Kino

Rodolphe Buet zur Strategie von Studiocanal

01.01.1970 01:00 • von Barbara Schuster
Rodolphe Buet leitet Studiocanal Germany (Bild: Studiocanal)

Wie wichtig ist die neue Vereinbarung mit Lionsgate für Studiocanal Für STUDIOCANAL Germany ist dieser Deal sehr wichtig, denn er sichert uns einen Teil unseres Line-ups bis 2016. Diese Vereinbarung war auch für mich persönlich sehr wichtig, denn sie gibt unseren Mitarbeitern die Sicherheit, dass wir in den kommenden Jahren herausragende Filme bringen werden, und signalisiert unseren Partnern im Kino-, HomeEntertainment- und Fernsehbereich, dass Studiocanal verlässlich für starkes Produkt im deutschsprachigen Markt steht.

Reicht es denn nicht, sich das beste Produkt auf den Filmmärkten zu sichern? Wir können nicht nur von den Märkten in Cannes, Berlin oder dem American Film Market abhängig sein. Dort sind wir immer auf das jeweilige Angebot angewiesen und befinden uns dabei im Wettbewerb mit den anderen deutschen Einkäufern. Es lag also nahe, sich exklusiv mit einem Partner auf längere Zeit zu verbünden, der uns jedes Jahr mindestens drei bis fünf große Filme garantiert. Für Lionsgate haben zwei Gründe den Ausschlag gegeben: Der eine ist natürlich der große Erfolg von "Die Tribute von Panem - The Hunger Games". Dass wir mit einem so starken Franchise arbeiten dürfen, ist für uns ein enormes Plus. Zum zweiten verbindet Lionsgate inzwischen die Stärken der Produktion von Lionsgate mit denen von Summit unter der Führung von Patrick Wachsberger und Erik Feig. Immerhin sind diese Firmen für eine Reihe weiterer Welterfolge verantwortlich.

Heißt das, dass die Summit-Filme absehbar zu Studiocanal kommen? Nein. Unter dem Dach von Lionsgate wird es in Zukunft zwei verschiedene Produktionsstaffeln geben, eine von Summit und eine von Lionsgate. Unser Deal bezieht sich auf die Produktionsvorhaben von Lionsgate. Dabei profitieren beide Staffeln vom Urteilsvermögen eines gemeinsamen Head of Productions. Hier sind wir als Partner von Lionsgate in der glücklichen Position, bis 2016 noch drei weitere Teile von "Die Tribute von Panem" vermarkten zu dürfen.

Woher bezieht Studiocanal Germany denn sonst seine Filme - über den Lionsgate-Deal hinaus? Wir bauen unsere Strategie auf vier Säulen auf. Wenn wir unser Line-up im nächsten Jahr betrachten, so sind die meisten Filme internationale Produktionen und Akquisitionen unserer Mutterfirma Studiocanal, wie "Inside Llewyn Davis", der nächste Film der Coen-Brüder, "Serena" von Oscarpreisträgerin Susanne Bier mit Bradley Cooper und Jennifer Lawrence in den Hauptrollen, "I Give It a Year", die neue RomCom von Working Title mit Simon Baker, oder auch die Fortsetzung des Familienfilms "Sammys Abenteuer 2". Für eine Auswertung in den vier Ländern, in denen Studiocanal operiert, nämlich Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Australien, haben wir zuletzt "Robocop" eingekauft. Bei allen Akquisitionen stimmen sich die CEOs der regionalen Companies eng mit den Einkäufern im Hauptquartier in Paris ab.

Werden auch Filme nur für den deutschen Markt gekauft? Ja, natürlich. Über unsere Local Acquisitions erwerben wir zusätzlich Filmrechte für die Vermarktung im deutschsprachigen Raum. So haben wir in Cannes etwa "Paranoia" mit Liam Hemsworth und Harrison Ford oder "Agent: Century 21" mit Cameron Diaz und Benicio Del Toro eingekauft. Die dritte Säule wird die Entwicklung unserer deutschen Produktionstätigkeit sein. Zusätzlich sehen wir uns übrigens noch intensiv nach weiterem Programm um, nicht für die Kino-, sondern auch für die Fernsehvermarktung, also TV-Serien oder Katalogtiteln. Denn ich bin überzeugt, dass unser Business in der Zukunft sehr stark auch mit der Vermarktung von Filmkatalogen wachsen wird.

