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"In Deutschland operieren vorwiegend deutsche Tätergruppen"

29.07.2015 15:06 • von
2011 erhielt die GVU einen Video Champion im Rahmen der Entertainment Night (Bild: babiradpicture/M. Lüttringhaus)

GVU steht für Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen. Was sind die zentralen Aufgaben der GVU?

Unsere Aufgaben haben sich im Laufe der 30 Jahre unseres Bestehens kräftig verändert und weiterentwickelt. Zum Start waren wir eine Antipiraterie-Organisation allein der Filmwirtschaft; heute sind wir mit Ausnahme der Musikindustrie, was historische Gründe hat, für fast alle Medienbranchen tätig, darunter beispielsweise Games und E-Books, aber auch - beim Schutz der Übertragungsrechte - für die Fußballbundesliga.

Was hat sich bei den Tätigkeiten verändert?

Die Gegenseite arbeitet zunehmend professioneller, das spüren wir deutlich. Das Piraterieproblem hat einmal begonnen mit VHS-Kassetten, die von Banden kopiert und dann auf Märkten verkauft wurden. Später gab es eine Massenbewegung mit dem Aufkommen des Internets, mit dem es irgendwann für jedermann möglich wurde, Raubkopien zu beziehen und selbst zu verbreiten. Heute haben wir im Internet hochprofessionelle und innovative Strukturen, die damit hochprofitable Geschäftsmodelle betreiben und denen nicht so leicht beizukommen ist. Sie bilden heute unseren Fokus.

Gehört zu den Aufgaben der GVU nur das Aufdecken von illegalen Strukturen oder auch Aufklärungsarbeit beim Verbraucher?

Das sollte man nicht voneinander trennen. Wie in jedem Wirtschaftssystem steckt auch hinter der illegalen Verwertung ein System aus Angebot und Nachfrage. Die Anbieter sind die illegalen Betreiber diverser Internetservices, die Nachfrager sind diejenigen, die sich illegalen Content aus dem Netz ziehen. Dazwischen stehen die Filesharer, die mit dem "Konsum" den Content auch gleich an andere User weiterverbreiten. Deshalb muss man beide Seiten adressieren: Betreiber und Nutzer, also Anbieter und Verbraucher. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die Nutzer kommunikativ und edukativ zu adressieren und setzen auf Aufklärungsarbeit an öffentlichen Stellen.

Und die illegalen Betreiber?

Hier gehen wir massiver vor, und es gibt auch keinen Grund, deren kriminelle Strukturen zimperlich anzufassen. Auf die profitorientierte illegale Verbreitung muss man auch Antworten aus dem Strafrecht geben.

Die Strukturen sind nicht nur professioneller, sondern auch globaler geworden. Inwiefern kann man hier als nationale Organisation überhaupt tätig werden?

Globaler sind diese Strukturen vor allem dadurch geworden, dass sie eine Infrastruktur nutzen, die über die ganze Welt verteilt ist: Man kann sich heutzutage problemlos überall in der Welt eine Domain registrieren lassen und nahezu weltweit Serverstrukturen mit Netzanbindung anmieten. Und zwar alles anonym, wenn man will. Es ist aber häufig ein Trugschluss, dass auch die Täter alle international sind. In Deutschland operieren überwiegend deutsche Tätergruppen. Denn aufgrund der besonderen Nutzungsgewohnheiten der deutschen Konsumenten gibt es im Inland einen Schwerpunkt und Fokus auf die deutsche Sprachfassung der illegalen Websites und des dort angebotenen Contents. Das ist in anderen Ländern durchaus anders, dort werden viele Filme im englischsprachigen Original angeboten. Aber das funktioniert in Deutschland nur zum Teil. Wer sich also mit einem illegalen Filmangebot an das deutsche Publikum richtet, braucht dafür deutsche Tonspuren und eine Homepage in fehlerlosem Deutsch. Und das erfordert Spezialisten im Lande.

Wobei auch internationale Plattformen ein Problem darstellen, oder?

Natürlich. ThePirateBay ist ein Beispiel, Kim Schmitz und seine "Mega"-Plattformen eine andere. Hier muss auf globaler Ebene dagegen vorgegangen werden, was ja auch geschieht.

War der größte Fahndungserfolg die Schließung von kino.to im Jahr 2011?

