Kino

Die Sensation ganz am Schluss - Eine Oscar-Analyse

"Spotlight" ist der beste Film - dieser völlig überraschende Preis war das Tüpfelchen auf dem I bei den 88. Academy Awards, die im Vorfeld jede Menge Kritik über sich ergehen lassen mussten, nun aber, genial geleitet von Chris Rock, das Beste aus der verfahrenen Situation machten.

29.02.2016 14:00 • von Thomas Schultze

Ganz bis zum Schluss musste man warten, bis zur Vergabe des letzten Preises, fast genau um 6 Uhr morgens deutscher Zeit: da wurde aus einer kurzweiligen Oscar-Gala ein denkwürdiger Hollywood-Event für die Ewigkeit. Bis dahin hatten die 88. Academy Awards gut unerhalten. Der Eröffnungsmonolog von Chris Rock (im weißen Smoking - #tuxedosowhite) war auf den Punkt und der eskalierten #oscarsowhite-Debatte würdig. Vermutlich bedurfte es eben eines schwarzen Comedians, um die Verhältnisse gerade zu rücken und den Finger in die eigentliche Wunde zu legen: "Opportunity" - schwarze Schauspieler und Filmemacher müssen mehr Gelegenheiten bekommen, ihr Talent zu beweisen. Die Preisvergabe war den Erwartungen entsprechend verlaufen, bis zu diesem einen letzten Preis.

Mad Max: Fury Road" hatte mit sechs Preisen in den technischen Kategorien abgeräumt, damit aber sein Pulver verschossen, als es ans Eingemachte ging. Der große Ennio Morricone durfte seinen ersten regulären Oscar entgegen nehmen, für The Hateful 8", eine eher lässliche Arbeit. Aber egal, niemand im Saal hatte etwas dagegen, den 87-jährigen Maestro als ältesten Oscar-Gewinner der Geschichte mit stehenden Ovationen zu feiern. Brie Larson und Alicia Vikander hatten ihrem Favoritenstatus bei den Darstellerinnenpreisen entsprochen. Mit Saul fia", Alles steht Kopf" und Amy" setzten sich auch in den Bereichen bester fremdsprachiger Film, bester Animationsfilm und beste Dokumentation jeweils die klaren Frontrunner durch. Spotlight" und The Big Short" durften sich über die Drehbuch-Oscars freuen - und waren damit im Grunde raus aus dem Dreikampf, in dem sie sich vermeintlich mit The Revenant - Der Rückkehrer" befanden. Sogar kleine Überraschungen hatte es gegeben: David Ex Machina" setzte sich in der Effekt-Kategorie gegen Goliath Star Wars: Das Erwachen der Macht" durch - was J kurz die Gesichtszüge entgleisen ließ: Wenigstens in dieser Kategorie hatte sich der an den US-Kinokassen erfolgreichste Film aller Zeiten als sicherer Favorit gefühlt. Sylvester Stallone war bei den männlichen Nebendarstellern zwar nicht als haushoher Favorit gehandelt worden. Aber man erwartete ihn als Sieger in dieser Kategorie, weil die Academy solche Geschichten mag, weil sie auf das Narrativ vom Comeback-Kid steht. Und bei Stallone hätte es gepasst: Der Drehbuch-Oscar für Rocky" hatte ihn vor 40 Jahren zum Star gemacht, jetzt hätte er seine Karriere mit seinem letzten Auftritt in seiner Paraderolle krönen können. An seiner Stelle durfte sich der legendäre britische Theaterschauspieler Mark Rylance freuen. Wie begnadet er ist, lässt sich daran ablesen, dass ihm nicht wenige seine vermeintliche Überraschung über den Gewinn abnahmen - dafür hatte er im Verlauf der letzten Monate doch bereits ein paar Auszeichnungen zuviel für seinen Auftritt in Bridge of Spies - Der Unterhändler" erhalten.

