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Drehgenehmigungen: Wenn der Behördengang zur Zitterpartie wird

20.08.2015 13:48 • von Jochen Müller

Wenn es beim Erteilen von Drehgenehmigungen in Großstädten zu Problemen kommt, liegt das wohl nicht am fehlenden guten Willen der zuständigen Ämter, sondern schlicht an ihrer Überlastung. In München zum Beispiel warten alle Beteiligten händeringend auf die Eröffnung des im Frühjahr beschlossenen Filmbüros. Die Servicestelle wird Teil des Kreisverwaltungsreferats (KVR), drei Mitarbeiter sollen sich ausschließlich um Anfragen aus der Medienbranche kümmern. Anja Metzger, Leiterin der Film Commission Bayern, hofft, dass die Einrichtung noch in diesem Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird. Film Commissions werden in der Regel von den regionalen Fördereinrichtungen gegründet und unterstützt. Gerade für ortsfremde Unternehmen sind sie als Bindeglied zwischen Produktionsfirmen und kommunalen Ämtern eine wertvolle Hilfe. Viele Städte haben zudem in den letzten Jahren zentrale Anlaufstellen eingerichtet, in denen die genehmigungsrechtlichen Verfahren koordiniert werden. Andernfalls müssten für eine Produktion alle zuständigen Ämter einzeln abgeklappert werden.

Deutschlands beliebtester Film- und Fernsehschauplatz ist mit weitem Abstand Berlin. Nach Angaben des Medienboard Berlin-Brandenburg gab es in der Hauptstadt 2014 rund 4000 Drehtage. Das bleibt selbst bei einer derart riesigen Stadtfläche nicht ohne Folgen für das öffentliche Leben, denn durch Absperrungen oder Parkraumbelegung ist in der Regel auch der Straßenverkehr betroffen; das ist der Hauptgrund, warum man für Dreharbeiten eine Genehmigung braucht. Da zur Zuständigkeit der entsprechenden Behörden meist auch Baustellen, Großveranstaltungen und Demonstrationen gehören, sind sie entsprechend überlastet; vor allem, wenn sie - wie das Münchener KVR oder die Verkehrslenkung Berlin (VLB) - personell nicht in gleichem Maß gewachsen sind wie die Anzahl der Anfragen. In München sorgen im Schnitt 25 bis 30 Kinofilme und circa 100 TV-Produktionen für 3000 Drehtage pro Jahr. Alle Städte versuchen, Drehgenehmigungen innerhalb von zwei Wochen zu erteilen. Gerade im Sommer, wenn besonders viel gedreht wird und die Ämter wegen der Ferienzeit unterbesetzt sind, kann das aber auch schon mal deutlich länger dauern.

Dennoch versichert Michael Lehmann, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Studio Hamburg Produktion Gruppe, die Zusammenarbeit sei in den letzten Jahren viel professioneller geworden: "In Hamburg genießen die Produktionsfirmen grundsätzlich große Unterstützung. Auch in anderen Großstädten hat Film einen ganz anderen Stellenwert als früher." Dazu tragen vermutlich auch die regelmäßigen Begegnungen bei. In Hamburg gibt es ein jährliches "Come together" von Filmschaffenden, Vertretern der Behörden und sowie Polizei. In München sitzen laut Metzger darüber hinaus Vertreter der Verkehrsbetriebe und der Taxiinnung mit am Tisch. Hier scheint der Gesprächsbedarf allerdings auch besonders groß zu sein. Dabei müsste die Stadt eigentlich an Dreharbeiten gewöhnt sein: Seit dem 60er-Jahre-Klassiker "Der Kommissar" ist München durchgängig Schauplatz populärer TV-Serien. Die Zahl der Drehgenehmigungen hat sich seit 2008 jedoch nahezu verdoppelt. Außerdem ist München die am dichtesten besiedelte deutsche Großstadt, weshalb Metzger ein gewisses Verständnis für ihre Mitbürger hat; erst recht in Vierteln, "die als Drehort beliebt sind, aber kaum Parkhäuser zu bieten haben, in die die Anwohner ausweichen könnten, wenn wieder mal eine Straße für Dreharbeiten gesperrt ist. Der Münchener freut sich, wenn seine geliebte Stadt Schauplatz eines Films ist, aber er möchte nicht, dass vor seiner Haustür gedreht wird." Laut Marcus Kreuz, Produktionsleiter bei Studio Hamburg, sei so etwas aber immer auch eine Frage der Kommunikation: "Wir werfen vorher Zettel in die Briefkästen oder kleben sie an die Haustüren, in Ausnahmefällen klingeln wir auch mal. Steht dann immer noch ein Auto im Weg, lassen wir es nicht gleich abschleppen. Wenn die Menschen hören, dass wir 'Notruf Hafenkante' drehen, sind sie meistens ohnehin begeistert."

