Kino

Zwei Triumphatoren, ein Verlierer

Die 86. Academy Awards sind Geschichte. Auch wenn am Ende doch alles ganz folgerichtig wirkte, war es doch ein überaus spannender Abend, weil gerade der Hauptpreis bis zum letzten Moment heiß umkämpft war. Eine Analyse.

03.03.2014 11:17 • von Jochen Müller
Steve McQueen, Regisseur und Produzent des Oscargewinners "12 Years a Slave" (Bild: Michael Yada / A.M.P.A.S.)

"12 Years a Slave" war der allererste Anwärter für die Auszeichnung als bester Film bei den 86. Academy Awards. Gleich nach seinen frenetisch umjubelten Weltpremieren in und war sich die Filmkritik bereits sicher gewesen, dass der vierte Spielfilm des britischen Künstlers und Turner-Prize-Gewinners Steve McQueen der eine Film sei, den man schlagen müsse, wenn man den Best-Picture-Oscar mit nach Hause nehmen wolle. Aber auch wenn es nun, nachdem alles ganz klar ist, wie ein klarer Durchmarsch aussieht, war bis zu dem Moment, an dem Will Smith den Umschlag aufriss und "12 Years a Slave" zum Gewinner des Abends kürte, nicht klar gewesen, wer als Triumphator nach Hause gehen würde: Nicht nur hatte "Gravity" den Abend bis zu diesem Zeitpunkt klar dominiert, mit sieben Preisen, u. a. eben auch für Alfonso Cuaron als bester Regisseur, auch in den Monaten davor hatte sich kein klarer Favorit im Oscar-Rennen herauskristallisiert. Tatsächlich war "12 Years a Slave" nach der ersten Euphorie und einigen Kritikerpreisen etwas ins Hintertreffen geraten. "Gravity" hatten über weite Strecken die Schlagzeilen gehört, auch weil Cuarons technisches Wunderwerk zur Überraschung auch von Warner Bros beim Kinopublikum weltweit einschlug wie eine Bombe und mehr als 700 Mio. Dollar einspielen konnte. Dann waren immer wieder andere Titel in den Fokus gerückt, kurz hoch gehandelt und wieder verworfen, mal schneller wie im Fall von "Saving Mr", mal nicht ganz so schnell wie "Captain Phillips" oder "The Wolf of Wall Street". Als das Oscar-Rennen in die Zielgerade ging, galt sogar "American Hustle" als leiser Favorit, einfach weil der Film beim amerikanischen Publikum so gut ankam und Regisseur David O mit seinem dritten Hit seit 2010 ein so beeindruckendes Comeback hingelegt hatte und als neue Ikone unter den Schauspieler-Regisseuren gefeiert wird: Die Auszeichnung als beste Komödie bei den Golden Globes tat auch nicht weh. "Gravity" und "12 Years a Slave" erhielten wiederum entscheidenden Auftrieb, als sie bei den Preisen der Produzentengilde gemeinsam als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurden - es war das erste Mal, dass der Hauptpreis gesplittet wurde.

Und so war es zum Schluss ein Dreierrennen. Dass der Preis an "12 Years A Slave" ging, diesen ungeschminkten Film über die Gräuel der Sklaverei, von dem man hörte, dass ihn viele Academy-Mitglieder aufgrund seiner Unerbittlichkeit nicht ansehen wollten, scheint im Rückblick zwingend. Aber wenn man sich ansieht, wie Steve McQueen seine Dankesrede gar nicht schnell genug beenden konnte, weil dieser große, massige Kerl einfach nicht anders konnte, als wie ein Flumiball über die Bühne des Kodak Theatres zu toben, dann ahnt man, wie groß die Anspannung gewesen sein muss. Es gab also mit "12 Years a Slave" und "Gravity" zwei große Gewinner. Zum zweiten Mal in Folge war der Gewinner des besten Films nicht deckungsgleich mit dem Gewinner des Regie-Oscars (2013 hatte "Argo" als bester Film gewonnen, während sein Regisseur Ben Affleck nicht einmal nominiert war; der Regiepreis war an Ang Lee für "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger" gegangen) - insgesamt war es die erst 23. Oscar-Verleihung, in dem Film und Regie nicht deckungsgleich prämiert wurden.