Ja, kino.to war das größte illegale Angebot, das wir jemals schließen lassen konnten. Mehr als das: Es war zugleich, wie der Staatsanwalt es ausdrückte, die bislang größte Urheberrechtsstrafsache der deutschen Rechtsgeschichte. Der Haupttäter hat erst Millionen gescheffelt und wurde am Ende verurteilt - wegen über 1,11 Mio. gewerbsmäßig begangener Urheberrechtsstraftaten! Der Fall Kino.to war aber zugleich auch eine Art Eisbrecher in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Nutzer, der zu einem Paradigmenwechsel geführt hat: Zum ersten Mal wurde medial und in der breiten Öffentlichkeit darüber diskutiert, ob es moralisch legitim ist, ein solches illegales Angebot zu nutzen. Gerade für die jüngeren Leute war bis dahin kino.to zu einer eingeführten Marke geworden, die nahezu jeder User kannte - ein Angebot für jedermann, von dem etliche aufgrund der professionellen Aufmachung gar nicht wussten, dass so etwas illegal war. Letzteres hat sich nun geändert.

Hat sich dadurch auch in der Wahrnehmung nachhaltig was verändert?

Natürlich nutzen seitdem nicht alle nur noch legale Angebote. Schön wäre es. Aber die Diskussion dauert bis heute an und hat bei den Nutzern durchaus eine Veränderung bewirkt. Und es gibt eine Vielzahl, die illegale Angebote nicht mehr nutzen wollen. Man kann also durchaus von einem Bewusstseinswandel sprechen.

Aber ist es nicht wie ein bisschen wie mit der Schlange Hydra: Ein Kopf wird abgeschlagen und zwei neue wachsen nach?

Um die Frage zu ergänzen: Auch den Vergleich mit dem vergeblichen Kampf gegen Windmühlen hören wir oft. Aber wenn man Kriminalität komplett ausrotten könnte, hätte man das längst getan. Aber so ist die Welt nun mal nicht nicht, leider. Es wird stattdessen immer wieder auch Menschen geben, die versuchen, solche illegalen Dienste aufzubauen; und es wird immer Konsumenten geben, die diese Angebote nutzen. Eigennütziges Handeln ist in der Natur des Menschen angelegt und leider ist Rücksichtslosigkeit nicht ausrottbar. Und deshalb wird es auch immer Nachahmer für illegale Websites geben. Dass der Nachfolger von kino.to "kinox.to" heißt, ist ja kein Zufall. Hier wird die Markenbekanntheit des Vorgängers genutzt und die Klon-Seite sieht auch genauso aus wie ihr Vorbild. Die "Piraterie" als solche wird sich also niemals in Gänze beseitigen lassen; von niemandem. Für uns gilt es aber, den Verfolgungsdruck dagegen aufrecht zu erhalten. Denn eins ist sicher: Wenn man nichts dagegen tut, wuchert das Ganze und wird zu einem Krebsgeschwür für die Kreativindustrie.

Sehen Sie das mögliche Strafmaß bei Urheberrechtsverletzungen als gerechtfertigt an oder würden Sie eine noch härtere Linie befürworten?

Das Strafmaß in Deutschland ist im Vergleich zu amerikanischen Verhältnissen gering, im Vergleich zu nordeuropäischen Nachbarn deutlich straffer. Die Frage der Angemessenheit von Strafe ist immer schwierig zu beantworten und hängt auch mit gesellschaftlichen Wertestandards zusammen. Aber die Haftstrafen beispielsweise für die Betreiber von kino.to, halten wir für beachtlich, und sie haben dazu geführt, dass kommerzielle Piraterie in Deutschland nicht mehr nur als Kavaliersdelikt angesehen wird, sondern klar geworden ist, dass der Kreativindustrie damit schwerer Schaden zugefügt wird. Solche wirtschaftlichen Dimensionen würdigen auch die Gerichte mittlerweile, und darüber bin ich sehr froh. Denn kommerziell betriebene Onlinepiraterie" ist schlicht Wirtschaftskriminalität in Gestalt von Cybercrime.

Ein Gros der Einnahmen der illegalen Seiten kam über Werbeeinnahmen zustande. Wie lässt sich das verhindern?

