Kino

Oscar-Kommentar: Lol Lol Land

Das hat es noch nicht gegeben in der Geschichte der Oscars: Ein vertauschter Umschlag sorgte dafür, dass die ansonsten so gelungenen 89. Academy Awards als Witznummer in Erinnerung bleiben werden.

27.02.2017 08:33 • von Thomas Schultze
"Moonlight" ist der Gewinner - nicht "La La Land" (Bild: AMPAS)

Da suchte man vier Stunden nach der einen großen Überraschung, der einen Abweichung vom vorgegebenen Skript, dem einen großen Moment, der die ganze Veranstaltung auf den Kopf stellte und zum Sinnbild für die 89. Academy Awards wird. Und dann musste man buchstäblich bis nach der Veranstaltung warten, als La La Land" von Warren Beatty und Faye Dunaway bereits als großer Gewinner bekannt gegeben war und die Dankesreden gehalten waren. Man hatte Beatty den falschen Umschlag gegeben - und tatsächlich war "Moonlight" der Gewinner des besten Films. Zum Glück für alle Beteiligten reagierten die Produzenten von "La La Land" cool und solidarisch und feierten den wahren Sieger, der davor schon die erwarteten Preise für die beste Nebenrolle und das beste adaptierte Drehbuch erhalten hatte. Wie Beatty selbst noch vor laufenden Kameras korrigierte, stand auf der Karte in dem Umschlag, den man ihn auf die Bühne mitgegeben hatte, "Emma Stone - ,La La Land'". Deshalb hatte er irritiert inne gehalten und die Karte Faye Dunaway gezeigt, die den Wink allerdings falsch interpretierte als Geste Beattys, sie solle den Gewinner bekannt geben, und einfach nur "La La Land" ablas. Als Retter in der Not erwies sich schließlich der ohnehin makellose Moderator des Abends, Jimmy Kimmel, der vor laufender Kamera alle Schuld für das Bester-Film-Fiasko auf sich nahm (ohne tatsächlich in irgendeiner Form dafür verantwortlich zu sein) und mit brillanter Schlagfertigkeit an Steve Harvey erinnerte, der 2015 bei der Wahl der Miss Universe eine falsche Gewinnerin ausgerufen hatte.

Einen solchen Faux pas hat es tatsächlich noch nie gegeben in der Geschichte der Oscars. Man will gar nicht recht wissen, wem hinter der Bühne der Kopf abgerissen wurde, während sich auf der Bühne die Macher von "Moonlight" über ihren sensationellen Gewinn freuten. Chaos. Schöner kann man den Zustand der USA gar nicht beschreiben an diesem 26. Februar 2017, an dem zwar "La La Land" sechsmal siegreich war, Damien Chazelle als jüngster Regisseur überhaupt ausgezeichnet wurde und Emma Stone sich, wie letztlich auch erwartet, gegen Isabelle Huppert durchsetzen konnte, aber doch der neue Präsident der USA der Hauptakteur der Veranstaltung war: Vom bissigen und hinreißend komischen Monolog Jimmy Kimmels über zahlreiche Dankesreden aber natürlich die Auszeichnungen selbst hinweg ging es immer wieder um Donald Trump. Aber auch Solidarität war ein Thema an diesem politisierten Abend. Die brüderliche Reaktion der "La La Land"-Entourage setzte ebenso ein entsprechendes Zeichen wie das Statement, das am Vorabend der Veranstaltung von den sechs Regisseuren, deren Filme für den besten fremdsprachigen Oscar nominiert waren, als offener Brief veröffentlicht worden war: Maren Ade, Asghar Farhadi, Martin Zandvliet, Hannes Holm, Martin Butler und Bentley Dean sprachen sich darin für die Vielfalt der Kulturen - und gegen ein Klima des Fanatismus und Nationalismus aus. Dass bei der Preisverleihung der deutsche Beitrag Toni Erdmann", der klar zu den Favoriten gezählt hatte, schließlich leer ausging und Farhadis "The Salesman" siegreich war, hatte sicherlich auch mit der hohen Qualität des Films zu tun, aber ist auch als überdeutliche Reaktion Hollywoods auf den von der Trump-Regierung geplanten Einreisestopp von Besuchern aus sieben überwiegend muslimischen Ländern zu lesen. Viele Oscar-Blogger hatten bereits am Tag der Bekanntgabe des mittlerweile zumindest vorerst wieder abgewendeten Regierungsdekrets angemerkt, dass Farhadi der Sieg nun nicht mehr zu nehmen sei. Schade für "Toni Erdmann", der auf seine Weise ebenfalls viel erzählt über das politische Klima von heute, über eine Welt im Griff multinationaler Firmen und der auseinanderklaffenden Schere derer, die immer mehr besitzen, und derer, die nichts haben. Wie angekündigt, war Farhadi aus Solidarität nicht nach Los Angeles gereist. Statt dessen hatte er einen Brief geschrieben, den er auf der Bühne von der iranisch-amerikanischen Ingenieurin Anousheh Ansari vorlesen ließ: "Meine Abwesenheit hat mit dem Respekt zu tun, den ich für die Menschen meines Landes und sechs anderer Länder empfinde, denen Respekt durch das unmenschliche Gesetz, das Einwanderern die Einreise in die USA unmöglich macht, verweigert wurde."

