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15 Jahre AL!VE: "Wir kümmern uns auch um die Nebengeräusche"

01.07.2015 15:24 • von
Insgesamt über 600.000 Mal verkauft: der Bollywoodklassiker "In guten wie in schweren Tagen" (Bild: Rapid Eye Movies)

Al!VE wurde im Jahr 2000 als Musikvertrieb gegründet. Wie kam es zum Einstieg in den Videomarkt?

Alfred Beck: Ich kam von HMV zu AL!VE und baute den Tonträgervertrieb mit auf. 2003 kam das DVD-Geschäft dazu.

Nils Zehnpfennig: Damals war ich für die schwedische Firma Escapi tätig, die unter anderem die IMAX-Filme in Deutschland veröffentlichte. Weil wir einen neuen Vertrieb suchten, stellten wir Alfred Beck unsere Produkte vor. Kurze Zeit später meldete er sich und fragte, ob ich zu AL!VE kommen möchte, um den noch jungen DVD-Bereich mit aufzubauen und zu etablieren.

AB: Das erste DVD-Label war mediacs. Damals haben wir Produkte wie Anke Engelkes "Ladykracher" und Stefan Raabs "Best of TV Total" erfolgreich im Markt verkauft. Dadurch stellten auch andere fest, dass wir nicht nur Tonträger, sondern auch DVDs vermarkten können.

Welche Highlights sind Ihnen in 15 Jahren AL!VE in besonderer Erinnerung geblieben?

AB: Eins der größten Highlights war der Bollywooderfolg 2006. Damals zeigte RTL 2 "" im Fernsehen. Das löste einen Ansturm auf die DVDs von Rapid Eye Movies aus. Wir erreichten Platz eins der DVD-Charts und deutlich sechsstellige Verkaufszahlen.

NZ: Für uns war das der blanke Wahnsinn. Auch heute noch ist Bollywood sehr erfolgreich.

Und auf welche Momente hätten Sie lieber verzichtet?

NZ: Eine herbe Enttäuschung war der große Einbruch bei Anime. Mit starken Partnern und dem eigenen Label Red Planet waren wir einer der Marktführer. Durch Piraterie brach dieses Segment innerhalb von wenigen Monaten in sich zusammen. Die Szene stellte komplette Serien online. Von unserem Erfolgsthema "Inuyasha" etwa konnten alle 32 DVDs als einzelne Images mit hochaufgelösten Artworks ohne Risiko illegal heruntergeladen werden. Diese Entwicklung überlebten die meisten Anime-Anbieter nicht und sie tat auch uns sehr weh.

AB: Zu den negativen Erlebnissen zählen natürlich auch die Pleiten im Einzelhandel. Zwar sind wir finanziell ohne großen Schaden herausgekommen. Aber das Verschwinden etwa der meisten Groß- und Systemhändler ist für uns auch deshalb traurig, weil wir bei AL!VE fast alle aus dem Einzelhandel stammen.

Welchen Anteil haben das Musik- und das Videogeschäft heute jeweils?

AB: Das hat sich über die Jahre sehr gewandelt. Während wir anfangs überwiegend Musik vertrieben haben, beträgt der Videoanteil heute rund 85 Prozent. Der Handel nimmt uns inzwischen ganz klar als einen der größten unabhängigen Videoanbieter wahr. Aber Musik ist nach wie vor ein wichtiges Standbein.

Wie viele Videoprodukte sind derzeit lieferbar?

NZ: Ungefähr 4000 verschiedene DVDs und Blu-rays. Pro Jahr erscheinen 350 bis 500 neue Veröffentlichungen. Unser Musikkatalog umfasst ebenfalls etwas über 4000 unterschiedliche Produkte. Jährlich kommen 500 bis 600 hinzu.

Welches waren die bestverkauften Videos in Ihrer Firmengeschichte?

NZ: Dazu gehören natürlich die Bollywoodklassiker "In guten wie in schweren Tagen" und "". Sie wurden über 600.000 beziehungsweise 200.000 Mal verkauft. Mit knapp 400.000 Einheiten war "" einer der erfolgreichsten Einzeltitel. Weitere Topseller waren "" mit 200.000 sowie "" mit 180.000 Units. Als sehr erfolgreich erwies sich die Einführung unseres "MeinPreis"-Katalogs. Dieser umfasst zurzeit 100 Filme, die wir im Rahmen von Aktionen immer wieder im Handel platzieren können. So erreichten wir Absatzregionen, die wir bei einigen Themen im Vorfeld in der Form niemals erwartet hatten. Beispiele dafür sind "" und "" mit je knapp 150.000 Einheiten. Manche Filme verkauften sich bei Erstveröffentlichung vielleicht 10.000 bis 15.000 Mal, erreichten als "MeinPreis"-Produkt dann oft die 100.000er-Marke.

Bitte beschreiben Sie die inhaltliche Ausrichtung des Programms. In welchen Genres ist AL!VE besonders stark?

