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Arthousevideotheken: Überleben in der Nische

26.06.2012 15:43 • von Heiko Meyer
Berliner Treffpunkt für Cineasten: die Filmgalerie 451 (Bild: Matthias Henke)

2218 stationäre Videotheken gibt es in Deutschland. In Großstädten und Ballungszentren ist die Durchdringung (noch) flächendeckend, doch die Konkurrenz im Web spitzt den Wettbewerb zu. Warum also eine Videothek eröffnen? Leidenschaft, Liebe zum Kino und Lust auf eine Alternative - das scheint es zu sein, was wagemutige Menschen dazu bringt, das Geschäftsmodell Rental für eigene Ideen zu nutzen und statt aktuellen Blockbustern Klassiker, Arthouse und Abseitiges anzubieten.

Sarah Schipschack ist eine von ihnen. 2003 gründete die heute 35-Jährige die Filmgalerie Alpha60 in Leipzig. "Ich bin in einem Haushalt mit Film und Literatur aufgewachsen und habe als Filmvorführerin gearbeitet. Bis zur Eröffnung der Filmgalerie fehlte in Leipzig ein Angebot, das das gesamte Spektrum von Drama, Dokumentation, Unterhaltung bis zu Regieklassikern abdeckt." Anregung fand sie in der renommierten Filmgalerie 451, die seit 2001 die Ci-neasten in Berlin beglückt. Inhaber Silvio Neubauer ist ein alter Hase im Geschäft. Bereits 1987 fing er in Stuttgart mit einem kleinen Laden gleichen Namens an. "Als aktives Mitglied einer studentischen Film-AG besuchte ich 1983 erstmals eine Videothek", erinnert er sich. "Der anfängliche Spaß an der Recherche und dem intensiven Filmkonsum kühlte sich im Laufe der Zeit aber merklich ab, als ich merkte, dass meine Vorstellung von Auswahl, Sortierung und Aufarbeitung weit über das hinausging, was die vorhandenen Verleihstellen leisten konnten. So kam die Überlegung auf, es selbst besser zu machen." Titelgebend für seine Filmgalerie war François Truffauts Meisterwerk "", ein im wahrsten Sinne "flammendes" Manifest gegen das Verschwinden des Kulturträgers Buch.

Mit einem "glorreichen Startangebot von 450 Titeln" fing er in seiner ersten Videothek an - heute kann Neubauer annähernd 22.000 Titel in seinem großzügigen, gut frequentierten Laden im Szeneviertel Berlin-Mitte präsentieren. Originalfassungen und Importe prägen die Auswahl. Da muss man sich auskennen: "Entscheidend für den Erfolg eines solchen Videothekentyps sind immer das besondere Interesse und die fachliche Vorbildung der Macher und Mitarbeiter", so Neubauer. "Ohne diesen Background hätte das Konzept nie glaubwürdig vermittelt und über so eine lange Zeit durchgehalten werden können." Mit dieser Erfahrung punktet auch Cineastin Schipschack bei den Kunden: "Wir geben individuelle Tipps. Unsere Empfehlungen können quer durch die Filmgeschichte gehen; das hängt vom Wissen, vom Alter, Interesse und Laune der jeweiligen Kunden ab. Es kann sein, dass wir einen Stummfilm von 1920 empfehlen oder den neuesten von Woody Allen."