Die Monetarisierungsmodelle dahinter sind ganz unterschiedlich. Ruhm und Ehre bilden nur in wenigen Bereichen der Zuliefererszene das Motiv. Das ganze System funktioniert nur, weil die Betreiber damit Geld verdienen. Die wichtigsten Einnahmequellen sind Benutzergebühren und vor allem Werbeeinnahmen. Wir führen seitens der Rechteinhaber seit drei Jahren sehr fruchtbare Gespräche mit der Werbewirtschaft einschließlich der Agenturen, die sich im Kern mit uns einig sind, illegale Angebote nicht fördern und unterstützen zu wollen. Denn Werbeumfelder sind auch entscheidend für das Markenrenommee eines werbungtreibenden Unternehmens, und Piraterie-Websites sind dafür kontraproduktiv. Zwar gibt es auch in der Werbung schwarze Schafe. Aber Werbeplatzierungen auf illegalen Seiten aus Nachlässigkeit oder Unwissenheit können wir verhindern. Allerdings brauchen gerade die Agenturen dabei auch Unterstützung von den Rechteinhabern. Wir arbeiten deshalb seit drei Jahren gemeinsam an einem Selbstregulierungsmodell der Werbewirtschaft. Die Schwierigkeit besteht darin, das mit den Vorstellungen des Bundeskartellamts in Einklang zu bringen. In anderen Ländern wie Österreich, Großbritannien Frankreich gibt es da weniger Vorbehalte, und die Umsetzung ist deutlich einfacher und auch die EU-Kommission interessiert sich stark für das Thema.

Sind andere Länder auch beim Urheberrecht weiter?

Das Urheberrecht ist nach den Plänen der EU-Kommission auf dem Weg zu einer Europäisierung. Wir sind aber noch ein ganzes Stück davon entfernt, in diesem Bereich eine europäische Vollharmonisierung zu bekommen. Dazu gehört auch, dass sich im Internetzeitalter vom Urheberrecht Themen wie Datenschutz und Netzpolitik nicht trennen lassen. Hier liegt noch ein langer, steiniger Weg vor uns, und wir müssen aufpassen, dass diejenigen, die sich um Gesetze schlicht nicht scheren, uns auf diesem Weg nicht einfach überholen und Nutzer als Kunden abnehmen. Die Kreativwirtschaft wird von solchen Leuten so weit und so lange ausgeplündert werden, wie man das zulässt. Und die Frage ist, wie viel dann von ihr übrig bleibt. Zum Urheberrecht in Europa muss den netzpolitisch Engagierten auch künftig verständlich gemacht werden, dass nicht alles, was im Netz zu bekommen ist, auch frei verwendbar ist. Informationsfreiheit ist ein Grundrecht; keine Frage. Aber die Nutzung von illegal verbreitetem Content im Netz, den andere mit ihrer Leistung und ihrem Geld produziert haben, hat mit Informationsfreiheit überhaupt nichts zu tun.

Die GVU vereint inzwischen mehrere Kreativverbände. Verfügt man dadurch über eine größere Lobby?

Absolut. Gerade bei der Kulturwirtschaft ist das sogar entscheidend. Der Film wird in Deutschland oft als amerikanisch dominiert und insoweit als "big money for Hollywood" angesehen. Dagegen haben die Verlage mit dem Buch als anerkanntem deutschem Kulturgut in der Wahrnehmung einen ganz anderen Stellenwert: Es geht um Kultur und Wirtschaft in Deutschland. Je breiter man sich hier also aufstellen kann, um für den Schutz der Rechte der verschiedenen Zweige der Kreativwirtschaft in Deutschland zu argumentieren, desto stärkeres politisches Gewicht haben wir als Verband. Hierzu zählt auch, dass seit einiger Zeit die DFL Mitglied in der GVU ist. Auch die Übertragung von Fußballspielen hat in Deutschland natürlich großes Gewicht.

Gibt es noch Branchen, die Sie gern im Boot hätten?

Wir hätten gern zudem auch die Zeitschriftenverlage bei uns an Bord, die jetzt ebenfalls die Problematik der Ausbeutung durch illegale Online-Plattformen erfassen. Und natürlich blicken wir auf den Bereich Video-on-Demand. Die illegalen Angebote sind deren direkte Konkurrenz. Hier setzen wir bei den ­legalen Anbietern auf mehr Verständnis für die Folgen der illegalen Angebote. Gleiches gilt für die TV-Sender: Bislang überlassen sie zumeist anderen die Aufgabe "Contentschutz". Die aber betrifft nicht nur einzelne Glieder in der Verwertungsrechtekette und erfordert daher eine gerechtere Lastenverteilung als bisher.

