Kino

Programmkinos mit Minus im Rekordjahr

Dass der Arthousemarkt ganz eigenen Gesetzen folgt, wurde bei der Vorstellung der FFA-Programmkinostudie einmal mehr deutlich. Denn während 2015 neue bundesweite Kinorekorde aufgestellt wurden, mussten die Filmkunst-Häuser Einbußen bei Besuchern und Umsatz hinnehmen. Auch zum Gesamtmarkt wurden aktuelle Zahlen präsentiert.

21.09.2016 15:30 • von Marc Mensch
Bestnote: "Elser - Er hätte die Welt verändert" (Bild: NFP (Tobis) / Lucky Bird Pictures)

Dass der Arthouse- gegenüber dem Mainstream-Markt ganz eigenen Gesetzen folgt, wurde bei der traditionellen Vorstellung der aktuellen FFA-Programmkinostudie im Rahmen der einmal mehr deutlich. Denn während 2015 neue bundesweite Kinorekorde aufgestellt wurden, mussten die Filmkunst-Häuser Einbußen bei Besuchern und Umsatz hinnehmen. Den generell stabilen respektive positiven Trend der vergangenen Jahre trübe diese Bilanz jedoch nicht, wie Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino-Gilde feststellte. Vielmehr seien die Zahlen Ausdruck eines Jahres, das in besonderem Maße von großen Mainstream-Blockbustern geprägt war.

Insgesamt lösten im vergangenen Jahr rund 15,6 Mio. Kinobesucher eine Karte für einen Arthousefilm, das waren knapp 650.000 oder rund vier Prozent weniger als noch 2014. Der Ticketumsatz der Programmkinos sank 2015 gegenüber dem Vorjahresergebnis von 113,4 Mio. Euro um rund 1,5 Mio. auf zuletzt 111,9 Mio. Euro. Das Minus belief sich umsatzseitig somit auf gerade einmal 1,3 Prozent - was (natürlich) auch gestiegenen Ticketpreisen geschuldet ist. Erstmals lag der Durchschnittspreis für einen Programmkinobesuch über der Grenze von sieben Euro; bei 7,16 Euro. Eine (moderate) Steigerung von drei Prozent.

Der Besucher- und Umsatzentwicklung entgegen des Branchentrends im vergangenen Jahr ist es auch geschuldet, dass der Anteil von Programmkinosälen an Gesamtbesuchern und -umsatz gegenüber 2014 fiel: Unter dem Strich wurden 11,2 Prozent (2014: 13,4) der Gesamtbesucher und 9,6 Prozent (2014: 11,6) des bundesweiten Boxoffice in Programmkinosälen gezählt. Zu beachten ist dabei, dass sich Filmkunst zunehmend in reinen Programmkinosälen abspielt. War 2010 war noch fast jede fünfte Filmkunst-Leinwand (17,8 Prozent) nicht in einem reinen Programmkino, war es im vergangenen Jahr nur noch jede sechste (14,9 Prozent). Insgesamt gab es am 31. Dezember 2015 in Deutschland 776 Programmkinoleinwände, das entspricht einem Anteil von 16,5% aller 4.692 Kinosäle. Zum Vergleich: 2014 waren es noch 16,9 Prozent.

Bei der Programmkinostruktur gab es keine auffälligen Veränderungen. Filmkunst ist nach wie vor eine Domäne kleiner Häuser, so waren 86 Prozent aller Programmkinoleinwände in Kinos mit maximal drei Leinwänden zu finden; mit durchschnittlich 132 Sitzplätzen sind Filmkunst-Säle zudem deutlich kleiner als der Bundesdurchschnitt (168 Plätze).

Die höchste Programmkinodichte nach Bundesländern weisen nach wie vor Berlin, Hamburg und das Saarland auf - wobei Filmkunst besonders in Großstädten mit mehr als 200.000 Einwohnern zu Hause ist (42,4 Prozent); immerhin jedes fünfte Kino mit Filmkunstangebot (20 Prozent) befindet sich jedoch in Ortschaften mit weniger als 20.000 Einwohnern - ein Beleg für die Bedeutung von Filmkunstkinos für das kulturelle Angebot in der Fläche.

