Kino

Veronica Ferres und Nina Maag über Construction Film

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Frau Ferres, sind Sie künftig Produzentin oder Schauspielerin? Oder beides? Veronica Ferres: Mein Schwerpunkt ist und bleibt die Schauspielerei. Und doch liegt mir Construction Film sehr am Herzen. Ich habe circa vor zehn Jahren angefangen, Rechte von Büchern zu optionieren. Damals habe ich mich mit Drehbuchautoren zusammengesetzt, weil ich es einfach toll fand, Geschichten nicht nur angeboten zu bekommen und zu spielen, sondern selbst zu entwickeln. Es kamen auch junge Drehbuchautoren, Regisseure oder Produzenten mit Stoffen auf mich zu. Es gab mehr als zehn Projekte, bei denen ich produzentisch involviert war. Ich denke da an "Sie hat es verdient", den wir 2010 gedreht haben. Für diesen Film habe ich die komplette Finanzierung auf die Beine gestellt, nachdem sich der Autor und Regisseur schwergetan hatte damit. Da ich schon 25 Jahre in der Branche arbeite, bringen mir einige Leute bei den Sendern, Verleihern und Förderern großes Vertrauen entgegen. Bedingung war aber oft, dass ich mitspiele. Meiner Meinung hat es sich absolut gelohnt, zum Beispiel bei "Sie hat es verdient" vier jungen Schauspielern eine Bühne geben zu können. Die Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries hat die Goldene Kamera gewonnen und den Audi Generation Award. Für sie war es ein gutes Sprungbrett. Ich mag die Arbeit mit jungen Kreativen.

Dafür hätte man nicht unbedingt gleich eine Produktionsfirma gründen müssen. VF: Ich möchte in einem Team viel bewegen. Warum habe ich die Kontakte, die ich habe? Für mich ist es auch wichtig, Themen anzupacken, die sich sonst keiner anzugehen traut. Damals hat eine bekannte Fernsehspielchefin zu mir gesagt: Veronica, du musst eine eigene Firma gründen, damit dir auch die Rechte bleiben. Du hast über zehn Filme gemacht, bei denen du nur aus Spaß an der Sache mitgeholfen hast. Also habe ich vor eineinhalb Jahren Construction Film gegründet und zunächst allein vor mich hingearbeitet. Das war alles noch sehr formlos und mehr Hobby. Dann hat meine Agentin Inga Pudenz mich auf Nina Maag hingewiesen, eine hervorragende Produzentin. Wir haben uns getroffen und schnell angenähert. Seitdem arbeiten wir zusammen. Nina Maag: Unser erstes Gespräch war nur inhaltlich. Wir haben über unsere Lieblingsfilme und Lieblingsprojekte gesprochen. Es war klar, dass es sich nur dann lohnen würde, zusammen etwas aufzubauen, wenn man eine gemeinsame Vision verfolgt: Vereinfacht gesagt, wollen wir inhaltlich wertvolle Stoffe machen, authentische Geschichten erzählen, junge Leute fördern. Zudem wollen wir uns auch an der großen Komödie in Deutschland versuchen. Wir finden beide: Es gibt Matthias Schweighöfer, Til Schweiger, Michael Bully Herbig, Florian David Fitz und Elyas M'Barek - das sind unsere deutschen Stars. Das heißt, dass die ganzen Themen im Kino alle sehr männlich besetzt sind. Für Frauen sind dagegen nur wenige komödiantische Geschichten im Kino zu finden. Das wollen wir ändern. Da haben wir beispielsweise schon einen ganz tollen Stoff mit zwei jungen, sehr begabten Autorinnen entwickelt. Warner Bros ist an Bord. Nächstes Jahr soll Drehstart sein.

