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Kino

FFG-Novelle: Das rät die Expertenrunde

Blickpunkt: Film liegt der umfassende Abschlussbericht der Expertenrunde zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes vor. Darin werden weitreichende Reformen vorgeschlagen - insbesondere hinsichtlich der künftigen Rolle der Referenzfilmförderung, die zulasten der Projektfilmförderung massiv ausgebaut werden soll.

17.06.2015 16:00 • von Marc Mensch

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Das aktuelle Filmförderungsgesetz gilt noch bis Ende kommenden Jahres, doch die Diskussion um jene Neufassung, die am 1. Januar 2017 in Kraft treten und dann bis Ende 2021 gelten soll, ist bereits in vollem Gange. Schon in ihrem Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2013 hatten Union und SPD zur Unterstützung des Novellierungsprozesses eine Analyse der Wirkung einzelner Förderinstrumente der FFA vorgesehen. Der entsprechende Bericht "Analyse und Bewertung der Entwicklung der FFA-Förderungen 2009 bis 2013" wurde dem FFA-Verwaltungsrat in seiner Sitzung vom 22. Januar vorgelegt. Auf Beschluss des Verwaltungsrates wurde an diesem Tag eine 17-köpfige Expertenkommission unter Vorsitz von FFF-Geschäftsführer Klaus Schaefer eingesetzt, die auf Basis dieses Berichts Empfehlungen für eine zukunftsfeste Gestaltung des FFG erarbeiten sollte. Bis zum 30. April kam diese Runde zu insgesamt sechs Sitzungen zusammen, die Ergebnisse der Konsultationen wurden in einem Abschlussbericht zusammengefasst, der Blickpunkt: Film vorliegt.

Wie es in dem Dokument heißt, hätten sich die Teilnehmer dieser Runde "dem Auftrag gestellt, unabhängig von individuellen Interessen einzelner Branchensegmente die wichtigsten Förderarten und Fördervoraussetzungen der FFA ganz grundsätzlich zu hinterfragen und in einer offenen Diskussion auf den Prüfstand zu stellen. Dies erfolgte mit dem übergeordneten Ziel, im Interesse der gesamten deutschen Filmwirtschaft eine nachhaltige Stärkung des deutschen Films, sowohl hinsichtlich seines kulturellen Erfolgs wie auch seiner wirtschaftlichen Durchschlagskraft zu erreichen." Angesichts der "heterogenen Zusammensetzung der Runde" habe es dabei "in der Natur der Sache" gelegen dass trotz intensiver und zuweilen kontroverser Diskussion "nicht jede Formulierung im Detail die einstimmige Zustimmung aller Beteiligten erfahren hat." Allerdings sei bei den meisten Empfehlungen "zumindest eine mehrheitliche Zustimmung" erreicht worden. Insgesamt wurde die Zusammenfassung am 6. Mai mehrheitlich verabschiedet.

Tatsächlich sieht der Abschlussbericht weitreichende Änderungen am derzeit geltenden Regelwerk vor, die Expertenrunde spricht diesbezüglich von einem "Paradigmenwechsel" - vor allem mit Blick auf die Empfehlungen zur Neugestaltung der Förderung der Filmproduktion (Referenzfilm- und Projektfilmförderung). Laut der Expertenkommission handelt es sich hier um jenen Schlüsselbereich, in dem die Weichen zur Generierung kulturell und wirtschaftlich erfolgreicher Filme gestellt werden. Voraussetzung hierfür sei die Entscheidungsfreiheit der Produzenten in einem automatischen System, für welches künftige Projekt sie Fördermittel einsetzen wollten. Pendant dieser Entscheidungsfreiheit sei dabei die Konsequenz, dass nur diejenigen Produzenten dauerhaft in diesem System verbleiben würden, die überwiegend richtige Entscheidungen treffen. Eine Ausleseprozess, der aber auch für kleinere Projekte vertretbar gestaltet werden müsste, weshalb man die Herabsetzung der Referenzschwelle auf 50.000 (statt wie bisher 150.000) Punkte empfiehlt - bei gleichzeitigem Wegfall der Differenzierung nach Budgetklassen. Im Rahmen der Projektfilmförderung wiederum sollen Produzenten von der Pflicht befreit werden, selbst Eigenmittel in ihr Projekt einzubringen.

