Kino

Ein filmpolitischer Jahresrückblick

An dieser Stelle bezieht die Deutsche Filmakademie exklusiv und regelmäßig Stellung zu neuen Aktivitäten, neuen Entwicklungen und neuen Diskussionen rund um den deutschen Film.

20.12.2017 13:00 • von Jochen Müller

An dieser Stelle bezieht die Deutsche Filmakademie exklusiv und regelmäßig Stellung zu neuen Aktivitäten, neuen Entwicklungen und neuen Diskussionen rund um den deutschen Film.

Von Martin Hagemann

Das Jahr 2017 endet mit dem ersten Grollen eines Bebens. Während die Kinofilmbranche in Deutschland 2017 nach der letzten Novelle des FFG erst mal so weitermacht wie bisher, werden in den USA die Karten neu gemischt. "Das Tempo der Disruption hat sich nur beschleunigt" erkennt Robert A, der Chef von Disney, und schickt sich an, 20th Century Fox zu schlucken. Und er setzt fort: "Das wird uns die Chance geben, unsere Strategie des direkten Kontakts mit dem Publikum zu verstärken."

Noch ist es zu früh, über das Kinofilmjahr 2017 zu urteilen, aber man muss kein Wahrsager sein, um jetzt schon festzustellen, dass der Graben zwischen den erfolgreichen deutschen Filmen und dem Mittelfeld, ganz zu schweigen von den Dokumentarfilmen größer geworden ist. Auch beim jüngeren Publikum hält die Abwanderung zu SVoD-Abos und freien Formaten im Internet an, und im Fernsehen steigt der Altersdurchschnitt mit dem Älterwerden der "Quotenbringer" weiter. Darüber wird geredet, passiert ist in 2017 noch nicht viel.

Unsere Branche ähnelt dabei der Gesellschaft in ihrer Beharrlichkeit angesichts einschneidender Veränderungen. Die durch das Internet rasant zunehmende Globalisierung aller wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bereiche stößt auf den Widerspruch großer Teile der Bevölkerung. Das Nebeneinander von Aufbruch und Beharrlichkeit ist nur noch vergleichbar mit den Umbrüchen der ersten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Die konträren Kräfte der Angst vor den Veränderungen und der Euphorie angesichts neuer Chancen erzeugen eine große Spannung. Auch durch unsere Branche geht dieser Riss.

Der deutsche Kinofilm, abhängig von seinen zersplitterten Finanzierungsstrukturen, war 2017 nicht in der Lage, diese Spannung inhaltlich und ästhetisch zu nutzen und einem größeren Publikum mit zeitgenössischen Themen auf der Höhe der Zeit zu begegnen, wie es 2016 noch mit Willkommen bei den Hartmanns oder Toni Erdmann gelang - von ästhetisch innovativen Erzählformen für ein größeres Publikum im Kino ganz zu schweigen. Viel zu viele gute Filme verschwinden nach den ersten Wochenenden aus den Kinos, viel zu viel Platz wird auch hierzulande immer noch für die Blockbuster des globalen Entertainment-Kinos freigeräumt - fatal, wenn die weltweite Top-10 Liste des Kinojahres 2017 nur noch aus sechs Sequels und vier Remakes besteht. Kein Wunder, dass die Streaming-Angebote plötzlich attraktiver, vielfältiger und zeitgenössischer erscheinen, wenn in der Wahrnehmung des Publikums der Kinofilm gleichförmiger, ja - reden wir nicht darum herum - dümmer wird. Da wundert es auch nicht, dass immer mehr Kreative des Kinos mit Erfolg die Serie und die globalen Portale bespielen - und es sind nicht nur die größeren finanziellen Möglichkeiten, die hier locken, nein, künstlerische Freiheit, Vertrauen und Respekt vor der Arbeit der Kreativen sind leider - schaut man sich den Umgang mit unseren Filmen und die filmpolitischen Debatten des letzten Jahres an - in der deutschen Kinobranche nicht die höchste Münze.

