Kino

FFA-Kinobilanz 2017: Klassenziel erreicht?

Das zweitstärkste Kinojahr der Geschichte nach Umsatz ist nun auch durch die FFA bestätigt. Doch trotz eines Boxoffice deutlich über der Milliardenmarke gibt es nicht nur gute Nachrichten.

14.02.2018 11:08 • von Marc Mensch
Den Protagonisten von "Fack Ju Göhte 3" muss beim Blick auf die Zahlen nicht bang werden - sie lieferten den Besuchermagneten Nummer 1 (Bild: Constantin)

Bereits Anfang Januar, als ComScore seine vorläufigen Zahlen für den Kinomarkt 2017 vorlegte, stand es Schwarz auf Weiß zu lesen: Die teils hohen Erwartungen an einen "Rebound" nach dem enttäuschenden Jahr 2016 hatten sich nur bedingt erfüllt. 5,3 Prozent Plus nach Umsatz nahmen sich zwar recht solide aus. Aber ein Anstieg der Besucherzahlen um gerade einmal 2,5 Prozent nach einem Vorjahr, in dem diese um satte 17,1 Prozent zurückgegangen waren, animierte nicht unbedingt zum Jubeln. Und dabei lag der Wert sogar noch etwas zu hoch.

Minimales Besucherplus

Denn die FFA hat im Vorfeld der ihre offizielle Bilanz für das vergangene Kinojahr vorgelegt - und das ohnehin schon als schwach bekannte Besucherwachstum ist damit endgültig auf einen Wert zusammengeschmolzen, mit dem man nicht zufrieden sein sollte: ein Prozent. Mit 122,3 Mio. Besuchern lieferte 2017 einen Wert, wie man ihn auch in der jüngeren Historie - genauer gesagt 2016 und 2014 - zwar schon zwei Mal schwächer erlebt hatte. Allerdings jeweils in einem EM- bzw. WM-Jahr. Im Fünf-Jahres-Vergleich lagen die Besucherzahlen um 3,5 Prozent unter dem Durchschnitt. Zwar gelang es - und das ist ein durchweg positives Zeichen - gleich drei Neustarts, namentlich Fack Ju Göhte 3", Ich - Einfach unverbesserlich 3" und Star Wars: Die letzten Jedi" noch im Kalenderjahr (teils deutlich) mehr als vier Mio. Besucher anzuziehen, was 2016 bekanntlich kein einziger Film schaffte. Aber die Besuchshäufigkeit verharrte nahezu auf dem schwachen Niveau des Vorjahres, lag mit 1,48 nur um 0,01 höher.

Umsatz-Silbermedaille

Beim Boxoffice kann die Bewertung indes deutlich positiver ausfallen. Zum einen, weil gut 3,2 Prozent Plus eben mehr als nur ein Resultat in etwa auf dem Niveau des Vorjahres sind. Zum anderen, weil nicht nur zum fünften Mal die Schallmauer von einer Milliarde Euro Ticketumsatz durchbrochen wurde - seit dem erstmaligen Erreichen der Marke im Jahr 2012 war nur 2014 unrühmlicher Ausreißer nach unten - sondern weil mit insgesamt gut 1,056 Mrd. Euro auch gleich noch das zweithöchste Ergebnis in der Geschichte des Kinos (nicht inflationsbereinigt, versteht sich) eingefahren wurde. Zum bisherigen historischen Rekordergebnis aus 2015 fehlen rund 111 Mio. Euro oder 9,5 Prozent. Das ist zwar kein Pappenstiel, aber die sprichwörtlichen Welten liegen nun auch wieder nicht zwischen den beiden Jahren. Im Fünf-Jahres-Vergleich lag das Kinoergebnis 2017 um 0,6 Prozent über dem Durchschnitt. Noch ein Detail: Nachdem die Multiplexe 2016 deutlich stärker eingebüßt hatten als der restliche Kinomarkt, stabilisierte sich ihr Besucher- bzw. Umsatzanteil bei zuletzt 44,5 bzw. 47,9 Prozent.

