Festival

Deutsche Filmeinkäufe in Cannes

08.06.2015 13:31 • von Jochen Müller

Die Müdigkeit steckt den deutschen Filmeinkäufern, die nach gereist waren, noch in den Knochen. So auch Kamran Sardar Khan vom Camino Filmverleih, der dieses Jahr den Markt als "sehr anstrengend" empfand und eine "enorme Konkurrenz bei fast allen Projekten" gespürt hat. Letztendlich hat man sich von den "verrückten MG-Miniwars" fern gehalten und nichts gekauft. Sardar Khan stellt zudem fest, "dass es einigen Kollegen doch besser geht, als sie nach außen tragen. Die Verkäufer können sich also nicht beklagen - obwohl einige Deals von der Einkaufstrategie her nicht nachvollziehbar sind." Beim Stuttgarter Independent liebäugelt man noch mit zwei Titeln, die trotz des hohen Anspruchs und der gewonnenen Palmen den deutschen Zuschauern schwer zu vermitteln sind. Außerdem will man noch das eine oder andere Sozialdrama kaufen, Titel von Regisseuren, die man schon im Programm hatte. Entsprechend wird noch gefeilscht und verhandelt. Jeder Einkäufer muss rechnen, niemand lässt sich gern in seine Karten schauen. Nicht so Constantin Film. Man hat, laut Sasha Bühler, Head of Acquisitions, Troublemakers" (aka "Bad Moms"), produziert von Judd Apatow, geschrieben und inszeniert von den Hangover"-Autoren Jon Lucas und Scott Moore, "Shot Caller" von Regisseur Ric Roman Waugh mit Nikolaj Coster-Waldau sowie "Ratchet & Clank", einen Animationsfilm nach dem Sony-PlayStation-Videospiel, erstanden. Bei Universum Film steht man bei "diversen Projekten in Verhandlung"; Titel können noch keine genannt werden. Die Münchner sollen laut IM Global den Zuschlag für James-Ponsoldts Bestselleradaption "The Circle" mit Tom Hanks erhalten haben. Außerdem sollen sie dem Vernehmen nach an Quentin Tarantinos Western The Hateful Eight" dran sein - wie wohl Studiocanal an der Emma-Stone-Komödie La La Land" von Senkrechtstarter Damien Chazelle (Whiplash"). Auch bei Concorde Filmverleih - mit ihm werden Guillaume Nicloux' Valley of Love" mit Isabelle Huppert und Gérard Depardieu, Matteo Garrones Gothic-Märchen "Tale of Tales" mit Salma Hayek sowie Niki Caros Maria-Callas-Biopic in Zusammenhang gebracht - und Prokino gibt man sich (noch) bedeckt; Käufe will man zeitnah melden, wohl wenn die Verträge in trockenen Tüchern sind. Ähnliches gilt für NFP, Ascot Elite Filmverleih und Capelight Pictures. Al Munteanu von SquareOne Entertainment räumt ein, in Cannes gekauft zu haben; Titel könnten jedoch "aus unterschiedlichsten Gründen noch nicht gemeldet werden". Bei Tobis Film in Berlin hält man, so Marketingchef Magnus Vortmeyer, an der gewohnten Praxis fest, kurz nach Festival keine Informationen über eventuelle Einkäufe zu geben. Jan Künemund von Salzgeber & Co. Medien sagt, dass "Cannes leider für unser Programm in diesem Jahr nicht allzu viel hergab. Nicht nur das offizielle Wettbewerbsprogramm hatte kaum Beiträge aus dem Bereich Queer Cinema, auch auf dem Markt war diesbezüglich wenig Attraktives dabei." Lizenziert hat man lediglich einen Film, der bereits in Toronto und Berlin präsentiert wurde: "Dólares de arena", die Verfilmung des Romans "Les dollars des sab-les" von %Jean-Noël Pancrazi%. Für Stefan Paul vom Tübinger Arsenal Filmverleih, wo man noch in den "Cannes-Nachwehen" und Diskussionen über Angebote steckt, war die Filmschau an der Croisette im Vergleich zu Berlin das "erfolgreichere Festival". Zwei neue Titel nahm er ins Programm: die isländisch-dänische Produktion Hrútar" von Grímur Hákonarson, der den Hauptpreis in der Sektion Un Certain Regard gewann, sowie "Canadian Intern", den Nachfolgerfilm des kanadischen Regisseurs Philippe Falardeau (Monsieur Lazhar"), der im September in seine Welturaufführung feiern wird.

