Kino

EFM-Zukäufe: Zurück im Sattel

Nachdem der Großteil der deutschen Einkäufer einen enttäuschenden AFM erlebte, attestierte die Branche nun einen lebhaften, positiven EFM.

15.03.2018 15:12 • von Barbara Schuster
Positiver Aufschwung: Im Martin-Gropius-Bau herrschte 2018 reges Treiben (Bild: EFM/Oliver Moest)

Die deutschen Einkäufer äußern sich zufrieden mit dem diesjährigen EFM. Ein breites Angebot aus Kunst und Kommerz hat zu zahlreichen Abschlüssen geführt.

Den dicksten Fisch an Land gezogen hat Constantin: Der Münchner Konzern sicherte sich für Deutschland das neue Projekt von Roland Emmerich, "Maya Lord", das der in Hollywood lebende Schwabe nicht nur inszeniert, sondern über seine Centropolis Entertainment auch produziert. Die mit einem Budget von 70 Millionen Dollar veranschlagte Produktion ist ein Herzensprojekt von Emmerich: Sie basiert auf John Coe Robbins historischem Roman, den Angela Workman adaptierte, und erzählt über den Soldaten Guerrero und den Priester Aguilar, die im 16. Jahrhundert ein Schiffsunglück vor der Halbinsel Yucatan überleben und von einem Stamm der Maya gefangen genommen werden. Während Guerrero die Kultur der Maya annimmt und sich ihrer Lebensweise anschließt, hält Aguilar am christlichen Glauben fest. Beide werden auf die Probe gestellt, als 1519 die spanischen Eroberer im Land einfallen. Die Besetzung steht zwar noch nicht fest, aber die Dreharbeiten sollen auf jeden Fall noch dieses Jahr beginnen. "Die Geschichte des berühmten Abenteurers Gonzalo Guerrero auf die große Leinwand zu bringen war schon lange ein Traum von mir", sagte Emmerich bei der Präsentation auf dem EFM. Sasha Bühler, Head of Acquisitions bei Constantin, erlebte den EFM als sehr anregend: "Allgemein war der EFM überraschend positiv, es war ein richtiger Aufschwung zu spüren. Nach einem tristen AFM gab es in Berlin plötzlich viele neue und interessante Drehbücher, und sogar einige kommerzielle Projekte. Die Deutschen waren wieder sehr aktiv und es gab mehrere Bidding Wars." Neben "Maya Lord", schnappte sich Constantin zudem den neuen Film von "Kids"-Drehbuchautor Harmony Korine, "Beach Bum", in dem Oscar-Preisträger Matthew McConaughey, Snoop Dogg, Isla Fisher, Jonah Hill und Zac Efron mitspielen. Der kalifornische Filmemacher machte zuletzt mit "Spring Breakers" von sich Reden, der in den Wettbewerb nach Venedig eingeladen wurde und am US-Boxoffice für Furore sorgte.

