Produktion

Joann Sfar über "Gainsbourg"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Was brachte Sie vom Zeichentisch zum Filmset? Meine Zeichenkollegen haben mich dazu gedrängt. Und der Film mit seinen Tönen hat mich fasziniert. Zu hören, wie ein Schauspieler einen Dialog sagt, das war total neu für mich. Ich möchte in Europa Filme in der fantastischen Tradition von Guillermo del Toro oder Tim Burton realisieren. Kopfzerbrechen macht mir das Schreiben. Um mich in Gainsbourgs Zustand zu versetzen, habe ich einiges getrunken, eine ziemlich gefährliche Gratwanderung. Als Hauptdarsteller Éric Elmosnino dazustieß, regelten sich die Probleme. Er war das Herz des Ganzen. Die Dreharbeiten waren einfach toll, meine Zukunft sehe ich deshalb als Comic-Zeichner und als Filmregisseur.

Ist das nicht etwas viel? Das Leben ist zu kurz, um sich auszuruhen. Im Geschichtenerzählen bin ich viel besser als im wirklichen Leben. Meines ist nicht sehr interessant, deshalb stecke ich meine Energien voll in imaginäre Welten - dort fühle ich mich glücklich. Als Comic-Zeichner bin ich auf mich gestellt und genieße viel Freiheit, beim Film gibt es viel mehr Zwänge. Ich liebe es, wenn man mir sagt, dieses oder jenes ist unmöglich, wir haben zu wenig Geld. Da fühle ich mich herausgefordert, neue Ideen zu entwickeln und Widerstände zu überwinden. Risiken spornen mich an.

Gibt es heute überhaupt noch Typen wie Serge Gainsbourg? Wer mich am meisten an Gainsbourg erinnert, ist Lady Gaga, eine Persönlichkeit, die ihre Komplexe im Leben auf der Bühne überwindet und eine Fantasiewelt schafft. In Frankreich fehlt uns so eine Figur, ist ein Provokateur wie Gainsbourg heute fast undenkbar. Mein Land ist heute dafür bekannt, Roma wegzuschaffen. Wir entwickeln uns zu einem armen und sterilen Land, das beunruhigt mich. Man muss die Situation analysieren, auch was das Kino angeht: Nur europäische Koproduktionen erlauben noch große Budgets. Trotz vielfältigem Talent in Europa sind wir aber nicht in der Lage, eine europäische Kulturpolitik auf die Beine zu stellen. Jede Nation verteidigt ihre Interessen. Die Zeit der Kleinstaaterei ist vorbei, wir müssen jetzt europäisch denken und handeln.

Noch gilt Frankreich als Filmnation. Noch! Wenn Universal Pictures mir nicht unter die Arme gegriffen hätte, gäbe es meinen Film nicht. Das ist symptomatisch. Es werden viele Filme in Frankreich produziert, die meisten mit TV-Beteiligung. Gefragt sind da Familienkomödien. Wer da ausschert, hat es schwer.

Warum verschob sich der Start Ihrer Comic-Verfilmung "Die Katze des Rabbiners" immer wieder? Den Film habe ich ein Jahr vor "Gainsbourg" begonnen. Es ist ein Riesenprojekt, an dem fast 300 Mitarbeiter über drei Jahre hinweg arbeiten, auch weil alle Zeichnungen per Hand gemacht werden. Natürlich hofften wir auf eine Präsentation in , die wäre allerdings in 2D gewesen und der Film im Juni gestartet. Jetzt sind wir nicht mehr unter Zeitdruck und nutzen sechs zusätzliche Monate für die Umsetzung der alten Zeichnungen in 3D, nicht wie bei Pixar, sondern als Trip in ganz neue Bilderwelten. Die wäre eine tolle Plattform.

Ihre eigene Produktionsfirma Autoche-nille produziert nicht nur "Die Katze des Rabbiners", sondern auch die Comic-Verfilmung "Aya" sowie zwei weitere Animationsprojekte. Warum wollen Sie auch Produzent sein? Um meine Ideen zu verteidigen. Außerdem bin ich Kontrollfreak und in der Arbeit nicht sehr demokratisch. Filmemachen ist das letzte Refugium der Tyrannei, und unglücklicherweise gehe ich sehr tyrannisch mit den Leuten um, aber sie wollen alle wieder mit mir arbeiten, weil wir uns auch amüsieren und ich ihnen zuhöre. mk