Dem Grunde nach solle die bisherige Dualität der Förderung der Filmproduktion zwar beibehalten werden - allerdings mit einer massiven Verschiebung des Förderungsfokus'. So solle das Verhältnis zwischen Referenz- und Projektfilmförderung künftig bei 85:15 liegen. Um die Mittelsituation der Produktionsförderung insgesamt zu verbessern, solle die Mittelvergabe in beiden Förderarten jeweils zu 50 Prozent als Zuschuss bzw. als bedingt rückzahlbares Darlehen erfolgen. Rückflüsse sollen dabei dem Gesamttopf zur Verfügung gestellt werden und keinen individuellen Anspruch des Rückzahlers auslösen. Generell soll die Höchstförderungssumme für die Referenzförderung von zwei auf drei Mio. Euro angehoben werden. Grundsätzlich geht die Expertenkommission davon aus, dass gemäß eines nach ihren Vorschlägen neu gestalteten FFG der Anteil der für Produktionsförderung zur Verfügung stehenden Mittel größer wird - Grundlage hierfür ist die Empfehlung, alle der FFA zufließenden Abgaben (und Rückflüsse) künftig in einem einzelnen Topf zu poolen.

Um auch dem "relativen wirtschaftlichen Erfolg" unterschiedlich budgetierter Filme Rechnung zu tragen, plädieren die Experten zudem für einen "Bonus" in Höhe von 25 Prozent der errechneten Punktzahl für den Fall, dass die Einspielergebnisse eines geförderten Films in den deutschen Kinos höher liegen als seine Herstellungskosten. Auf der anderen Seite spricht man sich für eine Maßnahme aus, die offenbar nicht zuletzt darauf abzielt, die Vielzahl kommerziell letztlich enttäuschender Kinostarts weiter einzudämmen: So sollen geförderte Filme im Einzelfall und unter strengen Auflagen von der Herausbringungspflicht befreit werden können - wobei ein Missbrauch beispielsweise durch einen mit der Ausnahme verbundenen zeitlich begrenzten Ausschluss von Referenzfilmförderung verhindert werden soll.

Ein interessantes Detail: Nachdem bereits das Prädikat "wertvoll" der Deutschen Film- und Medienbewertung nicht mehr zu einer Absenkung der Referenzschwelle beiträgt, soll nun auch das Kriterium "besonders wertvoll" (das aktuell noch eine Absenkung auf die nun vorgeschlagene generelle Schwelle von 50.000 Punkten mit sich bringt) aus dem FFG gestrichen werden. Als Begründung wird angeführt, dass die FBW-Prädikatisierung "keinerlei Auswirkungen (mehr) auf das Besuchsverhalten hat." Die FBW selbst hatte zuletzt 2013 nicht zuletzt unter Verweis auf die jährliche FFA-Studie "Der Kinobesucher" mit einer steigenden Bedeutung der Prädikate für Besuchsentscheidungen geworben.

Mit Blick auf die Nachverwertung von Kinofilmen rät die Expertenrunde dazu, für FFA-geförderte Filme künftig in Ergänzung zu den bereits bestehenden Auszahlungsauflagen die Vereinbarung "angemessener Konditionen für die TV-Auswertung" einzufordern, die entsprechend auch für andere Plattformen wie Video-on-Demand gelten sollen. Diese Konditionen sollen demnach "Nach Möglichkeit" zwischen den Rechteinhabern und TV-Anstalten ausgehandelt werden. Sollte spätestens sechs Monate nach Inkrafttreten des neuen FFG kein Ergebnis erzielt sein, würde die Festsetzung der Konditionen jedoch in die Hände der Richtlinien-Kompetenz der FFA gelegt.

