Kino

Anatol Nitschke an der Spitze des neu gegründeten Labels Edition Senator

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Mit der Edition Senator will sich Ihr Unternehmen offenbar neu positionieren. Was steckt hinter dem Konzept? Helge Sasse: Die Edition Senator ist tatsächlich Teil eines Gesamtkonzepts. Wir haben im Verleih mittlerweile eine kritische Masse an Filmen erreicht. Eine Größenordnung, angesichts derer wir uns selbst gefragt haben, wie man damit am besten umgeht. Natürlich könnten wir uns ausschließlich auf gewachsene Strukturen verlassen und schlicht ein paar Leute mehr einstellen. Wir wollten die Sache aber weiterdenken, uns genau überlegen, wo wir hinwollen und mit welchen Filmen. Daraus entstand die Idee des Aufbaus einer Kompetenzzentrenstruktur. Anatol Nitschke: Was wir am 4. Juli mit der Edition Senator vorstellen, ist ein neues Label innerhalb des Senator Film Verleihs. Ein Label, das sich unter meiner Leitung ausschließlich dem deutschen Film widmen wird und pro Jahr zwischen vier und sieben Filme zum Senator-Line-up beisteuern soll. Das wäre genau die richtige Größenordnung. Auf jeden Fall ausreichend, um ein eigenes Label zu rechtfertigen, und doch noch übersichtlich genug, um es uns zu ermöglichen, auf wirklich jeden einzelnen Film bei der Herausbringung individuell einzugehen. Das ist meiner Ansicht nach beim deutschen Film noch wichtiger als beim internationalen.

Weshalb gerade jetzt dieser Schritt? HS: Wir haben unsere Anstrengungen, in den deutschen Film zu investieren, etwa seit Ende vorletzten Jahres erheblich intensiviert. Die Gründung der Edition Senator fällt jetzt in eine Zeit, in der sich ein erster Schwung von Projekten der Fertigstellung nähert. Die Idee, ein eigenes Verleihlabel für diese deutschen Projekte zu kreieren, kam mir im Grunde beim Gedanken an die Musikindustrie, wo die Trennung von Abteilungen in "international" und "domestic" ja schon seit vielen Jahren Tradition hat. Für die Musikindustrie hat sich die Bündelung speziellen Know-hows bewährt. Deshalb ist es eigentlich überraschend, dass sich diese Strategie in unserer Branche noch nicht so etabliert hat. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingt, an dieser Stelle spezielle Kompetenz zu bündeln - was sich dann idealerweise bei den Resultaten niederschlägt. AN: Ich denke, wir müssen dem deutschen Film wieder zu ein wenig mehr Hype ver- helfen. Es wird mittlerweile als zu selbstverständlich hingenommen, dass alle zwei Wochen ein deutscher Film startet. Aber wann gab es zuletzt so einen richtigen Hype um einen dieser Titel? Es ist doch kein Wunder, dass sich die komplette Branche freut, wenn quasi aus dem Nichts so ein Ausreißer wie "Oh Boy" kommt, ein wirklich cooler Film, der sich auch herumspricht. Da wollen wir hin: Filme, die nicht nur künstlerisch gut sind, sondern deren Thema die Leute auch mitreißt. Wir wollen Marken erzeugen! Das ist nicht neu, aber dringender denn je für deutsches Kino.

Welche Rolle spielt deutschfilm im Rahmen der Edition Senator? AN: Über deutschfilm bin ich auch die letzten Jahre im Hause Senator geblieben, sie ist bekanntermaßen ein Joint Venture zwischen mir und der Senator Entertainment AG. Mit dem dort bislang Erreichten bin ich zufrieden. Wir haben in vier Jahren jetzt sechs Filme fürs Kino produziert oder uns daran beteiligt. Ich denke, dass deutschfilm künftig jährlich ein bis zwei Filme zur Edition Senator beisteuern wird. Aktuell leidet aber allgemein das Produktionsgeschäft unter dem nahezu dramatischen Rückzug der Sender bei ihren Koproduktionsengagements. Das wird ja öffentlich fast noch verharmlost. Dass "Rainer", unser angekündigter Film über Rainer Werner Fassbinder mit Marco Kreuzpaintner als Regisseur, vermutlich hauptsächlich mit ausländischem Geld finanziert werden muss, hängt unmittelbar mit dieser Situation zusammen.

