Produktion

Joe Carnahan und Liam Neeson zu "Das A-Team"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Herr Carnahan, können Sie sich erinnern, was Sie am 6. Mai 2006 gemacht haben? Joe Carnahan: Puh, keine Ahnung. Ist das ein besonderes Datum?

An diesem Tag lief in den USA "Mission: Impossible 3" an, in der Inszenierung von J. Sie hatten zuvor zwei Jahre an dem Film gearbeitet und waren dann gefeuert worden. JC: Ich weiß jedenfalls, wo ich nicht war. Ich war nicht im Kino. Aber ich habe den Film mittlerweile natürlich gesehen und finde ihn stark. Mein "M:I-3" wäre aber ganz anders geworden. Schade, dass es nicht geklappt hat.

Eine bittere Erfahrung? JC: Das schon. Aber keine traumatische. Ich glaube fest daran, dass man aus allen Erfahrungen lernen kann, dass man auch an Enttäuschungen wächst. Es läuft einfach nicht immer alles nach Plan. Ich hatte zwei tolle, aufregende Jahre. Ich habe viel gelernt, wovon ich jetzt noch profitiere. "Das A-Team" wäre wohl nie mit mir als Regisseur entstanden, wenn "M:I-3" geklappt hätte.

Wie viel von Ihrem "Mission: Impossible 3" steckt jetzt in "Das A-Team"? JC: Für mich war es Katharsis. Da gab es noch Arbeit, die es zu erledigen galt. Das nagte an mir. "Das A-Team" erlaubte es mir, dieses Kapitel endgültig abzuschließen. Es war ein bisschen, als wäre meine Zeit mit Tom Cruise die Vorbereitung für diesen Film gewesen. Ein besseres Training kann man sich nicht vorstellen.

Sie waren auch Ihr eigener Drehbuchautor. Wie leicht fällt es einem Regisseur, das eigene geschriebene Wort in einer Produktion dieses Kalibers auf Film zu übersetzen? JC: Das fällt mir nicht schwer. Im Gegenteil: Ich kann nur wirklich dann inszenieren, wenn das Drehbuch von mir stammt. Es muss mein Baby sein, damit ich die richtige Leidenschaft entwickeln kann. Ich habe Hochachtung vor den Regisseuren, die Bücher anderer Autoren so inszenieren können, dass jedes Bild aussieht, als handele es sich um einen persönlichen Stoff. Steven Spielberg ist der König dieser Disziplin. Ich wünschte, ich könnte, was er kann - ein bisschen zumindest. Liam Neeson: Mir fällt auf, dass Regisseure meist entspannter sind, wenn das Drehbuch von ihnen stammt. Sie kennen jedes Komma, weil sie jedes Satzzeichen selbst gesetzt haben. Joe hat Monate Arbeit in das Skript gesteckt. Als er am Set erschien, war er sofort bereit, es über Bord zu werfen. Weil er genau wusste, was er wollte, konnte er uns improvisieren und einen eigenen Weg in die Geschichte finden lassen. Wir haben uns unentwegt selbst insperiert und damit angefeuert. JC: Ich suche nach Momenten, in denen sich menschliches Verhalten echt anfühlt. Das ist es, worauf es mir ankommt. Ein Schauspieler kann die Leistung seines Lebens erbringen. Wenn es sich nicht echt und wahrhaftig anfühlt, ist sie für mich nichts wert. Die Improvisation in "Das A-Team" war sehr kontrolliert. Manchmal beharrte ich auf dem Drehbuch, weil es um für die Geschichte wichtige Entwicklungen ging. Ansonsten war mir der Austausch zwischen den Schauspielern am wichtigsten. Bei Filmen von Joel und Ethan Coen sollte man besser nichts ändern. Die müssen exakt so sein, wie sie geschrieben wurden. Ich ziehe es vor, wenn jeder Tag eine Herausforderung ist, ein Test. Man muss wissen, was einen erwartet - und sich dann überraschen lassen.