Grundsätzlich gelte diese Offenheit auch für die Berliner, sagt Christiane Raab, Leiterin der Film Commission Berlin-Brandenburg, aber "Berlin ist hip, jeder will was in Berlin machen, nicht nur die Filmwirtschaft. Es gibt entsprechend viele Veranstaltungen, von den Baustellen ganz zu schweigen; die Belastung für die Stadt ist enorm." Trotzdem hat UFA-Fiction-Herstellungsleiter Tim Greve Berlin bislang "ausnahmslos als sehr drehfreudige und drehfreundliche Stadt erlebt", zuletzt bei der Produktion der Serie "Deutschland '83", deren gut siebzig Drehtage komplett in der Stadt stattfanden. Greve ist bei UFA Fiction meist für die großen historischen Projekte zuständig, die natürlich eine deutlich längere Vorlaufzeit haben als ein TV-Movie. "Bei 'Bornholmer Straße' zum Beispiel haben wir den Behörden ein halbes Jahr vorher mitgeteilt, dass wir ohne Brücke gar nicht erst drehen brauchen. Auf diese Weise hatten alle Beteiligten Zeit genug, um eine Lösung zu finden." Berlin ist auch bei internationalen Produktionen ein extrem gefragter Standort; aktuell entsteht im Studio Babelsberg die fünfte "Homeland"-Staffel. Die Stadt kann sich laut Raab vor Anfragen kaum retten, "aber genau das war das Ziel der Politik. Die derzeitige Situation ist das Ergebnis einer Senatsinitiative aus dem Jahr 1999, die Berlin zum Filmstand-ort machen sollte." Dennoch würden alle Produktionen gleich behandelt: "Es gibt keinen Bonus für internationale Projekte." Einige Bereiche sind allerdings tabu. Für den Pariser Platz am Brandenburger Tor werden so gut wie nie Drehgenehmigungen erteilt, weil es für das Wahrzeichen der Stadt zu viele Antragsteller auch aus Bereichen wie Musik und Sport gibt. Gleiches gilt für Reichstag und Regierungsviertel.

Wer nur mit der Handkamera unterwegs ist, um Passanten zu befragen oder Fassaden für eine Reportage abzulichten, braucht normalerweise keine Genehmigung. Die Regelungen sind jedoch von Ort zu Ort unterschiedlich; es gibt auch Städte, in denen man sich anmelden muss, sobald man bloß ein Stativ aufstellt. Meist sind diese Genehmigungen mit einer Vielzahl von Bedingungen verbunden, die sich aber im Wesentlichen mit den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung decken (keine Feuerwehrzufahrten behindern, keine Behindertenparkplätze blockieren). Eine wichtige Rolle spielt das Thema Sicherheit. Ein Filmset, sagt Christian Dosch, Leiter der Film Commission Region Stuttgart, "ist kein Abenteuerspielplatz, sondern ein Arbeitsplatz für mitunter bis zu 150 Filmschaffende." Die Behörden analysierten allerdings nicht die Gefahren für das Drehteam, denn dafür seien Produktionsleiter und Berufsgenossenschaften zuständig. Die Ämter würden immer dann aktiv, "wenn von den Dreharbeiten gegebenenfalls Gefahren oder Beeinträchtigungen für das Umfeld ausgehen." Aspekte seien unter anderem die Lärmemission von Stromgeneratoren, das Freihalten von Rettungswegen, die richtige Absicherung von Straßensperrungen oder Ausnahmegenehmigungen für Fahraufnahmen.