In der Vergangenheit gab es diverse Kampagnen der GVU wie die durchaus umstrittene "Raubkopierer sind Verbrecher" oder "Respect Copyright"-Aktion. Ist hier etwas in petto?

Grundsätzlich kann man meines Erachtens nie genug aufklären, man muss bloß aufpassen, die Leute damit nicht irgendwann nur noch zu nerven. Ein Beispiel ist der Belehrungstrailer auf DVDs mit dem Hinweis "Raubkopien sind illegal". Denn das sagt man ja Kunden, die gerade eine (legale) DVD gekauft haben. Da kann man über Sinn und Zweck schon diskutieren. Wir haben stattdessen zu Zeiten des "Wirtschaftsdialogs gegen Medienpiraterie" mit den Telekommunikationsunternehmen und Netzbetreibern lange Zeit darüber Gespräche geführt, wo und wie Kundenkommunikation deutlich sinnvoller einzusetzen wäre. Nur hat das hat mit dieser Gruppe leider nie zu einer Einigung geführt.

Kann die Kreativindustrie überhaupt noch eine Kampagne lancieren, die wirklich Aufmerksamkeit erzeugt?

Das ist nicht einfach, ohne dass dabei die Leute das Gefühl haben, die Message schon hundertmal gehört zu haben. Insofern hat die sicherlich ambivalente, aber in jedem Fall als Provokation erfolgreiche Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher", die irrtümlicherweise oft der GVU zugeschrieben wird, funktioniert. Ich persönlich sehe in branchenübergreifenden, generischen Kampagnen wirklich wenig Sinn; für einzelne Branchen mögen spezifische Kampagnen dagegen stimmiger sein.

Sie sind seit Mitte 2008 Geschäftsführer der GVU. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz dieser Zeit aus?

In jedem Fall waren diese sieben Jahre eine sehr abwechslungsreiche und bewegte Zeit, schon weil die technologische Entwicklung in den letzten Jahren rasant fortgeschritten ist. Und als GVU-Geschäftsführer liegt eine zentrale Aufgabe ja darin, Team und Arbeitsprozesse hierzu stets auf der Höhe der Entwicklung zu halten, um in diesen "Rüstungswettlauf" Schritt zu halten mit der illegalen Gegenseite. Die Erfolge der GVU in den vergangenen Jahren bei der Internetermittlung zeigen aber, dass uns das ganz gut gelungen ist, denke ich. Positiv formuliert: Es wird bei uns nie langweilig, und man muss stets beweglich sein - auch wenn man schon 30 Jahre dabei ist. Gleichzeitig aber braucht man neben Fachkunde aber nicht nur einen langen Atem - denn die Bekämpfung der Piraterie wird nie abgeschlossen sein - sondern auch eine fast schon buddhistische Geduld. Solche Geduld aufzubringen, manchmal auch mit der eigenen Klientel im In- und Ausland, musste auch ich oft selbst erst lernen. Wir müssen oft auch Überzeugungsarbeit bei unseren eigenen Mitgliedsfirmen leisten. Denn wir sind als GVU die Schnittstelle zwischen unseren Mitgliedern, den Behörden und oftmals der Politik - ganz verschiedenen Denk- und Arbeitswelten.

Was sind die größten kommenden Aufgaben und Herausforderungen für die GVU?

Ich sehe Herausforderungen von innen und von außen: Die GVU macht professionelle Arbeit, wofür sie hier im Lande geschätzt wird, und muss dafür speziell qualifizierte Leute beschäftigen. Die Mittelaufbringung innerhalb der Kreativwirtschaft dafür unterliegt aber auch branchen-"politischen" Einflüssen und Schwankungen. Eine ganz wesentliche Aufgabe nach außen wird auch in Zukunft sein, Verständnis für die Problematik bei der Politik zu platzieren. Gerade weil bei den Entscheidungsträgern dort das detaillierte Fachwissen fehlt. Salopp formuliert: Zu unseren Aufgaben gehört es auch, größeren Unsinn zu verhüten, wie beispielsweise in der Vergangenheit die Einführung einer "Kulturflatrate", mit der die illegale Verwertung "abgegolten" werden sollte. Wir haben aber immerhin schon erreicht, dass Piraterie nicht mehr als "Schulhofkriminalität" karikiert wird. Das Urheberrecht muss aber weitergehend geschützt werden. Und das wird nur gehen, wenn man sich der Wahrheit stellt, dass auch das Internet künftig nicht unberührt von Regulierung bleiben kann.