Produktion

Claudia Tronnier über das Kleine Fernsehspiel im ZDF

10.12.2015 15:17 • von Frank Heine
Das DKF-Team: Vordere Reihe (v.l.n.r.): Cornelia Beil Hernandez (Redaktionsassistentin), Jörg Schneider (Redakteur), Claudia Tronnier (Redaktionsleiterin), Britta Rohmert (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit), Sonja Ternes (Redaktionsassistentin), Julian Gillig (studentische Aushilfe); Hintere Reihe (v.l.n.r.): Lucia Haslauer (Redakteurin), Burkhard Althoff (Stv. Redaktionsleiter), Milena Seyberth (Redakteurin), Christian Cloos (Redakteur), Karin Pflüger, Diana Kraus (Redakteurin), Christoph Jacobs (Redaktionsassistent) (Bild: ZDF)

Pro Jahr realisiert die Redaktion rund dreißig Nachwuchsproduktionen; das dürfte in etwa der Summe des gesamten ARD-Engagements in diesem Bereich entsprechen. Außerdem deckt das Kleine Fernsehspiel alle möglichen Genres ab. Das Spektrum umfasst laut Claudia Tronnier "neben Spielfilmen auch Dokumentarfilme, Doku-Fiction sowie pro Jahr ein bis zwei serielle Produktionen, die wir in unserer TV-Werkstatt Quantum entwickeln." Gut die Hälfte der Projekte sind Kinokoproduktionen. Der etwas kleinere Teil besteht aus Auftragsproduktionen fürs Fernsehen. Die einen sind vollfinanziert, die anderen nur zum Teil, weil sie als Koproduktionen mit anderen Sendern der ZDF-Familie entstehen oder weil eine Filmförderung im Spiel ist.

Tronnier, die seit 1990 für das Kleine Fernsehspiel arbeitet und die Redaktion seit 2008 leitet, versichert, die Kolleginnen und Kollegen seien sich ihrer besonderen Verantwortung für die Nachwuchspflege bewusst: "Wir sind sehr sorgfältig in der Auswahl der Stoffe und Projekte. Wir suchen mit Blick aufs Kino nach Talenten, die eine starke cineastische Handschrift haben und sich mit Themen befassen, die wir für relevant und zukunftsweisend halten. Bei TV-Produktionen schauen wir, ob es sich um Talente handelt, die in Zukunft für einen der Fernsehfilmsendeplätze des ZDF infrage kommen." Angesichts der aktuellen Diskussion um den Anteil der Regisseurinnen am Fernsehfilm ist auch interessant, dass das Geschlecht bei den Auswahlkriterien keine Rolle spielt; trotzdem wird die Hälfe der Filme von Frauen inszeniert. Da das ZDF ohnehin nicht alle Talente unterbringen kann, die das Kleine Fernsehspiel gefördert hat, freut sich die Redaktion auch darüber, wenn sie anderswo Erfolg haben. Regisseur des Rekord-"Tatort" aus Münster (Schwanensee") mit weit über 13 Mio. Zuschauern war André Erkau, der seine ersten Filme, Selbstgespräche" (2007) und Arschkalt" (2011), als Kleine Fernsehspiele inszeniert hat.

Ohnehin hat sich beim Nachwuchs offenbar ein gewisser Bewusstseinswandel vollzogen. Die jungen Regisseurinnen und Regisseure wollen laut Tronnier "vor allem Erfahrung sammeln" und seien daher viel offener für typische TV-Produktionen geworden, weshalb sie es sehr begrüßt, dass das ZDF seine seriellen Formate für den Nachwuchs geöffnet hat. Trotzdem gibt es natürlich bei weitem nicht genug Film- und Serienprojekte, um beispielsweise alle Hochschulabsolventen zu beschäftigen. An der entsprechenden Diskussion will sich Tronnier aber gar nicht erst beteiligen. "Es steht uns nicht zu, den jungen Leuten zu sagen: Studiert lieber was Anderes! Das sind erwachsene Menschen, die sich für diesen Beruf entschieden haben. Ich habe aber den Eindruck, dass viele der von uns geförderten Talente weiter Beschäftigung finden; selbst wenn sie vielleicht nicht die Autorenfilme oder die großen Genreproduktionen drehen, von denen sie einst geträumt haben. Gerade das Fernsehen ist dringend auf Nachwuchs angewiesen, weil es neue Impulse und einen frischen Blick braucht."

