Festival

"Der Film ist das Herzstück"

Thorsten Schaumann hat die Hofer Filmtage nach dem Tod von Heinz Badewitz 2016 bereits als Teil eines Trios interimsmäßig geleitet. Am 1. September 2017 übernahm er nun offiziell die Aufgabe des künstlerischen Leiters.

24.10.2017 12:00 • von Jochen Müller
Thorsten Schaumann hat die Hofer Filmtage nach dem Tod von Heinz Badewitz 2016 bereits als Teil eines Trios interimsmäßig geleitet. Am 1. September 2017 übernahm er nun offiziell die Aufgabe des künstlerischen Leiters.

Letztes Jahr haben Sie mit Alfred Holighaus und Linda Söffker die 50. Hofer Filmtage kuratiert. Was gab für Sie den Ausschlag, die künstlerische Leitung nun ganz zu übernehmen?

Heinz Badewitz kannte ich seit dem Moment, als ich in der Filmbranche angefangen habe. Mit welchem Herzblut er sich für Filme und Filmemacher einsetzte, hat mich immer fasziniert. Tatsächlich hatte ich Hof nur sporadisch besucht, weil ich durch meine Vertriebstätigkeit bei der Bavaria oft andere Verpflichtungen hatte. Die Hofer Filmtage mit zu kuratieren, war letztes Jahr eine intensive Erfahrung, auch weil das Festival mit soviel Engagement ganz im Sinn von Heinz veranstaltet wurde. Mir war klar, dass es mit seiner Idee, die er mit dem "Home of Films" in Hof gepflanzt hat, unbedingt weitergehen muss. Ich hätte nicht gedacht, dass ich für diese Aufgabe angefragt würde. Als es dann soweit war, habe ich einmal kurz Luft geholt und spontan Ja gesagt. Das war eine Bauchentscheidung.

Nun sind die ersten 50 Jahre der Hofer Filmtage ganz stark von Heinz Badewitz geprägt. Wofür steht Hof in Ihren Augen?

Hof steht auf alle Fälle für ein Festival der Neuentdeckungen. Das werde ich auch so weiterführen. Es bleibt bei dem Schwerpunkt auf deutsche Produktionen, aber wir werden wie Heinz immer genauso internationale Produktionen mit aufnehmen. Darüberhinaus will ich in Hof mehr Diskussion um den Film entfachen. Das digitale Thema aufzugreifen, ist natürlich auch durch meine letzten beruflichen Jahre bedingt. Wie beeinflusst die Digitalisierung das Filmemachen, die Rezeption und die Distribution? Was passiert in der Produktion, mit Virtual oder Augmented Reality. Was bewirken die Abrufdienste, die mittlerweile als potente Filmemacher auftreten und den Markt ordentlich aufmischen? Es bilden sich neue Plattformen, um Filme zu zeigen, und gleichzeitig kommen viele Filme gar nicht mehr in die Kinos. Der Heinz-Badewitz-Preis ging letztes Jahr an Tini Tüllmanns "Freddy Eddy", der bis heute keinen Verleih gefunden hat, obwohl er auf Festivals extrem gut ankommt, und dafür sicherlich ein Publikum vorhanden ist. Wie kann das sein? Das sind Diskussionen, die wir in Hof führen werden.

Was ist konkret geplant?

Es gibt in diesem Jahr ein Rahmenprogramm rund um den Film, das HoF PLUS heißt. Am Freitag wird etwa das Panel "Jäger des verlorenen Zuschauers" stattfinden, das Alfred Holighaus moderiert. Klaus Schaefer als Förderer, Christoph Ott als Verleiher, Christian Pfeil als Kinobesitzer, Fabian Wolfart für Pantaflix von digitaler Seite, Andreas Rothbauer von Picture Tree, der bei Wir töten Stella" erstmals als Verleiher auftritt, - ein Film, der auch bei uns im Festival läuft, - und der Filmemacher Andreas Arnstedt werden dieses Thema diskutieren. Arri Media wird zu Augmented und Virtual Reality zwei Ausprobierstationen präsentieren. Mit INDIEswitch wird sich eine neue Digitalplattform als transaktionaler Abrufdienst vorstellen. Und der Bundesverband Schauspiel wird unter dem Titel "Keine Gage, dafür leckeres Catering" eine Diskussion zum Thema Unterfinanzierung von Hochschul- und Debütfilmen führen. Das alles soll Denkanstöße geben. Der Film lebt! Wir befinden uns in Zeiten großer Umwälzungen, in denen es viele Möglichkeiten gibt, Filme zu machen, und sich das Geschichtenerzählen durch Plattformen wie YouTube ändert.