Das war der Stand der Dinge, als The Revenant" begann, seine Muskeln spielen zu lassen. Der dritte Oscar für Kameramann Emmanuel Lubezki in Folge war das Hors d'Oeuvre. Dann gab der auch an der Kinokasse erfolgreichste aller nominierten Filme richtig Gas: Alejandro Gonzalez Inarritu holte sich seine zweite Statue nur ein Jahr nach seinem Triumph mit Birdman" ab - tatsächlich hatte er bereits mit dem Dreh von "The Revenant" begonnen, als er 2015 den Academy Award entgegen nahm. Nun befindet sich der Mexikaner in bester Gesellschaft: Zwei Regie-Oscars in Folge hatten bislang nur John Ford (1941 für Früchte des Zorns"; 1942 für Schlagende Wetter") und Joseph L (1950 für "Ein Brief an drei Frauen; 1951 für "Alles über Eva") gewinnen können. Es folgte die Stunde des Leonardo DiCaprio: Sechsmal war der mittlerweile 41-Jährige seit 1994 nominiert gewesen. Nun gehört die Trophäe ihm, verdient, dem letzten großen Filmstar der Welt, dem einzigen, der Kraft seines Namens vermeintlich unmögliche Filmprojekte durchsetzen kann. Unmögliche Filmprojekte wie "The Revenant", der nun das Momentum auf seiner Seite hatte, als Morgan Freeman die Bühne des Dolby Theatre betrat, um den Oscar für den besten Film bekannt zu geben.

"Spotlight" war eigentlich raus gewesen aus dem Rennen, alle Statistiken sprachen gegen Tom McCarthys Film über den weltweiten Missbrauchsskandal in den Reihen der katholischen Kirche, den Journalisten des Boston Globe in mühevollster Kleinstarbeit aufgedeckt hatten. Nachdem der Film nach seiner Premiere in Venedig und Toronto in den letzten Monaten des vergangenen Jahres auch aufgrund diverser Kritikerpreise zunächst als Favorit gegolten hatte, hatte er zuletzt zunehmend an Fahrt verloren. Bei den Golden Globes hatten "The Revenant" (bestes Drama) und "The Big Short" (beste Komödie) die Nase vorn. Die Producers Guild setzte auf "The Big Short", die Directors Guild schlug sich auf die Seite von "The Revenant". In Hollywood sprach man zuletzt von einem Zweikampf, daran konnte auch der erwartete Gewinn von "Spotlight" bei den Independent Spirit Awards am Tag vor den Academy Awards nichts mehr ändern. Zu wenig aufregend, zu bedächtig, nicht denkwürdig genug, hieß es. Und doch las Morgan Freeman schließlich zum Höhepunkt der Veranstaltung den Titel "Spotlight" vor - und sorgte damit für eine der größten Oscar-Sensationen der letzten Jahre. Nach "Die größte Schau der Welt" im Jahr 1953 ist das Drama erst der zweite Film in der Geschichte der Oscars, der neben der Auszeichnung als bester Film nur eine Trophäe entgegen nehmen konnte. Und er ist der erst dritte Film nach "Braveheart" und "L.A. Crash", der nicht bei den Globes, den BAFTA Awards und den PGA Awards siegreich war, am Ende aber doch bei den Oscars triumphieren konnte. Vielleicht war es doch gerade das Altmodische, das bei der, wie wir nun wissen, überwiegend weißen und älteren Academy Eindruck hinterließ. Vielleicht hatte man auch den Eindruck, man müsse unter dem massiven Druck von Außen einen Film mit einer klaren und kämpferischen politischen Aussage gewinnen lassen.

Das passt natürlich sehr gut zu dieser Veranstaltung, die geprägt war von politischen Aussagen: Ob sich nun "Spectre"-Sänger Sam Smith klar zu seiner Homosexualität bekannte, "Big Short"-Autor Adam McKay dazu aufrief, keinen Präsidentschaftskandidaten zu unterstützen, der Geld von den großen Banken nimmt, oder Leonardo DiCaprio seinen Moment in der Sonne nutzte, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen: Es war ein Abend, an dem es galt, Farbe zu bekennen. Keiner sagte es schließlich besser als Moderator Chris Rock, dem es ganz zum Schluss noch gelang, "Black lives matter" ins Mikrofon zu rufen. Wenn sich Oscar diese Energie bewahrt, ist auch künftig noch mit ihm zu rechnen. Dann aber hoffentlich mit einer bunter gemischten Academy. Diversität tut Not.

Thomas Schultze