Unter den Besuchern von Arthouse-Filmen befanden sich erneut deutlich mehr Frauen (60,1 Prozent) als Männer. Darüber hinaus war fast die Hälfte aller Besucher (45,7 Prozent) über 50 Jahre alt. Dennoch gab es eine überraschende Entwicklung in der Altersstruktur. Denn die erhebliche Präsenz von Kinder- und Jugendfilmen unter den zehn erfolgreichsten Arthouse-Titeln sorgte für eine deutliche "Verjüngung": Lag das Durchschnittsalter der Filmkunst-Besucher 2014 noch bei 50,4 Jahren, waren es im vergangenen Jahr 45,7 Jahre. Zum Vergleich: Im Gesamtmarkt waren es 36,9 Jahre.

Eine besonders starke Rolle nehmen bei Arthouse-Filmen die sogenannten "Heavy User" mit sieben oder mehr Besuchen pro Jahr ein: Ihr Anteil von 21,7 Prozent entspricht mehr als dem Doppelten des Gesamtmarktanteils von 10,6 Prozent. Bekannt ist auch, dass sich Arthouse-Besucher an der Concessions-Theke weniger spendabel zeigen als die Mainstream-Besucher: Über die Hälfte des Filmkunstpublikums (53,8 Prozent) verzichtete 2015 ganz auf Speisen und Getränke im Kino.

Die nach Schulnoten am besten bewerteten Arthousefilme im letzten Jahr waren "Elser - Er hätte die Welt verändert" (1,24), "Still Alice - Mein Leben ohne Gestern" (1,27) sowie "Der Staat gegen Fritz Bauer" (1,28) und "Die Frau in Gold" (1,34).

Zu beachten ist, dass es sich bei den präsentierten Statistiken um nicht hochgerechnete Zahlen auf Basis einer Befragung mit einer Rückmeldequote von 93 Prozent; respektive um Analysen auf Basis eines GfK-Panels handelt. Die soziodemografischen Auswertungen (u.a. Altersstruktur, Besuchshäufigkeit, Durchschnittsverzehr) beziehen sich also auf das Publikum von Arthouse-Filmen insgesamt, nicht auf die Besucher in Arthouse- und Programmkinos. Die Definition der Arthouse-Filmtitel (zu denen gerade im Kinder- und Jugendsegment sehr Multiplex-lastige Titel wie "Alles steht Kopf" zählen) erfolgte erneut gemeinsam mit der AG Kino-Gilde. Die komplette Studie "Programmkinos in der Bundesrepublik Deutschland und das Publikum von Arthouse-Filmen im Jahr 2015" soll umgehend unter www.ffa.de zum Download stehen.

Bei der Vorstellung der Studie präsentierte der stellvertretende FFA-Vorstand Frank Völkert auch eine aktuelle Analyse der Halbjahres-Zahlen im Gesamtmarkt. Nach GfK-Daten waren demnach zwischen Januar und Juni 19,6 Mio. Menschen mindestens einmal im Kino. Das sind 4,6 Mio. "Unique User" weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum - was natürlich entscheidend zum Rückgang von Besucherzahlen (- 13,9 Prozent) und beim Umsatz (- 11,4 Prozent) beigetragen hat. Auffällig ist laut Völkert, dass im Rekordjahr 2015 jeder fünfte Kinobesucher zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder im Kino war - aber drei Viertel (77 Prozent) aus dieser Besuchergruppe im ersten Halbjahr 2016 keinen Film mehr im Kino gesehen hat.

Auffällig ist zudem der enorme Schub, den 3D-Filme im ersten Halbjahr 2016 erfahren haben. Trotz insgesamt rückläufiger Zahlen wurden gegenüber den ersten beiden Quartalen 2015 ganze 23 Prozent mehr Tickets für 3D-Filme (13 statt 10 Mio.) verkauft.