Ist das Publikum in Hof mit Heinz auch älter geworden?

Ja, mit Sicherheit. Es sind viele mitgewachsen, wir selbst ja auch. Es war aber auch immer ein Festival für den Nachwuchs und damit kamen auch immer junge Filmemacher und Produzenten nach Hof. Man spürt aber in diesem Jahr bei den Filmemachern, die nach Hof kommen, dass es einen ganz neuen Drive gibt, sich filmisch auszudrücken. Es kommt auch eine neue Generation von Filmeinkäufern, bspw. im Digitalbereich, und wir wollen für diese Leute attraktiv sein. Fakt ist, dass Kino überall stattfindet. Inzwischen kann man Filme auf so vielen Plattformen sehen. Wir müssen einen Austausch darüber schaffen, wo die Entwicklung hinführt. Auch dafür möchte ich, dass Einkäufer, Redakteure, Kinobetreiber und Filmemacher kommen. Hof ist die (!) Plattform, bei der Film das Herzstück ist, aber wir müssen auch diskutieren, wie es weitergeht.

Wo sehen Sie Hof in der Konkurrenz mit anderen Festivals?

Hof ist das traditionsreichste und wichtigste Festival in Deutschland nach der Berlinale. Aber man kann natürlich keine reine Nostalgieverwaltung betreiben. Das ist mir auch bewusst. Wir haben ein Pfund in der Hand, weil großartige Filmemacher von Hof aus in die ganze Welt gegangen sind. »Home of Films« ist unsere Marke, die ich stark finde, und die man immer wieder in die neue Generation von Filmemachern tragen muss. Wir wollen ein generationsübergreifendes, barrierefreies Festival bleiben, unser Fokus liegt nicht auf dem roten Teppich. Trotzdem findet ein Film, der hier läuft, eine Aufmerksamkeit, die wir mit unseren Möglichkeiten weiter fördern werden. Die Ausrichtung des Festivals ist schon einzigartig, Hof ist eher auf das Spezielle ausgelegt. Das bietet immer wieder die Möglichkeit herauszustechen. In Hof zählt in den sechs Tagen nur Film, nichts anderes. Und das spürt man, wenn man da ist.

Wird es auch andere Präsentationsformen geben, um die digitale Seite des Films zu zeigen?

Das ist die langfristige Perspektive. In der kurzen Zeit, in der ich jetzt verantwortlich bin, war es uns vor allem wichtig, ein tolles Programm zusammen zu stellen, mit HoF PLUS als Rahmen, und zu signalisieren, dass es sich auf jeden Fall zu kommen lohnt. Natürlich kann ich mir vorstellen, in Zukunft andere Programmformen an anderen Spielstätten zu zeigen. Es gibt hervorragende YouTube-Filmemacher, die man auch berücksichtigen muss, und die komplett andere Formate wählen. Einige verfügen über eigene YouTube-Kanäle mit drei Mio. Abonnenten. Da stellt sich die Frage, was das mit Kino zu tun hat, aber es beeinflusst die Sehgewohnheiten und damit die Entscheidung, was man im Kino sehen möchte. Ich habe oft das Gefühl, dass sich da Parallelwelten entwickeln. Es gibt die digitale Welt mit ihren Angeboten und die Kinowelt. Aber die Realität zeigt, dass man Modelle entwickeln kann, wo wir alle mehr von Film haben.

Sie sind Anfang August zum künstlerischen Leiter ernannt worden. War Zeit genug, um dieses Festival zu bestimmen?

Ich habe natürlich ein wenig früher inoffiziell mitgearbeitet, soweit mir das meine Tätigkeit bei Sky erlaubt hat. Gleichzeitig gibt es mit Inge Hagedorn, Rudy Tijo und Martin Scheuring ein bewährtes Team von Sichtern, die den Leiter auch in den Jahren davor unterstützt haben. Das ist auch nötig, um in dem großen Angebot an Filmen die Spitzen zu erkennen. Selbstverständlich ist es als künstlerischer Leiter meine Aufgabe, die Filme auszusuchen, aber ich kann mich sehr stark darauf verlassen, was mir die Programmierer vorschlagen. Ich muss es dann zu einem überzeugenden Ganzen zusammenfügen.

