Produktion

Robert Schwentke zu "Der Hauptmann"

Der auch in den USA erfolgreiche Filmemacher Robert Schwentke wird am 3. Dezember mit dem Baden-Württembergischen Ehrenfilmpreis ausgezeichnet. Mit der in San Sebastian ausgezeichneten, bitteren Kriegsgroteske "Der Hauptmann" kehrt er nach Deutschland zurück. B:F sprach mit ihm über die speziellen Herausforderungen des Projekts, das ihn seit fast zehn Jahren beschäftigt. Am 15. März 2018 startet "Der Hauptmann" über Weltkino in den deutschen Kinos.

27.11.2017 16:26 • von Heike Angermaier
Robert Schwentke (Bild: San Sebastian/Filmgalerie 451/Weltkino)

Der auch in den USA erfolgreiche Filmemacher Robert Schwentke wird am 3. Dezember mit dem Baden-Württembergischen Ehrenfilmpreis ausgezeichnet. Mit der in ausgezeichneten, bitteren Kriegsgroteske Der Hauptmann" kehrt er nach Deutschland zurück. B:F sprach mit ihm über die speziellen Herausforderungen des Projekts, das ihn seit fast zehn Jahren beschäftigt. Am 15. März 2018 startet "Der Hauptmann" über Weltkino in den deutschen Kinos.

Haben Sie nach den zwei "Die Bestimmung"-Filmen bewusst nach einem Projekt gesucht, das Sie in Deutschland realisieren können?

Ich habe gezielt nach einem Stoff über die dynamische Struktur des Nationalsozialismus gesucht. Es überraschte mich, dass es nur zwei Filme aus Deutschland gibt, die aus der Täterperspektive erzählt werden, "Die Wannseekonferenz" und Aus einem deutschen Leben". In beiden geht es um die Täter aus der ersten Reihe. Ich wollte aber etwas über die Täter aus der vierten, fünften, sechsten Reihe, über die Mitläufer, Opportunisten und Befehlsausführenden und nicht die Entscheider erzählen. Es ist für den Zuschauer herausfordernder, wenn er sich nicht auf der moralisch sicheren Seite weiß. Anderswo gibt es Filme, die sich mit den Tätern aus den hinteren Reihen auseinandersetzen, etwa in Frankreich Louis Malles Lacombe Lucien". Mein Stoff hätte den Developmentprozess in den USA nie überstanden. Er verstößt gegen zu viele ungeschriebene Regeln. Z.B. gibt es keine Figur, die gut ist oder an die man sich zumindest halten kann. "Der Hauptmann" ist ein Film ohne moralische Gebrauchsanweisung.

Wie haben Sie entschieden, wie viel Grausamkeit Sie zeigen können?

Als ich auf die wahre Geschichte von Willi Herold gestoßen bin, wusste ich nicht, wie man sie überhaupt als Film erzählen kann. Die erste Fassung des Drehbuchs schrieb ich in den Weihnachtsferien vor dem Dreh von R. Mir wurde bewusst, dass ich noch nicht soweit war, den Film zu machen. So habe ich im Staatsarchiv Oldenburg recherchiert, historische, soziologische, psychologische und philosophische Texte gelesen. Ich habe auch viel mit meinem Produzent Frieder Schlaich gesprochen, anhand von Filmen vor allem darüber, was wir nicht wollen. So habe ich mich herangetastet und für mich herausgefunden, was man zeigen darf und was nicht bzw. wie man den Film anschaubar machen kann, ohne Dinge zu unterschlagen. Obwohl aus der Täterperspektive erzählt wird, war es mir wichtig, dass der Zuschauer auch ein Gefühl für die Opfer bekommt.

Wie haben Sie sich formal herangetastet?