NZ: Wir sind auch thematisch wirklich breit aufgestellt. Und viele Einkäufer schätzen genau diese Vielfalt unseres Programms. Zum Beispiel haben wir mit Absolut Medien einen erfolgreichen Partner mit Dokumentationen und deutschen Filmen. Rapid Eye Movies ist stark bei Bollywood, Musikdokumentationen und asiatischen Filmen. Capelight veröffentlicht viele Kinofilme und Videopremieren, aber wie zum Beispiel mit "" auch tolle TV-Serien. Mad Dimension ist auf Horror spezialisiert. Auch im Erotikbereich haben wir sehr erfolgreiche Produkte. Zudem zeichnet uns Skalierfähigkeit aus. Wir veröffentlichen sowohl Themen, die nur 1000 Mal im Jahr verkauft werden, als auch welche, die in einem Jahr 150.000 Käufer und mehr finden.

Wer sind heute die wichtigsten Vertriebspartner?

NZ: Im Videobereich arbeiten wir mit etwa 40 Partnern zusammen. Dazu gehören Alamode, Capelight, Filmverlag Fernsehjuwelen und Rapid Eye Movies, um nur einige zu nennen. Der Musikbereich ist fragmentierter. Dort sind es 90 bis 100 Labels.

Wie stellen Sie sicher, dass bei dieser Anzahl die einzelnen Partner nicht untergehen?

AB: Das ist unsere Stärke! Wir stufen die Neuheiten entsprechend der Ver­kaufs­er­war­tun­gen, die wir mit unseren Partnern abgestimmt haben, ein. Da gibt es keine Animositäten zwischen den Labels. Das läuft reibungslos. Und da wir keine eigenen Lizenzen vermarkten, gibt es auch in dieser Hinsicht keine Konkurrenzsituation.

Ab welcher Titelanzahl, ab welchen Auf­lagen macht der Vertrieb überhaupt Sinn?

NZ: 1000 Stück sollten sich im ersten Jahr verkaufen können. Sonst macht es rein wirtschaftlich wenig Sinn. Uns sind Partner wichtig, mit denen wir gemeinsam einen Katalog aufbauen können. Da ist das einzelne Produkt gar nicht so entscheidend. Wenn zum Beispiel ein etablierter Partner eine spezielle Doku veröffentlichen will, von der wir nur ein paar Hundert im Markt platzieren können, ist das kein Problem. Aber wir wollen keine neuen Partner, die nur einen einzigen Titel mitbringen.

AB: Letztlich kalkulieren die Labels selbst, ob sich eine Veröffentlichung lohnt. Wenn unsere Einschätzungen deutlich auseinanderliegen, sagen wir das. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Wir haben viel Erfahrung mit Vergleichsprodukten und liegen vor allem bei den langfristigen Prognosen meist richtig.

Ist AL!VE auf der Suche nach weiteren Vertriebspartnern?

AB: Na klar suchen wir nach passenden Partnern. Mit vielen, die wir heute erfolgreich vertreiben, sind wir gemeinsam gewachsen. Diese Konstellation finde ich wunderbar. Dabei bieten wir nicht nur den reinen Vertrieb der Produkte an, sondern kümmern uns auch um die Nebengeräusche. Wir beraten beim Lizenzeinkauf, haben eine eigene Grafikabteilung, ein eigenes Authoringstudio, produzieren und kooperieren mit verschiedenen Presswerken.

NZ: Da wir zum 31. Juli die Zusammenarbeit mit Studio Hamburg Enterprises beenden, werden zusätzliche Ressourcen frei.

Warum wird die Kooperation beendet?

NZ: Studio Hamburg kam 2006 als Partner zu uns. Wir hatten wirklich neun tolle Jahre zusammen. Inzwischen deckt sich die strategische Ausrichtung der neuen Studio-Hamburg-Geschäftsführung nicht mehr mit unserer. So ist es für beide Seiten besser, getrennte Wege zu gehen.

AB: Die Fluktuation ist bei uns sonst extrem niedrig. Da machen wir anscheinend einiges richtig, wenn die Partner uns dauerhaft vertrauen.

AL!VE ist 15 Jahre am Markt. Ist das Geschäft schwieriger oder leichter geworden?

AB: Leichter bestimmt nicht. Nach starkem Wachstum halten wir unseren Umsatz seit einigen Jahren relativ stabil. Aber um das Umsatzrad zu drehen, betreiben wir immer mehr Aufwand. Ob es sich um systemische Möglichkeiten wie VMI oder Reportingtools für unsere Außendienstmitarbeiter handelt: Es wird immer aufwendiger. Aber es macht immer noch sehr viel Spaß, sich diesen Herausforderungen zu stellen.

Welches sind derzeit die größten Herausforderungen?

NZ: Ein wichtiger Punkt ist die Monopolisierung im Handel. Für den klassischen Handel wird es immer schwieriger. Gleichzeitig scheint die Macht derer, die übrig sind, immer größer zu werden. Damit steigt auch das Risiko. Vor einigen Jahren gab es mit heute nicht mehr existierenden Partnern wie Karstadt, Kaufhof, TMI und AMS eine wesentlich breitere Handelslandschaft. So hatten wir bei der Erstauslieferung von Produkten eine viel größere Präsenz. Heute beschränkt sich der stationäre Handel auf die Fachmärkte und Filialisten.

