Kino

Die Kinobranche zieht Bilanz: Qualität statt Masse gefragt

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

"Wir hatten uns mehr erhofft", dieser Satz fällt in den Gesprächen mit den Kinobetreibern immer wieder - beispielsweise von Cineplex-Geschäftsführer Kim Ludolf Koch. Immerhin: Laut Rentrak konnte die zweitgrößte Kinokette Deutschlands Besucher- und Umsatzzahlen überproportional steigern, um 3,5 bzw. 5,2 Prozent. Insgesamt verkaufte Cineplex im vergangenen Jahr 17,7 Mio. Tickets. Gut, aber eben nicht das Ausnahmejahr, mit dem allgemein gerechnet worden war. "Es ist uns allen nicht gelungen, die vorhandenen PS der Filme auch auf die Straße zu bringen", sagt Koch, "vor allem hinter 'Wickie' und 'Die drei Musketiere', aber auch hinter den Animationsfilmen 'Rio' und 'Die Abenteuer von Tim und Struppi' hätte ich stärkeres Potenzial vermutet." Noch mehr Zugkraft beispielsweise vom kleinen Wikinger oder "Cars 2" hätte sich auch Kinopolis-Geschäftsführer Gregory Theile gewünscht. Für sein Unternehmen sei 2011 tendenziell aber ein zufriedenstellendes Jahr gewesen, die Umsätze konnten aufgrund von Ticketpreiserhöhungen gesteigert werden. Unter dem Strich zufrieden zeigt sich auch die UCI-Gruppe: "Bei leicht verbesserten Besucherzahlen gegenüber dem Vorjahr hat sich ein höherer 3D-Anteil in unseren Umsatzzahlen bemerkbar gemacht", teilt Marketing Director Thomas Schülke mit. Und bei der CineStar-Gruppe stand nach Auskunft von Geschäftsführer Oliver Fock dank eines besonders starken Dezembers mit einem Plus von 32 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat am Ende ebenfalls ein Plus in den Büchern. Ein "durchwachsenes Jahr mit Höhen und Tiefen", hat die Cinemaxx AG laut Pressesprecher Arne Schmidt erlebt. "Vor allem das gute Wetter im September und Oktober hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht", urteilt Schmidt. Er findet aber auch, dass sich vergangenes Jahr ein Überangebot an Animationsfilmen im Markt getummelt habe. Ein Problem, das auch Volker Lamm von den Vereinigten Lichtspielen Tübingen aufgestoßen ist. Digitalisierung in vollem Gange Rundum zufrieden klingt hingegen Kinostar-Geschäftsführer Michael Rösch: "Wir haben unsere Besucherzahlen um neun Prozent steigern können - und das nicht nur aufgrund unserer Investitionen in die Digitalisierung und 3D." Er hat das Gefühl, durch die verbesserte Bildqualität bei den Zuschauern in der Provinz das Gefühl geweckt zu haben, das auch das Kino im "kleinen Städtle" wieder ein zeitgemäßer Ort sei.

Dass unberechenbare Wetterbedingungen der Kinobranche das Leben weiterhin ebenso erschweren werden wie Großereignisse vom Schlag einer Fußball-WM, lässt sich naturgemäß nicht ändern. Eine Stellschraube, auf die die Verleiher im positiven Sinn Einfluss nehmen könnten, ist jedoch die Terminierung der Filme. "Nach der Berlinale und im Herbst hatten wir sehr viele und auch erfolgreiche Filme, das hätte entzerrt gehört. Uns haben deshalb im Frühjahr und Sommer zugkräftige Filme gefehlt", merkt Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino-Gilde, zur Situation im Arthouse-Segment an und ergänzt: "Wir brauchen gute Filme, mehr Qualität statt Masse - in dieser Hinsicht unterscheiden wir uns nicht vom Mainstream." Er wünscht sich aber auch, dass nicht nur die Produktion von Filmen, sondern auch deren Vertrieb und das Abspiel stärker gefördert werden. Aus seiner Sicht sei die Entwicklung bei den Programmkinos in 2011 aber insgesamt ordentlich ausgefallen. "Manche Kollegen haben ein Plus von 40 Prozent verzeichnen können, andere dagegen landeten leicht im Minus."

Zu den positiven Ergebnissen beigetragen haben - nicht nur in den Programmkinos - insbesondere auch die Arthouse-Hits "Almanya - Willkommen in Deutschland" und "The King's Speech". "Bei uns war das der erfolgreichste Film", sagt Gerhard Steinhilber von den Stuttgarter Innenstadtkinos über den vierfachen Oscar-Gewinner.