Wir entschieden uns für Schwarzweiß aus ähnlichen Gründen, wie sie Michael Powell zu Martin Scorsese über dessen "Wie ein wilder Stier" äußerte. Der Film solle Schwarzweiß sein, damit das Publikum jenseits des Blutrot blicken kann und nicht nur die Gewalt wahrnimmt. Schwarzweiß schafft eine gewisse Distanz. Außerdem ist es eine Konvention, dass Geschichte in Schwarzweiß stattfindet. Wir wollten keinen Authentizitätsfetischismus betreiben, sondern abstrahieren, überhöhen. So stimmen zwar die Uniformen, wir erlauben uns aber z.B. Freiheiten beim Aussehen des Lagers. Es basiert auf dem Modell eines ehemaligen Gefangenen, der es nicht im richtigen Maßstab, sondern aus seiner Erinnerung bzw. Wahrnehmung nachbaute. Ihm erschienen die Türme höher, das Tor schwerer als sie in Wirklichkeit waren. Die Idee, Geschichte als Erinnerung bzw. Wahrnehmung zu erzählen, hat mich gereizt. Naturalismus finde ich genauso artifiziell wie Expressionismus. So finde ich es auch absurd, so zu tun, als wäre der Film nicht heute gedreht worden. Wir wollten ganz klar sagen, das ist ein moderner Film!

Wir haben uns auch bewusst für einen modernen und keinen klassischen Score entschieden und fügten den Abspann ein. Zu einem früheren Zeitpunkt überlegten wir, das heutige Deutschland mit einem Schwenk, der 1945 beginnt und im Jetzt endet, einzubauen. Dass die Schauspieler dann im Kostüm durch die Stadt ziehen und Leute kontrollieren, hat sich erst beim Dreh ergeben. Score und Abspann verweisen natürlich auch auf die Aktualität des Themas.

War von Anfang an auch geplant, schwarzen Humor einzusetzen?

Ja. Auch an "Eierdiebe", eine autobiografische Geschichte, konnte ich nur mit Humor herangehen. Er dient als eine Art Selbstschutz. "Der Hauptmann" ist natürlich keine Komödie, sondern eine Farce oder Groteske, eine Tonalität, die ich sehr schätze wie etwa bei Lindsay Andersons "Lucky Man" oder Stanley Kubricks "Dr". Die Verzweiflung ist zu groß, als dass man real erzählen könnte.

Sind die Witze des Kabarettisten-Duos im Lager eigentlich authentisch?

Sie stammen aus der Zeit. Wir haben lange überlegt, welche wir nehmen wollen. Eigentlich wollte ich keine antisemitischen Witze, aber solche hat man sich eben damals erzählt. Ich wollte unbedingt einen Witz übers Essen haben. Schließlich geht es ja sehr viel um Hunger und ums Überleben. Den bunten Abend, den wir hier schildern, gab es übrigens wirklich.

Wie haben Sie die Besetzung zusammengestellt?

Nach "Insurgent" kam ich fürs Casting des Hauptdarstellers nach Deutschland. Ich traf sehr viele sehr talentierte junge Schauspieler. Damals ist mir Max Hubacher schon aufgefallen. Beim erneuten Casting nach "Allegiant" bestätigte sich mein Gefühl, dass Max die richtige Wahl ist. Milan Peschel und Frederick Lau waren auch meine erste Wahl. Alexander Fehling hatten wir für eine andere Rolle angefragt, er wollte lieber den Junker spielen. Und Bernd Hölscher zeigte mir Anja Dihrberg auf einem Band, in dem er einfach auf einer Bank sitzt. Ich dachte, der ist es! Es ist sein erster Film. Er kommt vom Kasseler Theater. Ich liebe es mit Schauspielern zu arbeiten! Bei der ersten Probe sagte ich ihnen: Wenn wir nur das Drehbuch verfilmen, wird das ein Film, der okay ist, aber wir wollen viel mehr! Das haben sich alle sehr zu Herzen genommen.

Haben Sie auch improvisiert?

Bei den Szenen im Hotel Oranien z.B.. Die Szenen waren geschrieben, aber wenn die Männer im Spiel aufeinander schießen oder eine der Schauspielerinnen als nackter Adolf Hitler durchs Zimmer stolziert, war das improvisiert. Wir haben fast chronologisch gedreht. Und diese Szene ist fast am Ende und bildet quasi die Synthese aus dem Gefreiten und dem Hauptmann. Darüber habe ich mich bereits vorab immer wieder mit Max ausgetauscht. Ich mag es, wenn beim Dreh noch neue Ideen mit eingeflochten werden können. Es ist wichtig, dass es auch unbekannte Größen gibt. So hatte Fassbinder an einem Drehtag immer ein Motiv, das er nicht kannte. Das hält einen wach.

