Kino

AFM-Zukäufe: Die Bälle flach gehalten

Ungewöhnlich ruhig ging es auf dem American Film Market in Santa Monica zu. Was sicherlich auch an den Nachwirkungen des Harvey-Weinstein-Skandals lag, aber auch, wie deutsche Einkäufer finden, einem Mangel an wirklich spannendem Produkt.

24.11.2017 08:03 • von Barbara Schuster
Immer gemach: Der AFM zeigte sich dieses Jahr eher von seiner schwachen Seite (Bild: AFM)

Eine Branche im Schockzustand: Noch ist überhaupt nicht abzusehen, wo der mit den Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein losgetretene Skandal um sexuelle Belästigung und Schlimmeres in der Filmbranche hinführen mag, welcher Hollywood-Mächtige noch impliziert und über sein unangemessenes Verhalten stolpern wird. Als der American Film Market (AFM) am 31. Oktober seine Pforten öffnete, war das Thema das bestimmende in der Industrie und sorgte auch dafür, dass der Markt eine introspektivere, ruhigere Veranstaltung war als gewohnt, wenn es im Loews Hotel um das Feilschen um neue Filmstoffe geht.

Das Programm war nicht spannend genug

Aber natürlich war das nicht der entscheidende Grund, warum der AFM 2017 nicht so recht hohe Wellen schlagen wollte: Das Programm war nicht spannend genug, eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahren bereits feststellen ließ: Das meiste fertiggestellte Produkt wird bereits in gezeigt, wo der Markt zwar inoffiziell, aber sehr lebendig ist. Auf dem AFM werden vermehrt jene Titel angeboten, die noch nicht verkauft werden konnten - oder aber eben attraktive Stoffe, die man auf Drehbuchbasis - wenn man Glück hat - kaufen muss, wenn man mit dabei sein will. In den eher schwierig gewordenen Zeiten für das Mittelprodukt, einst ein Motor der Industrie, ein hohes und natürlich auch teures Risiko: Die sicheren Dinger von einst gibt es zumindest in dieser Form kaum mehr, oder besser gesagt: lassen sich kaum prognostizieren. Was in diesem Jahr zur Folge hatte, dass vereinzelte deutsche Einkäufer gar nicht mehr anreisten. Unter den von Blickpunkt:Film befragten Verleihern winkten beispielsweise MFA und Alamode komplett ab, letztere deshalb, weil gerade kein großer Druck besteht, die kommende Staffel mit neuem Produkt zu verstärken - aktuell hat Alamode mit dem -Gewinner "The Square" einen Arthouse-Hit am Start. Julius Windhorst, Head of Acquistion & Licensing, sagt: "Wir waren dieses Jahr nicht auf dem AFM, da wir derzeit keinen so großen Bedarf an Filmen haben, der die Kosten und den Aufwand rechtfertigen würde. Zudem hat der AFM als reiner Filmmarkt für uns auch nicht die Bedeutung wie etwa Berlin, Cannes oder Toronto." Andere wiederum halten sich bedeckt wie die Constantin oder müssen sich mit dem Vermelden ihrer Einkäufe noch gedulden, wie Steffen Gerlach von Capelight: "Ist alles noch work in progress ..."

Es hagelte viel Kritik am Angebot

Andere wiederum halten nicht zurück mit ihrer Kritik am Angebot des diesjährigen American Film Market. "Zum AFM selber gibt es wenig zu berichten, da sich, denke ich mal, alle, Einkäufer wie Verkäufer einig waren, dass er die Erwartungen nicht gerade getroffen hat. Wenig interessantes neues Produkt für einen Markt, der ja bekannter Weise einer der wichtigsten PreBuy-Märkte ist", meint Ira von Gienanth, Geschäftsleitung Einkauf, Produktion und Lizenzhandel Prokino. Sie kann aber auch drei Abschlüsse vermelden: "On Chesil Beach"/"Am Strand", eine Literaturverfilmung von Dominic Cooke mit Saoirse Ronan und Billy Howle in den Hauptrollen und das brillant besetzte Biopic "Mary Shelley" von Haifa Al Mansour mit Elle Fanning, Douglas Booth, Bel Powley feierten beide unter großem Medieninteresse Weltpremiere in Toronto. Ersterer erzählt basierend auf Ian McEwans Bestseller "Am Strand" von fiebrigen Erwartungen und Ängsten eines Hochzeitpaares in den frühen Sechzigern im prüden England, während es sich bei dem neuen Film der Regisseurin von "Das Mädchen Wadjda" um die opulente Verfilmung über das Leben der jungen Mary Shelley handelt, die mit Frankenstein einen Roman von Weltruf schrieb, aber dann kämpfen musste, auch ihren Namen unter das Werk setzen zu können. Dritter neu erworbener Titel bei Prokino ist "Juliet, Naked" von Jesse Peretz ("Our Idiot Brother"). Der von Judd Apatowproduzierte Film basiert auf Nick Hornbys gleichnamigem Bestseller, in dem der Autor wieder seine Lieblingsthemen aufgreift wie Musik und Liebe und die Überraschungen, die das Leben für alle bereithält. Mit Rose Byrne, Ethan Hawke und Chris O'Dowd ist "Juliet, Naked" fantastisch besetzt.