X Verleih hat laut Manuela Stehr bisher keine Titel erworben, führt aber bezüglich zweier Filme noch Verhandlungen und spricht über weitere noch nicht fertige Projekte, die in Cannes entdeckt wurden. Laut der Vorstandsvorsitzenden zeichnet sich für ihr Unternehmen der Trend ab, bereits auf Projektbasis bei den Filmen als Partner hinzuzukommen: "Wie auch im letzten Jahr, als wir zum Beispiel ,A Perfect Day' von %Fernando León de Aranoa% auf Drehbuchbasis erworben hatten, der in diesem Jahr Premiere bei der Quinzaine hatte." In der Quinzaine des Réalisateurs ist man bei Koch Media fündig geworden. Man hat sich von der französischen Backup Media die deutschsprachigen Rechte an Takashi Miikes "Yakuza Apocalypse" gesichert, einem Actionhorrorfilm über einen Vampirboss mit %Yayan Ruhlan% ("The Raid") und Riri Furanki (Like Father, Like Son") in den Hauptrollen. Axel Schmidts Pro-Fun Media Filmverleih hat von Film Republic für Deutschland und Österreich Unter der Haut" von Claudia Lorenz gekauft. Das von Elena Pedrazzoli produzierte schweizerische Drama um ein Ehepaar in der Krise feierte im Januar auf dem Uraufführung. Rapid Eye Movies ist bei Stray Dogs fündig geworden und meldet den Kauf von "Sunrise". In dem indischen Drama von Partho Sen-Gupta spielt Adil Hussain (Life of Pi") einen Detektiv, der eine Serie von Kindsentführungen untersucht. MFA+ Film Distribution hat Joachim Triers hoch gelobtes Familiendrama Louder than Bombs" mit Gabriel Byrne, Isabelle Huppert und Jesse Eisenberg sowie das Zombie-Creature-FeatureSky Sharks", Pandora Film hat Meldungen zufolge Umimachi Diary" des renommierten japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda erworben. Der drei-freunde Filmverleih des Kinobetreibers Heinz Lochmann hat sich die Rechte an der Bronzegießerei-Dokumentation Il gesto delle mani" gesichert. Der Film des italienischen Regisseurs Francesco Clerici wurde auf der mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Gleich mehrfach zugeschlagen hat man bei Neue Visionen Filmverleih. Die Berliner Arthousespezialisten haben laut Geschäftsführer Torsten Frehse die französische Produktion "Les chaises musicales" von Spielfilmdebütantin Marie Belhomme, "La pazza gioia", von Paolo Virzi - er arbeitet nach Die süße Gier" wieder mit Valeria Bruni Tedeschi zusammen - sowie die weiteren im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Abenteuer von Belle & Sebastian", die von der Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Hund handeln, akquiriert.

In Kauflaune war man auch bei Splendid Film. Gleich vier hoch gehandelte Produktionen hat man für Deutschland erstanden. Liam Neeson ist der Star von "A Willing Patriot" (Sierra/Affinity), Bruce Willis führt die Besetzungsliste bei Precious Cargo" (Highland) an, in 20th Century Women" (Annapurna) spielen Annette Bening und Greta Gerwig mit, und für seinen Science-Fiction-Film "What Happened to Monday" (SND) konnte Tommy Wirkola ("Hänsel & Gretel: Hexenjäger") Noomi Rapace und Glenn Close verpflichten. In diesem Paket steckt jede Menge Potenzial."Wir waren dieses Jahr überaus aggressiv und hatten die meisten Deals schon vor der Eröffnung des Markts unter Dach und Fach", bilanziert Geschäftsführer Andreas R. Auch Weltkino hat sein Portfolio mit hochkarätigen Neueinkäufen aufgestockt. Nach Mommy" werden die Leipziger auch den nächsten Film des Kanadiers Xavier Dolan in die deutschen Kinos bringen. Das Drama Juste la fin du monde" mit Marion Cotillard, Léa Seydoux, Vincent Cassel und Nathalie Baye basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von Jean-Luc Lagarce. Außerdem erstand man mit dem Wissenschaftsabenteuer "Le glace et le ciel" nach Das Geheimnis der Bäume" bereits zum zweiten Mal einen Film des Oscar®-Preisträgers Luc Jacquet sowie - ein echter Coup - Jacques Audiards (Der Prophet") Flüchtlingsdrama Dheepan", das mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. "Der Film behandelt ein hochaktuelles, brisantes Thema, das in Europa allgegenwärtig ist", begründet Dietmar Güntsche den Einkauf, und Michael Kölmel ergänzt, dass der Film sich "nach 'Winterschlaf', 'Feuerwerk am helllichten Tage' und 'Taxi Teheran' wunderbar in unsere Reihe der Filmfestspielgewinner einfügt". Äußerst zufrieden mit dem Marché du Film war auch Tiberius Film-Geschäftsführer Wolfgang Carl: "Cannes ist immer ein ganz besonders wichtiges Festival für uns, und wir freuen uns sehr, auch dieses Jahr ein breites Spektrum an Neueinkäufen präsentieren zu können." Besonders glücklich ist man über den Erwerb von "Chloe & Theo", dem neuen Film mit "Fifty Shades of Grey"-Star Dakota Johnson sowie der hochklassigen Genreproduktionen "The Stranger" von Guillermo Amoedo und der Mördermär "Clown" von Jon Watts (Cop Car"), die beide von Horror-Maestro Eli Roth (Hostel") produziert wurden. Darüber hinaus freut man sich im Haus über die Verfilmungen der populären "Kommissar Dupin"-Bestseller.

Nichts gekauft hat in Cannes Alamode Film. Tobias Lehmann hat "kaum Interessantes" vorgefunden. Man ist zudem nicht unbedingt auf neue Projekte angewiesen, hat man doch bereits letztes Jahr Gaspar Noés Love" erworben und den 3D-(Sex-)Aufreger nun endlich gesehen. "Uns hat er sehr gut gefallen!" Ebenfalls nicht zugeschlagen hat man beim Göttinger Kairos-Filmverleih. "Dafür reicht", so Wilfried Arnold, "unsere Brieftasche nicht aus. Wir kaufen später, wenn der erste Hype sich gelegt hat." Wenig gestresst dürfte Lothar Seelandt von Movienet Film sein: "Kurz und knapp: Ich war dieses Jahr nicht in Cannes und habe deshalb natürlich keine Titel erworben." geh