 War es für Sie eine große Umstellung vom US-Franchisefilm zum kleineren europäischen Film?

Da gibt es im Grunde keinen Unterschied. Es gibt immer eine Kamera und Leute davor und dahinter. Das Überraschende an Tentpoles ist, dass man denkt, man hätte genügend Geld, aber auch bei diesen Projekten hat man nie genug. Man muss genauso Drehtage streichen, Kompromisse eingehen. Man muss nur wissen, welche Kompromisse den Film schädigen und welche verkraftbar sind.

Bei "Der Hauptmann" waren wir abhängig vom Tageslicht, weil wir uns das große Besteck für die Beleuchtung der Innenräume nicht leisten konnten. Da wir im Winter drehten, bedeutete das, dass wir sehr früh Schluss machen mussten. Wir hatten nur 40 Drehtage - das war Punkrock! Ich wollte anamorphotisch drehen, aber auch das war zu teuer. Wir hatten auch nur wenig VFX, etwa um Windräder aus dem Bild zu entfernen oder fürs Abfeuern der Waffen. "Der Hauptmann" hat ein Budget von unter sechs Mio. Euro, das ist das Budget fürs Buffet bei "Allegiant".

Warum haben Sie eigentlich nicht auch den letzten Teil zu "Die Bestimmung" inszeniert?

Ich war einfach müde. Ich habe zwei Filme mit jeweils 85 Drehtagen in zwei Jahren gedreht und ohne Pause durchgearbeitet. Während der Postproduktion des ersten habe ich den zweiten vorbereitet. Es macht schon Spaß, was man bei solchen Filmen machen darf! Ich habe sehr früh beschlossen, dass ich ein Filmemachender Filmemacher sein will. Das bedeutet, dass ich nicht darauf warte, dass mein eigenes Projekt anläuft, sondern dass ich, wenn mir etwas angeboten wird, das mich interessiert, es auch gerne übernehme. Der Unterschied bei den Projekten ist nur, inwieweit ich die Kontrolle über sie habe. Und je mehr Geld zur Verfügung steht, desto mehr Leute gibt es, die etwas zu sagen haben. Ich glaube nicht, dass ich ohne diese Erfahrung "Der Hauptmann" hätte machen können, dass ich die Tonalität getroffen hätte, wenn ich in meinen vorherigen Filmen nicht schon verschiedene Tonalitäten ausprobiert hätte. Ich drehe einfach gerne und finde es auch sehr schön, abends die Sachen nicht selbst umschreiben zu müssen und sich anderer Leute Talent zu bedienen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich arbeite an einem US-amerikanischen Stoff, "Bad Company", eine Satire über die sogenannten Cotton Club Murders, die im Umfeld der Produzenten von Francis Ford Coppolas Cotton Club" stattfanden. Schon als ich das Sachbuch darüber las, wusste ich genau, wie man es filmisch umsetzt. Ich schrieb das Drehbuch mit Matthew Wilder, mit dem ich schon mehrfach zusammengearbeitet habe. Das wird hoffentlich mein nächstes Projekt. Außerdem schreibe ich an einem Drehbuch zu einem Film über Seneca, für den ich John Malkovich im Kopf habe und den ich wieder zusammen mit Frieder Schlaich machen will.

Woher kennen Sie Ihren Produzenten von Filmgalerie 451 eigentlich?

Frieder und ich sind beide aus Stuttgart und ich habe in der Filmgalerie gearbeitet. Frieder führte auch die Kamera bei meinem ersten 60mm-Film. Da war ich 17. Er war der erste, dem ich von "Der Hauptmann" erzählt habe.

 War Der Hauptmann von Köpenick eine bewusste Referenz?

Da kommt man nicht umhin, zumindest in Deutschland. Es ist eine Geschichte, die mich schon immer fasziniert hat und die wie unsere auf einem wahren Fall beruht.

Wie war das Feedback in Toronto und in San Sebastián?

Sehr gut. Der Film wird verstanden. Wie dem Publikum die Ideen gefallen, ist eine andere Frage. Als wir angefangen haben über den Film zu sprechen, hieß es, warum wollt ihr euch das antun? Aber der Film hat leider wieder an Relevanz gewonnen.

Heike Angermaier