3D gibt nach

Geschuldet ist der überproportionale Anstieg natürlich erneut gestiegenen Ticketpreisen. Die Verteuerung fiel indes überschaubar aus: 18 Cent oder 2,1 Prozent mehr gegenüber 2016 - also 8,63 Euro - musste im Durchschnitt berappen, wer Filme auf der großen Leinwand genießen wollte. Dass das Plus dennoch höher ausfiel als im Vorjahr (0,7 Prozent bedeuteten praktisch Preisstabilität) erstaunt allerdings spätestens auf den zweiten Blick. Denn 2016 wurde der bis dato höchste Anteil an einem der wichtigsten "Preistreiber" verzeichnet: 3D-Tickets. Ganz anders nun die Situation im vergangenen Jahr. Von einem neuen Trend zu sprechen, verbietet sich bei einer solchen Momentaufnahme natürlich - zumal das 3D-Geschäft auch in den Vorjahren deutliche Schwankungen aufwies. Aber der Rückgang um 4,1 Punkte auf 21,5 Prozent bzw. um 5,8 Mio. Besucher auf zuletzt 25,5 Mio. ist doch beachtlich. Einen niedrigeren 3D-Marktanteil wies die FFA bislang nur 2010 aus, als sie diese Auswertung erstmals separat vornahm. Anzumerken ist dabei indes, dass die zwei besucherstärksten Filme im Kalenderjahr nur in 2D liefen bzw. ins Familiensegment mit traditionell niedrigem 3D-Anteil fielen (gerade einmal gut 1,8 Mio. der über 4,6 Mio. "unverbesserlichen" Leinwandfreuden wurden in 3D erlebt). Im Fünf-Jahres-Vergleich kletterten die Ticketpreise übrigens um 4,3 Prozent.

Kinobestand gewachsen

Die ausgesprochen gute Nachricht: Der Saalbestand ist deutlich gewachsen. Weshalb das Wort Kinosterben trotzdem so schnell nicht aus den Medien zu verbannen sein wird? Nun, auch 2017 waren 43 Leinwände zu beklagen, die nicht mehr bespielt werden. Dem gegenüber standen aber ganze 107 Neu- bzw. Wiedereröffnungen, per Saldo also ein Plus von 64 auf 4.803 - die mit Abstand positivste Entwicklung in den vergangenen fünf Jahren. Die Zahl der Spielstätten stieg um ganze 18 auf 1.672, die der Standorte um sieben, wenigstens die 2013 unterschrittene Marke "900" ist wieder in Reichweite. Wer nun übrigens befürchtet, die schwache Besucherentwicklung, verbunden mit einem Anstieg der verfügbaren Sitzplätze, würde die Auslastung auf neue Tiefststände drücken, sei beruhigt: Mit 155 Gästen pro Sitz lag sie minimal über 2016 (154). Manifestiert hat sich übrigens der Trend hin zu kleineren Sälen. Denn während sich das Leinwandplus auf rund 1,35 Prozent belief, waren es im Jahresvergleich nur 0,19 Prozent mehr Plätze.

Deutscher Film solide

Auch wenn der deutsche Marktanteil gewachsen ist - ein veritabler Sprung sieht womöglich noch ein wenig anders aus. Nach oben ging es um 1,2 Punkte auf 23,9 Prozent oder um rund 600.000 Besucher auf 28,3 Mio. gelöste Tickets. Einmal mehr zeigte sich - Goehte lässt grüßen - dass einzelne Filme weit mehr als nur das Zünglein an der Bilanz-Waage darstellen. International wie national. Beachten sollte man übrigens, dass die FFA traditionell auch minoritär deutsche Koproduktionen in dieser Betrachtung berücksichtigt. Und hier meldet sich mit Wilde Maus" die erfolgreichste erst auf Rang 26. Im vorletzten Jahr waren mit The First Avenger: Civil War" und dem Panem"-Finale hingegen gleich zwei US-Blockbuster unter den "deutschen" Top 10. Legt man also eine etwas strengere Betrachtungsweise an, dürften rein oder majoritär deutsche Produktionen im Jahresvergleich deutlich stärker zugelegt haben, als es diese Statistik aussagt.

Mauer Mai

Wie schon 2016, war der Dezember auch im vergangenen Jahr nicht der stärkste Monat - was angesichts des miserablen Auftakts auch nicht überraschen kann. Vielmehr gebührt die Besucherkrone erstmals im Fünf-Jahres-Vergleich dem Oktober mit 12,6 Mio. gelösten Tickets. Beinahe nur halb so viele (6,7 Mio.) Gäste fanden im Mai den Weg vor die Leinwände - selbst für den Wonnemonat ein außergewöhnlich niedriger Wert. Die größten Einbußen waren indes im Januar zu verzeichnen. In diesem Monat ging es gegenüber dem Vorjahr um ganze 2,1 Mio. Besucher zurück. Vom schwachen Jahresauftakt zum zweitstärksten Umsatz: Es wäre nicht gerade das Schlimmste, wenn man dies auch im Februar 2019 schreiben könnte...

Marc Mensch