Deshalb gibt es für jede größere Hochschule einen "Paten" in der Redaktion, der regelmäßig die ein bis zweimal pro Jahr veranstalteten Screenings besucht und nach neuen Talenten Ausschau hält. Pro Jahr befasst sich das Kleine Fernsehspiel mit 500 Vorschlägen. In einem ersten Schritt werden alle ausgesiebt, die nicht infrage kommen, weil sie kein Nachwuchsprojekt oder thematisch nicht geeignet sind, da das entsprechende Thema kurz zuvor schwerpunktmäßig aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet worden ist. Wichtigstes Auswahlkriterium ist laut Tronnier eine starke Regiehandschrift: "Deshalb schauen wir uns immer auch Arbeitsproben oder Kurzfilme an. Wenn wir das Gefühl haben, Regisseure oder Regisseurinnen verstehen zwar ihr Handwerk, aber wir entdecken keinen besonderen Blick, also nichts, was uns überrascht, kommen sie nicht infrage." Obwohl vermutlich nur wenige Sendeplätze derart regelmäßig Auszeichnungen bekommen, sind potenzielle Preise, wie Tronnier versichert, kein Kriterium: "Wir wählen einen Stoff nicht aus, weil wir hoffen, dass der Film später in Cannes gezeigt wird und wir damit Preise gewinnen. Aber wir freuen uns natürlich über jede Auszeichnung, und für das Renommee der Redaktion sind Auszeichnungen immer gut."

Das jeweilige Budget spielt dagegen naturgemäß sehr wohl eine Rolle. Der redaktionelle Etat ist seit vielen Jahren gleich geblieben; gleichzeitig sind die Kosten jedoch gestiegen. Die Lösung fand sich im eigenen Haus. Bei seriellen Produktionen gab es zuletzt einige Synergieprojekte mit ZDFNeo, etwa die Politsatire Eichwald MdB" oder die Comedyserie Komm schon!" über eine Sexualtherapeutin. Corinnes Geheimnis", ein Dokumentarfilm über ein junges HIV-infiziertes Mädchen, ist gemeinsam mit "37 Grad" und der Abteilung Kinder und Jugend realisiert worden. Die Höhe der einzelnen Budgets richtet sich nach dem jeweiligen Status: Dokumentarfilme werden als Auftragsproduktionen mit bis zu 90.000 Euro und als Kinokoproduktionen mit 70.000 Euro finanziert. Zuletzt sind einige Projekte gemeinsam mit Arte zustande gekommen, sodass die Etats bei 200.000 Euro lagen; als Beispiele nennt Tronnier Die Arier" von Mo Asumang, Mammon - Per Anhalter durch das Geldsystem" von Philipp Enders sowie "Der Jungfrauenwahn" von Güner Yasemin Balci. Bei Spielfilmen gibt es von der Redaktion maximal 330.000 Euro. Hochschulabschlussfilme kosten die Redaktion in der Regel weniger Geld, weil die Mitarbeiter im Rahmen ihrer Ausbildung mitwirken. Kamera, Licht, Schnittplatz etcetera werden ebenfalls von der Hochschule bereitgestellt.