Spielen nach dem Erfolg von "Ziemlich beste Freunde" auch französische Produktionen von Studiocanal eine größere Rolle in Ihrem Line-up? "Ziemlich beste Freunde" hat gezeigt, dass es in Deutschland auch möglich ist, mit relativ unbekannten Darstellern acht Mio. Zuschauer zu erreichen. Am Ende ist es der Erfolg einer guten Geschichte, die zum richtigen Zeitpunkt in die Kinos gekommen ist, und weniger ein Erfolg des französischen Kinos. Auf der anderen Seite war das deutsche Publikum immer offen für französische Filme. Ich selbst habe aus meiner vorherigen Tätigkeit immer noch beste Beziehungen in die französische Produktionslandschaft und weiß sehr früh, welche Filme entstehen. So kann ich auch frühzeitig beurteilen, ob diese Filme auch ein Potenzial im deutschen Markt haben. So bringen wir nächstes Jahr den Film "Populaire" heraus, dessen Drehbuch ich noch gelesen habe, bevor ich nach Deutschland gekommen bin, sowie die neuen Filme von Michel Gondry und Cédric Klapisch.

Welche Bedeutung kommt den deutschen Filmen im Line-up von Studiocanal zu? Der deutsche Film wird für uns von entscheidender Bedeutung sein. Immerhin macht er jedes Jahr zwischen 20 und 30 Prozent des deutschen Boxoffice aus. Ein Unternehmen wie Studiocanal kann sich nicht nur auf 70 Prozent des Markts verlassen. Wir wollen in allen Bereichen aktiv sein. Außerdem glaube ich, dass man ohne ein starkes Engagement im Bereich der deutschen Produktion nicht wirklich eng mit dem Kino- und Filmmarkt hier verbunden ist. Das betrifft genauso den Kontakt zu den Produzenten wie zum ganzen Bereich der Filmförderung und natürlich auch die Verbindung zu den Fernsehsendern und neuen digitalen Partnern. Ich glaube, dass es unsere Position im deutschen Markt insgesamt stärkt, wenn wir uns bei der lokalen Produktion engagieren. Schließlich streben wir für die Zukunft eine Schlüsselrolle im deutschen Markt an.

Welche Produktionen hat Studiocanal bereits in der Pipeline? " Vatertage - Opa über Nacht" war nach längerer Zeit die erste deutsche Produktion, die Studiocanal in die Kinos gebracht hat. Natürlich lagen unsere Erwartungen höher, weil es eine wirklich originelle Komödie ist. Aber jeder Film ist einzigartig, und wir müssen den Markt mit jedem Film neu überzeugen. Anfang Oktober bringen wir "Die Wand", ein Arthousefilm mit einem gewaltigen Potenzial, weil so viele Menschen die Romanvorlage kennen. Der Film hat viel Aufmerksamkeit und gute Presse bei der letzten Berlinale bekommen, und ich bin sicher, dass der Film von Regisseur Julian Roman Pölsler mit Martina Gedeck sehr gute Ergebnisse erzielen wird. Ende November werden wir noch einen dritten deutschen Film in die Kinos bringen: "Anleitung zum Unglücklichsein" verfügt über ein großartiges Ensemble von Darstellern und Sherry Hormann als Regisseurin. Dieser Film wurde jetzt in Leipzig zum ersten Mal vor Publikum gezeigt, und wir freuen uns auf eine weitere Zusammenarbeit mit Produzent und Regisseurin.

