinsam mit uns Projekte entwickeln oder man kann zu einem späteren Zeitpunkt auf uns zukommen. Wir sind offen für Stoffe in jedem Stadium. Grundsätzlich ist es ja so: Die Mediengruppe hat ein Alleinstellungsmerkmal in der Verbindung von mehreren starken Sendern und einem starken Kino- und Home Entertainment Verleiher. Für die Produzenten und Kreativen in Deutschland entsteht dadurch eine ganz besondere Situation, nicht nur in der Entwicklung und Finanzierung der Projekte, sondern später auch in der Bewerbung, in allen Auswertungsstufen. Das macht die Mediengruppe zu einem starken Partner, der in Deutschland einzigartig ist.

Und wo befindet sich das Einfallstor, an wen wenden sich die Kreativen?

PS: Das ist ja das Schöne. Letztendlich sind wir alle ein großes Einfallstor. Wer bislang nur Kino gemacht hat, aber nun eine tolle Serienidee hat, kann trotzdem zu Max und Bernhard gehen und wird dann die Überleitung zu uns finden. Auch wir bei RTL und Vox können evaluieren, wenn bei uns jemand mit einem Kinostoff ankommt. Es kann in alle Richtungen gehen. Wir hatten schon einige Stoffe vorliegen, die als sehr guter Fernsehfilm vorstellbar sind, im allerbesten Fall aber ein richtig toller Kinofilm werden. Wenn ich eine solche Option einem Autor geben kann, ist das ein Mehrwert.

War das nicht schon immer so, dass Produzenten und Kreative aus den unterschiedlichen Bereichen mit Ihren Projekten bei Ihnen vorstellig wurden?

PS: Natürlich. Aber inzwischen haben wir viel mehr Verständnis für die Bedürfnisse der anderen Abteilungen. Jede der Firmen hat ihre eigene Entscheidungsgewalt und ihre eigenen Strategien. Aber wir tauschen uns inzwischen auf ganz vielen Ebenen transparent aus und dadurch können wir dieses umfassende Zuhause für die Kreativen gewährleisten.

Wenn die Voraussetzungen innerhalb der Mediengruppe RTL so ideal sind, woran lag es dann, dass die Kinoaktivitäten so lange brach lagen? Es wirkt so, als wäre erst mit dem Prequel zur Vox-Serie "Club der roten Bänder" der Startschuss gefallen.

PS: Das ist wie bei gutem Wein, der muss auch reifen. Wenn dabei etwas richtig Tolles herauskommt, gehen wir damit auch an die Öffentlichkeit. Deshalb werden wir jetzt noch keine weiteren Titel nennen, aber wir haben einiges im Köcher. Und die Vox-Serie "Club der roten Bänder" zum Start, ist doch ein deutliches Signal an die Branche. Wir bei RTL haben in den letzten Jahren viele Gespräche mit potentiellen Partnern geführt. Aber wir wissen auch, dass so ein Unterfangen nicht von heute auf morgen funktioniert. Allein die Drehbuchentwicklung dauert zwei Jahre. Auch die Finanzierung und das Casting nehmen Zeit in Anspruch. Wir wollen ja Filme, die richtig gut funktionieren. Insofern müssen Sie mit uns Geduld haben. Eigentlich sind wir selbst die Ungeduldigsten in dem ganzen Prozess.

Hauke Bartel: Bei Vox hätten wir uns vor zwei, drei Jahren noch nicht vorstellen können, dass wir jetzt mit "Club der roten Bänder" eine Kinokoproduktion an den Start bringen. Für uns war mit dem Beginn der dritten Staffel klar, dass wir die Geschichte in dieser Staffel zu Ende erzählen wollen und die Hauptfigur den Serientod stirbt. Als Mediengruppe RTL ist es uns wichtig, bei den Stoffen ganz genau darauf zu achten, was wir erzählen wollen und was dafür der richtige Rahmen ist. Es konnte nicht darum gehen, die Marke als Selbstzweck ins Kino zu übertragen. Aber als die Autoren mit der Idee des Prequels zu uns gekommen sind, haben wir diese Idee intern gewälzt. Und nach zahlreichen Gesprächen, auch mit Albert Espinosa, auf dessen Geschichte "Club der roten Bänder" basiert, wurde uns immer klarer, was für eine große Geschichte hier noch schlummert, die es verdient, auf der großen Leinwand erzählt zu werden. Und da war es natürlich toll, dass wir hier im Haus alle Partner haben, die es braucht, um das möglich zu machen.