Sie waren zum Zeitpunkt Ihres Treffs Leiterin der Münchner Dependance von Barefoot Films. Was gab für Sie den Ausschlag für den Wechsel zu Construction? NM: Die Zeit bei Barefoot Films war sehr konstruktiv und die Zusammenarbeit mit Till und Tom habe ich sehr genossen. Der entscheidende Impuls war die Chemie zwischen Veronica und mir. Ich arbeite sehr aus einem Bauchgefühl heraus - auch wenn ich Projekte aufstelle. Und bei Veronica und mir hat einfach alles gepasst: Wir waren vom ersten Treffen an auf einer Wellenlänge. Ich sah hier einfach einen größeren Raum für mich und die Chance, mich so einzubringen, wie ich das -haben möchte. VF: Nina ist meine Chefin. Ich finde es wunderbar. Ich lese irgendwo in der Presse einen Dreizeiler und sage: Daraus müssen wir einen Film machen. Dann bremst Nina mich ein oder stimmt mir zu. Sie hat die realistischen Umsetzungschancen im Auge. Ich bin der kreative Wirbelwind, Nina die Realistin. Das ergänzt sich hervorragend. Unlängst hatten wir eine Drehbuchbesprechung, die von morgens um zehn bis abends um 18 Uhr ging. Die konstruktive und kreative Stimmung hat alle Teilnehmer beflügelt.

NM: Wir glauben an eine inhaltliche Zusammenarbeit, mit Betonung auf "zusammen". Natürlich kann nicht immer alles reibungsfrei über die Bühne gehen, überhaupt nicht. Aber unser gegenseitiger Umgang ist immer sehr wertschätzend. Wenn ich auf meine 20-jährige Erfahrung zurückblicke, entstehen in einer solchen Kombination die besten Produkte.

Was werden Ihre Standbeine neben den auf ein weibliches Publikum zugeschnittenen Komödien sein? NM: Neben den deutschen Kinokomödien, die wir entwickeln, haben wir zunächst auch den Nachwuchs im Visier, den wir verstärkt fördern wollen: Konkret entwickeln wir zwei Kinoprojekte mit Nachwuchsregisseuren. Eines davon entsteht in Koproduktion mit Schiwago Film mit Andreas Arnstedt ("Fünf"), das andere ist von Laura Thies, beide sind international vielfach ausgezeichnete Jungregisseure. Vor allem aber haben wir uns auch die Produktion internationaler Stoffe vorgenommen. Der Grund dafür ist, dass die inhaltliche Bandbreite für erfolgreiches Kino in Deutschland immer schmäler wird und die Auswertungschancen für internationale Projekte sehr viel größer sind. Wir haben eine Koproduktion mit X Filme Creative Pool, die Romanverfilmung "Unter Haien" nach dem Bestseller von Nele Neuhaus, die für 2015 angedacht ist. Und wir haben einen internationalen Spielfilm mit Dennis Gansel, für den Mark Hogan das Drehbuch geschrieben hat - das stand 2012 in Hollywood auf der Blacklist. Hierfür ist der Dreh im Herbst/Winter 2014 angedacht. Der Film soll als deutsch-kanadische Koproduktion entstehen.

Sie verfolgen also im Grunde eine dreigleisige Strategie? NM: Richtig: Wir machen deutsche Kinokomödien mit Schwerpunkt auf weiblichen Stoffen, internationale Projekte und Nachwuchsprojekte mit Talenten, an die wir glauben für Fernsehen und Kino. VF: Wenn man nicht nur an den deutschen Markt gebunden ist, hat man in der Finanzierung gerade im Hinblick auf die Weltverkäufe einfach andere Chancen. Außerdem macht mir die internationale Arbeit wahnsinnig viel Spaß. Im Sommer habe ich gerade meinen 15. englischsprachigen Film abgedreht. Der Erfolg auf dem internationalen Parkett kam vor allem durch die internationale Aufmerksamkeit, die "Schtonk!" damals mit seiner Oscar-Nominierung erreichte. In der Folge bekam ich immer wieder Angeboten, in englischsprachigen Filmen zu spielen und konnte so meine internationalen Erfahrungen ausbauen. Außerdem bin ich oft in Los Angeles, weil mein jüngerer Stiefsohn dort studiert. Werner Herzog hat mir unglaublich viel geholfen, er hat mir in Hollywood viele Türen aufgemacht. So kann ich für die internationale Schiene unserer Firma auch was beitragen. Gleichzeitig hat Nina ganz tolle Kontakte.