Angesichts der politischen Entwicklung in den USA war das noch vor einem Jahr vorherrschende Thema bei den Oscars auf einmal Nebensache. Und natürlich kann man den 89. Academy Awards beileibe nicht vorwerfen, "so white" gewesen zu sein: Mahershala Ali hatte wie erwartet für "Moonlight" als bester Nebendarsteller gewonnen. Ebenso war Viola Davis für Fences" als beste Nebendarstellerin gesetzt gewesen, und auch Barry Jenkins hatte als Favorit für das beste adaptierte Drehbuch gegolten. Dass "Moonlight" zum besten Film des Jahres erklärt werden würde, ist indes eine kleine Sensation - und wohl auch dem Tagesgeschehen in den USA zu verdanken: Viele wahlberechtigte Mitglieder des Academy hatten wohl doch ein mulmiges Gefühl, ein buntes und leichtes Musical auszuzeichnen, während in Amerika gerade hart daran gearbeitet wird, dass die Lichter für Minderheiten wenn schon nicht ausgedreht, aber doch zumindest wieder deutlich gedimmt werden: "Moonlight" spiegelt diese Realität dann eben doch eindringlicher wieder als "La La Land", der eher noch von der Hoffnung auf eine weltoffene Regierung der Democrats beseelt ist: Die Schattenseiten des Lebens, von denen "Moonlight" erzählt, rücken seit 20. Januar dieses Jahres doch wieder deutlich in den Mittelpunkt der zumindest künstlerischen Wahrnehmung. Nimmt man noch "Zoomania" dazu, der als bester Animationsfilm gekürt wurde, und vielleicht noch den Dokumentarfilm-Gewinner "O.J.: Made in America", dann ergibt sich doch im Spiegelbild der vier Film-Gewinner des Abends ein sehr aktuelles und brisantes Weltbild: die Geschichte des Kampfes eines jungen Schwarzen um seine eigene Identität, ein iranischer Film rund um die Aufführung eines amerikanischen Theaterstücks, ein Animationsfilm über eine Stadt, in der das harmonische Zusammenleben aller Tiere durch politische Interessen zerstört werden soll, und die Aufarbeitung eines Kriminalfalls um einen ehemaligen schwarzen Footballstar. Das passt dann doch ganz gut.

Breit gestreut waren die Preise: Nachdem "La La Land" mit 14 Nominierungen als Favorit gegangen war, war der Film mit sechs Auszeichnungen auf der meistprämierte. Aber ein Kantersieg, wie er Alles über Eva" oder "Titanic" gelungen war, den beiden anderen Filmen in der Oscar-Geschichte mit 14 Nominierungen, war es nicht. "Moonlight" folgt mit drei Trophäen. Danach gab es nur noch zweifache Gewinner. Sieht man vom Hauptpreis ab, konnte sich in allen Bereichen der Favorit durchsetzen. Höchstens Casey Affleck als bester Hauptdarsteller war ganz zum Ende des Oscar-Rennens nicht mehr unbedingt gesetzt: Hier bestand eine gute Chance, dass doch Denzel Washington zum dritten Mal auszeichnet werden würde. Affleck war dies mehr als bewusst, als er in seiner Dankesrede explizit darauf verwies, dass Washington einer der Ersten gewesen sei, die ihm sein Handwerk beigebracht hätte. Wie zuletzt war es wieder ein starker Jahrgang für Festivalfilme: "Moonlight" hatte seine Premiere in Toronto gefeiert; "La La Land" war Eröffnungsfilm von Venedig und lief danach in Telluride und Toronto; und Manchester by the Sea" war nach seiner Premiere in Sundance ebenfalls in Toronto gelaufen. Zudem hatten die Studios wieder einmal das Nachsehen: "Moonlight" bedeutet den ersten großen Oscar-Gewinn für den Upstart A24; "La La Land" wird in den USA von Lionsgate ausgewertet; und "Manchester by the Sea" ist der erste Kinohit der Amazon Studios.

Aber all das ist erst einmal Nebensache: Heute überwiegt erst einmal der katastrophale Fehler bei der Auszeichnung für den besten Film. Sollte es im Lauf des Tages Neuigkeiten dazu geben, wie es zu den vertauschten Umschlägen kommen konnte, werden wir Sie natürlich auf dem Laufenden halten. Lol Lol Land - wir lachen uns schief, so etwas ist nur in La La Land möglich. Ansonsten zeigen wir uns zufrieden: mit den Preisen, mit der Veranstaltung und mit dem großartigen Jimmy Kimmel, dem man jetzt schon zugesteht, die beste Oscar-Conference seit Billy Crystals Hochzeit zu Beginn der Neunziger hingelegt zu haben. Auch wenn er selbst witzelte: "So schnell, wie ihr Moderatoren wechselt, gehe ich davon aus, dass ich nächstes Jahre nicht wieder vor Euch stehen werde", darf man doch davon ausgehen, dass es 2018 ein Kimmel-Comeback geben wird. Dann hoffentlich ohne vertauschte Umschläge.

THOMAS SCHULTZE