Einen der von der Filmkritik bestbesprochenen Wettbewerbstitel der hat sich Weltkino auf dem EFM gesichert. Dietmar Güntsche sagt: "Der EFM ist aus unserer Sicht zufrieden stellend verlaufen. Auch im Wettbewerb sind wir fündig geworden. Ein Film hat uns wirklich überzeugt: Erik Poppes 'Utøya 22', der mit vehementer Konsequenz die Tragödie des Attentats von 2011 den Opfern zurückgibt, nachdem die berichterstattenden Medien bisher fast ausschließlich der Selbstinszenierung des Attentäters Anders Breivik verfallen sind. Der Film nutzt die Kraft des Kinos, Dinge, die man nicht verstehen kann, auf eine emotionale Art erfahrbar zu machen und ist ein herausforderndes wie nachhaltiges Seherlebnis." Benjamina Mirnik-Voges, Chefin des jungen Deutschland-Ablegers von eOne, der sich sich auf der Berlinale erstmals präsentierte und im Wettbewerb außer Konkurrenz den vielbeachteten "7 Tage in Entebbe" zeigte, hat ebenfalls zugeschlagen: "Wir haben zwei Filme in Berlin sichern können und sind mit dem Ergebnis dieser Berlinale zufrieden." Zum einen holte sie für eOne die nach ihren Worten "herzerwärmende" Komödie "Green Book" von Peter Farrelly mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali in den Hauptrollen, zum anderen die Komödie "Late Night" mit Emma Thompson und Mindy Kaling, bei der die in den USA sehr bekannte Komödiantin (u.a. "The Mindy Project") auch selbst Regie führt. Allgemein erlebte Mirnik-Voges den EFM sehr positiv: "Nach der Projektdürre der letzten Märkte habe ich diesen Markt dynamischer empfunden, mit einer Reihe von interessanten als auch viel versprechenden Projekten für unseren Markt. Der Markt scheint sich wieder zu mittelgroßen Projekten zu bewegen, außer weniger Ausnahmen, haben die ganz großen kommerziellen Projekte gefehlt." Die Kollegen der Schweizer Ascot Elite Entertainment kehrten ebenfalls mit vollen Taschen aus Berlin zurück: Als "ideale Bereicherung des Programms" beschreibt CEO Stephan Giger die Käufe von drei "einzigartigen, außergewöhnlichen Thrillern sowie einer intelligenten und amüsanten romantischen Komödie". Dahinter verbergen sich der hochgelobte dänische Thriller "The Guilty", der nicht nur in Sundance gefeiert wurde, sondern zuletzt in Rotterdam den Publikumspreis gewinnen konnte, der Psycho-Thriller "The Widow" von Oscar-Preisträger Neil Jordan mit tollem Cast um Isabelle Huppertund Chloë Grace Moretz, der Desaster-Thriller "The Unthinkable" des schwedischen Filmemachers Victor Danell sowie "Destination Wedding" von Victor Levin, in dem Keanu Reeves und Winona Ryder zwei notorische Streithähne spielen, die sich 72 Stunden lang auf einer Hochzeitsgesellschaft ertragen müssen. Insgesamt äußert sich Giger sehr erfreut über den diesjährigen EFM: "Berlin war für uns interessant und beschäftigt, da wir außer den Screenings und Meetings auch den Film 'Black 47' außer Konkurrenz im Wettbewerb hatten. Der Markt im allgemeinen war für uns gut."

Auch Julius Windhorst, der bei Alamode Film den Einkauf managt, war angetan, nachdem er zunächst mit einer gewissen Skepsis nach Berlin gefahren sei: "Ganz entgegen unserer anfänglichen Erwartungen hatten wir einen sehr erfolgreichen EFM. Nach all der Vorbereitung sind wir mit keinen großen Erwartungen nach Berlin gefahren. Vor allem das Festival bot wenig Highlights, von denen wir uns wirklich etwas versprachen. Einer der raren, wirklich tollen Kinomomente war die umjubelte Premiere von Hans Weingartners wunderbarem Roadmovie "303", der die Generation-Reihe eröffnet hat. Es hat uns überzeugt zu sehen, wie sich die Glückshormone von der Leinwand auf das Publikum übertragen haben. Jede Menge Szenenapplaus und lange Standing Ovations. Wir freuen uns, den Film im Juli bundesweit in die Kinos zu bringen. Der Markt bot entgegen der Erwartungen für uns doch einige interessante Projekte." So konnte Alamode sich die französische Tragikomödie "Big Bang" (AT) von Cecilia Rouaud mit Vanessa Paradis, Camille Cottin und Jean-Pierre Bacri sichern, die derzeit in Postproduktion ist. Ebenfalls in Postproduktion befindet sich "Dogman" (AT), der neue Film von Matteo Garrone, der sich nach "Gomorrah" wieder einer wahren Geschichte aus dem Mafiamilieu annimmt. "Grundsätzlich wirkt der EFM stets wie eine Vorbereitung auf Cannes, bot dieses Jahr aber eine gute Mischung als Kunst und Kommerz", merkt Windhorst an. "Trotz der Lancierung einiger neuer Projekte gibt es zahlreiche Filme in Postproduktion, die sich für Cannes positionieren. Zu guter Letzt freuen wir uns besonders, dass wir nach 'Körper und Seele' auch den diesjährigen Gewinner des Goldenen Bären in die Kinos bringen werden. 'Touch Me Not' von Adina Pintilie war sicher einer der am meisten polarisierenden und kontrovers diskutierten Filme der Berlinale, der gut zu den Diskussionen unserer Zeit passt. In seiner Erkundung von Intimität und der Angst davor zieht er den Zuschauer von der ersten Minute an in den Bann."