Für welche Umsatzgröße im Verhältnis zum Gesamtprogramm soll das Label künftig stehen? HS: Geplant haben wir bislang die Jahre 2013 und 2014. Aber man kann sagen, dass es mittelfristig in Richtung 25 bis 30 Prozent des Verleihumsatzes der Senator gehen soll. Wie viele Angestellte wird Edition Senator beschäftigen? AN: Ich werde ein kleines Team haben. Natürlich wird Marc Klocker wieder dabei sein, mit dem ich seit vielen Jahren bei X Verleih, Senator und deutschfilm zusammenarbeite. Er ist mein Vertrauter, er kennt die Regisseure und die Filmbranche in Deutschland genauso gut wie ich. Wir werden darüber hinaus noch ein oder zwei weitere Mitarbeiter haben. Von der Kostenstruktur können wir damit sehr klein bleiben. Wir haben unsere Büros bereits vor Ort und müssen nichts neu erfinden. Ansonsten werden die zentralen Services der Senator in Anspruch genommen. Diese Synergie ist ein großer Vorteil.

Die Idee von deutschfilm ging auch schon in diese Richtung. AN: Das wird jetzt noch intensiviert. Senator hat gemerkt, dass im deutschen Bereich Bewegung ist; auf einmal kommen die deutschen Regisseure wieder. Wir haben in unserem Line-up tolle Namen: Dominik Graf, Ralf Huettner, Lars Büchel, Christian Zübert - und es kommen mehr. Sie sind jetzt alle mit neuen Projekten bei Senator. Das übersteigt die Größenordnung, die wir mit deutschfilm geplant hatten, natürlich deutlich. deutschfilm war immer eine Produktionsfirma. Und jetzt geht es darum, alle deutschen Filme bei Senator in der Vermarktung zu bündeln. Die Arbeitsweise, die ich bei X gelernt habe, hat sich dabei bewährt: Schon als Verleiher gehen wir sehr früh in die Projekte rein, wir lesen bereits beim Einkauf die Drehbücher und reagieren darauf. Der Verleih macht im Grunde schon während der Produktion die Pressearbeit. Das ist das Schöne bei der Arbeit am deutschen Film: Man ist von Anfang an dabei und hat engen Kontakt zu den Filmschaffenden; man kann viel früher Ideen und Konzepte einbringen und gemeinsam Kampagnen entwerfen.

Sie sprachen vom Teil eines Gesamtkonzepts. Wo bündeln Sie an anderer Stelle noch besonderes Know-how? HS: Am Standort München wird unser zweites Kompetenzzentrum beheimatet sein: Senator Family umfasst als Verleihlabel die Bereiche Kids & Family. Geleitet wird es von Tania Reichert-Facilides, die seit Mai 2011 den Kinder- und Jugendfilmbereich bei unserem Produktionsarm Senator Film München aufgebaut hat und zuvor dieses Segment schon bei Universum im Verleih erfolgreich etabliert hatte. "Pettersson & Findus - Kleiner Quälgeist, große Freundschaft" kommt im Frühjahr 2014, "Der kleine Medicus" folgt im Herbst 2014, und "Doktor Proktors Pupspulver" von Jo Nesbø ist abgedreht und sollte auch im nächsten Frühjahr startklar sein.

Die Senator Film Produktion bleibt von der aktuellen Entwicklung unberührt? HS: Senator Film Produktion wird weiterhin unverändert von Ulf Israel und mir geführt. Weil gerade schon die Namen Büchel und Zübert fielen: Ulf betreut deren nächsten Filme.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Bavaria Pictures? HS: Die Beteiligung an Bavaria Pictures ist im Grunde vergleichbar mit unserer deutschfilm-Beteiligung. Bei deutschfilm profitieren wir vom kreativen Know-how, bei Bavaria von der vorzüglichen Infrastruktur - Bavaria Pictures selbst war bislang ja nicht so sehr vom Spielfilm geprägt gewesen. Der erste Film aus der Kooperation hat beim Filmfest München Europapremiere, "Mr"; die Weltpremiere war gerade schon in Shanghai. Gegenwärtig sind wir mit drei, vier weiteren Filmprojekten relativ weit in der Entwicklung, allesamt Literaturverfilmungen.