Und mit "American Hustle" einen großen Verlierer, der es bei zehn Nominierungen auf null Preise schaffte (zuletzt war "True Grit" vor drei Jahren mit genau dem gleichen Schicksal geschlagen), sich aber immerhin damit trösten kann, sich in bester Gesellschaft zu befinden: "The Wolf of Wall Street", "Nebraska", "Osage County im August" und "Philomena" gingen ebenfalls leer aus, wie auch Harvey Weinstein - oder die jeweils zum neunten Mal nominierten Leonardo DiCaprio und Amy Adams. Sie hatten aber auch nicht zum engen Darsteller-Favoritenkreis gezählt. Matthew McConaughey und Jared Leto galten für ihre beeindruckenden Leistungen in "Dallas Buyers Club" ebenso als gesetzt wie Cate Blanchett in "Blue Jasmine".

Kurz war noch spekuliert worden, der Trubel um ihren Regisseur Woody Allen könne den zweiten Oscar für die Australierin - sie war 2005 für "Aviator" als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet worden - womöglich ins Wanken bringen und Amy Adams einen Vorteil verschaffen, aber Hollywood ließ sich nicht beirren. Wie es auch Jennifer Lawrence ein Jahr nach ihrem Triumph für "Silver Linings" nicht gleich schon wieder auszeichnen wollte, sondern Neuentdeckung Lupita Nyong'o den Vorzug gab.

Überhaupt lassen sich eklatante Fehlentscheidungen nicht entdecken: Vielleicht kann man bemängeln, dass nicht die großartige und weltweit gefeierte Doku "The Act of Killing" in der Kategorie Beste Doku gewann, sondern "Twenty Feet From Stardom" - aber der war nun mal auch nicht wirklich schlecht, nur etwas konventioneller und gerade deshalb vielleicht auch Academy-konformer. Etwas überraschend ging der Preis für den besten animierten Kurzfilm nicht an Disneys "Die Eiskönigin"-Vorfilm, sondern an den französischen Beitrag "Monsieur Hublot", aber sonst gewannen im Grunde die, die man auch als Favoriten bezeichnen konnte: Paolo Sorrentinos "La grande bellezza" war nach der Auszeichnung beim Europäischen Filmpreis der klare Kandidat für den Auslands-Oscar gewesen, ebenso wie "Die Eiskönigin" im Grunde schon als bester Animationsfilm feststand.

Alles richtig gemacht also. Oscar kann sich freuen. Auch dass mit Ellen DeGeneres eine Moderatorin gewählt wurde, die den Abend im Griff hatte und obendrein aufgrund ihrer enormen Popularität in den Staaten auch dafür sorgte, dass es mit den Einschaltquoten für die Fernsehübertragung wieder nach oben ging. Dass es ihr mit ihrem nunmehr legendären Selfie von der Bühne der Gala gelang, Twitter kurzfristig lahm zu legen, mag unterstreichen, dass die Luft noch nicht raus ist aus der Grande Dame der Filmpreisverleihungen. Und wenn es dann auch noch so zu Herzen gehende Dankesreden gibt wie die von Jared Leto, der nicht einfach nur seinen Agenten und seinen Eltern dankte, sondern seine 90 Sekunden auf der Bühne nutzte, um die Aufmerksamkeit auf die Krisenherde Ukraine und Venezuela zu richten (ohne auch nur im Entferntesten selbstgefällig oder ereifernd zu wirken), dann hat die Veranstaltung ihre Daseinsberechtigung noch lange nicht verloren.