Und wenn die Laune mal ins Grenzwertige abdriftet - sprich: Trash, Splatter, Porno? "Unsere Policy ist sehr streng und folgt künstlerischen Inhalten", erklärt Leif Magne Tangen, der zusammen mit seiner Kollegin für das Repertoire zuständig ist. Der in Norwegen geborene Kunstkritiker und Kurator hat einen weiten Horizont, setzt aber klare Grenzen. Erotisches sei im Einzelfall durchaus interessant, die Actionabteilung will er jedoch reduzieren. In Berlin ist die Auslegung nicht so eng: "Im Sinne des Archivs gibt es da relativ wenig Grenzen", so Neubauer. "Soweit der Jugendschutz eine Außendarstellung überhaupt zulässt, werden entsprechende Titel auch deutlich benannt und in angemessener Weise 'gewürdigt'. Ansonsten sind die Titel (z. B. Kultwerke aus den 1970er- und 1980er-Jahren) im 'Giftschrank' archiviert und können zugänglich gemacht werden." Als Beispiele nennt er Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom", Eastwoods "Ein Fremder ohne Namen" sowie "Deep Throat" und "Caligula". [IMG#320854_3.jpg#Arthouseliebhaber und Videothekare (v. l.): Bernd Puschmann, Kilian Krause, Sarah Schipschack und Torsten Taapken#RIGHT]Neben raren, hochwertigen oder schlicht seltsamen Filmen kommt es natürlich immer wieder zu Überschneidungen mit "normalen" Videotheken. Denn diese können und wollen rein aus geschäftlichem Kalkül das Interesse an filmhistorisch Besonderem nicht ignorieren. So auch bei Video-City in Frankfurt am Main. Mit 35.000 Titeln und insgesamt 73.000 Medien auf 380 Quadratmetern Fläche muss sich der etablierte Laden seit über 20 Jahren sicher nicht in der Nische wähnen, hat sich aber stark in eine cinephile Richtung entwickelt. Kenner werden hier fündig. Geschäftsführer Bernd Puschmann ist stolz auf die "riesige Auswahl an Stummfilmen", kooperiert mit dem ortsansässigen Deutschen Filmmuseum und holt sich Veröffentlichungen hollywoodferner Prägung aus Ungarn, Russland und Korea.

Zusammen mit anderen engagierten Filmkennern, u. a. Silvio Neubauer, hob er vor über zehn Jahren den Arbeitskreis "Gildevideotheken" aus der Taufe, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass ein Programm abseits des Mainstream durchaus den Kundenkreis erweitern kann. Seit 1999 trägt Video-City das Gütesiegel "Cinethek Videoarchiv", eine Initiative des Interessenverbands IVD mit Unterstützung der FFA. Etwa 75 Videotheken dürfen sich mit diesem Siegel schmücken - eine seit vielen Jahren gleich bleibende Anzahl, die dem allgemeinen Schließungstrend trotzt. Bedingung zur Vergabe ist der Nachweis, "neben dem topaktuellen Videoprogramm mindestens 300 prämierte und anspruchsvolle Filme" im Programm zu führen. Orientierung bieten dabei die positiven Bewertungen der Filmbewertungsstelle in Wiesbaden, des Kinder- und Jugendfilmzentrums in Deutschland und die kirchlichen Filmdienste. Im 2. Quartal waren dies zum Beispiel "", "", "" und "". Diese Vorgaben dürfte jedoch jede halbwegs gut sortierte Videothek erfüllen, auch ohne kostenpflichtiges Mitglied der Initiative zu sein und ein entsprechendes Signet zu tragen.

Was also macht nun eine "wirkliche" Arthouse- bzw. Programmvideothek aus? Definiert sie sich ausschließlich über ihre angebotenen Titel und ihre cineastische Kompetenz? Silvio Neubauer von der Berliner Filmgalerie 451 schätzt ihre Anzahl in Deutschland auf gerade mal 20 bis 25. Wer macht Art, wer macht nur Quote?

"Wir verkaufen im Sommer Softeis und im Winter selbst gemachten Kuchen", sagt Anne Petersdorff. Wenn man ihren Berliner Laden betritt, denkt man zunächst nicht an Tarkowski, Kubrick oder Coppola. In den Regalen stehen Weine und Snacks, im Fenster hängen Lampions und ein Hampelmann. Willkommen in einem "freundlichen Laden ohne marterndes Neonlicht und Technomusik", wie die Homepage in rührender Retrooptik verkündet. Madeleine und der Seemann ist die "Videothek Ihres Vertrauens". Statt von "Kunden" spricht Petersdorff lieber von "Besuchern", die hier einen Ort zum regen Kulturaustausch gefunden haben. Ein Treffpunkt, der ein breit gefächertes Publikum anzieht und die freundliche Atmosphäre für Events wie Lesungen und Veranstaltungen für Kinder nutzt. Dieses Konzept hat rein gar nichts mit den grellen, im Einheitsregaltypus durchstrukturierten Videotheken zu tun, sondern schafft Nähe für das Besondere.