Soll der Anteil des internationalen Films gestärkt werden?

Ich möchte auf alle Fälle Entdeckungen aus dem Ausland einbringen. Das bedeutet, dass ich meine Kontakte zu den Weltvertrieben aktiviere, von denen ich noch einige aus meiner Zeit bei Bavaria Film International kenne. Da kommt einem auch die Tradition von Hof zugute, denn man kann sich auf die Historie und den guten Ruf dieses Festivals, den Heinz aufgebaut hat, beziehen. Aber natürlich müssen wir in den nächsten Jahren zeigen, dass es sich lohnt, Premieren in Hof zu feiern, um damit dem Film seinen weiteren Weg zum Publikum zu öffnen. Es soll ja für die Filme nicht bei Hof bleiben, sondern sie sollen von hier aus den Weg zum Zuschauer finden.

Was sind für Sie die Highlights in diesem Jahr? Worauf freuen Sie sich besonders?

Das ist immer eine ganz schwierige Frage. Ich freue mich natürlich auf mein erstes Festival als Leiter. Ich bin wahnsinnig aufgeregt und habe großen Respekt vor meiner Aufgabe. Ich wünsche mir für uns, dass die Idee von Heinz und das, was er hier aufgebaut hat, weiterlebt. Ich freue mich auf tolle Gäste und sechs aufregende Tage. Momentan fühlt es sich für mich an wie im Rausch, schon aufgrund des Zeitdrucks. Wir sind rund um die Uhr beschäftigt, damit alles steht, wenn die Leute kommen. Vor Ort soll uns keiner mehr den Stress der Vorbereitungszeit anmerken. Zu den Highlights zählt auf jeden Fall der Eröffnungsfilm Drei Zinnen". Das war unser Kickoff. Den Film fand ich so großartig, damit war unser Festivalstart fest eingeloggt. Aber natürlich haben wir bei den Einreichungen von Produzenten und Filmemachern und bei den Sichtungen auf den Filmhochschulen viele weitere Entdeckungen gemacht, die ihre Premiere in Hof haben.

Die Retrospektive ist in diesem Jahr Tony Gatlif gewidmet ...

... der ein unglaublich interessanter Filmemacher ist und sehr produktiv über die letzten Jahre war. Tony Gatlif ist nicht nur ein renommierter sondern gleichzeitig ein politisch sehr engagierter Regisseur, der bei uns bisher noch gar nicht eine seiner Bedeutung entsprechende Aufmerksamkeit gefunden hat. Da werden wir dieses Jahr unseren Teil dazu beitragen, dass sich das ändert. In Hof zeigt er mit Djam" auch seinen neuen Film.

Zum 50. gab es für die Hofer Filmtage zahllose Sympathiebekundungen von Filmemachern und Kreativen. Können Sie darauf die Zukunft des Festivals aufbauen?

Das ist ganz ehrlich schwierig zu sagen. Ich bin ja nun Thorsten Schaumann, und natürlich bedeutet das auch, dass ich gewisse Dinge anders mache, und die intensiven Beziehungen, die Heinz zu so vielen Filmemachern hatte, nur teilweise oder auch zu anderen habe. Aber meine Gespräche zeigen mir schon, dass es eine große Verbundenheit gibt, die weiterhin bestehen bleibt. Dominik Graf zeigt bspw. wie Eran Riklis und Axel Ranisch in diesem Jahr seinen neuen Film. Das »Home of Films« und die Hofer Familie bleiben bestehen und es werden neue Familienmitglieder dazu kommen.

Wird denn weiter Fußball gespielt?

Unbedingt. Engagierte Filmemacher, die gut im Fußball sind, können immer gerne zum Casting vorsprechen. Dass am Samstagmorgen leicht verkatert, aber mit großer Ernsthaftigkeit Fußball gespielt wird, ist auch ein Kernstück des Festivals. Hoffentlich gewinnen in diesem Jahr die Filmemacher.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl