Kino

Fritz und Christoph Preßmar über 100 Jahre Filmtheater Sendlinger Tor

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Ist das Jubiläum auch eine Herausforderung, die Tradition weiterzuführen? Fritz Preßmar: Natürlich ist es eine besondere Herausforderung, solch ein Haus zu führen, aber es macht mir auch mehr Spaß, als wenn ich Logistiker im Multiplex wäre. In einem Einzelhaus mit solch einer Geschichte gehört es zur Tradition, sich um jeden einzelnen Film zu kümmern und auch den persönlichen Ehrgeiz zu entwickeln, diesem Film mit seinen Möglichkeiten zum größtmöglichen Erfolg zu verhelfen.

Als Fritz Preßmar sen. nach dem Krieg das Kino übernahm, konnte er 1948 eine 100-prozentige Auslastung verbuchen. Volle Kassen gab es auch in den Fünfzigerjahren. Blicken Sie neidvoll zurück? FP: Das war sicher von der finanziellen Seite her eine tolle Zeit, aber auch mit sehr viel Arbeit verbunden. Jeden Tag 2000 oder 2500 Zuschauer durch ein Kino zu schleusen, bedeutete einen Riesenaufwand. Damals gab es keine Computerkassen oder nummerierte Plätze, allein vier Reinigungskräfte und fünf Platzeinweiserinnen waren beschäftigt. Das Kino war vom Krieg beschädigt und nicht auf dem neuesten technischen Stand. Mein Vater hat damals 300.000 Mark investiert. Von den großen Erstaufführungskinos wie Universum oder Stachus Filmpalast hat keins überlebt, außer dem Gloria, das in den Fünfzigerjahren gebaut wurde. In der Innenstadt sind nur das Arena und das Gabriel geblieben.

Muss ein Einzelkino in der Innenstadt etwas ganz Spezielles leisten? FP: Bei einem Einzelbetrieb muss ein Film die Kosten tragen. Kinos wie das Mathäser oder die City Kinos können die allgemeinen Kosten auf die Filme verteilen, ein Vorführer bedient mehrere Säle. Mein Vorführer ist nur für ein Kino zuständig. Das zweite Risiko liegt in der Filmauswahl. Wenn bei uns ein Film nicht läuft, dann bleibt die Kasse leer. Ein Einzelhaus ist am schwierigsten zu betreiben, es kommt unheimlich darauf an, den richtigen Film zu zeigen. "Müssen unser Stammpublikum immer aufs Neue gewinnen" Aber Sie haben ein Händchen dafür. Christoph Preßmar: Es scheint so, sonst würde es uns nicht mehr geben. "Dampfnudelblues" hatte allein bei uns 25.000 Besucher in zehn Wochen. Man muss ein Gespür entfalten für besondere Filme, die auch in das Kino passen. Wir haben ein gewisses Profil und großes Stammpublikum, das muss man immer aufs Neue gewinnen muss. Wenn die Zuschauer Vertrauen in uns setzen, gehen sie vielleicht auch in Filme, die sie nicht kennen. Wie Anfang des Jahres in "Silver Linings", der gegen den bundesweiten Trend bei uns ein sehr gutes Ergebnis erzielte. Unser Stammpublikum folgt uns in der Auswahl, das empfinde ich als eine hohe Auszeichnung. Unsere Erfolgsstrategie heißt persönliche Filmbetreuung.