Gab es für das Prequel anders als bei der Serie kein spanisches Vorbild?

HB: Für den Kinofilm gab es keine Adaptionsvorlage. So ist es aber auch schon bei der zweiten und dritten Staffel der Serie gewesen. Das Besondere ist aber sicherlich, dass Albert Espinosa immer einen sehr engen Austausch mit uns und den Autoren pflegt. Und auch beim Kinofilm war klar, dass es diesen ohne seinen Segen und ohne seinen Input nicht geben würde.Umso schöner war es, als wir sahen, was diese Prequel-Idee für ein Feuer in ihm entfacht hat. Das wird man im besten Fall auch dem Film anmerken. Und der Umgang und Austausch mit Albert Espinosa ist auch unser Leitbild dafür, wie wir mit besonderen Geschichten und mit den Kreativen umgehen wollen.

Gibt es besondere Gründe dafür, warum große Kinofilme gerade jetzt für die Sender im Verbund attraktiv sind?

HB: Dem Thema Koproduktionen haben wir uns ja schon länger geöffnet. Zwei internationale Serienkoproduktionen, "Gone" und "Ransom", waren ja auch bereits bei Vox zu sehen und im Spätsommer startet mit "Take Two" die dritte. Was die inhaltliche Mitarbeit angeht, ist das für uns also schon vertrautes Territorium. Wir merken aber gerade auch, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der aus Deutschland heraus großartige Geschichten erzählt werden und der Hunger des Publikums nach deutschen Geschichten immer stärker wird. Auch wenn wir bei Vox aus dem Serienbereich kommen, haben wir immer enorme Lust auf besondere Geschichten. Auf unseren Tischen landen auch Serienideen, die sich besser für die große Leinwand in abgeschlossener Form als Film eigenen. Für die können wir mit der Mediengruppe dann auch eine Heimat sein.

Herr Steffens, gilt das für RTL genauso, dass Kinofilm dort eine größere Rolle spielen soll?

PS: In der Vergangenheit hatten wir einige große Eventmovies erfolgreich im Programm. Dass wir das in den letzten Jahren etwas zurückgefahren haben, hat inhaltliche Gründe. Wir hatten nicht den Eindruck, dass die Zuschauer weiterhin noch Katastrophenfilme sehen wollen. Uns wurden aber auch gar nicht mehr so viele geeignete Eventstoffe eingereicht, weil sich viele auf Serie und Eventserie konzentriert haben. Trotzdem bleibt es ein Thema, aber wie bereits angedeutet: Wir wollen uns nicht mehr von vorneherein darauf festlegen, ob ein Stoff jetzt ein Event- oder ein Kinofilm ist. Wir sprechen dann sehr frühzeitig mit allen Beteiligten von Universum über Auswertungsalternativen. Zudem darf man nicht vergessen, dass wir seit 2015 sukzessive unsere Outputdeals nicht mehr verlängern. Entsprechend stehen wir mehr und mehr auf eigenen Beinen und es ist umso richtiger, mit Universum gemeinsam an nationalen Koproduktionen zu arbeiten.

Inwieweit spielte es für Ihre Ambitionen eine Rolle, dass Ihr Mitbewerber ProSiebenSat mit der Programmierung von deutschen Kinofilmen sehr gute Erfahrungen gemacht hat?

PS: Da wir sukzessive unsere Outputdeals nicht mehr verlängern und schon seit einigen Jahren vermehrt auf Eigenproduktionen setzen und die Entwicklungen ausbauen, ist dies für uns in unserer eigenen strategischen Aufstellung ein ganz logischer Schritt und eine sinnvolle Erweiterung.

Herr zu Castell, wenn es um große Kinofilme geht, stehen Sie am Anfang der Nahrungskette. Nach welchen Stoffen suchen Sie bei Universum Film im Verbund mit der Sendergruppe?

