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Stefan Raiser: "Ein Zuhause für die Besten"

Im Blickpunkt:Film Interview spricht der Dreamtool-Geschäftsführer über die Entwicklung seiner Firma, aktuelle Produktionen und den TV-Markt. Spannend: Mit Sat.1 arbeitet er neben dem Großprojekt "Circus Krone" auch an einer Neuauflage der Serie "GSG 9". Und beim "Arminius"-Projekt mit Kilian Riedhof stellt er eine gehörige Portion Fincher in Aussicht.

07.06.2018 10:33 • von Frank Heine
Stefan Raiser gründete 1999 mit seinem Schulfreund Felix Zackor die Produktionsfirma Dreamtool Entertainment (Bild: Dreamtool/Bernhard Kahrmann)
Einst Spezialist für actionreiche TV-Events hat Dreamtool Entertainment sein Portfolio zuletzt massiv verbreitert. Stefan Raiser über aktuelle Produktionen und künftige Projekte, die Entwicklungen am TV-Markt und das Standing der Firma.

Anfang 2017 stand Dreamtool laut Ihren Worten vor dem "spannendsten Jahr der Firmengeschichte". Hat sich das so bewahrheitet?

Absolut. Unsere erste Serie, Blaumacher", wurde erfolgreich ausgestrahlt und bekam Nominierungen für den Jupiter und den Deutschen Fernsehpreis, und für die Kameraarbeit von Eeva Fleig gab es den Preis der Deutschen Fernsehakademie, wo Bernd Lange auch für Drehbuch nominiert war. Unsere ersten beiden TV-Reihen, "Der Barcelona-Krimi" und "Ella Schön" sind ebenfalls sehr gut gelaufen. Mit dem jetzt vorliegenden Ergebnis von "Ella Schön" würde ich sagen, dass unsere Erwartungen sogar übertroffen wurden.

Mit "Ella Schön" haben Sie einen Nerv getroffen. Obwohl oder gerade weil der Film aus der Herzkino-Reihe tanzt?

Ich habe "Ella Schön" schon als großes Risiko empfunden, aber gleichzeitig war ich noch nie so sehr mit mir im Reinen, wie bei diesen beiden Filmen. Keine Quote oder Kritik hätte daran kratzen können. Dass es dann so gut laufen würde, davon träumt man vielleicht, aber erwarten konnte man das nicht, weil das Format dem Sendeplatz und seinem Stammpublikum viel abverlangt. Aus den Quotendetails ging hervor, dass der Zuspruch bei allen Zuschauermilieus überproportional über dem ZDF-Schnitt lag. Wir haben Leute erreicht, die sonst nicht das ZDF-Herzkino einschalten. On Top gab es noch herausragende Kritiken.

Außergewöhnlich war auch, dass Sie auf einen Debütregisseur zurückgriffen.

Es wird immer so viel über die Öffentlich-Rechtlichen geschimpft. Aber das ZDF hat unser Thema Asperger gepusht und hat uns Tür und Tor geöffnet. Corinna Marx und Alexander Bickel haben nicht gezögert, als ich Maurice Hübner für die Regie vorgeschlagen habe, mit dem ich gerade drei Folgen der Serie "Blaumacher" für ZDFneo gemacht hatte.

Was zeichnet Maurice Hübner aus?

Er hat keine Berührungsängste, ist hochtalentiert und kennt keinen vorauseilenden Gehorsam. Er hält sich nicht mit Karriereüberlegungen auf, so im Stil: wie liest sich ein Herzkino-Film in meiner Vita. Und er hatte großes Vertrauen in mich und in unsere Zusammenarbeit. Denn ein Dreamtool-Sonntag ist kein Pilcher-Sonntag. Das ist Herzkino mit Kinoherz.

Im Vergleich zu den "Barcelona-Krimis" wurde hier nicht lange mit der Fortsetzung gefackelt.

Bei "Ella Schön" gab es schon Entwicklungsaufträge für die nächsten Exposés und Bücher, während die ersten beiden noch entwickelt wurden. Wir sind schon sehr weit, so dass wir ab Ende Juli mit den Dreharbeiten für die Filme drei und vier beginnen können. Für 2019 planen wir vier Filme. Bei den "Barcelona Krimis" hat die Degeto erst noch die Ausstrahlung abgewartet.

