Kino

"Wie ein realer Dschungel" - Walt Disneys "Jungle Book"-Remake

Mit "The Jungle Book" entwickelte Walt Disney eines der aufwändigsten Remakes eines ihrer Zeichentrickklassiker. Unter der Regie von Jon Favreau entstand ein beeindruckender Film, der zwar fast kompett am Computer generiert wurde, sich aber gleichzeitig dem Realismus verschrieben hat. Große Bilder treffen dabei auf spannende Technik im Hintergrund. Blickpunkt:Film wirft einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Prestigeprojekts.

04.03.2016 14:39 • von Matthias Herrmann
Mit "The Jungle Book" verfilmte Jon Favreau einen der größten Disney-Klassiker neu (Bild: Walt Disney)

Wohl kein Hollywood-Studio verfolgt das Thema Markenpflege so vehement wie die Walt Disney Motion Pictures Group. Jede der einzelnen Tochterfirmen wie Disneynature, Marvel Studios, Pixar Animation Studios, Walt Disney Animation Studios oder Lucasfilm steht dabei für eine ganz eigene Art von Filmen. Die Kinos und Zuschauer wissen stets was für ein Ton sie erwartet. Das schafft vielleicht Eintönigkeit, aber vor allem Beständigkeit und auch Erfolg. Und selbst wenn das nicht immer so ist, untermauern aus Sicht der Verantwortlichen bei Walt Disney gerade Flops wie John Carter" oder "Lone Ranger", Filme also, die etwas neues wagten und auf keiner bekannten Marke aufbauten, dass eine Rückbesinnung auf die Stärken und Traditionen der Walt Disney Marken umso wichtiger ist. Nicht umsonst feierte das Studio in den letzten Jahren mit Filmen wie "Alice im Wunderland", "Cinderella", "Die Eiskönigin", Into the Woods", Maleficent" oder Die fantastische Welt von Oz" teils große Hits. Dabei handelte es sich mal mehr und mal weniger um eindeutige Remakes alter Disney-Klassiker, immer stand aber das Besinnen auf bekannte Franchise und das Disney-eigene Märchenthema im Vordergrund. Zeitgleich bemühte sich das Mouse House stets, den vermeintlich alten Geschichten einen modernen Touch zu geben. Wenn also z.B. "Die Eiskönigin" wie ein klassischer Disney-Film wirkt, ist diese Einschätzung sicher nicht falsch. Man sollte sich aber auch vor Augen halten, dass der Film vor 30 Jahren deutlich weniger feministische Züge getragen hätte.

Mit "The Jungle Book" wagt sich das Studio nun an eine Neuverfilmung eines ihrer bekanntesten und stilprägendsten Filme. Der Zeichentrickfilm "Das Dschungelbuch" begeisterte seit seiner Premiere 1967 Generationen von jungen Kinofans. So auch Jon Favreau: "Diese Bilder sind tief in meinen Kindheitserinnerungen verwurzelt. In einem der ersten Träume, an die ich mich erinnern kann, erschien mir Mowgli im Schlaf", erzählt der Regisseur. Dennoch hat er nicht sofort "Ja" gerufen, als die Walt Disney Studios mit der Idee eines Remakes an ihn herantraten. Zum einen wollte er nicht derjenige sein, der es vermasselt, zum anderen war sich Favreau nicht sicher, ob er der Technik vertrauen konnte. Zwar hatte er bereits Erfahrungen mit Computeranimationen gemacht, insbesondere durch die ersten beiden Iron Man"-Filme und die Comicverfilmung Cowboys & Aliens". Doch ein komplett animierter Film war Neuland für ihn: "Als ich mit den Verantwortlichen von Disney zusammen saß, verstand ich nicht wirklich, warum gerade jetzt die richtige Zeit für diesen Film sei. Sie sahen aber die Technik, die für Filme wie 'Avatar' oder 'Life of Pi' genutzt wurde, als eine Möglichkeit, etwas völlig neues und einzigartiges zu erschaffen. Und das war es, was mich letztlich interessierte: Die 3D-Animationstechnik nicht für einzelne Aufnahmen zu nutzen, die dann in einen Live-Action-Film eingefügt werden, sondern mit ihrer Hilfe eine ganze Welt von null auf zu erschaffen. So wie es bei 'Avatar' gelang. Und seitdem hat niemand mehr etwas Vergleichbares mit dieser Technik erschaffen." Damit sah er sich auch in der Tradition Walt Disneys: " Wenn wir an Walt Disney denken, denken wir immer an diesen altmodischen Mann, aber in Wahrheit war alles was er tat - die Animationen, die Themenparks usw. - stets der neueste Stand der Technik."

