Verleih

Im Interview: Horst Soltysiak, Universum Film

01.01.1970 01:00 • von Mareike Haus

Als Anbieter von Leihfilmen hat Universum Film in diesem Jahr sehr großen Erfolg, wie alle Statistiken belegen. Haben Sie noch einmal richtig Gas gegeben?

Wir hatten auch selten zuvor ein so tolles Programm. Am Jahresanfang haben wir "" veröffentlicht und dann folgte ein Highlight nach dem anderen. Dieses Jahr war für mich ein perfekter Abschluss meiner Karriere in der Videobranche. Das hat noch einmal richtig Spaß gemacht.

Eigentlich wollten Sie schon vor einem Jahr aufhören...

Das war der Plan. Aber als die Kollegen mir das Programm für 2012 vorgestellt hatten, bin ich schnell wackelig geworden und habe gesagt: "Das passt Alles, ich verlängere!" Außerdem: Der Verleihhandel ist mein Leben, jedenfalls auf der beruflichen Ebene.

Welchen Eindruck hatten Sie von der Videobranche, als Sie 1987 bei einer der Vorläuferfirmen der heutigen Universum Film ihre Laufbahn begannen?

Mein damaliger Arbeitgeber war die Horton AG. Ich wollte mich beruflich verändern und über einen ehemaligen Berufskollegen bekam ich den Hinweis, dass UFA-ATB, die später zu Universum Film umfirmiert wurde, noch Außendienstmitarbeiter benötigt. Auf der Videomesse in Wiesbaden hatte ich ein Vorstellungsgespräch mit dem damaligen Geschäftsführer Bernd Tietze. Ich war total beeindruckt von der euphorischen Stimmung und dachte: Hier laufen nur Glücksritter herum. Ich sah, wie die Kollegen Aufträge im Minutentakt schrieben. Das war faszinierend. Und obwohl ich bei Horton schon Verkaufsleiter war und der neue Job eine Art Abstieg bedeutete, stand für mich fest: Hier fange ich unten an und arbeite mich nach oben.

Wie müssen wir uns den Arbeitsalltag eines Außendienstlers in dieser Zeit vorstellen?

Das war noch die Zeit, als man bis zu zwölf Videotheken pro Tag besuchte und auf eine Jahreskilometerleistung von 150.000 kam. Wenn man abends seinen Auftragsblock überflog, wusste man genau, ob der Tag erfolgreich war oder nicht. Obwohl VHS-Kassetten damals zwischen 190 und 230 D-Mark kosteten, wurden ordentliche Stückzahlen geschrieben. Heute würden mich diese Mengen schwindlig machen. Aber es war nicht so, dass man sein Geld im Schlaf verdiente: Ich musste manchmal Videothekeninhaber morgens um 6.30 Uhr aufsuchen, weil sie ihr Geschäft als Nebenerwerb betrieben. Nach 300 Kilometer Anfahrt hatte ich 30 Minuten Zeit, mein Monatsprogramm vorzustellen. Oder es gab Inhaber von Gaststätten, die erst ab 22 Uhr empfingen. Die Anfangszeit war schwierig, weil einige Versäumnisse der Vergangenheit ausgebügelt werden mussten. Nach zwei Jahren hatte ich mir bei den Videothekaren ein gutes Standing erarbeitet, und seitdem habe ich keinen Tag bereut, in dieser Branche zu arbeiten.

Der persönliche Kontakt ist Ihnen bis zum letzten Tag immer wichtig gewesen...

Nachdem ich bewiesen hatte, mit Videothekaren gut umgehen zu können, wurde ich Verkaufsleiter Mitte, später bekam ich die Verantwortung für Gesamt-Deutschland. Aber ich habe immer daran festgehalten, fast jeden Tag unsere Kunden persönlich aufzusuchen. Grundlage meines Geschäftes ist eine vernünftige Beziehung zum Handelspartner, die sich übers Telefon nur mühsam herstellen lässt. Ich wollte immer wissen: Ist mein Kunde gut oder schlecht gelaunt, und dafür muss man ihm ihn die Augen sehen können. Zudem hatten die persönlichen Gespräche immer den Vorteil, dass ich viel über die Bedürfnisse unserer Kunden erfahren habe. Ein schönes Beispiel dafür ist unser Kaufkonzept "Best Deal". Das ist nicht in unserem Haus entstanden, sondern in Gesprächen mit Videothekaren.

Läuft das Konzept noch?

