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Verleih

Viele Toptitel im August: "Wir müssen Abstriche machen"

01.01.1970 01:00 • von Mareike Haus

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"Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals einen so starken Monat erlebt zu haben." Das sagt Leszek Pilat, der für die Videothekenkette Video World und die Einkaufsgruppe MMG den Filmeinkauf organisiert. Was der erfahrene Einkäufer meint, ist: Im August erscheinen nicht nur ein paar Filme mehr als jeweils in den beiden Vormonaten. Vielmehr wird der Videofachhandel mit einer so noch nie da gewesenen Dichte an bedeutenden Kinofilmen konfrontiert. Und das teilweise im Tagestakt. Was also ist los im August? Schon seit Wochen begrüßen sich Marktteilnehmer mit Zahlenwerten, die das ganze Drama auf zwei Ziffern reduziert: 21, 22, 23. Je nach Rechnung stehen sie für Kinobesucher in Millionen, die die August-Titel auf sich vereinigen konnten. In der Tat: Etwa 21,7 Mio. Kinozuschauer schafften alle Leihfilme, die im Lauf dieses Monats ausgeliefert werden sollen. Dass der Ende August erscheinende Überflieger "" allein für fast 40 Prozent des Ergebnisses steht, macht die Sache nicht einfacher. Denn wer würde behaupten, dass sich auf einen Film wie "" im Verleih verzichten ließe, weil er auf "nur" 500.000 Besucher kam?

"Undenkbar", dass Anbieter über VÖ-Termine verhandeln

"Alle hatten wegen der Fußballeuropameisterschaft Angst vor dem Juni", fasst Gerd Porzelt, Geschäftsführer Ascot Elite Home Entertainment, den Hauptgrund für das Ausweichen auf die Folgemonate zusammen. Hinzu kämen Kinofenster, die den Home-Entertainment-Start mehr oder weniger vorgeben. Außerdem warte man nicht mehr wie früher auf den September. Videothekar Holger Schröder, World of Video Leonberg, bemerkt: "Es wäre schon sinnvoll, die Menge an Topfilmen besser zu verteilen und in anderen Monaten zu veröffentlichen."

Das wird ein Wunschtraum bleiben. Die Zeiten, in denen der Videofachhandel auf Programmanbieter einwirken und auf Starttermine Einfluss nehmen konnte, sind vorbei. Was zählt, ist der Kauf-VÖ. Außerdem: "Wie sollte das funktionieren? Dass sich alle Anbieter an einen Tisch setzen und die Veröffentlichungstermine verhandeln? Undenkbar!", so Porzelt. Im Gegensatz zu den Monaten März und November, in denen traditionell ebenfalls viele Filme ausgeliefert werden, zeichnet sich der August dadurch aus, dass das Einkaufsbudget für diesen Monat aus vergleichsweise umsatzschwachen Vormonaten bestritten werden muss. Für Juni und Juli liegen noch keine GfK-Daten vor. Im Juni 2011 wurden nur mit Mühe fünf Mio. Transaktionen getätigt; in diesem Jahr werden wegen der Fußball-EM vermutlich kaum mehr als vier Mio. erreicht. Im Durchschnitt des Jahres 2011 waren es 7,8 Mio. Dieser Wert wurde im Juli 2011 mit 7,3 Mio. Ausleihvorgängen knapp erreicht. Das gibt Anlass zu verhaltenem Optimismus. Marktteilnehmern zufolge war der Juli 2012 zumindest keine Katastrophe, teilweise sogar erfreulich.

