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Tiberius-Chef: "Sony hat mich relativ schnell überzeugt"

Kürzlich gaben Sony Pictures Entertainment und Tiberius Film eine Vertriebsvereinbarung bekannt. Über das Zustandekommen und die Beweggründe sprach Blickpunkt:Film mit Tiberius-Chef Wolfgang Carl.

09.05.2018 14:36 • von Jörg Rumbucher

Am 15. März 2018 hatten Sony Pictures Entertainment und Tiberius Film eine Vertriebsvereinbarung bekannt gegeben. Über das Zustandekommen und die Beweggründe sprach Blickpunkt:Film mit -Chef Wolfgang Carl. Nachfolgend die Langfassung eines in Blickpunkt:Film 19 erschienenen Interviews. 

Seit Anfang April ist Sony Pictures für den physischen Vertrieb Ihrer Produkte zuständig. Wie kam es zu dieser Major-Indie-Kooperation?

Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Seit September 2017 wusste ich, dass unser bisheriger Vertrieb für Österreich seine Tätigkeit Ende des Jahres einstellen würde. Ich musste mir zunächst also nur Gedanken über dieses Territorium machen und wollte Anfang Dezember eine Entscheidung treffen. In dieser Zeit kam Sony Pictures Entertainment auf mich zu mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne, dass sie meinen gesamten physischen Vertrieb übernehmen. Also auch für Deutschland. Das hat mich natürlich überrascht. Aber Sony hat mich relativ schnell überzeugt.

Was genau hat Sie überzeugt?

Dass Sony einen hervorragenden Vertrieb hat, wusste ich natürlich vorher. Aber die Art und Weise ihrer Präsentation hat mich sehr beeindruckt. Wie präzise sie vorbereitet waren und mit welcher Überzeugungskraft Andreas Ditter und sein gesamtes Team mir die Logik ihres Angebots präsentiert haben.

Klingt, als ob es für Sie keine Alternative gegeben hätte ...

Nein, gar nicht. Zunächst einmal hat man als Unternehmer immer eine Alternative. Es hätte beispielsweise die Möglichkeit bestanden, den Vertrieb mit anderen Independent-Firmen zusammenzulegen, also in irgendeiner Form gemeinsam zu organisieren. Darüber habe ich auch mit Kollegen gesprochen. Zweitens hätte zumindest für Deutschland alles so bleiben können, wie es war. Allein deswegen, weil ich überzeugt bin, dass wir einen der besten Independent-Vertriebe Deutschlands hatten. Das Team um Andreas Borst, Thomas Scheer, Peter Hösl, Heiko Wächter und Harald Kühne hat in den letzten Jahren einen großartigen Job gemacht. Im Elektronikfachhandel waren wir viele Jahre lang die Nummer zwei unter den Indie-Vertrieben; bezogen auf das Segment Spielfilm. Von daher gab es kein zwingende Notwendigkeit etwas zu ändern. Deswegen fiel mir die Entscheidung auch nicht leicht.

Was war letztlich ausschlaggebend?

Der Aufwand für Vertriebsleistungen, wie wir sie betrieben haben, ist über die Jahre stark gewachsen, insbesondere Logistik und Fracht. Zum Beispiel das Thema Vendor Management Inventory (VMI). VMI bedeutet, dass ein Handelspartner eine DVD oder Blu-ray eines Films nachbestellt, nachdem sie über die Kasse gegangen ist. Das stellt für einen Independent-Vertrieb ein großes Problem dar, weil wir anschließend auch nur ein Stück wieder rausschicken. Für eine Scheibe ist der Kostenaufwand sehr hoch. Wären es 100 Einheiten, würden wir nur von Centbeträgen sprechen. Für Indies sind die Logistikkosten sehr hoch, darunter leiden alle. Ganz allgemein würde ich sagen: Mit einem Partner wie Sony kann Tiberius Film sich in einem konzentrierenden Markt besser halten.

Könnte man nicht auch sagen, dass die DVD/Blu-ray-Umsätze massiv zurückgegangen sind und deswegen eine Neuausrichtung notwendig war?

