Kino

100 Jahre Delphi Kinos

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

An Informationen über die Anfangsjahre des am 15.03.1912 eröffneten Delphi heranzukommen, war selbst für Peter Erasmus nicht ganz einfach. Belegt ist: Mit ursprünglich 500 Plätzen avancierte das von der Frankfurter Allgemeinen Kinematographen-Theater-Gesellschaft unter dem Namen U.T. - Union-Theater betriebene Haus bei seiner Eröffnung zum Großkino Nummer eins in Stuttgart. Damaliger GF war laut Handelsregister Jacob Becker. Anders als die anderen Innenstadtkinos kam das Delphi bei Bombenangriffen 1945 glimpflich davon, schon 1946 ratterten wieder die Projektoren. 1965 übernahm Peter Colm das Kino, das fortan als Delphi firmierte. 1978 wurde der Balkon zu einem zweiten Saal umfunktioniert und im Parkett eine Vorführkabine für den großen Saal eingebaut. Als die Colm Entertainment AG von Colms Sohn Roman 2001 Insolvenz anmeldete, war Erasmus mit seiner Arthaus Filmtheater GmbH zur Stelle. Heute seit fast 35 Jahren im Kinogeschäft tätig, betrieb er zu diesem Zeitpunkt noch das Atelier am Bollwerk mit drei Sälen. Von Colm übernahm er außerdem das Colibri, das 2003 wegen des bevorstehenden Abrisses des Hauses wieder geschlossen wurde. Erasmus hat das Delphi seit 2001 grundlegend renoviert, rund 300.000 Euro investiert: "Bis auf die Wandverkleidung im großen Saal mit seinen 240 Plätzen wurde alles von der Ausstattung über die sanitären Anlagen und das Foyer bis zur Technik geändert", sagt der gebürtige Aachener. Auch digitale Projektion hat im Delphi mittlerweile Einzug gehalten. Das Fünfzigerjahre-Ambiente ist im großen, Bunuel genannten Saal auch heute noch zu spüren. Der kleinere Saal 2 (Lubitsch) mit seinen 77 Sitzplätzen ist heute noch ein Beispiel für ein Balkonkino der Sechziger- und Siebzigerjahre, bei dem optimale Platzausnutzung Pate stand. Draußen künden über dem Eingang bis heute die einst für jedes Kino typischen Wechselbuchstaben vom Programm. Dass sich das umgebende Viertel aktuell gravierenden baulichen Veränderungen unterzogen sieht, wertet Erasmus als positiv: "Das hier wird mehr und mehr zu einer sehr belebten Gegend. Was sich manchmal leider auch daran zeigt, dass nachts die Scheiben unserer Schaukästen zu Bruch gehen. Wenn die Neugestaltung abgeschlossen ist, wollen wir vor dem Kino auch mit einer Außengastronomie präsent sein." In der Programmgestaltung gibt sich das Delphi einen Tick experimentierfreudiger als das Atelier: Zuletzt schafften es etwa "Arirang" und die Doku "A Man Within" auf den Spielplan. Als Glücksfall empfindet Erasmus "The Artist", der wie geschaffen sei für das Ambiente des großen Delphi. Geeignet ist das Kino aber auch als Austragungsstätte diverser Festivals. Dass das Publikum das Angebot goutiert, dafür sprechen seit Jahren stabile Besucherzahlen. Anders als noch zu Beginn seiner Zeit in Stuttgart, als Erasmus in Atelier und Lupe teils über 70 Prozent Repertoire spielte, komme heute nahezu ausschließlich Neuware zum Einsatz - die Verbreitung von DVDs habe die Nachfrage nach älteren Filmen im Kino rapide sinken lassen. Dauerbrenner gibt es dennoch immer mal wieder: "Soul Kitchen" war rund 25 Wochen im Einsatz, zeitweilig sogar mit einer zweiten Kopie. Regisseur Fatih Akin war zweimal persönlich im Delphi. Das Jubiläum wird vom 16. bis 18. März mit einem Sonderprogramm gefeiert. Vorgesehen ist nicht nur eine Gala, in der die Gäste auf eine cineastische Zeitreise geschickt werden, sondern auch ein Programm mit je einem bekannten Film aus den vergangenen zehn Jahrzehnten. tv