Christoph Ott, der für NFP nach Santa Monica gereist war, um nach neuem Produkt für den Independent zu suchen, mahnt: "Als Verleih kann man bei der aktuellen Film flut mit zehn bis 15 Starts pro Woche zukünftig noch weniger riskieren, da wird auch die ein oder andere positive Entdeckung nicht mehr im Kino stattfinden. Das gilt vor allem auch für den Dokumentarfilm. Das ist schade, denn damit werden einige gute Doks das engagierte Publikum nur noch als VoD-Premieren finden." Und er sagt: "Das anspruchsvollere Publikum muss das Kino als die Heimat des Films wieder entdecken und sich von diesem Erlebnis begeistern lassen. Daran müssen wir alle, Kino, Verleiher und Produzenten arbeiten und an einem Strang ziehen." Gleichwohl ist Ott fündig geworden auf dem AFM: "Wir verhandeln derzeit über drei interessante Projekte, die Titel können wir leider noch nicht nennen." Zudem stellt er fest, dass es im Market bemerkbar gewesen sei, dass die europäischen Verleiher zurückhaltender einkauften, ganz anders als z.B. der asiatische Markt. Er kommt zu dem Schluss: "Der AFM ist für uns ein wichtiger Markt, man muss allerdings immer mehr Projekte auf Drehbuch- oder Promobasis einkaufen, fertige Filme kann man so gut wie nicht entdecken, wobei die großen Buzz-Titel für uns nicht in Frage kommen."

"Auch wir sehen den Gesamtmarkt im Wandel"

Kritisch äußert sich Holger Fuchs, Geschäftsführer des Concorde Film Verleih: "Wir freuen uns, dass wir uns den Titel 'Campeones' ('Champions') auf dem AFM sichern konnten. Darüber hinaus konnten wir für uns feststellen, dass es ein insgesamt schwacher Markt war, der für uns wenig interessantes Produkt im Angebot hatte. Sollte sich für nächstes Jahr ein ähnlich schwaches Angebot abzeichnen, überlegen wir, mit kleinerer Delegation anzureisen." Für Tobias Alexander Seiffert von Tobis Film war es ebenfalls ein schwieriger Markt: "Der AFM war schon in der Vergangenheit nicht unbedingt der Markt, auf dem wir unser Produkt gefunden haben, insofern waren unsere Erwartungen von vornherein schon weniger hoch gesteckt. Es bleibt abzuwarten, wie der EFM wird, dann sehen wir weiter - das ist nicht die erste schwächere Marktsituation, die wir erleben." Er macht grundlegende Probleme aus: "Auch wir sehen natürlich den Gesamtmarkt im Wandel, wobei in unseren Augen die Ursache für den schwachen AFM eher in der mangelnden Verfügbarkeit von hochkarätigem und kinorelevantem Talent liegt als in der häufig genannten Einkaufstätigkeit der Streaming-Plattformen. Umso erfreulicher, dass wir mit STX auch bei schwacher Marktlage einen Partner mit qualitativ hochwertigem und zuschauerorientiertem Output an der Seite haben."