Die war ja ebenfalls erfolgreich, zumal Sie gegen ein Special der ZDF-Allzweckwaffe "Bares für Rares" und gegen den Staffel-Auftakt der "Bergretter" antreten mussten.

Bei dem Konkurrenzprogramm haben wir auch mit den Ohren geschlackert. Denn ProSieben zeigte auch noch The Voice of Germany". Aber es ist sehr gut für uns gelaufen. Die Degeto will weiter machen, wir haben den Entwicklungsvertrag für die Filme drei und vier und sind mitten in der Buchentwicklung. Wenn wir gute Bücher hinbekommen, sollte es bis zum Jahresende mit dem Drehen klappen.

Geht es nun noch einmal an die Stellschrauben oder haben Sie schon das Level erreicht, das Sie sich vorgestellt haben?

Wir sind trotz des Erfolges selbstkritisch und glauben schon, dass es noch besser geht. Die ersten Filme waren keine Grütze, der Zuschauer hat das eindeutig angenommen, die Figuren, den Schauplatz Barcelona. Aber wir glauben, dass die Fälle noch spannender und klarer sein können und die Figuren noch interessanter. Das ist unser klarer Wille und unsere Absicht. Wir wollen uns da noch weiterentwickeln.

Wie wichtig ist es für Dreamtool, mit zwei völlig unterschiedlichen Reihenformaten erfolgreich gewesen zu sein?

Nichts macht dich so interessant wie Erfolg. Beide Formate haben sehr gut funktioniert, ein besseres Aushängeschild kann es nicht geben. Dazu "Blaumacher", eine Serie. Wegen dieser Bandbreite, die wir inzwischen bedienen, habe ich vor einem Jahr auch gesagt, dass für uns eine neue Ära beginnt. Wir haben gezeigt, dass wir das können. Parallel entstand noch der Kinofilm Liliane Susewind". Für uns war die Erkenntnis wichtig, dass uns solch ein Volumen vor keine Probleme stellt und wir trotzdem klein und fein bleiben können. Ich würde uns immer als Schuhmacher und nicht als Deichmann bezeichnen.

"Blaumacher" war, wie schon erwähnt, die erste Serienproduktion von Dreamtool. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Wir sind sehr froh, dass "Blaumacher" die erfolgreichste Dramaserie ist, die Neo bislang gemacht hat. Erstaunlich und erfreulich war, dass es nicht nur in der Mediathek, sondern auch im linearen Fernsehen gut geklappt hat und die Leute im Wochenrhythmus für diese 30 Minuten eingeschaltet haben. Dass Neo damit vor allem Leute im Alter zwischen 30 und 39 extrem gut erreicht hat, macht uns besonders happy. Die bekommt man ja nur noch schwer vor den Fernseher.

Dann dürfte "Blaumacher" auf jeden Fall fortgesetzt werden?

Neo hält sich weiter bedeckt, aber eine Entscheidung ist zeitnahe in Aussicht gestellt. Ich bin sehr hoffnungsfroh.

Ging mit dieser Produktion auch ein Learning für Dreamtool einher?

Vom Umfang her sind 6 x 30 Minuten keine spektakuläre Produktion. Da war jedes RTL-Event eine andere Hausnummer. Aber erzählerisch-dramaturgisch war das für Autor Bernd Lange und mich schon etwas Neues. Eine Dramaserie dieser Länge in sechs Folgen auf den Punkt zu bringen, war eine Herausforderung.

ZDFneo dreht die Schraube in der Serienproduktion ja immer weiter. Welche Rolle nimmt der Sender inzwischen für die Produzentenbranche ein?