In den Hamburger Abaton-Kinos avancierte "Almanya" zum absoluten Kassenmagneten. "Von März bis jetzt an Silvester haben wir den gespielt, zehn Prozent unserer 250.000 Besucher dürften ihn gesehen haben", freut sich Abaton-Geschäftsführer Matthias Elwardt und findet, dass 2011 ein Jahr mit durchweg guten Filmen gewesen sei. "Mein Eindruck ist allerdings, dass viele deutsche Filme komplett versandet sind - zu Recht allerdings. Durch die vielen Filmstarts werden die auch gar nicht wahrgenommen", merkt Elwardt an. "Aus meiner Sicht war 2011 für den Arthouse-Bereich ein gutes Jahr", urteilt auch Christopher Bausch vom Casino in Aschaffenburg. Viele gut laufende Filme, darunter auch "Black Swan" oder "Midnight in Paris" - das habe sich am Ende zu einem guten Ergebnis zusammengeläppert. Mit dazu beigetragen hat im Casino auch der "Rosenmüller-Faktor" durch "Sommer in Orange". Im auch auf Crossover-Filme wie "Kokowääh" und "Rubbeldiekatz" setzenden Cinema-Arthouse Osnabrück konnte das Jahr laut Hermann Thieken mit einem leichten Besucherplus von zwei Prozent abgeschlossen werden.

In Sachen Digitalisierung haben die Kinos weiter aufs Gaspedal gedrückt. "Das vergangene Jahr war sicher vom Erreichen des Scheitelpunkts der Digitalisierung geprägt", fasst HDF-Vorstand Andreas Kramer zusammen. Dies müsse in der Perspektive zu einer deutlichen Flexibilisierung beim Filmeinsatz und -abspiel führen. "Zum Jahresende sind unsere Häuser jetzt zu 85 Prozent digitalisiert, mehr als die Hälfte der Leinwände verfügt über 3D", sagt Schülke. Kinopolis hat bereits komplett umgerüstet, der Anteil an 3D-fähigen Sälen beträgt aktuell 60 Prozent. "Ich befürchte hier, anders als es verschiedentlich kolportiert wird, keinen Rückgang", urteilt Theile. Wichtig ist ihm, dass 3D flexibel auch in kleineren Sälen eingesetzt werden kann. Bei Kinopolis entspricht man aber - soweit möglich - auch dem Wunsch der Kunden, 3D-Filme auch in der 2D-Version anzubieten.

"Gerade Kinder sind ja oft schon von der Story an sich gefesselt", weiß Theile. "Wird bei CineStar ein Film in 3D und 2D angeboten, entscheiden sich in der Regel 60 bis 70 Prozent für die 3D-Version", sagt Oliver Fock. "Eine Herausforderung, aber auch große Chance ist für uns in jedem Fall die Digitalisierung zahlreicher weiterer Säle, die wir - im Gegensatz zu den geförderten Kriterienkinos - nahezu vollständig aus eigenen Mitteln stemmen."

Auch Cineplex ist auf dem Weg zur Volldigitalisierung, rund die Hälfte der Anlagen sei bereits installiert. Mit Blick auf 3D vertritt Koch wie viele seiner Kollegen die Ansicht, dass Blockbuster nicht partout in einer "aufgemotzten" Version auf die Leinwand kommen müssen. Das aktuelle Beispiel "Mission: Impossible - Phantom Protokoll" zeige, dass gute Action 3D nicht zwingend benötige. Entscheidendes Kriterium für Koch: Die Qualität muss stimmen. Ähnlich sieht es Arne Schmidt: "3D ist nicht die alleinige Zukunft des Kinos." Bei Cinemaxx sind mittlerweile 130 von 295 Sälen digitalisiert und 3D-fähig, perspektivisch wird auch hier die komplette Umrüstung angestrebt. Daneben setzt man zur weiteren Verbesserung des Kinoerlebnisses aber gerade auch auf besonders hochwertige Soundsysteme.