Wie übersetzt man einen Stoff der Achtziger in das Hier und Jetzt? JC: Zunächst muss einem bewusst sein: Eine Fernsehserie lässt sich nicht mit einem Film vergleichen. Das ist, als wollte man eine Mandarine mit einem Gepard vergleichen. Das funktioniert nicht. Entscheidend ist herauszufinden, was die Elemente sind, die die Serie ausgemacht haben - und die die Fans auch unbedingt sehen wollen. Das muss man bewahren, das ist die DNS. Ansonsten darf man nicht ehrpusselig sein. Seien wir ehrlich: Wir reden über das "A-Team", nicht über einen religiösen Text. Man muss sich Freiheiten nehmen, wenn man Spaß damit haben will.

Ihr Film ist also der Gepard? JC: Genau. LN: Kein Mensch bezahlt für ein Kinoticket, wenn ihn eine Mandarine erwartet. Jeder Tag - ein Test Besonders wichtig für das Gelingen ist auch der Ton des Films. Einerseits lebt "Das A-Team" von seinem augenzwinkernden Humor, andererseits spielt die Handlung in einer sehr realen Welt. JC: Wir wollten keinen albernen Film machen. Das stand fest. Aber natürlich musste die Action ein absurdes Element aufweisen, weil das auch wesentlicher Wesenszug der Serie war. Ich bin nicht der Typ, der einen Film mit Männern in Umhängen und Strumpfhosen machen könnte. Weiter als in "Das A-Team" würde ich nicht gehen in Bezug auf Fantasy. Für mich war entscheidend, die Geschichte fest in der Realität zu verankern. Sie musste einen soliden Unterbau besitzen. Ich wollte, dass Gefahr in der Luft liegt - etwas, das sich in der Serie nie auch nur im Entferntesten eingestellt hat. Das waren andere Zeiten, da konnte man sich diese achtlose Einstellung noch leisten. Aber man kann heute keine eskapistische Fantasie mehr machen, die nicht einräumt, dass wir in einer zynischeren Welt leben, die sich seit den Achtzigerjahren massiv verändert hat. LN: Unsere Helden sind Veteranen des Irakkriegs - in der Serie kannten sie sich aus Vietnam. Damit spielt man nicht leichtfertig herum. Wir haben nicht einen Moment vergessen, dass in diesem Krieg neben 5000 Soldaten unserer Truppen und unserer Alliierten auch mehr als 100.000 irakische Zivilisten ihr Leben verloren haben.

Ursprünglich wollten Sie die Irakszenen in Jordanien drehen, haben sich dann aber für Kanada entschieden. Warum? JC: Einfache Antwort? Einfache Antwort. JC: Das war die billigere Option. Viel billiger. Mehr gibt es darüber nicht zu sagen. Ich hätte für mein Leben gern in Jordanien gedreht. Wir hatten tolle Locations, die Menschen sind sehr freundlich, der König hätte uns den roten Teppich ausgerollt. Aber Kanada war logistisch einfacher und finanziell erschwinglicher. Hey!, es ist ein Geschäft. Dabei sind Sie ein Fan davon, an Originaldrehorten zu filmen. Ihr nächster Film soll das Survivalabenteuer "The Grey" sein, der in der Wildnis von Alaska spielt. JC: Klopf auf Holz. Wir sind auf einem guten Weg, die Finanzierung zu stemmen. Aber es ist nicht einfach. Es ist ein harter, unerbittlicher Stoff, der obendrein noch vor Ort gedreht werden muss, wenn er sich authentisch anfühlen soll. Man kann unmöglich einen Film über eine Gruppe Ölarbeiter, die von Wölfen gejagt werden, drehen, der aussieht, als habe man gerade Urlaub gemacht. Aber ich will mich diesem Abenteuer aussetzen, weil ich überzeugt bin, dass nicht nur ein toller Film drinsteckt, sondern auch eine wertvolle Lebenserfahrung. Mein Vater hat immer gesagt: "Das ist kein Berg für einen Bergsteiger." Den will ich aber unbedingt besteigen. ts