Verkauf

Prokino bilanziert Vermarktung in Eigenregie

01.01.1970 01:00 • von Mareike Haus

Im Oktober 2008 brachte Prokino mit "" den ersten Film in Eigenregie auf den Markt. Was waren die Gründe für ein eigenes Home-Entertainment-Label? Stephan Hutter: Es war ja nicht so, dass Prokino einen Kaltstart hinlegen musste. Mit Partnern wie Universal oder Paramount wurden in der Vergangenheit bereits über viele Jahre erfolgreich Filme ausgewertet. Wir waren schon immer nah am Markt und haben diesen genau beobachtet. Dabei haben wir festgestellt, dass wir bei einer Eigenverwertung statt Lizenzverkauf zum Teil 40 Prozent mehr Umsatz gemacht hätten. Da war der Schritt zu einem eigenem Label naheliegend.

Wie fällt die Bilanz der ersten anderthalb Jahre aus? Barbara Bauer: Prokino hatte in dieser Zeit ein sensationelles Line-up. Um ein paar Beispiele zu nennen: Von "" haben wir auf DVD und Blu-ray fast 400.000 Stück verkauft. Damit war "Sch'tis" auf Platz sieben der Jahrescharts bei den Neuheiten. Bei "" haben wir über 300.000 Units an den Handel ausgeliefert. Der Film ist bei Blu-ray auf Platz eins gestartet. Das sind beeindruckende Erfolge.

SH: Wir haben für diese Filme auch Geld in die Hand genommen und sind im Kino bei "Sch'tis" von über einer Mio. Zuschauern ausgegangen. Dass es dann über 2,2 Mio. wurden, war umso schöner. Normalerweise nimmt man für Home Entertainment ja einen Anteil von zehn Prozent an; dass "Sch'tis" dann fast 20 Prozent reinholte, war auch für uns überraschend. Bei "Slumdog" war der Blu-ray-Anteil deutlich höher, was sich aber ganz einfach mit der Zielgruppe des Films erklären lässt.

Veröffentlicht Prokino alle Neuheiten auf DVD und Blu-ray? BB: Bei "Sch'tis" hatten wir einen Blu-ray-Anteil von drei, bei "Slumdog" von 13 Prozent. Das waren bisher unsere einzigen Veröffentlichungen auf Blu-ray. Letztlich sind der Inhalt und die Ausrichtung des Films und nicht allein das DVD-Potenzial entscheidend für eine Blu-ray-Veröffentlichung. Im März erscheinen bei Universal Pictures Germany die ersten beiden Prokino-Katalogtitel auf Blu-ray: "" und "Zusammen ist man weniger allein". Auf das Ergebnis sind wir sehr gespannt. Bei uns wird voraussichtlich "Sin Nombre", ein packender Thriller aus dem Gangmilieu Mexikos, als nächste Blu-ray erscheinen.

Bei "Sch'tis" hatte Prokino ein fast einjähriges Kinofenster. Gestalten Sie die Fenster generell flexibel? BB: Das lange Kinofenster hat uns bei "Sch'tis" nicht geschadet. Die Kinobetreiber hatten einen Film, der über einen langen Zeitraum im Kino funktioniert hat. Auf DVD erschien der Film rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Im Übrigen hatte das lange Verwertungsfenster keinen Einfluss auf die illegalen Piraterieaktivitäten im Netz. Erst nach elf Monaten zum DVD-Release kam es hier zu einem signifikanten Anstieg.