Ja, aber es ist nicht einfach. Das Hauptproblem ist, das Läden ohne entsprechendes Personal und Sortiment nicht in Konkurrenz zu den etablierten Verkaufsstellen treten können. Daher bleibt "Best Deal" eine lokale Möglichkeit, ein wenig Kaufgeschäft zu betreiben. Ich hätte mir gewünscht, mehr Handelspartner zu motivieren, aber ich kann gut nachvollziehen, dass Videothekare auf den wirtschaftlichen Erfolg achten müssen.

Dass es immer weniger Videotheken gibt, muss Sie betrüben.

Mit dem Postversand und den legalen Bezugsmöglichkeiten über das Internet ist das Geschäft für Videotheken natürlich schwieriger geworden. Richtig ist aber auch: Videotheken werden seit den neunziger Jahren totgesagt und es gibt sie noch immer. Ich bin optimistisch genug zu glauben, dass genügend Endkonsumenten den Service einer Videothek nach wie vor haben wollen. Wenn eine Videothek schließt, entsteht die Situation, dass es an diesem Standort keine Verleihstelle mehr gibt. Da Konsumenten trotzdem Filme sehen wollen, wenden sich den legalen Alternativen zu oder nutzen die illegalen Möglichkeiten.

Letzteres hat Sie so aufgeregt, dass Sie die Initiative Copypolice ins Leben gerufen haben.

Dass der illegale Bezug von Entertainment-Inhalten sich schädlich auf unser Geschäft auswirken würde, ließ sich frühzeitig an der Entwicklung in der Musikbranche ablesen. Meine Idee war daher eine Initiative zu gründen, die Aufklärungsarbeit leisten sollte. Weil ich bis heute glaube, dass illegales Material oft aus Unkenntnis der Sachlage abgerufen wird. Wir waren die Ersten, die mit Postern usw. nach draußen gegangen sind, um Aufklärung zu betreiben. Inzwischen gibt es so viele professionelle Initiativen, dass Copypolice nicht mehr zwingend nötig ist. Ich werde mir aber Gedanken machen, wie es weitergehen könnte.

Unser Eindruck war immer, dass Sie das Wohl des Gesamtmarkts im Auge hatten.

Trotz Wettbewerb und Vorgaben des eigenen Arbeitgebers war ich immer der Überzeugung, dass man das große Ganze betrachten müsse. Denn wir alle haben doch ein großes Ziel: den Endkonsumenten zu erreichen. Schon deswegen habe ich die Konkurrenz zu anderen Programmanbietern immer sportlich gesehen, und nicht als Abfolge von Streitigkeiten. Und Initiativen wie Copypolice waren auch nur deswegen erfolgreich, weil es die Unterstützung des Handels und meiner Vertriebskollegen gab.

Trotzdem galten Sie in der Leihbranche als "Sprecher der Vertriebsleiter".

Eine Bezeichnung, die ich nie eingefordert oder gar erfunden habe! Deswegen war sie mir immer unangenehm. Es war nur so, dass bei bestimmten Gelegenheiten jemand aus dem Kreis der Vertriebsleiter gefordert war, im Namen der Anbieter ein paar Worte zu finden. Dann bin ich gerne nach vorne getreten und habe im Sinne aller gesprochen. Ich gebe zu, mich dabei selten unwohl gefühlt zu haben. Außerdem: Ich habe immer gerne Dinge organisiert, wenn ich sie für gut befunden hatte. Und meine Erfahrung ist: Die Umsetzung anderen zu überlassen, funktioniert nicht immer so, als wenn man es selbst machen würde.

Was waren in Ihrer Zeit die größten Film-Highlights?

Die Aufzählung würde eine lange Liste ergeben. Spontan fällt mir "Der " ein, dessen unglaublicher Kinoerfolg sich natürlich im Videomarkt fortsetzte. Wir mussten nicht nur große Einheiten logistisch bewältigen, sondern zwei Formate: VHS und DVD, die damals eine neue Ära einläutete. Ganz toll war der Anruf eines Berliner Videothekars, der am Morgen des Verleihstarts von "Der Schuh des Manitu" erzählte, dass sich vor seinem noch geschlossenen Geschäft eine Menschenschlange gebildet habe. So etwas erlebt man selten und dieses hat sich auch nie wiederholt. Wir hatten damals eine sechsstellige Einheitenzahl an den Verleihhandel ausgeliefert, ein Rekord in unserem Hause der bis heute nicht einholbar ist. Aber es gab so viele andere Highlights in den Jahren. Ich zähle nur die letzten auf: "", "", "", "", "", "", "", "" und natürlich "". Aber es gab auch so sehr viele Filme die nicht unbedingt im Focus standen und sich über die Mundpropaganda Nachfragestark entwickelt haben.