AB: Wir bedienen auch unabhängige Musikläden und Nischenmailorder. Wir wollen möglichst viele Kunden betreuen, um so der Tendenz dieser Marktkonzentration zu begegnen. Wir arbeiten wirklich mit allen Händlern sehr gern und erfolgreich zusammen, aber natürlich schätzen wir auch die Stärke der Onlineanbieter, die spezielle Produktbereiche besser verkaufen können.

Neue Medienhändler sind also nicht zu erwarten?

AB: Wir sind schon froh, wenn der verbleibende stationäre Handel auch in den nächsten Jahren um die Bedeutung und Attraktivität einer guten DVD- und Blu-ray-Abteilung weiß, sie hegt und pflegt und nicht das Interesse verliert. Dabei helfen wir gern mit unserem VMI-System, das wir über unsere Tochter enterlog auch erfolgreich als Dienstleistungspaket für Dritte anbieten.

Wie viele Mitarbeiter sind heute bei AL!VE?

AB: Wir haben 70 Mitarbeiter. Davon sind die meisten in der eigenen Auslieferung beschäftigt. Im Vertrieb sind es insgesamt 15 Mitarbeiter, das Label- und Produktmanagement besteht aus sieben Kolleginnen und Kollegen. Für Österreich arbeiten wir mit Hoanzl, für die Schweiz mit TBA zusammen.

Wie häufig werden die Märkte besucht?

AB: Bei unseren vielen Veröffentlichungen sind wir häufig vor Ort. Die großen Märkte besuchen wir mindestens im zweiwöchigen Rhythmus. Bei den anderen ist das sehr unterschiedlich. In diesem Jahr wollen wir den stationären Handel besonders ins Visier nehmen und schauen, was wir wo noch verbessern können. Stichworte sind hier: VMI, allgemeines Aktionsgeschäft und Backkatalogvermarktung.

Wie ist AL!VE in Sachen Digitalvertrieb aufgestellt?

NZ: Wir bieten unseren Labels den Digitalvertrieb über einen Partner an. Dafür arbeiten wir mit Kontor zusammen. Diese Kooperation bietet für uns den großen Vorteil, dass durch nur einen Partner sowohl Musik als auch Filme digital auf verschiedenen Plattformen an­ge­boten werden. Unser Digitalgeschäft entwickelt sich sehr erfreulich. Dennoch ist der Umsatzanteil insgesamt noch ausbaubar. Und oft stehen die damit verbundenen Kosten in keiner gesunden Relation zum erzielbaren Umsatz. Deshalb konzentrieren wir uns nach wie vor in erster Linie auf den physischen Markt.

Der physische Markt in Deutschland hält sich erstaunlich stabil. Bleibt das so?

NZ: Wir haben zum Glück sehr viele Sammlerprodukte. Wir sind uns sicher, dass wir auch in den nächsten Jahren im physischen Geschäft große Erfolge und sehr gute Verkaufszahlen erreichen können. Trotz allem wappnen wir uns für den digitalen Markt und probieren verschiedene Möglichkeiten aus. Schließlich wollen wir unseren Labels besten Service in beide Richtungen bieten.

AB: Die Entwicklung des physischen Markts steht und fällt natürlich mit dem Handel. Ich kann nur davor warnen, das physische Geschäft zu früh abzuschreiben. Wir als AL!VE haben uns fest vorgenommen, den verbleibenden physischen Markt bestmöglich zu betreuen. Mit unseren Mitarbeitern und Systemen sind wir dafür extrem gut aufgestellt. Gern übernehmen wir den Vertrieb derer, die das physische Produkt nicht mehr vertreiben wollen.

Welche Themen stehen für dieses Jahr ganz oben auf der Agenda bei AL!VE?

NZ: Natürlich konzentrieren wir uns auf die Neuheiten. Aber sowohl mit bestehenden als auch künftigen Partnern wollen wir den Backkatalog noch intensiver vermarkten. Darüber hinaus werden wir noch aktiver in Richtung NTO tätig sein.

Wo sehen Sie AL!VE in fünf Jahren?

AB: Hoffentlich fester im Sattel denn je. Beim Marktanteil wollen wir uns noch verbessern. Ich denke, dass unser Dienstleistungsportfolio künftig mehr denn je gefragt ist.

NZ: Die Menschen werden immer Filme sehen wollen. Je deutlicher es uns gelingt, die komplette Verwertungskette mitzugestalten, desto unabhängiger sind auch wir von einem speziellen Medium. Schon jetzt gehen wir weit über den reinen Vertrieb von CDs oder DVDs hinaus. Bei vielen Labels entwickeln wir die Produkte gemeinsam von Anfang an. Unser Ziel ist es, die Partner so zu betreuen, dass sie mit uns erfolgreich agieren können. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass noch viele Wachstumsmöglichkeiten bestehen, auch wenn der Gesamtmarkt sich nicht so entwickelt.