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34. Filmfest München mit "Leidenschaft"

Im Rahmen einer Pressekonferenz haben Festivalleiterin Diana Iljine und ihre Sektionsleiter einen Einblick auf das Programm des 34. Filmfest München gegeben. Roter Faden durch alle Reihen sei in diesem Jahr die Leidenschaft.

06.06.2016 13:47 • von Jochen Müller
Diana Iljine verspricht Leidenschaft (Bild: Kurt Krieger)

Keinen besseren Ort gebe es, um Filme anzuschauen, als das Kino, sagte Diana Iljine zum Auftakt der Pressekonferenz zum 34, das vom 23. Juni bis 2. Juli stattfindet: "Angesichts einer fast schon explosionsartig zunehmenden Verfügbarkeit von Bewegtbildern im Digitalen ist es uns als Festival ein großes Anliegen, das Kino als relevanten Raum erlebbar zu machen und zu stärken - als Raum der Begegnung." Entsprechend habe man das Programm des Filmfests als Bekenntnis zum Kino zu sehen: 207 Filmpremieren aus 62 Ländern werden zu sehen sein, 47 sind Weltpremieren, sieben internationale, 14 europäische und 125 deutsche Premieren.

Eine besondere Einladung sprach die Festivalleiterin an das junge Publikum zwischen zwölf und 18 Jahren aus, das vom Kernprogramm des Filmfests nicht angesprochen werde: So wird Smaragdgrün", der letzte Teil der Trilogie von Felix Fuchssteiner und Katharina Schöde, als große Gala zu sehen sein. Die beiden ersten Teile, Rubinrot" und Saphirblau", werden am Rande des Filmfests ebenfalls gezeigt. Für das jugendliche Publikum wurde überdies der -Hit Morris aus Amerika" ins Programm der Hauptreihe Spotlight aufgenommen.

"Der rote Faden ist Leidenschaft", nennt Iljine als thematische Linie, die sich durch alle Filme und Reihen zieht: "Leidenschaftlicher Sex, leidenschaftliche Gewalt, Leidenschaft für Musik und Bewegung sind Merkmale, die wir in diesem Jahr stark registriert haben bei den Filmen, die wir sichten und auswählen konnten." Die Geschichte eines leidenschaftlichen Vaters, der leidenschaftlich erzieht, finde sich, wie Iljine anmerkte, im Eröffnungsfilm Toni Erdmann", den man trotz seiner Laufzeit von mehr als 160 Minuten gerne genommen habe - nach der Furore um den Film von Maren Ade in sicherlich eine goldrichtige Entscheidung. Ade hatte 2004 bereits ihr Debüt Der Wald vor lauter Bäumen" in München vorgestellt.

Anschließend übergab Iljine an die Leiter der einzelnen Sektionen, die einen Überblick über ihr Programm gaben und jeweils ihre persönlichen Favoriten nannten. 19 Weltpremieren wird es in der Reihe Neues Deutsches Kino zu sehen geben. Christoph Gröner stellt ein steigendes Vertrauen von Produzenten fest, die mit Filmen auf ihn zukämen, die einen auffälligen internationalen Anspruch und Ausrichtung hätten. "Sie küssen und sie schlagen sich und manchmal bringen sie sich auch um", brachte er die Filme seines Programms auf den Punkt, das er als "wild und sehr kompliziert, wie das Leben in unserer Zeit" beschrieb. Ohne sich einer Quote verschreiben zu wollen und verschrieben zu haben, wies Gröner darauf hin, dass die Hälfte seiner Reihe mit Titeln von weiblichen Filmemachern bestritten werde: "Es war richtig auffällig, dass die Filme von Frauen so stark sind." Ein kleiner Schwerpunkt liegt zudem auf der Münchner Gruppe, die deutsche Filmgeschichte in den Sechzigerjahren mitgeprägt hat: Die Doku "Was man liebt" und der neue Klaus Lemke, Unterwäschelügen", seien dem Thema gewidmet.

Ulrike Frick stellte die Titel der Reihe Neues Deutsches Fernsehen vor, die 19 Filme umfasst, die um den mit 25.000 Euro dotierten Bernd Burgemeister Preis konkurrieren. Schwierig sei ihr die Auswahl gefallen, merkte Frick an, weil die Einreichungen seit fünf Jahren rasend zunähmen: "Alle sind es wert, auf der Leinwand gesehen zu werden." Drei Filme nahm Frick aus ihrem Programm heraus: "Goster" von Didi Danquart, ein wilder Mix aus Chandler-Romanen, dem Kino von Hawks und Huston und Animationssequenzen; Über Barbarossaplatz" von Jan Bonny, angesiedelt im Psychiater- und Psychologenmilieu, ein "schonungsloser, roher, schroffer Film, bei dem sich die Schauspieler verausgaben, wie man es sonst nur noch auf der Bühne erlebt" - ein sicherer Aufreger; und die Siegfried-Lenz-Verfilmung Schweigeminute" von Thorsten M - "ein wunderbares Historienmelodram".