Diese Begründung ist mir zu einfach. Wie gesagt, wir hätten auf die bewährte Art noch einige Zeit erfolgreich weitermachen können. Aber da Sie nach Alternativen fragten: Ich wollte in fünf Jahren nicht in der Situation sein, keine Alternativen mehr zu haben. Vielleicht hätte Sony oder ein anderer Major dann kein Interesse mehr gehabt, mit uns zu kooperieren. Insofern war meine jetzige Entscheidung eine strategische Weichenstellung, aber keine, die aus finanzieller Not heraus geschah. Richtig ist natürlich, dass sich der physische Kaufhandel immer mehr konzentriert, die Umsätze in diesem Segment rückläufig sind, gleichzeitig aber die Ansprüche bleiben, was Besuchsrhythmus, Logistik etc. betrifft.

Sie kooperieren mit einem Major, der zum Teil sehr teuer produzierte Blockbuster vermarktet. Droht nicht die Gefahr, dort mit Indie-Produktionen nur die zweite Geige zu spielen?

Einen eigenen Vertrieb zu haben bedeutet, nach eigenen Maßgaben alles optimal steuern zu können. Insofern ist das eigenverantwortliche Handeln erst einmal die beste Lösung für das eigene Produkt. Aber mittelfristig kann ich nicht an Grundsätzen festhalten, die in fünf Jahren vielleicht nicht mehr pragmatisch sind. Natürlich ist Sony gefordert, die Qualität unserer Produkte herauszustellen. Daran, dass sie das umsetzen werden, hege ich keinen Zweifel, denn Sony selbst hat seine eigenen strategischen Interessen. Sony will seine Marktstellung verteidigen, idealerweise sogar ausbauen. Andere Major-Vertriebe haben sich verkleinert und ihre Kapazitäten im physischen Bereich zurückgefahren. Sony-Chef Andreas Ditter hat einen anderen Ansatz: Nämlich Programm hinzuzunehmen. Der Vorteil unserer Partnerschaft besteht ja auch darin, dass die Programminhalte weitgehend komplementär sind. Unser Programm besteht nicht ausschließlich, aber zu einem guten Teil aus Horrorfilmen. Es gibt daher kaum inhaltliche Überschneidungen, unsere Programme ergänzen sich.

Ist das der Grund, weshalb eine Kooperation mit anderen Indies schwierig gewesen wäre?

Klar, wobei die Probleme schon beim Einkauf beginnen. Wir erwerben Auswertungsrechte zum Teil bei identischen Weltvertrieben. Wir stehen im Wettbewerb um identische Inhalte. So gesehen, ist die Gefahr, bei einem anderen Indie-Vertrieb als Verlierer dazustehen, viel größer, weil im Zweifelsfall der Kooperationspartner sein eigenes Produkt priorisieren würde.

Für wie viele Titel wird Sony zuständig sein?

Unsere Library umfasst etwa 800 Titel, wobei wir die Gelegenheit genutzt haben, unseren Katalog etwas zu verjüngen, sprich: Wir haben einen Teil unseres Longtails gekappt, der für etwa zehn bis 15 Prozent unseres Umsatzes stand. Das machen wir mit Sony wieder allein dadurch wett, dass unser neuer Partner Handelsschienen abdeckt, die wir früher gar nicht bedienen konnten. Trotzdem war und ist der Onboarding-Prozess eine große, aber auch sehr spannende Herausforderung. Zumal der Wechsel zu Sony weitere Konsequenzen nach sich zieht: Etwa die, dass unser bisheriger Replikationspartner Sony DADC auch die Logistik übernimmt; was ja auf der Hand liegt.

Der physische Kaufmarkt hat 2017 mit einem Minus von zwölf Prozent abgeschlossen. Das scheint Sie nicht sonderlich zu beunruhigen?

Wir können uns auf das Negative immer besser konzentrieren als auf das Positive. Ja, unser Markt verändert sich, weil neue Auswertungsformen hinzugekommen sind. Davon ist auch das Kino betroffen, weil für junge Leute möglicherweise das Netflix-Abo attraktiver geworden ist. Ebenso das Fernsehen, weil weniger Spielfilme angeschaut werden. Aktuell scheint die ganze Welt nur noch Serien zu konsumieren. Wer mehrere Staffeln einer Serie schaut, hat natürlich für andere Inhalte kaum noch Zeit. Diese Entwicklung scheint mir bedeutsamer zu sein, als die Verschiebung von physisch zu digital, wobei das eine mit dem anderen zu tun hat. Aber konkret: Der physische Kaufmarkt wird auch in den nächsten Jahren noch einen großen Umsatzanteil an unserem Gesamtgeschäft haben. Damit planen wir. Und der Wechsel zu Sony ist das sichtbarste Zeichen dafür, dass er für uns noch einige Jahre eine wichtige Bedeutung haben wird.