Wie groß soll Construction Films sein? NM: Wir werden uns erst einmal relativ klein aufstellen. Die Firma besteht aus Veronica und mir, sowie drei weiteren Mitarbeitern hier im Büro. Das heißt, wir sind wendig, haben keinen riesigen Overhead. Wir können wirklich inhaltlich entscheiden, was und wann wir drehen wollen. Wir haben durch unseren kleinen Apparat die Chance, auch in der Kommunikation sehr direkt zu bleiben. Das finde ich extrem wichtig, genauso wie eine gute Energie, dann können die tollsten Sachen entstehen. VF: Mir ist wichtig, offen zu bleiben in Bezug auf unsere Stoffe. Es kann sein, dass wir diejenigen sind, die das kreative Paket schnüren und uns dann auf die Suche nach einem Produzenten machen. Genauso gut kann es sein, dass wir wie bei "Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück", der von Egoli Tossell Film entwickelt und federführend produziert wurde, erst später mit an Bord gehen. "Wir können inhaltlich entscheiden, was wir drehen wollen" NM: Wir machen Projekte mit Veronica, wir machen aber auch Projekte ohne Veronica. Wir entscheiden gemeinsam, was wir machen und sind für viele Konstellationen offen. VF: Ich bin sogar froh, wenn ich nicht überall mitspielen muss. Dieses Jahr habe ich fünf Filme gedreht, die nicht im Zusammenhang mit Construction waren.

Wie viele Filme wollen Sie jährlich mit der Construction Film realisieren? NM: Unser Ziel ist es, ein bis zwei Filme pro Jahr zu realisieren. Das ist schon sehr ambitioniert. Natürlich ist Veronica als Schauspielerin darüber hinaus immer offen für weitere Stoffe. Aber Qualität ist für uns wichtiger als Quantität. VF: Gerade als Darsteller ist es wichtig, einen Film von A bis Z zu begleiten, also bis hin zur Kinoauswertung oder zur Fernsehausstrahlung. Man kann schauspielerisch sein Bestes geben - wenn dann die PR, die Trailer, das Marketing nicht stimmen, kann es die ganze Arbeit beschädigen. NM: Veronica wirft als Schauspielerin einen sehr kreativen Blick auf Stoffe. Das ist etwas, was ich in der deutschen Szene immer mehr vermisse. Dabei ist das sehr wichtig: Gerade bei Stoffen, die auf den ersten Blick manchmal schwierig oder unkonventionell wirken, kann es sein, dass sie später ungemein erfolgreich werden. Man muss die Scheuklappen ablegen und wieder ein Gespür für Stoffe entwickeln anstatt zu versuchen, immer auf Nummer sicher zu gehen. VF: Ich liebe es, mit Menschen zusammen-zuarbeiten. Arbeitszeit ist Lebenszeit, die muss mir Spaß machen. Ich will mit Menschen arbeiten, die ich gern um mich herum habe. Für mich als Schauspielerin geht es auch um Selbstbestimmung. Ich möchte nicht nur reagieren müssen, sondern auch unbedingt etwas bewegen. NM: Wir arbeiten bei Construction Film an Projekten, die von Anfang bis Ende von einer gemeinsamen Vision geprägt sind. Wir leisten uns den Luxus, an diese unsere Vision zu glauben, und natürlich haben wir dabei auch den Markt im Blick. Ich würde sagen, das kann und soll das Aushängeschild unserer Firma werden. ts