Wie viele deutsche Filme sollen künftig im Jahr ausgewertet werden? HS: Wenn man die zwei oder drei Filme von Senator Family zu den vier bis sieben anderen deutschen Filmen der Edition Senator im Portfolio dazuzählt, kommt man auf bis zu zehn deutsche Produktionen im Jahr. Das ist ungefähr die Marke, die wir anstreben. AN: Es kommt auch nicht auf die Masse an. Wir müssen genau aussuchen, mit wem wir arbeiten, wozu wir Lust haben. Diesen besonderen Hype erzeugen kann man nur mit speziellen Themen und Titeln. Die Filme müssen etwas Eigenes und Unverkennbares haben, die kaufmännische Größe spielt dabei eigentlich gar keine Rolle. Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu viel hintereinander wegzuproduzieren und in den Markt zu bringen. Jeder einzelen Titel muss genau überlegt sein, wonder Produktion bis zur Herausbringung - dann haben wir eine Chance.

Wollen Sie sich mit der Strategie auch von Einkäufen auf den Märkten unabhängiger machen? HS: Teilweise nimmt es dramatische Züge an, was auf den Märkten passiert. Es gibt kaum ein anderes relevantes Territorium, in dem sich starke Independents derartig in einen Bieterwettbewerb treiben. Dass unsere Position eine ganz andere ist, wenn wir etwa 40 Prozent des Verleihportfolios über die Edition und Senator Family abdecken können, versteht sich von selbst. Der internationale Einkauf bleibt zwar trotzdem elementar - unser erster großer Start 2014 z.B. wird "Mandela" sein. Aber wir verschaffen uns doch mehr Luft, mehr Ruhe.

Hierzu sollte ja auch die Zusammenarbeit mit Relativity Media beitragen. HS: Noch läuft es nicht, wie wir uns das vorstellen. Wir hatten eine Planung, wie wir auf stabiler Basis an größere Filme kommen - und die Wahrheit ist schlicht: Zumindest in diesem Jahr kommt keiner mehr. Unser einziger Start aus dieser Zusammenarbeit heraus war bislang "Safe Haven". Wir hoffen aber, dass sich die Probleme, die Relativity momentan mit der Finanzierung eigener Produktionen zu haben scheint, 2014 Geschichte sind.

Wie schätzen Sie die Ankündigung der Sender, ihre Produktionsunterstützung zurückzufahren? AN: Die Situation ist dramatisch. Wir müssen überlegen, wie wir die nächsten eineinhalb Jahre überbrücken, und zusehen, wie man mit Einzelprojekten durchkommt. Ich bin überzeugt, dass sich die Situation auf Sicht wieder stabilisieren wird. Das Geld ist ja da. Ab 2015 sollte es wieder einen geregelten Betrieb geben. Was die Sender bis dahin aber weiterhin machen werden: Sie suchen sich vereinzelt Stoffe, die sie unbedingt machen wollen - ob mit Senator oder deutschfilm. Und diese Filme werden dann auch gemacht. HS: Ich sehe nicht, dass sich das einfach wieder reguliert. Die Tendenz ist doch klar erkennbar, dass der Haushaltsspardruck auf die Öffentlich-Rechtlichen von Seiten der Politik massiv wächst. Wie geht eine Organisation mit einem solchen Druck um? Wie ist es relativ einfach, schnell zu reagieren? Man spart an größeren Budgets - und Spielfilm, das ist ein Thema mit größeren Budgets. Diese Entwicklung müssen wir umkehren, sie ist der falsche Weg. Sonst haben wir bald nur noch halb so viele Spielfilme. Oder man muss sich nach anderen Möglichkeiten umsehen, als Filmproduzent weiter im Geschäft zu bleiben. Internationale Koproduktionen sind eine Option; ich denke, davon werden wir in den nächsten Jahren mehr sehen. Da würde es für die Herstellung zunächst keine so große Rolle spielen, ob man die Fernsehrechte verkauft bekommt oder nicht. ts/mm