Welche Art von deutschen Filmen schwebt Ihnen denn vor, um das Studiocanal-Line-up zu ergänzen? Was unsere deutschen Produktionen betrifft, sind wir sehr ehrgeizig. Mithilfe von Isabel Hund wollen wir in zwei, drei Jahren zu den größten Playern im Markt zählen. Wir wollen Filme machen, die uns gefallen, die uns Spaß machen, deren Konzept und Package uns überzeugen. Dabei wissen wir: Niemand wartet auf Studiocanal, um deutsche Komödien zu produzieren. Aber mit dem richtigen Stoff und der richtigen Besetzung werden wir das natürlich auch tun. Wir denken in drei Richtungen: Zum einen wollen wir Eventfilme produzieren oder Filme, die auf einem starken Brand basieren. "Türkisch für Anfänger" ist da ein gutes Vorbild. Zum zweiten wollen wir deutsche Filme mit internationalem Potenzial realisieren. Studiocanal Germany ist Teil eines der stärksten internationalen Filmvertriebe, und diese Möglichkeiten wollen wir nutzen. Filme mit internationalem Potenzial sind für mich zum Beispiel "Barbara" oder unser eigener Film "Exit Marrakech" von Caroline Link, den wir nächstes Jahr in die Kinos bringen werden. Zum dritten wollen wir Filme für die ganze Familie machen. Studiocanal ist darin traditionell sehr stark. Filme wie "Sammys Abenteuer" oder "Paddington Bear" wollen wir hier gut vermarkten. Wenn wir damit erfolgreich sind, werden wir Animationsfilme auch in Deutschland herstellen.

Wie stark ist der Wettbewerb um Talent in Deutschland? Das ist wirklich ein sehr kompetitiver Markt. Einige sind bereits vertraglich an Filmfirmen fest gebunden. Noch mal: Niemand wartet hier auf Studiocanal. Es gibt schon sehr erfolgreiche Produktionsfirmen wie Constantin oder Warner. Alle Majors sind in diesem Bereich aktiv und Newcomer wie Wild Bunch Germany. Was uns vielleicht attraktiv für Talent macht, ist, dass wir in Frankreich und Großbritannien sehr erfolgreiche Produzenten sind. Und wir arbeiten dort mit den besten Produzenten zusammen. Wir sind faire Partner und mehr noch als an Einzelprojekten an länger währenden Kooperationen interessiert. Für uns spricht, dass wir Filme auch auf anderen Märkten erfolgreich auswerten und auf große Festivals bringen können. Und natürlich wird hier das Studiocanal-Team um Kalle Friz als Verleihverantwortlichem und Isabel Hund als Leiterin der deutschen Produktion alles geben, um erfolgreich zu sein. Dank unserer Gesellschafter haben wir die Möglichkeit, in diesen Markt zu investieren.

Wollen Sie sich auch bei internationalen Koproduktionen engagieren? Ich bin ein Freund davon, Schritt für Schritt vorzugehen. Wir wollen uns als Player im Bereich der deutschen Produktion etablieren. Ich bin sicher, dass es uns gemeinsam gelingen wird, die richtigen Projekte für diesen Markt zu identifizieren. In zwei, drei Jahren bin ich gern bereit, den Fokus auf interna- tionale Koproduktionen zu erweitern. Wenn sich früher eine attraktive Möglichkeit ergibt, vielleicht auch früher. Hauptaufgabe bleibt aber die Produktion deutschsprachiger Filme.

Können Sie schon weitere deutsche Filme nennen, die gerade entwickelt werden? Momentan sind einige Filme in der Postproduktion, wie etwa "Banklady" von Christian Alvart und "Die Schwarzen Brüder". Der erste deutsche Film, für den ich grünes Licht gegeben habe, war "Exit Marrakech" von Caroline Link. Wir arbeiten mit den Produzenten von "Mullewapp" an der Fortsetzung.

Zu Beginn des Jahres haben Sie gesagt, es sei Zeit für ein neues Kapitel bei Studiocanal. Wie viel ist davon schon geschrieben? Tatsächlich sind schon zwei Kapitel fertig. Das erste ist die Mannschaft, die bis Anfang Januar komplett sein wird, um die kommenden Herausforderungen zu bewältigen. Als ich Geschäftsführer geworden bin, kannte ich einen Teil des Teams bereits. Ich kannte Kalle Friz und Jan Rickers, den Leiter des Home-Entertainment-Bereichs, bereits von meiner vorherigen Tätigkeit bei Studiocanal und wusste, dass ich auf sehr gute Kollegen treffen würde. Auch Claudia Snehotta und Alexandra Bauermeister kenne ich seit vielen Jahren. Seither haben wir uns noch verstärkt, mit Isabel Hund, aber auch mit Hooman Afshari als Head of Sales im Filmverleih. Das zweite Kapitel ist unser Line-up von 2013, auf das ich tatsächlich sehr stolz bin. Mit Titeln wie "Die Tribute von Panem - Catching Fire", "Robocop", "Flightt", "Paranoia", "Inside Llewyn Davis" und "Serena" ist das vielleicht unsere bisher stärkste Filmstaffel überhaupt. Und für 2014 verfügen wir bereits über 60 Prozent des erforderlichen Programms.