Die von der Expertenrunde empfohlene Verschiebung der Gewichtung von der selektiven zur automatischen Förderung hat nach deren Ansicht auch zur Folge, dass sich "der Bedarf an Entscheidungsgremien und der damit verbundene personelle und administrative Aufwand deutlich reduziert." Für die verbleibende selektive Förderung empfiehlt die Runde daher, die Anzahl der Fördergremien künftig auf zwei Kommissionen zu reduzieren: eine dreiköpfige Drehbuchkommission (siehe dazu im Folgenden) sowie ein vierköpfiges Gremium für den Bereich Produktion / Verleih - Home Entertainment. Letzteres Gremium soll sich aus einem Pool von acht Mitgliedern aus der Gruppe der Produzenten, Verwerter, Urheber und "gesellschaftlich relevanter Gruppen" rekrutieren, die beruflich direkt mit der Herstellung oder Verwertung von Kinofilmen befasst sind. Für die Vergabe der Mittel aus der Kinoförderung soll demnach künftig der FFA-Vorstand (ggf. unter Heranziehung Sachverständiger) zuständig sein.

Ein weiterer Schwerpunkt des Expertenpapiers liegt auf dem Bereich der Drehbuchförderung: Durch die künftige Ausgestaltung als zweistufige Förderung soll eine Steigerung der Drehbuchqualität mit dem Fokus auf marktfähige und künstlerische Drehbücher die Zielvorgabe sein. Dabei soll in einer ersten Stufe noch eine gewisse Breite von Drehbuchanträgen (mit kleineren Förderbeträgen) unterstützt werden, aus denen sich dann die Spitzenprojekte für eine zweite Förderstufe zur weiteren Fortentwicklung und Optimierung herauskristallisieren können. Für diese zweite Förderstufe wird die Konzentration auf maximal acht bis zehn Projekte pro Jahr mit einer Fördersumme von bis zu 100.000 Euro pro Projekt empfohlen. Um das Ziel einer Drehbuchoptimierung zu erreichen, soll im Rahmen der zweiten Förderstufe zudem ein maximal dreiköpfiges Expertenteam zur Begleitung der Fortentwicklung gebildet werden. Förderungen sollen zur Hälfte als bedingt rückzahlbares Darlehen erfolgen, dessen Rückflüsse dem Drehbuchtopf gutgeschrieben werden.

Zu den weiteren wesentlichen Punkten zählt die Empfehlung, eine Förderung auch künftig an Sperrfristen zu binden, wobei die bewährten Möglichkeiten der Sperrfristverkürzung beibehalten werden sollen. Ein völliger Verzicht auf eine Sperrfrist, der aktuell nur bei einstimmigem Präsidiumsbeschluss möglich ist, soll künftig mit einer Mehrheitsentscheidung erreicht werden können - sofern der Präsidiumsvertreter der Kinowirtschaft Teil dieser Mehrheit ist. Ebenfalls vor allem aus Kinosicht interessant: Die Zusatzkopienförderung soll aufgrund geringen werdenden Interesses abgeschafft werden. Und im Sinne der Beseitigung "weißer Flecken" auf der Kinolandkarte wird angeregt, mit der KfW eine Ergänzungsfinanzierung für Kinobetreiber zu erörtern - im Übrigen soll die Aufgabe aber Ländern und Kommunen zufallen.

Den kompletten Abschlussbericht der "Expertenrunde FFG-Novellierung" finden Sie hier.

Die Empfehlungen der Expertenrunde werden von der FFA an die BKM übermittelt und sind nicht etwa als "Ersatz" für die individuellen Stellungnahmen jener Verbände bzw. Unternehmen zu sehen, denen die Teilnehmer angehören. Anzumerken ist abschließend, dass natürlich völlig offen ist, ob und wenn ja inwieweit die BKM sich den Empfehlungen der Expertengruppe anschließt.

Der Expertenrunde gehörten Matthias Elwardt, Florian Gallenberger, Jörg Graf, Martin Hagemann, Alfred Holighaus, Stephan Lehmann, Stefan Lütje, Martin Moszkowicz, Thomas Negele, Kirsten Niehuus, Bettina Reitz, Klaus Schaefer (Vorsitzender), Peter Schauerte, Sonja Schmitt, Manuela Stehr, Tom Spieß und Philip Weinges an.