Räumt Prokino dem Videoverleih ein eigenes Fenster ein? BB: Der Verleih ist uns sehr wichtig. Wir veröffentlichen keinen Film als Direktvermarktung und räumen dem Verleih immer einen kurzen Vorlauf ein. Das können wir dem Videoverleih garantieren. Wir gewähren dieses Verleihfenster sogar gegenüber Video-on-Demand und sind damit eine Ausnahme. Ein Titel wie " hatte zum Beispiel beim First Shipment einen Verleihanteil von 30 Prozent. Für einige Titel entwerfen wir für den Videoverleih sogar ein eigenes Artwork, um ihn dort richtig zu positionieren.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Prokino? SH: Ich denke, wir haben den Mut, neue und schwierige Themen aufzugreifen, und einen sehr guten Spürsinn, was die Leute sehen wollen. Wir ziehen aus schwierigen Themen etwas raus, was verkaufbar ist bzw. hoffnungsvoll stimmt. Wir versuchen, in diesen Filmen den bestimmten und entscheidenden Punkt zu erkennen. Der Zuschauer verlässt trotz eines heiklen Themas das Kino oder das Wohnzimmer mit einem guten Gefühl. Das ist die eigentliche Kunst an diesen Filmen. Diese müssen aber auch entsprechend positiv positioniert werden. Das ist ein ganz entscheidender Punkt.

Wie viele Filme veröffentlicht Prokino im Jahr? SH: Etwa acht bis zehn Filme. Wir sehen uns nicht als Massenverwerter, sondern stufen uns eher als eine Art Verleger ein. Wir kaufen einen Film mit allen Rechten, sprich: Kino, Video, digitale Distribution und Fernsehen. Für jede Auswertungsstufe konzipieren wir einen entsprechenden Marketingplan. Bei Fernsehen sind unsere Einflussmöglichkeiten derzeit noch geringer, das wird aber auch noch kommen. Die Strategie kann durchaus auch schmerzhaft sein: Bei den Verfilmungen der Stieg-Larsson-Reihe haben uns die fehlenden Fernsehrechte vom Kauf abgehalten, wobei ich das Potenzial auf Video als enorm eingestuft hätte.

Über all die Jahre hatte Prokino ein sensationelles Händchen bei der Filmauswahl. Was sind die Auswahlkriterien? SH: Wir werden sehr oft mit dem anspruchsvollen Film in Verbindung gebracht. Das trifft es aber nicht: Der anspruchsvolle Unterhaltungsfilm charakterisiert unser Programm viel treffender. Wir wehren uns dagegen, in eine bestimmte Ecke gedrängt zu werden, was bei einem Independent schnell der Fall ist. Vor über 20 Jahren hatten wir nur Arthouse im Programm, zwischenzeitlich sind wir aber schon längst auf Crossover-Produkte umgestiegen.

"Die fabelhafte Welt der Amelie", "Willkommen bei den Sch'tis" - hat Prokino ein Faible für den französischen Film? SH: Der europäische Film spielt eine zentrale Rolle in unserem Programm, und die französischen Produktionen waren in der Vergangenheit sehr erfolgreich. Wir sind im Kino bei den nicht nationalen europäischen Produktionen sogar Marktführer. Trotzdem lassen wir uns auch hier in kein Schema pressen. Mit "Sin Nombre" ist eines unserer Highlights in diesem Jahr ein mexikanischer Film, allerdings unter der Ägide eines US-Studios. Ich glaube generell stark an den südamerikanischen Film. Allerdings bräuchte es dafür einen richtigen Kracher an den Kinokassen. Gerade in Deutschland interessiert man sich für diese Länder sehr.

Die Messlatte ist aufgrund der großen Erfolge im letzten Jahr hoch gelegt. Wie will Prokino die Erfolge von "Slumdog" oder "Sch'tis" in diesem Jahr toppen? BB: Die erfolgreichen Filme der Vergangenheit sind Longseller, die sich auch in diesem Jahr noch sehr gut verkaufen werden. Natürlich müssen wir den Riesenerfolg noch ein bisschen verdauen und uns entsprechend aufstellen. Wir werden auf jeden Fall unseren Output an Titeln nicht erhöhen, sondern weiterhin jede Veröffentlichung intensiv betreuen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Prokino bei Neuheiten immer für Überraschungen gut ist, warum sollte das in diesem Jahr anders sein?

