Produktion

Fatih Akin zu "Aus dem Nichts": "Ein Film über Gerechtigkeit"

Zehn Jahre nach "Auf der anderen Seite" ist Fatih Akin wieder im Wettbewerb von Cannes vertreten. Blickpunkt:Film sprach mit dem hamburger Filmemacher über seine Erwartungen für "Aus dem Nichts", dessen Produktion und weitere Projekte.

11.05.2017 10:40 • von Heike Angermaier
Fatih Akin mit Diane Krüger am Set von "Aus dem Nichts" (Bild: Warner)

Zehn Jahre nach Auf der anderen Seite" ist Fatih Akin wieder im Wettbewerb von vertreten. Blickpunkt:Film sprach mit dem Hamburger Filmemacher über seine Erwartungen für Aus dem Nichts ", dessen Produktion und weitere Projekte.

"Auf der anderen Seite" gewann vor zehn Jahren eine Palme für das Drehbuch. Was erhoffen Sie sich mit Aus dem Nichts"?

Ich habe mir gewünscht, dass der Film in Cannes läuft. Das hat geklappt. Es ist ja schon etwas Besonderes nominiert zu werden. Dass man den Film als relevant und seine kinematografischen Qualitäten anerkannt hat, ist schon die größte Auszeichnung. Jetzt hoffe ich, dass der Film auch beim Festivalpublikum gut ankommt. Alles andere ist Glückssache. Ich saß ja selbst schon in Jurys und weiß, wie es abläuft. Im Wettbewerb zu laufen ist auf jeden Fall für meinen Marktwert und den meiner Filme gut und könnte die Finanzierung zukünftiger Projekte erleichtern. So war es jedenfalls vor zehn Jahren.

Nach The Cut" zweifelten Sie an sich. Mit über 800.000 Zuschauer für Tschick" und der Einladung nach Cannes ist das sicher nicht mehr der Fall, oder?

Unabhängig davon, wie "The Cut" aufgenommen wurde, bin ich froh, dass ich ihn gemacht habe, als ich die Möglichkeit hatte, einen 15-Mio.-Independent auf die Beine zu stellen. Es war wichtig für mich, mit meinem türkischen Erbe einen Film über den Völkermord an den Armeniern zu machen. Und es war auch wichtig für mein Schaffen. Ich habe sehr viel gelernt.

Wie viel Genrefilm steckt in "Aus dem Nichts"?

Wenn "Aus dem Nichts" nur ein klassischer Genrefilm wäre, hätte man ihn in Cannes nicht genommen. Einen klassischen Genrefilm zu machen, würde mich auch nicht interessieren. Er ist viel komplexer. "Aus dem Nichts" ist ein Film über eine junge Mutter, wie ich sie auch aus meinem Umfeld kenne und bewundere, und ein Film über Gerechtigkeit sowohl im rechtsstaatlichen als auch im moralischen Sinne und wie widersprüchlich sie sein können, wie dehnbar der Begriff sein kann. "Aus dem Nichts" ist außerdem ein unterhaltsamer und schneller Film. Ich bin selbst ein nervöser und hektischer Typ und mag die Filme entsprechend.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Hark Bohm am Drehbuch? War Ihnen u.a. sein "Der Fall Bachmeier" ein Vorbild?

Hark und ich sind Freunde und arbeiten seit Jahren zusammen, zuletzt am Drehbuch zu "Tschick". Als ich "Aus dem Nichts" zu schreiben begann, wurde der Gerichtsprozess darin immer gewichtiger. Hark hat Jura studiert und kennt sich nicht nur mit juristischen Zusammenhängen und -abläufen bestens aus, sondern auch mit deren dramaturgischer Umsetzung. So habe ich ihn um Hilfe gebeten. Erwähnen möchte ich auch unbedingt Herman Weigel, Freund von Bernd Eichinger und Dramaturgiespezialist, der zwar nicht am Drehbuch mitgeschrieben aber als künstlerischer Produzent einen sehr wichtigen Beitrag geleistet hat.

Sie haben auch erneut mit Kameramann Rainer Klausmann gearbeitet.

Rainer und ich haben ein eheähnliches Verhältnis, eine sehr gute, fruchtbare Ehe wohlgemerkt. Das heißt, wir müssen über bestimmte Sachen gar nicht mehr reden und probieren neue sexuelle Praktiken aus, um im Bild zu bleiben. Rainer ist für meine Ideen offen, kann sie gut strukturieren. Und er kann vor allem die Seele der Menschen einfangen wie kein anderer Kameramann in Deutschland. Bei ihm wirken die Menschen so, dass sie den Zuschauer berühren, ihm nahe sind. Er leuchtet sie nicht aus wie einen Joghurtbecher oder so. Deswegen arbeite ich immer wieder gerne mit ihm zusammen.