Anders gefragt: Ist die Kundenabwanderung aus dem physischen Kaufmarkt nicht Besorgnis erregend?

Auch in den besseren Zeiten erreichte der physische Kaufmarkt nur etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung. Davon wiederum besteht nur ein gewisser Prozentsatz aus Heavy Usern. Wir waren immer von einer relativ kleinen Klientel abhängig. Und diese Zielgruppe orientiert sich teilweise neu, weil sie digitale Plattformen nutzen. Interessant fand ich zuletzt das EST-Wachstum, das 2017 höher war als das für digitales Ausleihen, also TVoD. Trotz des SVoD-Booms sterben uns also die Käufer nicht aus. Außerdem: Unser Programm war immer stark von Horrorfilmen geprägt. Das ist eine treue Zielgruppe, die auch weiterhin physisches Produkt kaufen wird.

Ist der aktuelle SVoD-Boom nicht der Beginn einer so umfassenden Umwälzung, dass künftig kein Stein auf dem anderen bleibt?

Ich habe großen Respekt, sogar Befürchtungen, vor dem digitalen Wandel. Auch ich kann nicht vorhersagen, wie unsere Medienwelt in fünf oder zehn Jahren genau aussehen wird. Als das Fernsehen in den fünfziger Jahren Einzug in die deutschen Haushalte hielt, gingen die Kinobesucherzahlen dramatisch zurück. Jahre später wurden aus den aus heutiger Sicht unerträglichen Schachtelkinos wunderbare Kinopaläste und es ging wieder aufwärts. Parallel kam Video auf und die Kinobranche sah ihr Ende nahen. Video entwickelte sich schnell zu dem Mediensegment, das den höchsten Umsatz erwirtschaftete. Zum Glück, denn gäbe es nur das Kino, ließen sich keine 300-Mio.-Dollar-Produktionen finanzieren. Daran muss man die Kinoleute manchmal erinnern. Jetzt besteht die Befürchtung, dass die digitalen Plattformen das Ende der Kinowelt bedeuten könnte. Woran ich nicht glaube. Mein Schnelldurchlauf durch die Mediengeschichte hat das Fazit: Mehr Nutzungsmöglichkeiten bedeutet mehr Konsumenten, die unsere Inhalte anschauen. Das uns das vor Herausforderungen stellt, ist klar. Aber einfach war es noch nie. Auch nicht, als es außer drei TV-Sendern und dem Kino nichts anderes gab, um einen Spielfilm sehen zu können.

Manchmal hat man den Eindruck, dass die Vielzahl der Distributionskanäle zu Überforderungen führt, sowohl bei Konsumenten als auch in der Videowirtschaft selbst.

Weil digitale Kanäle vergleichsweise neu sind, sind die Erfahrungswerte noch relativ gering. Früher gab es feste Gewissheiten, was die Auswertungsstufen betraf. Die zeitliche Abfolge der Auswertungsfenster war aufgrund des deutschen Förderrechts sozusagen in Stein gemeißelt. Manchmal denke ich, dass Moses vom Berg Sinai nicht nur mit den zehn Geboten herabstieg, sondern auch mit dem Filmförderungsgesetz. Weswegen manche Marktteilnehmer glauben, alles müsse so bleiben, wie es immer war. 2017 stießen wir auf die von Arte koproduzierte Dokumentation "Das System Milch", die zunächst nur auf Arte hätten gezeigt werden sollen. Wir haben sie in 20 Kinos gebracht, als Eventprogrammierung mit Diskussionsveranstaltung in Anwesenheit des Regisseurs oder des Produzenten. Kinostart war im September 2017. Anfang Oktober haben wir den Film auf DVD herausgebracht. Die Arte-Ausstrahlung erfolgte Mitte November. Bis Mitte Februar 2018 war sie kostenlos in der Arte-Mediathek abrufbar. Was will ich damit sagen? Die kurze Abfolge von Kino, Video und TV hat bestens funktioniert, weil es für jede Nutzungsart eine Zielgruppe gibt. Die Zunahme an digitalen Abrufmöglichkeiten wird uns zusätzlich in die Lage versetzen, noch mehr Konsumenten zu erreichen, weil Menschen in der U-Bahn Bücher lesen oder Filme schauen wollen. Was den Markt treibt, ist der Wunsch, nicht mehr von Ort und Uhrzeit abhängig sein zu müssen.