Ihr Stammpublikum ist nicht gerade das jüngste … FP: Die Altersklasse 0 bis 16 gehört sicher nicht zu unserem Publikum. Wir halten uns aus diesen ganzen Kinder- und Teenagergeschichten raus. Aber wir haben nicht nur die Altersgruppe 60+, wobei da der größte Zuwachs zu verzeichnen ist. Auch das studentische Publikum zwischen 20 bis 30 Jahren kommt. CP: Die wissen auch den Raum - unser Markenzeichen - zu schätzen. Wer schon die eigenen vier Wände verlässt, schaut dann zum gleichen Preis vielleicht den Film da an, wo das Ambiente vielleicht etwas schöner ist. Wichtig ist, das Publikum nicht zu enttäuschen. FP: Es findet ein Austausch statt, 120.000 Zuschauer im Jahr sind eine gute Grundlage. Wir leben von positiver Mundpropaganda, gerade bei jungen Leuten. Bevor ich im Sommer zu einer Sexklamotte oder "Hangover 5" greife, spiele ich lieber "The Grandmaster". Auch wenn ich weiß, dass er nicht geht. Aber die Leute, die ihn gesehen haben, waren zufrieden. CP: Es gibt selten Blockbuster, die wir spielen können. "Ziemlich beste Freunde" war ein Ausnahmefilm, oder so etwas wie "Skyfall". Ein "James Bond" hat Tradition bei uns. Mit 400 Plätzen können wir nur Arthousefilme spielen, die einen Mindestumsatz bringen. Da gibt es im Jahr von 100 Produktionen vielleicht maximal fünf oder zehn. [IMG#339376_2.jpg#Der Kinosaal des Sendlinger-Tor-Kinos mit seinem mondänen Ambiente#RIGHT]Welche Position haben Einzelkinos gegenüber den Verleihern? FP: Das war von einigen Jahrzehnten noch mit den Exklusivvermietungen ein Kampf. Inzwischen hat ein Verleih schon aus rechtlichen Gründen keine Möglichkeit, uns Filme zu verweigern. Bei den Majors würde sofort das Kartellgericht aktiv werden. Die Verleiher sind viel kulanter und verständnisvoller geworden. Auch aus pragmatischen Gründen: Wenn diese Einzelhäuser verschwinden, könnten sie unterm Strich 20 Prozent verlieren. Mit manchen Filmen wird in diesen Häusern das Maximum erreicht.

Wie steht es mit der Konkurrenz unter den Innenstadtkinos? CP: Wenn wir an einen Film glauben und der zu uns passt, kann er auch im Mathäser, City oder Royal laufen. Da können wir trotzdem das beste Haus sein. Bei Mischware muss man abwägen. Manchmal ist es auch sinnvoll, einen Film wie "Die Alpen - Unsere Berge von oben" auf die 16-Uhr-Schiene zu setzen. Die Majors legen die Regeln auch nicht mehr so streng aus. Vor Ort wissen wir doch besser als in den USA, was funktioniert.

Sie führen das Kino mittlerweile in der dritten Generation. Wie gestaltete sich die Stabübergabe? FP: Mit meinem Vater hatte ich schon Schwierigkeiten, weil nur seine Meinung galt. Kontroversen blieben nicht aus. CP: Wir hatten noch kein einziges Mal Streit über einen Film, da wir beide gleich ticken und die Meinung des anderen gelten lassen. Zu 90 Prozent wissen wir, was wir spielen wollen.

Im vergangenen Jahr gab es Ärger mit den Hauseigentümern; Hans-Joachim Flebbe wollte das Kino in ein Premium-Kino umwandeln. Der Mietvertrag läuft nur bis Mitte 2015. CP: Im Moment ist alles in Ordnung, die Kündigungsfrist beträgt ein Jahr. Wenn nicht fristgerecht gekündigt wird, verlängert sich der Vertrag automatisch um fünf Jahre. "Unser Kino ist gesund, wir schreiben schwarze Zahlen" Können Sie nicht auf die Barrikaden gehen? FP: Man kann nur gegen etwas vorgehen, was konkret auf dem Tisch liegt. Zwei Premiumkinos in Münchens Innenstadt sind Irrsinn, außerdem sind die Auflagen des Denkmalschutzes relativ hoch. Deshalb ist diese Sache mit Flebbe wohl ausgestanden. Bei den zwei Eigentümerfamilien tendiert die eine eher dazu, das Kino zu erhalten; es herrscht keine einheitliche Meinung. Wir spielen auf Zeit. Unser Kino ist gesund, wir schreiben schwarze Zahlen und zahlen einen sechsstelligen Betrag an Pacht, der Hausbesitzer ist auch am Umsatz beteiligt und muss keinen Cent hier hineinstecken. Die Umstände sprechen für uns - und die Hoffnung stirbt zuletzt. CP: Wir müssen so weitermachen, als ob es weitergehen würde. Es hat wenig Sinn, anderthalb Jahre im Wartestand zu verharren. Wir geben tagtäglich unser Bestes und haben mit der Digitalisierung im Mai auch in die Zukunft investiert. Dadurch sind wir flexibler in der Programmgestaltung - eine wirkliche Arbeitserleichterung.

Und wie feiern Sie den 100. Geburtstag? FP: Keine große Feier, das wäre in Anbetracht der Umstände vermessen. Vor jeder Vorführung läuft ein etwa zehnminütiger Film über das Kino, und es gibt ein Buch mit der Chronik der 100-jährigen Geschichte. Das ist unser Dank an die 25 Mio. Besucher. Wir feiern mit unserem Publikum, das uns die Treue hält. mk