Welche Kapitel müssen noch geschrieben werden? Wichtig ist für mich unsere Verwertungsstrategie im Bereich des Fernsehens und der digitalen Medien. Für uns ist der TV-Lizenzhandel von großer Bedeutung bei der Refinanzierung. In diesem dynamischen Markt werden wir uns sehr genau überlegen müssen, wie wir bei der Auswertung unserer Programme vorgehen, und wie wir es mit den verschiedenen Fenstern halten wollen. Das abschließende Kapitel wird dann geschrieben, wenn wir die Ziele, die ich uns gesetzt habe, erreicht haben. Eins davon ist, dass wir mit unseren Filmen pro Jahr zehn Millionen Besucher im Kino erreichen wollen. Dann wollen wir die Nummer eins der Independentanbieter im Home-Entertainment-Markt werden. Und wir wollen mit unseren deutschen Produktionen auch international erfolgreich sein, für uns und für die Reputation des deutschen Films generell.

Wie wichtig ist der Videomarkt für Studiocanal Germany? Momentan ist er von enormer Bedeutung. Er steht bestimmt für 50 Prozent unseres Umsatzes, und beim Ergebnis macht dieser Bereich sogar noch mehr. Der Rest verteilt sich auf Kino, das Geschäft mit TV und den neuen Medien. Unsere besondere Stärke ist, dass wir über einen der wichtigsten Filmkataloge weltweit verfügen. Wir bieten momentan mehr als 3000 lieferbare Titel auf DVD an. Das Team von Jan Rickers hat die besondere Fähigkeit, große Blockbuster auf Video gut zu vermarkten und gleichzeitig über immer neue, differenzierte Releasestrategien Katalogtitel bei relativ spitzen Zielgruppen erfolgreich zu verwerten. Sie haben einen hervorragenden Job bei "Die Tribute von Panem" gemacht, der mit mehr als 600.000 Stück im Markt platziert wurde und vom Start weg Nummer eins in den Videocharts war.

Und wie beurteilen Sie den Übergang von der physischen zur digitalen Distribution? Mir wird hier täglich gesagt, dass der DVD- und Blu-ray-Markt noch so stark ist, weil die Deutschen Filme gern besitzen wollen. Unsere Marktanalysten sagen, dass dieser Markt auch für die nächsten zwei Jahre noch bedeutend bleiben wird, und dass wir hier noch lange solide Umsätze schreiben können. Gleichzeitig werten wir unser Programm auch digital über Video-on-Demand und Electronic Sellthrough aus, und wir müssen sicherstellen, dass physische und digitale Distribution sich in der Summe positiv entwickeln. Es gilt, das Programmvermögen vernünftig zu clustern und über die verschiedenen Kanäle mit abgestimmten Strategien zugänglich zu machen.

Welche Zukunft sehen Sie also im Kino? Die größte Herausforderung sehe ich darin, wie der Kinomarkt den Weg in die digitale Zukunft meistert. Der richtigen Programmauswertung und -vermarktung wird die entscheidende Rolle zukommen. Natürlich muss es uns gelingen, die Zielgruppen für unsere großen Titel zu erreichen. Mit "Catching Fire" wird das nicht schwierig sein. Bei den anderen Filmen muss die richtige Strategie entwickelt werden. Dafür wollen wir noch viel enger mit den Kinobetreibern zusammenarbeiten. Es gibt jetzt schon viele Marketinginitiativen, die die großen Kinoketten entwickelt haben, und ich bin sicher, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind. Gleichzeitig wollen wir noch stärker das Gespräch mit den mittleren und kleinen sowie den Arthousekinos suchen. Denn sie sind auch für einen großen Teil des Studiocanal-Programms entscheidend für den Erfolg.