Das Digitalgeschäft verantwortet Tiberius weiterhin in Eigenregie ...

Die neuen Nutzungsarten müssen wir verstehen lernen und selbst kontrollieren. Ich bin sehr stolz darauf, was unser Digitalteam zuletzt geleistet hat. Dass wir beispielsweise auf Amazon Channels mit unserem eigenen "Bloody Movies"-Kanal als eines von vier Angeboten für Horrorfilme präsent sind. Das ist aktuell eine überschaubare Erlösquelle, die ich jedoch als Investition in die Zukunft betrachte. Hier gilt: Dabeisein ist Alles. Spannend dabei ist, dass auf Amazon alle Nutzungsarten nebeneinander verfügbar sind: DVD/Blu-ray, EST, TVoD und mit Prime das SVoD-Modell. Was ich sehr interessant finde, weil ich davon überzeugt bin, dass sich die vielen Nutzungsarten auch wechselseitig befruchten. Einer unserer wichtigsten Digitalpartner ist Sony PlayStation. Warum? Weil auch Gamer zwischendurch mal einen Film anschauen wollen und dafür ihre Konsole zum Streamen nutzen.

Wie schwer ist es aktuell für Tiberius, an verwertbaren Content zu gelangen?

Es war immer schwierig und das bleibt auch so. Derzeit produzieren Netflix und andere Marktteilnehmer in einem Ausmaß Serien-Content, dass dem Filmmarkt sehr viel kreatives Talent entzogen wird, insbesondere für Indie-Produktionen. Der Indie-Markt ist ein wenig ausgetrocknet. Auch die deutschen TV-Sender produzieren mittlerweile immer mehr eigene Inhalte und stellen gleichzeitig weniger Sendeplätze für Spielfilme zur Verfügung. Das führt dazu, dass wir für die Weltvertriebe nicht mehr die Summen aufbringen, die notwendig sind, damit Produzenten Filme auf die Beine stellen, die wir uns leisten können.

Netflix und Co. produzieren nicht nur, sie erwerben auch immer wieder Exklusiv-Rechte an Spielfilmen. Ist das ein Problem?

Es ist insofern ein Problem, weil Netflix dann über exklusive SVoD-Rechte verfügt und die Weltvertriebe uns manchmal die Kino-, TV- und Home Entertainment-Rechte anbieten. Doch welcher Free- oder Pay-TV-Sender würde sich dafür interessieren? Nicht einmal TVoD- und EST-Plattformen sind an solchen Inhalten sonderlich interessiert.

Wie viele Titel veröffentlicht Tiberius pro Jahr?

Wir veröffentlichen pro Jahr zwischen 60 und 70 Titel, also etwa fünf pro Monat. Leider wissen wir immer erst im Nachhinein, welche funktioniert haben. Wäre es anders, könnten wir weniger Filme kaufen. So aber müssen wir eine gewisse Menge an Titeln erwerben, damit wir sicher sein können, dass einige davon wirklich gut laufen. Aber auch für das Lizenzgeschäft gilt: Nicht Klagen, sondern die Veränderungen als Herausforderung begreifen. Es gibt nach wie vor ausreichend Ware, obwohl ich der Meinung, dass wir - die deutschen Indies - immer noch zu viel bezahlen.

Tiberius war immer auf Horrorfilme abonniert. Unwahrscheinlich, dass deren Produktion jemals zum Erliegen kommen könnte.

Zirka 25 Prozent unserer Titel pro Jahr haben eine FSK-18. Richtig ist, dass wir über die Jahre bei Horror-Spielfilmen eine Kernkompetenz entwickelt haben. Zu unseren bekanntesten Titeln zählen die "Cabin Fever" - und die "Hatchet"-Reihe oder die Filme von Rob Zombie. Deswegen gehören wir jedes Jahr in diesem Segment zu den erfolgreichsten Anbietern. Ich möchte aber erwähnen, dass einer der erfolgreichsten Filme in der Tiberius-Historie "Die Geschichte vom weinenden Kamel" war. Auch Titel wie "Vidocq" oder "Secretary" haben wir erfolgreich vermarktet. In den Kinos läuft aktuell unser Film "Madame Aurora und der Duft von Frühling", ein französisches Feelgood-Komödie, die mit sehr erfreulichen Besucherzahlen gestartet ist über. Wie man sieht: Weiter weg vom Horrorgenre kann man gar nicht sein.