Was haben Sie sich hier gemeinsam Neues ausgedacht?

Der Film unterscheidet sich von meinen vorherigen Filmen. Man kann an meinen Filmen immer erkennen, welche Filme einer bestimmten Strömung ich gerade selbst schaue. Ihre Bildsprache fließt in meine Filme mit ein. Ich stehe quasi im Dialog mit ihnen. Aber ich mag nicht sagen, welche. Das soll der Zuschauer selbst herausfinden. Ich sage, "Aus dem Nichts" ist ein sehr virtuoser Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Wir haben versucht, seine drei Teile mit unterschiedlicher Bildsprache und unterschiedlichem Ton zu gestalten, ohne dass der Film seine Einheit verliert. Er sollte eigentlich früher fertig sein. Die ans Festival geschickte Fassung haben wir aber umgeschnitten. Außerdem ist der Film wie gesagt auch auf der Audioebene aufwändig. Die Musik steuert übrigens Josh Homme von Queens of the Stone Age bei. Es musste einfach alles perfekt sein.

Wie war die Zusammenarbeit mit ihrer Hauptdarstellerin Diane Krüger?

Ich habe noch nie mit jemanden zusammengearbeitet, der so konzentriert ist. Und das über 35 Tage hinweg, an denen jeder Tag ein anderer emotionaler Höhepunkt zu spielen war. Sie ist eine sehr mutige, selbstlose, neugierige und kluge Schauspielerin.

Wie sind Sie zu Macassar aus Paris als Koproduktionspartner gekommen?

Mélita Toscan du Plantier ist eine Bekannte, die über die Jahre, die wir uns in Cannes getroffen haben und über unsere Freundschaft zu Emir Kusturica eine Freundin geworden ist. Mit ihrer Firma produziert sie u.a. Benoit Jacquots "Eva". Sie sagte, dass sie gerne mit mir arbeiten würde, egal bei welchem Projekt. Als wir "Aus dem Nichts" finanzierten, kam ich auf ihr Angebot zurück. So haben wir den Film auch sehr kurzfristig auf die Beine stellen können. Von "Tschick" ging es für mich ja übergangslos zu "Aus dem Nichts".

Steht das nächste Projekt auch schon an?

Ich arbeite meist an zwei, drei Projekten gleichzeitig, u.a. an einem Martial-Arts-Film, zu dem ich mit Lars Hubrich, dem Autor von "Tschick", das Drehbuch schreibe, und am neuen Projekt meines Freundes Önder Cakar, "Kobane", das Drehbuchförderung bekommen hat. Ich habe damals den von ihm geschriebenen Film Takva - Gottesfurcht" koproduziert. Wahrscheinlich wird es aber zuerst auf "Der goldene Handschuh" nach Heinz Strunks Roman hinauslaufen. Ich habe jetzt 18 Monate durchgearbeitet. Es hat mir als Tausendsassa gut getan, mich bei "Aus dem Nichts" nur auf diesen Film konzentrieren zu können und nicht wie bei "Tschick" nach Drehschluss noch mit dem Buch zu "Aus dem Nichts" zu beschäftigen. Ich will jetzt erst einmal in Ruhe schreiben, in Ruhe vorbereiten und dann in Ruhe drehen.

Was ist aus dem geplanten Kinderfilm "Die Geister aus dem 3" geworden?

Als Fantasyfilm wäre er mit immensem digitalen Aufwand verbunden und bräuchte nach jetzigem Stand der Dinge etwa 60 bis 70 Drehtage. Wir müssen also weiter am Drehbuch arbeiten. Manches Projekt braucht einfach länger als andere.

Zur Person

Fatih Akin, Jahrgang 1973, gab 1998 sein Langfilmregiedebüt mit Kurz und schmerzlos". Sein Gegen die Wand" wurde 2004 mit dem Goldenen Bär, vier Lolas u.a. als bester Film, und dem Europäischer Filmpreis prämiert. Mit Moritz Bleibtreu arbeitete in Im Juli", Solino" und Soul Kitchen", der 1,3 Mio. Besucher im deutschen Kino hatte, zusammen. Mit Bombero und Corazon produziert Akin auch Filme anderer Regisseure.