Im Marketingjargon würde man dieses Unterscheidungsmerkmal als USP, Unique Selling Proposition, bezeichnen - und Madeleine und der Seemann wären dem Duktus folgend eine "Erlebniswelt" en miniature. Sowieso nimmt die Raumgestaltung einen wichtigen Platz in der Frage ein, was denn nun eine Arthousevideothek ausmacht. Man schaue sich nur das Ambiente von Filmkunst27 in Köln oder der Filmgalerie Alpha60 in Leipzig an. Tatsächlich ähneln diese Räume mit ihren großzügigen Höhen, weißen Flächen, stylischen Leuchtkörpern und modern reduzierten Holzelementen eher einer Kunstgalerie, was auch im Namen seinen Ausdruck findet. Als Ort des Kulturkonsums liegt hier die Betonung eindeutig auf "Kultur". Und auf Kommunikation: Alle befragten Betreiber bzw. Inhaber betonen, dass sie eine enge Bindung zu ihren Kunden pflegen. "Der persönliche Kontakt ist alles!", sagt Torsten Taapken von Vertigo in Münster. Eine sauber strukturierte Homepage mit Suchfunktion ist obligatorisch, daneben nutzt er Facebook und ein kleines Filmkunstmagazin. Für die Beratung der Kunden vor Ort nimmt er sich viel Zeit.

Auch bei Alpha60 wird rege kommuniziert und interagiert: "Unsere Kunden haben die Möglichkeit, in Gesprächen, durch Wunschbücher und Facebook Filme für unser Sortiment vorzuschlagen", erklärt Schipschack. "Facebook ist für uns ein Spielplatz, eine Art Dropbox für Gedanken, Gags, Fotos, YouTube-Clips und so weiter." Die digitalen Kommunikationswege sind Segen und Fluch zugleich. Wie in der gesamten Branche bläst auch den Nischenanbietern der eisige Wind der Downloadportale ins Gesicht. Schipschack macht es am Generationsumbruch fest: "Wir spüren, dass die jüngere Generation nicht irgendwo hingehen möchte, um etwas zu leihen und es auch schwieriger findet, pro Tag bezahlen zu müssen."

Ganz fatal sieht es Kilian Krause, Inhaber des Cinethek Filmgartens in Hamburg: "Das wird das Aus der Videotheken sein! Bis jetzt war die Verwertungskette klar: Kino, Videothek, Verkauf. Immer wusste der Verbraucher, wohin er gehen muss, um seine Wünsche zu erfüllen. Jetzt versucht die Industrie, stationäre Verleihmöglichkeiten durch Onlineangebote zu ersetzen. Taapken wagt einen Blick in die Zukunft: "Ein Independentimage ist wichtig. Doch wird eine Filmgalerie wie wir nur überleben, wenn sie bundesweit Bekanntheit erlangt und von Arthousefreunden intensiv genutzt wird. Ein Geschäftsmodell mit schwindender Zukunft, wenn auch langsamer als bei Schmuddelvideotheken." Ein wenig Hoffnung bleibt noch. Denn neue Technik birgt nicht nur Gefahren, sondern bietet auch Chancen. Alle Programmvideotheken nutzen Datenbanken mit teils umfangreichem Adressbestand, um die Liebhaber noch gezielter anzusprechen. In der Filmgalerie 451 stehen Infoterminals bereit. Alpha60 ließ von einem Programmierer eine Datenbanksoftware entwickeln, die heute von 15 Filmgalerien genutzt wird. Tangen konstatiert: "Unsere größte Herausforderung ist, unserer eigenen, mittlerweile etablierten Generation auf inhaltlicher und technischer Ebene zu folgen. Und dasselbe der Nachschubgeneration anzubieten." Vielleicht entwickelt sich das stationäre "Art-House" zu einer flächendeckenden "Art-Cloud", in der die Betreiber kooperieren und so neue Fans erreichen. Denn Kunst kann durchaus im künstlichen Raum überleben - und gedeihen.