Ebenfalls zufrieden zeigte sich Wild Bunch Germany. Obwohl einige Deals erst noch festgezurrt werden, konnte der Münchner Independent bereits zwei Titel bekannt geben: zunächst den italienischen Kinohit "A Casa Tutti Bene" von Gabriele Muccino ("Das Streben nach Glück"), der von einer vielköpfigen Familie erzählt, die zur goldenen Hochzeit der Großeltern nach Ischia reist, dort nach einem Sturm festsitzt und es plötzlich um Wahrheiten und Lügen der Vergangenheit geht. Bei seinem Kinostart im Heimatland Ende Februar flog das Familiendrama auf Platz eins und ließ sogar Hollywoodschwergewichte wie "Black Panther" oder "Fifty Shades of Grey 3" hinter sich. Darüber hinaus sicherte sich Wild Bunch den mit Aaron Eckhart in der Hauptrolle besetzten Actionthriller "Live!", mit dem Darrin Prescott und Wade Allen ihr Regiedebüt geben. Prescott wie auch Allen verdienten sich ihre Sporen als Regisseure von zweiten Drehteams und Stunt-Koordinatoren bei Actionhits wie "Black Panther" oder "Baby Driver" (Prescott) sowie "Krieg der Welten" und "The Dark Knight" (Allen). Die in Echtzeit erzählte Story folgt einem in Ungnade gefallenen Polizisten, der 80 Minuten Zeit hat, um die Tochter seines Chefs aus den Händen von Kidnappern zu retten und selbst einen Killer auf den Fersen hat.

Prokino-Chefeinkäuferin Ira von Gienanth wiederum hat auch noch nicht alle Abschlüsse unter Dach und Fach und kann zum jetzigen Zeitpunkt "Naples in Veils" (OT: "Napoli velata"), den neuen Film von "Männer al Dente"-Regisseur Ferzan Ozpetek im Line-up bekannt geben, für den der Filmemacher Giovanna Mezzogiorno und den italienischen Shootingstar Alessandro Borghi vor seine Kamera locken konnte. Fast eine Million Besucher in Italien und elf Nominierungen für den Davide di Donatello, den italienischen "Oscar", zeichnen dieses Werk, ein sinnlicher Krimi und gleichzeitig ein verwobenes Familienmelodram vor der magischen und mysteriösen Kulisse des heutigen Neapels, aus. Ein gutes Angebot an Filmen aus dem mittleren Preissegment attestiert Milena Hemmer, zuständig für Acquisitions & Co-Production bei Tobis, dem diesjährigen Markt-Line-up in Berlin: "Für uns war der EFM erfolgreich und die solide Auswahl an Projekten mittleren Budgets stand dem Abgesang auf den Independent-Markt, der nach dem AFM laut wurde, klar entgegen. Weiterhin sehr zufrieden sind wir über die Partnerschaft mit STX International, deren Titel "The Marsh King's Daughter" eines unserer Highlights des hiesigen Marktes war." Der Thriller nach dem Bestseller von Karen Dionne wird von Morten Tyldum mit Alicia Vikander in der Hauptrolle inszeniert.

Auch Christoph Ott wurde für seinen Berliner Verleih NFP fündig. So kommt etwa die französische Komödie "Das Geheimnis des Fahrradhändlers" (OT: "Raoul Tabourin") von Pierre Godeau mit dem belgischen Schauspielstar Benoît Poelvoorde aus "Das brandneue Testament", der bereits von NFP erfolgreich im deutschen Kino ausgewertet wurde) als Titelheld neu ins Line-up. Der Film basiert auf den in Frankreich Kultstatus inne habenden Comicstrips von Jean-Jacques Sempé über den Fahrradhändler Raoul Tabourin, dessen größtes Geheimnis es ist, dass er selbst gar nicht Fahrradfahren kann. Zudem sicherte sich Ott "Symphony of Now", mit dem Regisseur Johannes Schaff eine neue Interpretation des Avantgarde-Ansatzes von Walther Ruttmanns "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" aus dem Jahre 1927, in dem ein Tag in Berlin beschrieben wird, abliefert. Und schließlich stößt auch noch Evelyn Schels' Kinodokumentation "Body of Truth" neu ins NFP-Programm, in der die vier Künstlerinnen Marina Abramovic, Sigalit Landau, Katharina Sieverding und Shirin Neshat auf einer emotionalen Reise durch ihre Biographien begleitet werden. Christian Meinke brachte für seine Firma MFA+ Film Distribution den neuen Film von Peter Webber, "Inna de Yard" mit vom EFM. Webber feierte mit "Das Mädchen mit dem Perlenohhring" einen schönen Erfolg in den Arthouse-Kinos und bringt nun mit "Inna de Yard" ein Porträt der großen alten Männer des Reggae in die Kinos, oder, wie es Meinke formuliert, "Peter Webbers Jamaika-Version des 'Buena Vista Social Club'".