Dabei wird allerorten versucht, die Lage des deutschen Films zu verbessern - vom neuen DFFF II und dem GMPF für große internationale Produktionen bis hin zur Vervierfachung der BKM-Mittel, die FFA mit ihren neuen Fördergremien und Leitlinien, ferner die Aufstockungen der regionalen Etats, meist mit Hilfe der TV-Anstalten. All dies zeugt vom ungebrochenen Glauben an den Kinofilm in den Institutionen, zeugt im föderalen Deutschland aber immer auch ein bisschen vom Glauben an die eigene Bedeutung im Förderkanon der vielen Stimmen. Aus diesem Nebeneinander muss endlich ein Miteinander werden, müssen gemeinsame Strategien zur Stärkung des originären, gut ausgestatteten und mutigen deutschen Kinofilms entwickelt werden, wenn das Kino und der deutsche Kinofilm im Wettbewerb mit dem "Alles, zu jeder Zeit, auf jedem Gerät" bestehen will. Die Vorbereitungen für den 50. Geburtstag des FFG, das große, über lange Jahre die Branche einigende Gesetz, haben begonnen. Es wäre wünschenswert, sich 2018 darüber hinaus auch zu fragen, inwieweit ein Gesetz aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, als es zwei deutsche Staaten mit je zwei Fernsehprogrammen, kein Video und keine globale Bewegtbild-Industrie, geschweige denn globale Distributionskanäle gab, überhaupt noch praktikabel ist, und wie stattdessen eine moderne Kino- und Kinofilmpolitik des 21. Jahrhunderts aussehen müsste.

" ...unsere Strategie des direkten Kontakts mit dem Publikum..." sagt CEO Iger und Disney meint damit neue SVoD-Plattformen, Big Data und globale neue Formate. Die sind zurzeit weitestgehend in der Hand der neuen Player, der ernstzunehmendsten Konkurrenz des Kinos, vielleicht auch des Fernsehens, seit deren Bestehen. Die Chance des Kinos und des Kinofilms besteht aber nicht darin, sich bis zur Unkenntlichkeit dem Neuen anzuverwandeln. Die Einzigartigkeit und Stärke des Kinos ist es, der Ort des Analogen in diesem Tsunami des Digitalen zu sein. Vor Ort, zu Fuß erreichbar, eine Stätte des Entertainments und der Kunst, der Filme und des Austauschs über sie, ein Ort der Begegnung und der Öffentlichkeit - mit seinem lokalen Publikum, dem das Angebot, die gute Ausstattung und die digitale Vernetzung mit seinem persönlichen Kino gegenüber dem Allerlei der Plattformen gefällt. Dazu bedarf es allerdings eines herausragend kuratierten Programms, welches nicht versucht, in einer atemlosen, beliebigen "Trial&Error"-Programmierung mit den SVoD-Plattformen und den immer nervöser werdenden TV-Anstalten mitzuhalten.

In der Disruption der alten hierarchischen Verwertungskette von der Produktion über den Vertrieb, den Verleih und die Kinoketten mit ihrem zentralen Marketing hin zum Publikum liegt die Chance für die Kreativen, die Filme und das Kino, sich wieder näher am lokalen Publikum auszurichten und die Einzigartigkeit des analogen, gemeinsamen Erlebnisses zu stärken. 2017 entstanden erste Kinokonzepte in diese Richtung, einige wurden schon verwirklicht, viele haben vor, die "Strategie vom direkten Kontakt zum Publikum" ernst zu nehmen. Mit diesen neuen Kinos kann die Branche dann mit neuen Herausbringungsformen und lokalem Marketing experimentieren, und dabei vor allem die Kommunikationsformen nutzen können, die das Internet bietet.

Zum Jahresende dann noch die Diskussion über die Berlinale - angestoßen durch die Erklärung deutscher Regisseurinnen und Regisseure, kulminierend in einer quasi-Vollversammlung des deutschen Films. Wegen der ablenkenden Diskussion über Personalien wurde aber leider auch hier verpasst, nach Antworten auf die tiefgreifenden Veränderungen der Rezeptionsweisen, das schwindende Interesse der jüngeren Generation am Kinofilm und auf den größer werdenden Graben zwischen dem Blockbusterkino und dem sich davon hilflos abgrenzenden Kunstkino zu suchen und Ideen für ein zeitgenössisches Filmfestival im Zeitalter der Digitalisierung zu sammeln.

So zeigte 2017 erst mal nur, dass sich in diesem Jahr doch mehr Baustellen und Risse aufgetan haben, als dass schon sichtbar geworden wäre, wie die Filme, die Businessmodelle, das Kino und die Festivals der Zukunft aussehen könnten.

Spannende Zeiten, in denen wir 2017 begonnen haben, zu verstehen, dass "das Neue entsteht, indem das Alte umgewälzt, fortgeführt, entwickelt wird" (Brecht). Bevor das 2018 weitergeht, wünscht die Deutsche Filmakademie allen geruhsame Feiertage, einen fröhlichen Rutsch und alles Gute für das neue Jahr.