Gleichzeitig wollte Favreau von Anfang an eine glaubwürdige und sehr realistische Welt erschaffen. "Es sollte sich anfühlen, als ob sich die Zuschauer durch einen echten Dschungel bewegen. Unsere Filmwelt sollte sich also bei allen Freiheiten und Überhöhungen zutiefst echt anfühlen." Eine der größten Schwierigkeiten war dabei, die sprechenden Tiere überzeugend rüberzubringen. Für die Bewegungen und Texturen von Tieren, wie zum Beispiel ihr Fell, gibt es mittlerweile für die Animatoren genug Erfahrungswerte. Schwierig wird es bei den Gesichtsbewegungen unter anderem beim Sprechen. Hier ist die Gefahr des Uncanny Valley, also die fehlende Akzeptanz des Gezeigten beim Zuschauer, besonders groß. Dabei wurde ebenfalls alles komplett animiert und beispielsweise nicht auf Motion-Capture-Verfahren zurückgegriffen. "Die Animatoren mussten also auf der einen Seite genau die realen Tierbewegungen studieren. Schon bei 'Bambi' holten sich die Zeichner echte Rehe ins Studio, um ihr Verhalten genau erfassen zu können. Dankenswerterweise können wir heutzutage aber auf Internetvideos und ähnliches zurückgreifen. Auf der anderen Seite mussten die Animatoren die Mimik der Schauspieler erfassen. So wurde zum Beispiel Idris Elba, der Shere Khan seine Stimme leiht, aufgenommen. Die Animatoren hatten dann alle Informationen, die sie brauchten und arbeiteten den Ausdruck des Schauspielers in das Spiel des Tieres ein. Wenn wir schlicht Motion-Capture verwendet hätten, hätte das Ergebnis seltsam ausgesehen, denn Tiere drücken ihre Gefühle einfach anders aus, als Menschen", beschreibt Favreau den Ansatz. Visual Effects Supervisor Robert Legado unterstreicht dies noch einmal: "Es ging darum nachzuempfinden, wie es sich anfühlt, wenn man sich tatsächlich im Dschungel bewegt und sich vorzustellen, wie es wirklich aussehen würde, wenn Tiere in Echt reden könnten."

Der Großteil der Animationen wurde von der Moving Picture Company (MPC) realisiert, die unter anderem bei Guardians of the Galaxy", " Life of Pi", "Godzilla", "Der Marsianer" und vielen weiteren großen Hollywoodfilmen für die Effekte verantwortlich waren. Zu Spitzenzeiten arbeiteten nach Aussage Favreaus über 800 Personen an der Realisierung des Films. Umso wichtiger war es, dass Favreau als Regisseur in der Lage war, den kreativen Überblick zu bewahren. Legado beschreibt seine Aufgabe somit auch wie folgt: "Die Herausforderung war es, Werkezeuge zu kreieren, die Jon Favreau, aber auch den Animatoren und Kameramann Bill Pope das Gefühl gaben, einen regulären Film zu drehen. Es ging also darum Werkzeuge wie bei einem Live-Action-Film virtuell zu erschaffen, wie virtuelle Kameras und Belichtungen, durch die der Kameramann Entscheidungen wie bei einem echten Film treffen konnte." Dies betraf vor allem auch den Dreh mit Neel Sethi, dem Darsteller von Mowgli und quasi der einzige reale Schauspieler in "The Jungle Book". Damit er sich beispielsweise so bewegen konnte, wie es die Szene erforderte, wurde das jeweilige Green-Screen-Set so groß gebaut, dass es exakt dem Bildausschnitt entsprach. Hindernisse, über die er steigen musste, wurden extra in grün im Set errichtet. Wenn Sethi mit anderen Tieren interagierte, übernahmen Schauspieler deren Part, so dass die Größenverhältnisse und Blickrichtungen des Jungen stimmten. "Ein wichtiger Aspekt dabei sind auch die Schatten. Es ist nachwievor schwierig Schatten im Nachhinein überzeugend zu fälschen. Somit mussten die Schatten, die von den Tieren auf Mowglis Gesicht geworfen wurden, bereits vor dem Green Screen vorhanden sein", erklärt Favreau. Für die Szenen, in denen Mowgli auf Baloo reitet, wurde eigens eine bewegliche Gerätschaft entwickelt. "Niemand hatte etwas Vergleichbares bisher gemacht. Eine Art Roboter, die sich wie ein Bär bewegte und auf dem Sethi reiten konnte. Erst dadurch kommt auch das Gefühl des Gewichts von Baloo wirklich realistisch rüber", ergänzt Legado. Und Favreau fasst zusammen: "Das Problem war weniger die einzelnen Aspekte wie die Bäume, die Tiere oder Mowgli realistisch zu gestalten. Das Problem war, all das überzeugend zusammenzuführen. Wir haben wirklich viel bei der Arbeit gelernt. Aber als wir die alten Transkripte zu 'Bambi' durchgingen - damals war bei jeder Storybesprechung zu den Walt-Disney-Filmen ein Stenograph anwesend - merkten wir, dass sich die Animatoren und Autoren damals mit ganz ähnlichen Problemen wie wir rumschlugen. Natürlich unter anderen Vorzeichen, aber 'Bambi' war zum Beispiel im Vergleich zu "Schneewittchen" fast schon fotorealistisch."