Sehr differenziert sieht auch Dietmar Güntsche von Weltkino die Entwicklungen im Markt: "In den USA setzt sich verstärkt der Trend fort, dass eine größere Anzahl von Kreativen im TV, insbesondere in lang laufenden Serien, gebunden werden. Darüber hinaus gehen nicht selten interessante Kinoprojekte in weltweiten Deals an die Streaming-Plattformen, die früher noch den Independents zur Auswahl standen. Durch die Player aus Silikon Valley ist eine neue Dynamik in den Markt gekommen. Das Preisniveau für US-Filme ist dabei unverändert hoch und spiegelt damit nicht die sich insgesamt verändernden Geschäftsmodelle."

"Der AFM war unspektakulär, aber trotzdem besser als erwartet"

Entspannt äußert sich indes Stephan Giger, CEO der in der Schweiz ansässigen Elite Film AG: "Für uns war der diesjährige AFM unspektakulär aber trotzdem besser als erwartet. Wir kehren mit sicher drei Filmen für Deutschland/Österreich/Schweiz nach Hause und sind bei zwei weiteren Projekten in fortgeschrittenen Verhandlungen." Abgeschlossen hat er den dritten Teil (Rechte für Deutschland/Österreich) der "Belle & Sebastian"-Reihe ("Belle & Sebastian: Best Friends for Life") von Gaumont, der fast nahtlos an den ebenfalls von ihm vertriebenen "Belle & Sebastian" von 2015 anschliesst. Außerdem konnte er die in Postproduktion befindliche Romantic-Comedy "Destination Wedding" von Bloom gewinnen (alle Rechte GAS), in der sich ein ungleiches Paar, gespielt von Keanu Reeves und Winona Ryder, zuerst nach allen Regeln der Kunst in den Haaren liegt und schlussendlich doch die romantischen Gefühle die Überhand gewinnen. Fix ist außerdem "Unknown Soldier" von Beta, ein "hoch budgetierter finnischer Kriegsfilm der Extraklasse, der im Kino im Heimatland vor wenigen Wochen direkt auf Platz eins eingestiegen ist". Aber auch Giger ist nicht verborgen geblieben, dass nicht alles eitel Sonnenschein war in Santa Monica: "Auch uns sind in den ersten Tagen die leeren Gänge im Loews natürlich aufgefallen, und ich kann mir vorstellen, dass es im nächsten Jahr eine Konsolidierung sowohl auf Anbieter- wie auch Auswerterseite geben wird, denn es herrscht nach wie vor ein Überangebot an Filmen und eine gleichzeitig stetig zunehmende Konkurrenz an gutem Content im SVoD-Serienbereich und FVoD/AVoD-Angeboten auf YouTube."

Abschlüsse vermeldet auch der neue Head of International Acquisitions, Universum Film, Alexander Janssen: "Universum Film freut sich, bekannt zu geben, auf dem diesjährigen AFM alle deutschsprachigen Rechte gemeinsam mit RTL an "The Rhythm Section" mit Blake Lively und Jude Law in den Hauptrollen erworben zu haben. Produziert wird der Thriller von den James-Bond-Erfolgsproduzenten Barbara Broccoli undMichael G. Reed Morano führt Regie bei der Adaption von Mark Burnells gleichnamigen Auftaktroman zu seiner Buchreihe um die Protagonistin Stephanie Patrick. Burnell zeichnet auch für das Drehbuch verantwortlich." Universum Film und RTL haben sich die Auswertungsrechte Kino und Free-TV von Global Road Entertainment gesichert. Mit dem Rechteerwerb ist die Auswertung auf allen Ebenen innerhalb der Mediengruppe RTL Deutschland gesichert, von Kino über Home Entertainment zu Pay- und Free-TV. Universum Film bringt The Rhythm Section 2019 in Deutschland in die Kinos.

Und schließlich gibt es auch noch eine positive Rückmeldung von Wolfgang Carl von Tiberius Film: "Wir hatten einen guten und erfolgreichen AFM. Dieser ist und bleibt für uns ein wichtiger Markt, bei dem man nicht nur neue Kontakte aufbauen, und bestehende Kontakte pflegen und intensivieren kann. Für uns ist es auch ein wichtiger Einkaufsmarkt und das hat sich dieses Jahr wieder bestätigt. Einige unserer Einkäufe haben wir ja bereits direkt vom AFM auch über Blickpunkt:Film gemeldet. Weitere Filme befinden sich momentan noch in finalen Verhandlungen. Wir halten Sie auf dem Laufenden."