Im Arthouse-Bereich gehört 3D laut Bräuer erwartungsgemäß nicht zum Geschäftsmodell: Ausnahmen wie "Pina" oder "Die Höhle der vergessenen Träume" reichten nicht aus, damit sich die Investitionen hierfür auch rechneten. "3D macht nur dann Sinn, wenn der Effekt optisch gekonnt umgesetzt wird", kommentiert Thieken, der einen seiner sechs Säle entsprechend ausgestattet hat. "Unsere Besucher haben da aber durchaus eine Nase und wollen im Zweifel lieber die normale Version sehen." "Der Hype im 3D-Segment ist vorbei, man muss sich auch im Mainstream den Eventcharakter behalten", findet Christopher Bausch. "Kinotauglicher Film muss im FFG an erste Stelle rücken" Skeptisch ist Peter Erasmus von den Stuttgarter Arthaus-Kinos: "Das Alleinstellungsmerkmal ist weg - und die höheren Ticketpreise werden sich nicht halten können", glaubt er, der bislang auf 3D verzichtet hat und mit "Pina" auch in 2D nicht schlecht gefahren ist: "Den hatten wir mindestens 13 Wochen im Programm." Die Digitalisierung will Erasmus, der mit seinem Kino im März 100-jähriges Jubiläum feiert, dennoch in Angriff nehmen - Förderzusagen von FFA, Bund und Ländern vorausgesetzt. Matthias Elwardt erwägt die 3D-Digitalisierung eventuell für Ende des Jahres, wenn unter anderem "Die Vermessung der Welt" und "Life of Pi" anstehen und entsprechende Förderung erfolgen kann.

Mehr als nur eine "Begleiterscheinung" der Digitalisierung ist der Einsatz von alternativem Content - auch wenn es sich noch um eine Nische handelt. "Der alternative Content beginnt sein Potenzial zu entfalten, ist aber noch ausbaufähig", sagt Oliver Fock. "Unabdingbar für seinen Erfolg ist der Live-Faktor, daher sind wir auch kontinuierlich dabei, interessante Live-Events zu recherchieren, um sie in unseren Häusern anbieten zu können. Insbesondere Klassik-Live-Übertragungen werden sehr gut vom Publikum angenommen." Gerhard Steinhilber schätzt, dass sich mit Garderobenabgabe und Pausencatering noch weitere Besucher für solche Übertragungen gewinnen lassen könnten.

"Bei uns würden dadurch drei Hauptvorstellungen ausfallen", lehnt Christopher Bausch das Angebot bislang ab. Für spannende Konzertaufzeichnungen hingegen ist er durchaus zu haben. "Wir haben das mit einem Udo-Lindenberg-Mitschnitt bereits probiert. Gekommen sind zwar nur knapp über 80 Besucher, im Vergleich mit anderen Kinos lagen wir damit in Aschaffenburg aber gar nicht mal so schlecht." Für Thomas Schülke wäre es eine logische Entwicklung, wenn in diesem Wachstumsmarkt vermehrt 3D-Projektionen von Opern wie "Carmen" möglich würden.

Auch Michael Rösch vom Kinostar-Verleih ist an neuen Inhalten dran und kann dabei auf die mit "Catwalk 3D" gesammelten Erfahrungen zurückgreifen. Übertragen wurde die Haute-Couture-Präsentation aus Paris in knapp 50 Kinos. "Nachdem wir unsere Kinos mit Satellitenempfangsanlagen verschiedener Anbieter ausgestattet haben, werden wir uns verstärkt dem Thema Opern-, Ballett-, Konzert- und Sportübertragungen annehmen", kündigt derweil Gregory Theile an. Eine Baustelle für Kinopolis wird neben der Neueröffnung eines weiteren Kinos in Gießen aber auch noch das Thema E-Ticketing unter Verzicht auf das SPIO-Ticket sein, das seit Dezember in Hanau als Pilotprojekt läuft. "Der SPIO-lose Zugang ist ganz sicher eine der größten Herausforderungen für unsere Branche", sagt auch Kim Ludolf Koch.

An Baustellen im neuen Jahr mangelt es aus Sicht des HDF Kino generell nicht. Ganz oben auf der Tagesordnung steht für Andreas Kramer die Novellierung des Filmfördergesetzes (FFG). "Hierbei muss die Abgabelast für die Kinos reduziert werden, die Förderstrukturen künftig effizienter und schlanker gestaltet sein und der wirklich kinotaugliche Film an erste Stelle rücken", so Kramer. Darüber hinaus sei es notwendig, "die Einzahler und Träger der Filmabgabe stärker als bisher in die Entscheidungsprozesse der Filmförderung einzubinden, denn das FFG ist ein Wirtschaftsgesetz."

Dass die diesjährige Austragung von Fußball-EM und Olympischen Spielen die Kinobranche vor Herausforderungen stellen wird, darüber herrscht Einigkeit. So überrascht es nicht, dass im Vorfeld des Kinojahres nicht erneut mögliche Rekorde kolportiert werden. An der Filmauswahl für 2012 gibt es, so der allgemeine Tenor, auf den ersten Blick allerdings nichts zu mäkeln. Entsprechend geht die Branche durchaus optimistisch in die kommenden zwölf Monate - und durfte sich schon zum Jahresbeginn über tolle Zahlen für eine ganze Reihe von Filmen freuen: Mainstream wie Arthouse, 3D wie 2D. tv/bf