Angesichts des Alters der Filmemacher liegt es auf der Hand, dass die Redaktion verstärkt junge Zuschauer ansprechen will. Aus Sicht Tronniers müsste es sogar ein Vorteil sein, dass diese Zielgruppe das linear ausgestrahlte Fernsehen nur noch am Rande wahrnimmt: "Unsere Filme stehen in der Regel mindestens sieben Tage in der Mediathek, Auftragsproduktionen sogar länger. Durch den Wiederholungsplatz bei ZDF Kultur freitags um 20.15 Uhr verlängert sich die Mediathekpräsenz nochmals. Die Mediatheknutzung ist trotzdem nicht gestiegen, was mich wundert. Wir haben eine eigene Facebookseite, auf der sich die User regelmäßig über den späten Sendeplatz beklagen. Dabei sind doch gerade diese Nutzer offenbar internetaffin, sie könnten sich die Filme gut in der Mediathek anschauen." Die Redaktionsleiterin setzt daher große Hoffnungen in den nächsten Relaunch der ZDF-Mediathek, denn dann soll ein Service angeboten werden, wie es ihn auch bei Streamingdiensten gibt: "Wenn Ihnen der Film X gefallen hat, könnte sie auch der Film Y interessieren." Derzeit muss man in der Suchmaske einen Titel eingeben, aber das geht natürlich nur, wenn man ihn auch kennt. Die Zahlen bei der TV-Ausstrahlung schwanken zwischen 150.000 und 500.000 Zuschauern.

Der erste Programmschwerpunkt im kommenden Jahr wird sich unter dem Reihentitel "Willkommen in Deutschland" mit dem Themenkomplex Rechtsradikalismus und Flüchtlinge beschäftigen. Ein besonderes Highlight dürfte die Serie Familie Braun" (8 mal 6 Minuten) sein, die ihre Premiere zuvor im Netz feiern wird. Zentrale Figuren sind zwei Neonazis, die in einer WG zusammenleben und eines Tages mit einem siebenjährigen farbigen Mädchen konfrontiert werden. Das Kind ist das Ergebnis eines One-Night-Stands, die Mutter wird ausgewiesen, und nun ist der Vater gefragt. Dieses Mädchen stellt alle möglichen Fragen zum Verhalten der beiden Männer und zur Ausstattung ihrer Wohnung mit Hakenkreuz-Mobile und Hitler-Bildern. Im April zeigt das Kleine Fernsehspiel vier internationale Koproduktionen. Dieser Bereich, so Tronnier, "liegt der Redaktion sehr am Herzen, weil die einzelnen Projekte eine Binnenperspektive des jeweiligen Landes bieten. Und wann gibt es im Fernsehen schon mal Filme aus Ländern wie Mexiko, Indien oder Marokko?" tpg

Das Redaktionsteam des kleinen Fernsehspiels:

Claudia Tronnier (Redaktionsleiterin) Burkhard Althoff (Stv. Redaktionsleiter) Christian Cloos (Redakteur) Lucia Haslauer (Redakteurin) Diana Kraus (Redakteurin) Lucas Schmidt (Redakteur) Jörg Schneider (Redakteur) Milena Seyberth (Redakteurin) Britta Rohmert (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Prominenter Nachwuchs

Bekannte Regisseure mit ihren kleinen Fernsehspielen und ihrem aktuellen Film:

Robert Thalheim: Netto" (2005), Am Ende kommen Touristen" (2007), Westwind" (2011) / Kundschafter des Friedens" (Kino). Buket Alakus: "Annam - Meine Mutter" (2001), Eine andere Liga" (2005) / Die Neue" (ZDF). Ali Samadi Ahadi: Salami Aleikum" (2009) / Pettersson und Findus" (ZDF). Lancelot von Naso: Waffenstillstand" (2009) / "Kommissar Marthaler" (ZDF). Katinka Feistl: Bin ich sexy?" (2004); Siehst du mich?" (2005) / Nele in Berlin" (ZDF). Lars Kraume: Dunckel" (1999) / Familienfest", Der Staat gegen Fritz Bauer" (Kino), "Dengler" (ZDF). David Wnendt: Kriegerin" (2011) / Er ist wieder da" (Kino).