BC: Wir suchen natürlich weiterhin sehr breit gefächert. Wir bleiben dem Kinderprodukt treu, wir machen weiterhin kleinere Filme und bleiben dem Arthouse treu. Hinzu kommt nun die neue Stoßrichtung, über die wir uns gerade unterhalten. Pauschal lässt sich da nicht sagen, welche Stoffe wir suchen, primär geht es zunächst darum, dass sie in die Gruppe passen und entsprechend Kinopotential haben.

MC: "Club der roten Bänder" ist ein gutes Beispiel dafür, was wir suchen, weil es eine emotional starke Geschichte erzählt, Figuren, mit denen man mitgeht und die einen, egal wie schwer das Thema ist, am Ende fröhlich aus dem Kino entlassen. Mit solchen Filmen können im Anschluss auch die Sender etwas anfangen. Das kommerzielle deutsche Kino ist am erfolgreichsten, wenn es schafft, solche Geschichten zu erzählen.

In welchen Größenordnungen sollen sich die Projekte bewegen? Zielen Sie auf besonders große Filme?

MC: Ich glaube, es kommt nicht auf die Größe des Budgets an. Natürlich verbindet man mit einem Kinofilm immer gleich eine bestimmte Budgetgröße, aber wir haben jetzt nicht den Gedanken, dass ein Film zwingend sechs, sieben Millionen Euro kosten muss. Das ist nicht der Ansatz und entspricht auch nicht dem Budget, das "Club der roten Bänder" hat oder braucht, um seine Geschichte zu erzählen. Es kommt immer auf die Geschichte an, damit begeistert man uns und am Ende die Zuschauer. Es wäre ein Fehler, einen Film, nur weil er kein großes Budget erfordert, von vorneherein auszuschließen.

Erfolgreiches Kino hat in Deutschland auch mit großen Namen, mit Stars zu tun. Einige sind beispielsweise an Warner oder an die Constantin gebunden. Ist es auch eine Idee, Talent an das Haus, an die Mediengruppe zu binden?

PS: Absolut. Es sind aber zwei Aspekte. Es geht auch um den Aufbau von Talenten. Das beste Beispiel ist "Club der roten Bänder" mit seinen jungen Talenten, die man dort entdeckt und innerhalb der letzten zwei Jahre zu Stars gemacht hat. Wir haben die Infrastruktur und geben ihnen jetzt die Möglichkeit, ihre Karriere weiter bis ins Kino auszubauen. Das ist doch der Traum eines jeden Schauspielers. Wir schauen intern ganz genau darauf, welche Talente den Wunsch haben, auch fürs Kino zu arbeiten. Es ist eine zusätzliche Chance für diejenigen, die wir gerade mit all unseren Eigenproduktionen aufbauen. Und es ist eine Einladung an all diejenigen Talente da draußen, die den Weg nach Köln Deutz noch nicht gefunden haben.

MC: Das Ganze gilt natürlich auch für Autoren oder Regisseure. Wenn wir interessante Talente im Kinobereich entdecken, machen wir unsere Kollegen innerhalb der Mediengruppe darauf aufmerksam. Wir sind hier ständig im Austausch.

Kann man Ihr Engagement auch dahingehend bewerten, dass der erfolgreichste Privatsender auch erste Anlaufstelle im für den Kinobereich werden sollte?

PS: Natürlich. Wir schaffen es jeden Abend im Non-Fiktionalen, aber auch im Fiktionalen den Mainstream zu erreichen, obwohl es immer schwieriger wird. Das ist auch unser Anspruch fürs Kinogeschäft. Und wenn etwas im Kinogeschäft gut funktioniert, dann dürfte es auch bei uns gut funktionieren.

Sie haben angedeutet, dass die eigenen Kinoaktivitäten auch dazu beitragen sollen, den einen oder anderen Output-Deal zu ersetzen. Lässt sich das Volumen, das Ihnen vorschwebt, beziffern?

PS: Es wäre falsch, jetzt eine Zahl zu nennen, die wir erreichen wollen. Es kommt immer darauf an, wie sehr wir von einem Projekt überzeugt sind. Wir gehen dann mit einem Projekt an die Öffentlichkeit, wenn wir hundertprozentig dahinter stehen.

MC: Es gibt aber auch keine Begrenzung nach oben. Wenn es viele Stoffe sind, von denen wir überzeugt sind, setzen wir diese auch um. Das ist am Ende das Entscheidende für die Kreativen.

Das Interview führten Ulrich Höcherl und Frank Heine