Inzwischen ist das eine Adresse, der wir gezielt Vorschläge unterbreiten. Die spannende Frage ist, wie sieht die Neo-Handschrift aus. Ich glaube "Blaumacher" hat da den richtigen Ton getroffen. Das war kein Format, das nach ZDF-Hauptprogramm roch. Ich glaube aber, Neo kann für jüngere Zuschauer ein tolles Einfallstor sein, um wieder im Hauptprogramm zu landen. Ich halte es auch für vorstellbar, dass man Dinge bei Neo startet und sie dann ans Hauptprogramm weiter gibt.

Wie verhält es sich mit den neuen Playern, mit Amazon, Netflix & co.?. Ist das Thema zu sehr aufgebauscht oder sind sie - allein durch die Vielzahl, die es gibt - ein Faktor, an dem man als Produzent nicht vorbeikommt?

Natürlich ist das enorm spannend, und gleichzeitig muss man sich vor Augen halten, dass die Quantität überschaubar ist. Es ist auch ein Muster erkennbar, welche Projekte diese Player auswählen. Da geht es sehr um Namen. Das ist nachvollziehbar. Eigene Erfahrungen haben wir noch keine gemacht, aber was ich bislang so gehört habe, ist die Zusammenarbeit interessant und attraktiv. Sowohl was das Klima betrifft, aber auch von den Budgets her.

Ist es für Dreamtool eine Überlegung wert, für Projekte, die eine bestimmte Budgetgröße erfordern, Partnerschaften mit Vertrieben oder anderen Produzenten einzugehen? Oder ist durch Ihre Verbindung zu Beta Film eine solche Konstellation vielleicht sogar konkret?

Also grundsätzlich würde uns keine Größenordnung von einem Projekt abschrecken. Dass wir unser Produktionshandwerk sehr gut können und man bei uns einen fetten Value bekommt, haben wir in der Vergangenheit oft genug gezeigt. Wenn es in Richtung internationaler Markt und richtig große Budgets geht, haben wir mit der Beta auf jeden Fall einen sehr guten Ansprechpartner. Wir sind da gut aufgehoben.

Könnte Ihre geplante Berlin-Thrillerserie "Sorry" ein Projekt in so einer Größenordnung werden?

Schauen wir mal. Vielleicht können wir uns bis in einem Monat noch einmal ausführlicher darüber unterhalten. Das kann sehr schnell gehen. Oder ich werde mein Leben lang so tun, als ob wir nie darüber gesprochen hätten. (lacht)

Die großen Privatsender tendieren im Serienbereich stark in Richtung klassische Procedurals. Das wäre ein nächster neuer Schritt für Dreamtool. Wie konkret setzen Sie sich mit diesem Thema auseinander?

Sehr konkret. Wir entwickeln mit Sat.1 die Neuauflage von "GSG 9" - da muss man abwarten, ob das eine Reihe oder eine Serie wird. Außerdem arbeiten wir mit Sat.1 eng bei "Circus Krone" zusammen. International werden das 6 x 45 Minuten, für Sat.1 3 x 90. Wir sind schon sehr weit, vorbehaltlich, dass wir die Finanzierung hinbekommen. Der Senderanteil ist das eine, aber wir peilen als Budget einen zweistelligen Millionenbetrag an. Wir sind alle wild entschlossen und haben mit Sven Bohse einen super Regisseur an Bord. Die Maschine läuft. Bei Sat.1 wird auch nicht rumgeeiert. Es macht sehr viel Spaß, Sachen für und mit Sat.1 zu entwickeln. Darüber hinaus entwickle ich ein klassisches Procedural das im Schwarzwald an der Polizeihochschule Villingen-Schwennigen und deren Umfeld angesiedelt ist.

Wie sieht man von Produzentenwarte die neu entstandene Konkurrenzsituation zwischen RTL und Sat.1 am Dienstagabend?

Das ist natürlich unglücklich. Beide Sender sind in einer ähnlichen Situation, treten die Flucht nach vorne an und versuchen mit deutscher Fiction, mit Brot-und-Butter-Serien wieder Fuß zu fassen. Dass es dann nur Verlierer geben kann, wenn diese bislang noch zarten Pflänzchen so gegeneinander programmiert werden, liegt auf der Hand - wobei das natürlich von RTL ausging.

Kommen wir noch aufs Kino zu sprechen, wo Sie derzeit mit "Liliane Susewind" vertreten sind. Ihre Zwischenbilanz?