Der CineMerit Award geht am 27. Juni an die Oscar-Preisträgerin Ellen Burstyn, deren neuer Film Wiener-Dog" von Todd Solondz in der Reihe Spotlight läuft. Anlässlich der Preisübergabe wird Alice lebt hier nicht mehr" von Martin Scorsese gezeigt, für den sie den Oscar gewinnen konnte. Zudem werden vier weitere Filme mit der Schauspielerin gezeigt; zwei Folgen aus der Serie House of Cards" wird sie persönlich vorstellen. Die Retro ist Christian Petzold gewidmet: Er wird die meisten der gezeigten Filme selbst präsentieren. Als Weltpremiere wird sein neuer "Polizeiruf 110" gezeigt: Wölfe". Bahman Ghobadi ist die zweite Retro gewidmet: ein iranischer Filmemacher, der die ersten kurdischsprachigen Filme gedreht hat, die international Aufmerksamkeit erregten. "Es ist kein Zufall, dass wir einen Filmemacher einladen, der für die islamische Welt so wichtig ist", lobt Bernhard Karl und nennt den Regisseur einen "großen Humanisten". Überhaupt sei der arabisch-nordafrikanische Kulturkreis filmisch gerade sehr spannend. "Wir wollen den Menschen ein Gesicht geben", merkt Karl an, der der Ansicht ist, dass die massive Medienberichterstattung zur Flüchtlingsthematik eher zu Ressentiments führt anstatt sie abzubauen. Das Kino könne dem eindringliche Bilder entgegensetzen und dazu einladen, sich mit dem Leben der Menschen in den Krisengebieten auf Augenhöhe auseinanderzusetzen.

Florian Borchmeyer wiederum kuratiert im Rahmen der International Independents die Reihe, die sich dem lateinamerikanischen Kino widmet: Sehr düster, sehr politisch seien diese in diesem Jahr. Acht brasilianische Filme stünden besonders im Fokus, die Ausdruck für einen künstlerischer Widerstand in der unabhängigen Produktionsszene gegen den übermächtigen und politisch konservativen Medienkonzern Globo seien. Besondere Empfehlung: "Kill Me Please", der einen atemberaubenden Abstecher in das Reichenghetto von Rio wagt. Als Herzstücke der internationalen Reihe gebe es zwei Wettbewerbe: die CineMasters, mit 50.000 Euro dotiert, wo gestandene Meisterregisseure von Jodorowsky bis Larrain antreten; und CineVision für Erst- oder Zweitlingsfilme, die mit eigener und ungewöhnlicher Bildsprache neue Wege aufzeigen.

Neun französische Filme, fünf von Frauen gedreht, hat Robert Fischer im Programm, der nach 25 Jahren als Programmer in diesem Jahr zum letzten Mal beim Filmfest München dabei sein wird. Er griff Made in France" heraus, einen spannenden Thriller, der sich auf regelrecht prophetische Weise mit Terrorismus in Frankreich befasse. Dazu kommen zehn weitere französischsprachige Koproduktionen, darunter zwei Filme von Joachim Lafosse. "Es wird nicht nur viel geliebt, sondern auch viel gestorben", fasste Fischer seine Auswahl zusammen und nannte in diesem Zusammenhang."La mort de Louis XIV" mit Jean-Pierre Léaud: "Kino ist dem Tod bei der Arbeit zuzusehen", zitierte Fischer Cocteau. Eine Hommage ist zudem dem Altmeister Jacques Rivette gewidmet, der im Januar verstorben ist. Als Glücksfall erweist sich, dass unlängst erst die ersten drei Filme des Altmeisters wiederentdeckt wurden, die eigentlich als verschollen galten. "Lehrlingsfilme".

Die neue Programmerin Sofia Glasl griff ein paar Titel heraus, die sich auf spannende Weise mit Realität und Simulation auseindersetzten: Unter anderem nannte sie einen Filmessay von Werner Herzog, "Lo and Behold", der den Einfluss untersuche, den das Internet auf die Menschheit hat. Im Mittelpunkt des Kinderfilmfest stehen laut Katrin Hoffmann die Themen Familie und Freundschaft - "altbekannte Themen, aber ganz anders und neu aufbereitet": "Blanka" erzählt über ein elfjähriges Mädchen in Manila, das auf der Straße lebt und einen väterlichen Freund findet.,"Auf Augenhöhe" über einen Heimjungen, der seinen Vater zu gefunden haben glaubt. Eine Schicksalsgemeinschaft steht im Mittelpnukt in "Le voyage de Fanny" über eine Kindergruppe 1943 auf der Flucht vor den Nazis in die Schweiz - außerdem im Spotlight zu sehen. "Abulele" aus Israel handele schließlich von einem Monster, das sich Kindern offenbart, die hilfsbedürftig sind. Zudem kündigte Hofmann an, dass Andreas Dresen für einen Workshop anreisen wird - sein Timm Thaler" sei abgedreht.

Hauptpartner des Filmfest München sind Sky, Opel, Hofbräuhaus, als Partner sind Arri, Bayerischer Hof, Kulturreferat München und Telepool mit dabei.