Produktion

Cary Joji Fukunaga über "Sin Nombre"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Für ein Regiedebüt hatten Sie sich ganz schön viel vorgenommen. Logistisch war alles sehr schwierig. Völlig naiv hatte ich von Originalschauplätzen geträumt, einer Reise von Honduras über Mexiko nach Texas. Bei einem 5,5-Mio.-Dollar-Budget eine Illusion. So drehten wir vier Wochen in Mexico City und zwei Wochen im Umkreis bis 300 Kilometer. An ein chronologisches Arbeiten war nicht zu denken, für die jungen Laiendarsteller psychologisch eine ziemliche Herausforderung. Die Szenen auf dem Zugdach entpuppten sich als absoluter Horror. Das Team musste sich mit schwerem Equipment durch über 100 Statisten auf dem Zugdach quälen, die es sich - oft von der Straße weg engagiert - gemütlich machten und sich nicht vom Fleck rührten. Vor allem die Ka-meracrew tat mir schrecklich leid. Es wird immer gewarnt, mit Kindern und Tieren zu drehen, auf die "not to do list" würde ich auch Züge setzen.

Was brachte Sie zu diesem Thema? Nach der Auszeichnung in Sundance und dem Student Academy Award für meinen Kurzfilm "Victoria para chino" meldeten sich pausenlos Executives und Agenten und fragten nach einem neuen Drehbuch - ein tolles Gefühl. Erst hatte ich Hemmungen, weiter an einem Thema zu arbeiten, das nicht unbedingt etwas mit mir zu tun hat. Dann bin ich zu neuen Recherchen nach Chiapas gefahren, habe mit Bandenmitglieder im Gefängnis gesprochen und ein paar irrwitzige Tage mit Immigranten auf dem Zugdach verbracht, inklusive Gang-Überfall und Mord an einem Mitreisenden. Was ich in der kurzen Zeit erlebt habe, werde ich nie vergessen. Anschließend war ich bereit für diese Geschichte.

Geht es um mehr als nur brutale Gangs? Im weitesten Sinn geht es um Familie. Die Männer und wenigen Frauen suchen eine Gemeinschaft, die Schutz und Macht verspricht. Meine Produzentin Amy J und ich diskutierten lange über die Struktur, für mich hat "Sin Nombre" etwas mit einem Western zu tun, für sie mit einer griechischen Tragödie. Vielleicht haben wir beide recht. [IMG#288975_2.jpg#Die Szenen auf dem Zugdach entpuppten sich als "absoluter Horror"#RIGHT]Mit Focus Features konnten Sie auf einen starken Partner zählen. Ich bin immer noch erstaunt über das Vertrauen, das sie mir von Anfang an schenkten. Ich hätte wahrscheinlich von einem Newcomer wie mir die Finger gelassen. Focus ist zwar interessiert an innovativen Projekten, aber nicht an purem Arthouse. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen, Verkaufsstrategie und Zielpublikum stehen im Voraus fest. Beim Schreiben sollte man deshalb den Zuschaueraspekt nicht vergessen. Was nicht heißen muss, blindlings den Wünschen eines Studios zu folgen. Mein Vorbild ist Steven Soderbergh, dem gelingt doch perfekt der Spagat zwischen kommerziellem und künstlerischem Anspruch.

Was erwarten Sie nach dem Erfolg von "Sin Nombre"? Dass ich Filme nach meinen Vorstellungen realisieren kann. Ich brauche kein teures Projekt, Filme mit einem moderaten Budget können genauso spannend sein. Mir ist aber klar, dass ich in einer Industrie arbeite. Wenn jemand Geld investiert und mir dadurch einen Film ermöglicht, trage ich Verantwortung und kann nicht auf Selbstverwirklichungstrip gehen. Ich liebe meine Freiheit und habe mir bei "Sin Nombre" freie Hand bei der Besetzung vertraglich zusichern lassen, weil es mir um echte Gesichter ging, schön, hässlich, kaputt. Bei einem 60-Mio.-Dollar-Film geht es natürlich härter zu.

Mit Focus und BBC verfilmen Sie in England "Jane Eyre" von Charlotte Brontë. Ein ziemlicher Sprung vom Gangstermovie zum Period Piece. Das ist ja gerade das Schöne. Kein machtgeiler Gangster, aber eine starke Frauenfigur, die um Freiheit und Selbstbestimmung kämpft. mk