Bei Eingriffen in den Straßenverkehr braucht man in Hamburg laut Alexandra Luetkens von der dortigen Film Commission neben der Drehgenehmigung auch eine straßenverkehrsbehördliche Anordnung der Polizei. Bei Verfolgungsjagden gebe es außerdem zusätzliche Auflagen, etwa eine deutliche Beschilderung und einen Sicherheitsservice. In einigen Fällen sei die Polizei auch am Set vertreten. Hamburg streitet sich in der inoffiziellen Rangliste mit Köln um den dritten Platz. In Köln werden pro Jahr über tausend Drehgenehmigungen erteilt, in Hamburg gibt es Luetkens zufolge bis zu 1500 Drehtage für Spielfilme, Reihen und Serien. Die Hansestadt hat einen offiziellen Vorlauf von 14 Tagen, bei einfachen Fällen geht es schneller.

In allen Städten gibt es Orte, an denen besonders gern gedreht wird. Die Behörden stecken dann in einer Zwickmühle. Einerseits sind Dreharbeiten im öffentlichen Interesse, andererseits sollen die Nerven der Bürger natürlich nicht über Gebühr strapaziert werden. Deshalb sind die Ämter laut Raab ständig "auf der Suche nach dem goldenen Mittelweg. Wenn im wohlhabenden Ortsteil Zehlendorf eine Villa leer steht, kann man davon ausgehen, dass hier permanent gedreht werden soll. Nach der achten Genehmigung ist dann erst mal für einige Zeit Schluss." In Hamburg erfreut sich die Straße am Kaiserkai großer Beliebtheit. In solchen Fällen bekommt die Film Commission laut Luetkens "den Hinweis, dass wir die Hafencity insbesondere nachts wieder zur Ruhe kommen lassen sollen. Wir helfen den Produktionen dann, auf andere Straßenzüge auszuweichen." Ein grundsätzlich schwieriger Drehort seien die Containerterminals im Hafenbereich: "Das ist Hochsicherheitsgebiet, hier gelten strenge Beschränkungen. Spielfilme mit vierzig Mann starken Teams und großem Fuhrpark sind hier kaum realisierbar." In Köln ist der Roncalliplatz, der Fußgängerbereich vor dem Dom, ebenso für Dreharbeiten gesperrt wie der Bahnhofsvorplatz, der als Evakuierungsfläche für den Hauptbahnhof dient. Allerdings versuchen Film Commissions und Stadtbehörden, auch das Unmögliche möglich zu machen. Als Beispiel aus der jüngeren Zeit verweist Luetkens auf den in Hamburg gedrehten Agententhriller "A Most Wanted Man": "Eine Schlüsselszene sollte auf dem Dach eines Gebäudes in der Speicherstadt spielen. Da gab es zunächst keine Drehgenehmigung. Die Besitzer dieser Häuser wollten nicht den Eindruck erwecken, die Dächer seien für die Öffentlichkeit zugänglich. Da mussten wir gemeinsam mit der Senatskanzlei viel Überzeugungsarbeit leisten."

Zwei der markantesten Orte in München sind der Marienplatz und der Viktualienmarkt, hier ist das Drehen laut Metzger besonders schwierig, weil beide Plätze touristisch extrem stark frequentiert sind. Aber gleichfalls nicht unmöglich, wie die Serie "München 7" beweist, die schon seit vielen Jahren hauptsächlich am Viktualienmarkt entsteht: "Wenn wir einen gewissen Vorlauf haben, gibt es nichts, was wir in München und Bayern nicht hinbekommen würden." Als Beispiel führt sie die Großproduktion "Die drei Musketiere" an, die zu 80 Prozent "on location" entstanden sei: "Da hat sich die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung trotz Hochsaison als extrem kooperativ erwiesen." Es durfte sogar in der Schatzkammer der Münchener Residenz sowie im Hofgarten gedreht werden. Für Oliver Stones Film "Snowden" ist im Frühjahr quasi der gesamte Stadtteil Lehel abgesperrt worden.