Der Anspruch, die Welt in "The Jungle Book" zwar leicht überhöht, aber stets in der Wirklichkeit verwurzelt zu zeigen, führte auch zu manch anderen Problemen. So ist der Affenkönig King Louie im Zeichentrickfilm von 1967 und in der Buchvorlage ein Orang-Utan. Nur leben in Indien, wo das "Dschungelbuch" spielt, keine Orang-Utans. Gleichwohl wollte Favreau diese ikonische Figur nicht weglassen. "Bei der Recherche stießen wir aber auf Knochenfunde, die vor einigen Jahren in Indien stattfanden und die zur ausgestorbenen Primatengattung Gigantopithecus gehörten. Diese war größer, als alle uns bekannten Affenarten und ähnelte wohl den heutigen Orang-Utans. Gleichzeitig weiß niemand, wie sie wirklich aussahen, was uns einige Freiheiten ließ, ohne aber komplett unglaubwürdig zu werden." Und auch bei der Synchronisation von King Louie wurde nicht klein gedacht, schließlich leiht ihm niemand geringeres als Christopher Walken seine markante Stimme. Auch bei den restlichen Figuren kann die Originalversion auf große Namen verweisen: Ben Kingsley spricht Bagheera, Scarlett Johansson die Schlange Kaa und Baloo wird von Bill Murray intoniert. Apropos Ton: Im Disney-Zeichentrickfilm spielen die Musik und singenden Charaktere eine wichtige Rolle. Favreau schraubte diesen Aspekt aber bewusst zurück: "Ich wollte kein Musical machen, da das unserem realistischen Anspruch zuwider gelaufen wäre. Aber natürlich sind all diese Lieder aus dem Film längst Klassiker. Wir mussten also die richtige Balance finden und ich hoffe, dass wir das geschafft haben."

Doch nicht nur Walt Disney arbeitete zuletzt an einer Neuversion von "Das Dschungelbuch". Warner Bros. entwickelt unter der Regie von Andy Serkis seine eigene Neuverfilmung des Stoffes. Doch Favreau sieht dem sichtlich entspannt entgegen: "Am Anfang, als wir noch nicht wussten, wann unsere Filme in die Kinos kommen würden, war es ein Thema. Doch da der Warner-Film erst ab 2017 herauskommen soll, sehe ich nicht, warum es nicht genug Platz für beide Projekte geben soll. Zumal wir ja nicht nur Kiplings Vorlage, sondern auch den Disney-Film von 1967 unsere Ehre erweisen wollen. Unsere Ansätze sind also verschiedene. Und ich bin wirklich gespannt ihre Version zu sehen. Letztlich tragen wir alle die gleichen Kämpfe aus. Und man lernt immer von seinen eigenen Erfahrungen und von denen anderer." Zunächst kann das Publikum aber ab Mitte April erst einmal via Favreaus Version in die Magie des Dschungels Indiens eintauchen.

Matthias Henkel