Wie sind Sie damit umgegangen, in den letzten Jahren viele Filme von Lizenzpartnern wie Senator Home Entertainment und Capelight zu vertreiben?

Ich habe beim Verkauf nie eine Differenz zwischen Eigen- und Fremdlizenzen gemacht. Denn am Ende des Tages setzt sich immer das bessere Produkt durch. Und wenn in einer Monatsstaffel die Filme unserer Lizenzpartner interessanter für den Verleih waren, dann hatte das entsprechende Prioritäten zur Folge. Ohnehin lässt sich in den Verleih seit Jahren keine Ware mehr "reindrücken". Eine der unangenehmsten Erfahrungen in meinem Job war, sich für Filme rechtfertigen zu müssen, die ihr Geld nicht eingespielt hatten. Zwar kann man gelegentlich einen Film in die gewünschte Richtung lenken, aber im Prinzip wissen die Videothekare ganz genau, was sie wollen.

Warum sind Sie Universum Film 26 Jahre treu geblieben?

Ab einem gewissen Zeitpunkte hatte ich so viele Freiheiten und Möglichkeiten meine Vertriebspolitik zu machen, dass ein Wechsel kaum Sinne ergeben hätte. Hier ließen sich immer schnelle Entscheidungen treffen, die an unseren Kunden orientiert waren. Klar, ich bin viel gegen den Strom geschwommen und auch mal gegen die Wand gelaufen. Aber im Rückblick gilt: ich würde wieder in die Leihbranche gehen und wieder bei Universum Film anfangen. Nicht zuletzt, weil ich immer den Rückhalt meiner Geschäftsführung inne hatte, der ich zu großem Dank verpflichtet bin.

Wie wird Ihre Nachfolge geregelt?

Ab 1. Dezember geht der Rentalbereich in die Verantwortung von Roman Schmuki, der seit Juni als Sales Director Home-Entertainment GSA für Universum tätig ist, über. Damit ist er für alle Sales Vertriebsaktivitäten der Universum Film zuständig. Roman Schmuki ist ein perfekter Kenner des Marktes und passt ideal in die Universum Film-Familie. Für die direkte Kundenbetreuung wird es eine interne Lösung geben. Das in den Jahren gewachsene perfekte Rentalteam mit Eva Sutter, Anja König und Dieter Pusch wird auch weiter hochmotiviert den Wünschen unserer Kunden gerecht werden. Wichtig ist mir vor allem, dass unsere bewährten Vermarktungskonzepte fortgeführt werden: Unsere Fensterpolitik wird sich nicht ändern.

Wir hörten, dass man Sie jetzt keinesfalls als "Rentner" bezeichnen sollte!

Stimmt, das ist falsch. Formal gehe ich jetzt in die passive Phase meiner Altersteilzeit und bin noch drei Jahre offiziell Mitarbeiter von Universum Film. Erst danach gehe ich offiziell in Rente.

Was haben Sie sich vorgenommen?

Ich bin für die Stiftung "Solidarfonds NRW" aktiv, die u.a. arbeitslose Jugendliche im Ruhrgebiet unterstützt und andere Projekte unter der Leitung von Dr. Michael Kohlmann umsetzt. Außerdem bin ich seit kurzem in der Kommunalpolitik aktiv. Vor allem aber kann ich jetzt mehr für meine Familie präsent sein, die im Laufe der letzten Jahre leider sehr oft zu kurz gekommen ist. Ohne die Unterstützung meiner Lieben wäre ein so großes Engagement nicht möglich gewesen. Den Videomarkt werde ich auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Und wenn meine 26-jährige Berufserfahrung hier oder da noch mal gefragt ist, werde ich mich dem auf privat-freundschaftlicher Ebene nicht entziehen. Langweilig wird mir jedenfalls nicht. Dafür werden schon die vielen Freundschaften in dieser Branche sorgen, die im Laufe der Jahre gewachsen sind und weiter gepflegt werden.

Keine Chance, dass Sie noch mal ein Jahr verlängern?

Universum veröffentlicht 2013 "96 Hours - Taken 2". Ich sollte darüber nachdenken. Nein, im Ernst: das ist formal nicht mehr möglich und inzwischen bin ich auch der festen Meinung zu sagen: Die Jüngeren müssen ran. Für mich ist definitiv der Punkt gekommen allen zu danken und mich auf einen neuen Lebensabschnitt zu freuen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Verleihhandels?

Ich glaube fest an die Zukunft des Verleihgeschäftes. Es wird immer Menschen geben, die eine Videothek gerne besuchen. Sie ist und bleibt eine wunderbare Begegnungsstätte die Entertainment für jedermann bietet. Industrie und Handel sollten daran nie zweifeln.