Die Frage, warum sich die Städte den ganzen Aufwand antun, stellt sich im Grunde nicht. Der Image-Gewinn liegt auf der Hand, aber auch wirtschaftlich sind Film- und Fernsehproduktionen interessant. Laut Medienboard Berlin-Brandenburg löste "allein die Herstellung der 109 produktionsgeförderten Filme 2014 in Berlin-Brandenburg Ausgaben in mehr als fünffacher Höhe des Förderbetrags aus." Insgesamt seien dank der Filmförderung des Medienboard im letzten Jahr Umsätze in Höhe von fast 120 Mio. Euro in die Hauptstadtregion geflossen. Zur Nutzung der filmtechnischen Infrastruktur, ergänzt Luetkens, "kommt noch das Catering, die Hotelunterbringungen und andere Dienstleistungen. Außerdem werden die in der jeweiligen Stadt lebenden Filmschaffenden beschäftigt, was sich wiederum in Steuer- zahlungen niederschlägt." In Hamburg hat die Film Commission gemeinsam mit Hamburg Tourismus voriges Jahr die Initiative "Hamburg Loves Film" gegründet: weil Filmtourismus immer wichtiger werde. Kreuz kann das bestätigen: "Wenn wir drehen, hören wir immer von den Ausflugsbooten auf der Elbe die Durchsage 'Und hier sehen Sie das Hauptmotiv der ZDF-Serie Notruf Hafenkante!'"

Viele Besucher, versichert Lehmann, klappern in der Hafencity die Motive von "Notruf Hafenkante" ab. Jeder Drehtag ist Werbung für eine Stadt." tpg

Nachgefragt bei Sascha Ommert, Herstellungsleiter bei Bavaria Fernsehproduktion

Wie groß ist die Kooperationsbereitschaft der Großstädte bei Dreharbeiten?

Grundsätzlich machen wir gute Erfahrungen. Dennoch muss man differenzieren: Die meisten zuständigen Behörden müssen neben der Genehmigung von Dreharbeiten noch andere Aufgaben wahrnehmen und haben deshalb eine hohe Arbeitsbelastung. Das Münchener KVR kümmert sich auch um Baustellen oder Absperrungen. Das Amt ist sehr bemüht, Anträge so schnell wie möglich zu bearbeiten, stößt aber manchmal einfach an Kapazitätsgrenzen.

Im Sommer wird am meisten gedreht, dann ist München voller Touristen. Führt das zu Konflikten?

Nein, Touristen stellen kein großes Problem dar. Mit Anwohnern ist es dagegen manchmal nicht ganz einfach; egal in welcher Stadt. Häufen sich die Beschwerden, kann es vorkommen, dass für eine gewisse Zeit gar keine Dreharbeiten mehr in dem jeweiligen Gebiet erlaubt werden.

Ist die Bavaria als Münchner Unternehmen überhaupt auf die Film Commission angewiesen?

Wir sind Anja Metzger, der Leiterin der Film Commission Bayern, sehr zu Dank verpflichtet. Sie hat uns schon manches Mal sehr geholfen und mit diplomatischem Geschick Brücken geschlagen, um bestimmte Dinge kurzfristig noch möglich zu machen.

Welcher Art waren diese Probleme?

Etwa wenn wir kurz vor Drehbeginn doch keine Genehmigung bekommen haben, um eine Straße abzusperren.

Wie groß ist die Bereitschaft der Stadt, das Drehen an beliebten Orten wie dem Marienplatz zu erlauben?

Grundsätzlich ist das möglich, aber abhängig vom Umfang der Dreharbeiten oder der Jahreszeit. tpg