So oder so, die Anbieter fürchten um ihre Planzahlen, weil sich zu wenig Geld in den Kassen des Handels befindet. Gerd Porzelt: "Kein Anbieter kommt auf den Umsatz pro Titel, den er vor längerer Zeit kalkuliert hat." Das, so berichten Marktkenner, betreffe alle Filme. Auch wenn "Ziemlich beste Freunde" der Führungstitel des Monats sei, bedeute dies nicht, dass ausschließlich auf den französischen Komödienhit geschaut werde. "Sicher kaufen wir etwas mehr ein als sonst. Letztlich aber wird das vorhandene Budget auf alle wichtigen Filme verteilt. So kommt es, dass eher die Lieferanten ein Problem haben als die Videothekare", berichtet emp-Einkäufer Ernst Jedamski. "Wir bewerten das Potenzial jedes einzelnen Films. Diese Analyse ergibt, ob wir einen Film ins -Programm nehmen, und falls ja, wie oft. Angesichts der Menge an Filmen mit gutem bis sehr gutem Leihpotenzial würde das Stückzahlen ergeben, die im August finanziell nicht zu verkraften sind. Was bedeutet: Wir müssen auch bei Toptiteln Abstriche machen, da wir die Sortimentsbreite nicht vernachlässigen wollen", erklärt Einkäufer Pilat die Strategie.

Und welche Filme fallen komplett durch den Rost? Pilat nennt sie "No-Name-Genrefilme", also Produktionen die in ihrer Machart so austauschbar seien, dass ihr Fehlen in einer Videothek nicht auffalle. Umgekehrt wolle man nicht auf sogenannte kleine Filme wie beispielsweise das Endzeitdrama "" (seit 6. August im Verleih) verzichten. Das habe zwar keine keine substanziellen Kinobesucherzahlen aufzuweisen und sei eher ins Arthouse-Regal einzusortieren, sei aber andererseits auch nicht austauschbar und daher für bestimmte Großstadtvideotheken eine sinnvolle Sortimentsbereicherung. Unterdessen überlegen Videothekare wie Holger Schröder, wie sie die Toptitelflut im August in den Griff bekommen: "Ich werde meine Kopientiefe beibehalten, also zehn bis 20 Stück, je nach Film. Ich will meine Kunden vor allem an den Wochenenden nicht enttäuschen." Wegen eines gut funktionierenden Gebrauchtverkaufs macht er sich ohnehin keine Sorgen, dass sich seine Stückzahlen nicht amortisieren werden. Aber auch er gibt zu: "Ein bisschen Reizüberflutung ist das für Kunden schon. Schauen Sie mal auf den 16. August und die Tage danach!"

Tatsächlich: Innerhalb von drei Tagen erscheinen mit "Hugo Cabret", "", "", "" und "" mindestens fünf Filme, die in jeder Videothek ihren Platz finden sollten. Und wenn nur wenige Tage später mit "", "Ziemliche beste Feunde", "" und "" mindestens vier weitere potenzielle Chartsstürmer ausgeliefert werden, kann man schon verstehen, wenn Marktteilnehmer aus dem Handel sagen: "Dass Videothekenkunden wegen der Titeldichte überproportional mehr konsumieren, ist nicht zu erwarten. Deswegen müssen Videothekare bei der Kopientiefe Kompromisse machen und gute Titel sogar ganz weglassen."

Georg Schallner, Videothekar in Rothenburg ob der Tauber, sagt: Kunden finden es natürlich toll, wenn sie vor einem Regal mit vielen Neuheiten stehen. Aber sie leihen deshalb nicht mehr." Seiner Erfahrung nach hat eine Ballung von Blockbustern den irrwitzi-gen Effekt, dass sie die Programmbreite schmälern, denn: "Kann ich auf 'Die Tribute von Panem' verzichten? Natürlich nicht." Daher würden solche Titel Einkaufsbudget zulasten "kleinerer" Filme binden. Die aber seien manchmal unglaubliche Einnahmegaranten - nicht in Bezug auf den absoluten Umsatz, aber auf die Rendite pro Kopie. "Einen Blockbuster wollen viele Kunden gleichzeitig. Daher benötigen wir Kopientiefe. Spielt das Wetter nicht mit, kann die Rendite pro Kopie bei einem Blockbuster sehr klein werden." Nicht auszuschließen also, dass in der zweiten Augusthälfte besorgte Blicke gen Himmel gerichtet werden.