Was sind die kommenden Highlights bei Prokino? SH: Im März erscheint "" mit Birgit Minichmayr. Der Film hatte in Deutschland fast 200.000 Zuschauer, hinzu kamen noch einmal über 50.000 in Österreich. Diese regionalen Schwerpunkte werden sich auch in der Vermarktung widerspiegeln. Zeitgleich kommt die Literaturverfilmung "" mit Michelle Pfeiffer in den Handel. Im Mai folgt "" mit Richard Gere. Wir rechnen hier mit sehr großem DVD-Potenzial, auch weil wir den Film anders positionieren werden als bei der Kinovermarktung, nämlich als Family-Entertainment. Hinzu kommen die Kinohighlights: die sechsfach Oscar®-nominierte Cinderella-Story aus den USA, "Precious - Das Leben ist kostbar", "Sin Nombre", "Gainsbourg - Je t'aime", ein fantastisches Biopic über einen der unwiderstehlichsten Herzensbrecher der letzten Jahrzehnte, und "Keep Surfing", Lifestyle-Abenteuer und Publikumsliebling vom Münchner Filmfest. Alle Filme werden voraussichtlich noch in diesem Jahr auf DVD erscheinen.

Welche Rolle spielt der Backkatalog? BB: Wir verfügen derzeit über einen Backkatalog von über 70 Titeln, den wir auf iTunes, Videoload und maxdome als VoD oder EST zur Verfügung stellen. Das sind für uns wunderbare Plattformen, um die Nachfrage nach einzelnen Titeln zu testen. Außerdem haben wir einen kontinuierlichen Produktfluss und müssen nicht Monate mit Katalogveröffentlichungen überbrücken. Gerade beim Katalog ist eine sehr selektive Politik vonnöten.

Welche Rolle spielt der Katalog als physisches Produkt? BB: Wir arbeiten an einem tragfähigen Konzept, das nicht nur ein, zwei Jahre funktioniert, sondern langfristig erfolgreich ist. Die Gedankenspiele reichen von einer Dachmarke bis zu Zusammenstellungen nach Regisseuren, Schauspielern oder dem Format. Prokino bietet aus der Kinovermarktung heraus schon einen guten Qualitätsstandard. Diesen wollen wir noch stärker ins Home-Entertainment transportieren.

Wie sind die bisherigen Erfahrungen mit der digitalen Distribution? BB: Sehr gut. Wir bekommen dadurch nicht nur erkenntnisreiche Ergebnisse, sondern gewinnen tatsächlich Kunden hinzu, die bisher keine physischen Produkte gekauft haben. Wobei EST sicherlich noch ein sehr kleines Pflänzchen ist und dort vielleicht das Geschäftsmodell auch noch nicht optimiert ist. Bei EST veröffentlichen wir parallel zum Kaufstart, VoD ist aufgrund diverser Fensterproblematiken in der Verwertungskette sehr komplex, aber auch schon jetzt sehr Erfolg versprechend. Langfristig glauben wir an einen digitalen Markt, der neben dem physischen Markt existieren wird.

Prokino freut sich auf neuen Dany Boon

Nach dem großen Erfolg von "Willkommen bei den Sch'tis" übernimmt Independent Prokino auch die Auswertung des neuen Films von Dany Boon, "Nicht zu verzollen (Rien à declarer)", in Deutschland. "Der riesige Erfolg der 'Sch'tis' rührt von seinem unbestreitbaren Potenzial, Grenzen zu überschreiten her", sagt Prokino-Geschäftsführer Stephan Hutter. "Auch Dany Boons 'Rien à déclarer' ist brillant, herzerwärmend und urkomisch und wird den Nerv des Zuschauers treffen." Denn: Das französisch/belgische Grenzörtchen Courquain blickt schweren Zeiten entgegen - seit in Europa so kriminelle Beschlüsse wie das Schengen-Abkommen in Kraft treten. Findet jedenfalls der belgische Grenzer Ruben. Sein Hauptfeind steht nur wenige Meter entfernt. Und dann muss er auch noch zum mobilen französisch-belgischen Patrouillendienst, gemeinsam mit seinem Erzfeind Mathias, der noch dazu mit seiner Schwester liiert ist ... Wie sein Vorgänger, "Willkommen bei den Sch'tis", spielt die romantische Komödie "Rien à déclarer" mit dem Thema Vorurteile und der Liebe zu den kleinen Leuten. Die Dreharbeiten beginnen nächsten Monat.