Einige der deutschen Einkäufer konnten noch gar keine konkreten Titel bekannt geben, weil die Verhandlungen noch nicht in trockenen Tüchern seien, wie etwa bei Splendid Medien oder bei Universum Film. Der Head of International Acquisitions bei Universum, Alexander Janssen, wertet den Markt insgesamt jedoch wie die meisten Kollegen als sehr positiv: "Es war ein guter Markt, so viel steht fest. Es waren viele interessante Projekte im Angebot welches ein sehr gutes Zeichen für die Branche ist. Ein besonderes Highlight war natürlich 'Maya Lord' von Roland Emmerich, Projekte dieser Größenordnung sind selten für den Independentmarkt verfügbar." Nach einem schwachen AFM war der European Film Market auch für Koch Films sehr erfreulich. Moritz Peters, Director Marketing & Acquisitions, jedenfalls kann fünf Titel vermelden, die er neu für Koch erworben hat. Zum einen wäre dies die als "visionäres Fantasy-Meisterwerk und furioser Genremix" beziehungsweise "Ghost Rider" meets "Hellraiser" meets "Stranger Things" umschriebene US-Produktion "Mandy", mit Nicolas Cage, der damit in der Sundance-Midnight-Reihe für Furore sorgte. Mit "Triple Threat" holte sich Koch zudem einen Martial-Arts-Actioner mit u.a. "The Raid"-Star Iko Uwais und Tony Jaa ("Ong Bak"). Aus Europa sicherte sich Koch den neuen Film von Michael Roskam, "The Racer and the Jailbird", mit den versierten Matthias Schoenaerts und Adèle Exarchopoulos vor der Kamera als Mafia-Schwergewicht bzw. Rennfahrerin, die sich vor dem Hintergrund eines Bandenkrieges kennen und lieben lernen; aus Italien kommt "Der Nebelmann", eine Hochglanz-Krimi-Bestsellerverfilmung um einen zwielichtigen Ermittler mit Toni Servillo, Jean Reno und Lorenzo Richelmy, der auf Platz eins der italienischen Kinocharts an den Start ging. Schließlich akquirierte Peters mit "My Generation" auch noch einen Dokumentarfilm, der über die Sechzigerjahre erzählt und in der u.a. prominente Persönlichkeiten wie Paul McCartney, Joan Collins, Twiggy oder Roger Daltrey zu Wort kommen.

Trotz der tendenziell positiven Einschätzung des EFM, führt Steffen Gerlach von Capelightauch ein kleineres Manko an: "Generell gab es durchaus einige - auch größere, fertige - Filme im Markt, die für Deutschland noch verfügbar waren. Es gab auch von den Sales-Companies seltener zu hören, dass Netflix schon die Weltrechte gekauft hätte. Viele der angebotenen Filme waren dann aber aus unserer Perspektive kommerziell doch eher schwierig. Und gerade bei den kleinen Titeln, die man vor drei Jahren noch problemlos als Katalog-Ergänzung kaufen konnte, muss man heute leider die Finger lassen." Für sein Unternehmen kann Gerlach bis dato die Romanverfilmung "Weltengänger" (OT: "Chernovik") vermelden; für weitere Filme befinde man sich noch in Gesprächen. Die Vorlage von "Weltengänger" stammt von Sergej Lukianenko, dem erfolgreichsten russischen Science-Fiction- und Fantasyautor der Gegenwart, der mit "Wächter der Nacht" eine Erfolgsgeschichte schrieb und weltweit auch mit den Kinoverfilmungen Rekorde brach. "Weltengänger" ist ein Zweiteiler und erzählt die ebenso absurde wie phantastische Geschichte eines Mannes, der zwischen den Welten gefangen ist. Bereits zum Auftakt der Berlinale hatte sich Tiberius Film die Rechte an drei Filmtiteln gesichert, die wohl im Heimkino ausgewertet werden: Tom Nagels Horrorthriller "The Toybox" mit Denise Richards und Mischa Barton auf einem gespenstischen Roadtrip, Kirk Harris' Familienfilm "Bernie the Dolphin" mit den Kinderdarstellern Lola Sultan und Logan Allen sowie Serienstar Kevin Sorbo sowie Walerij Todorowskijs "Bolshoy", in dem die Profitänzerin Margarita Simonova ihr Filmdebüt gibt. Tiberius-Film-Geschäftsführer Wolfgang Carl dazu: "Es ist uns immer eine große Freunde, unsere Einkäufe im Rahmen der Berlinale und des EFM bekannt geben zu können. Das vielfältige Angebot auf dem EFM und unsere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren langjährigen Partnern gibt uns jedes Jahr wieder die Möglichkeit, unseren Kunden weiterhin ein abwechslungsreiches Programm zu bieten."

Barbara Schuster