Das ist unser erster kommerzieller Kinofilm. Und wir sind sehr happy damit. 300.000 Zuschauer nach vier Wochen - das ist bei andauernd tropischen Temperaturen im Mai ein gutes Ergebnis. Der Film kommt gut an in den Kinos und wird weiter Zuschauer machen, wir sind bei den Kindern die Nummer 1.Es ist beeindruckend, wie Sony als Verleih Himmel und Hölle in Bewegung versetzt und alles für den Film tut.

Können Sie schon sagen, ob und wie es weiter geht?

Wir hätten noch ein paar gute Ideen und sind ready to go für einen zweiten Film. Die Buchreihe bietet viel Stoff und verkauft sich extrem gut. Vor allem verkauft sie sich immer besser und wäre daher wie geschnitzt für ein länger laufendes Franchise.

Wo würden Sie Dreamtool auf dem deutschen Produzentenmarkt verorten?

Dreamtool will ein Zuhause für die Besten sein. Wie Riedhof, Steinbichler, Bohse, Lange, Strietmann, Massanek, Hübner, Balthasar und andere. Und das liegt nicht daran, dass wir am meisten bezahlen oder unser Cappuccino besonders gut schmeckt. Warum bekomme ich von der Familie Lenz den Überläufer" anvertraut, um den sich alles, was Rang und Namen hat, bemühte? Ich bin so selbstbewusst zu behaupten, dass das kein Zufall ist. Das hat mit klaren inhaltlichen Vorstellungen zu tun und mit Verlässlichkeit. Ich will kein Erfüllungsgehilfe, sondern selbst Visionsträger sein. Aber man darf sich selbst nie wichtiger nehmen als die Vision oder den Partner, mit dem man etwas macht. Eine Unterscheidung zwischen U und E, zwischen Arthouse und kommerziell existiert in meinem Kopf nicht. Ich will berühren, ich will Unterhaltung mit Haltung machen, Unterhaltung, ohne den Verstand zu beleidigen.

Das Interview führte Frank Heine

Stefan Raiser über aktuelle Dreamtool-Projekte:

Zu "Arminius":

"Da haben wir einen völlig neuen Ansatz gefunden, das wird kein klassischer Historienfilm, sondern ein historischer Agententhriller. Natürlich ist die Varusschlacht ein Historienfilm-Thema und ein urdeutsches Thema. Beim "Spiegel" war es unter der Überschrift "Der Urknall der Deutschen" Titelthema. Was Kilian Riedhof mit den Autoren Jan Braren und Marc Blöbaum gepitcht hat, erinnert mehr an einen Fincher-Thriller als an einen Ridley-Scott-Sandalenfilm. Das geht als Stoff sehr gut auf und damit ziehen wir jetzt los. Ich hab da auch genau das wieder erkannt, was ich in Kilians grandiosem "Gladbeck"-Film gesehen habe. Eine Geschichte, von der man eigentlich weiß, wie sie abläuft, so extrem spannend zu erzählen, dass sie einen total packt."

Zu "Der Überläufer":

"Die Siegfried-Lenz-Verfilmung setzen wir nun als TV-Zweiteiler mit Christian Granderath und dem NDR als Senderpartner um. Der Blick geht natürlich in Richtung 75 Jahre Kriegsende, dazu soll das 2020 ein wichtiger Beitrag werden etwa auch in Form eines Themenabends. Regie wird Hans Steinbichler führen, einer der gefragtesten Regisseure überhaupt, Bernd Lange ist der Autor. Beta Film ist mit Jan Mojto als Vertriebspartner an Bord. Wenn man sieht, was der NDR bereits für Lenz-Verfilmungen gemacht hat, etwa "Der Mann im Strom" oder "Das Nebelschiff" und wenn man bedenkt, was Siegfried Lenz in Hamburg für eine Hausnummer ist, dann passt das sehr gut zusammen. Mit Sabine Holtgreve arbeiten wir zudem mit einer ganz großartigen Redakteurin eng zusammen."

Protokoll: Frank Heine