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Zum Tod von Barbara Rudnik

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Da war vor allem ihr Blick, der eine einzige Herausforderung darstellt. Er ist kühl genannt worden, was leicht danebenliegt. Wenn Barbara Rudnik auf die Welt schaute, lagen die Herausforderung ihres Blicks und der unwiderstehliche Augenaufschlag in der offenen Neugier, in einer Unvoreingenommenheit und Direktheit, die bei aller Abschätzung des Gegenübers die richtige Einschätzung suchte. Standhalten konnten diesem Blick nur wenige, verfallen sind ihm viele, enträtselt hat ihn niemand. Um das zu verstehen, muss man Rudniks Traum zitieren, wie sie ihn vor Jahren in einem ihrer seltenen persönlichen Statements preisgab: "Mein Traum ist es, die Welt mit den Augen eines Mannes sehen zu können, um herauszufinden, ob wir Frauen uns in unseren Einschätzungen manchmal gewaltig irren." Das ist es, diese Suche, die die Grenzen der Wahrnehmung sprengt, die "Limits of Control" überwinden will.

Barbara Rudniks vorzeitiger Tod ist ein großer Verlust, denn auch wenn sie sich in den letzten Jahren hauptsächlich in Fernsehrollen eingerichtet hatte, was mit ihrer Brustkrebserkrankung zu tun hat, so fehlt sie. Viel zu selten sah man sie in Kinoproduktionen, aber wenn, dann blieben ihre Auftritte haften. Man denke an ihre abgearbeitete Wiesn-Bedienung in "Oktoberfest", eine Rolle, die man gemeinhin mit drallen Frauen in Verbindung bringt und nicht mit Rudniks Feingliedrigkeit. Und doch ist Rudnik nachhaltiger als offensive Maßkrug-Stemmerinnen. Ein purer Genuss und eine ihrer besten Rollen ist die der Informatikprofessorin in Wolfgang Murnbergers "Komm, süßer Tod". Da spielt sie die Freundin aus Jugendzeiten von Exbulle Brenner (Josef Hader), der in einen Krieg der Wiener Krankentransporte verwickelt ist. Wie Barbara Rudnik da erscheint, einnehmend und mit dem Hang, charmant flotte Männersprüche zu parodieren und ihren (Un-)Sinn offenzulegen, das ist schlicht hinreißend und überwältigend.

Stolze Einzelgängerin

Barbara Rudnik wurde 1958 in Wiebach an der Sieg als Tochter eines Drehers und einer Näherin geboren. Sie wuchs in Kassel auf, nahm Schauspielunterricht, brach ihre Ausbildung nach anderthalb Jahren jedoch ab und jobbte als Kellnerin. Buchstäblich auf der Straße von Studenten der Münchner Filmhochschule entdeckt, trat sie in einigen Studentenfilmen auf. 1981 übernahm sie in Beate Klöckners "Kopfschuss" die Hauptrolle, und schon da zeigte sich, dass sie einen Film allein tragen konnte. Niemand, der sich an Rudniks Anfänge erinnert, wird diesen unglaublichen schwarzen Lederbikini vergessen, mit dem sie in Hans-Christoph Blumenbergs "Tausend Augen" ihre wenigen Muße-Minuten allein in einem Schwimmbad genießt und graziös ins Wasser taucht. Das ist einer der wenigen erotischen Momente, die der deutsche Film der Achtzigerjahre hervorgebracht hat. Das besaß Barbara Rudnik: Stil, Eleganz und mühelose Contenance. Vielleicht war sie deshalb ideal für Aufgaben als Kommissarin, Wissenschaftlerin, Ärztin, BKA-Agentin, Frau aus reichem und gutem Haus, Psychologin und Journalistin. Niemand anders als sie war der wirkliche Widerpart des mediensüchtigen Mörders (Götz George) im epochalen TV-Thriller "Der Sandmann". Dafür gab es den Adolf-Grimme-Preis. Fast zu spät angesichts ihrer Leistungen, wurde Barbara Rudnik 2006 mit der Goldenen Kamera als Beste Deutsche Schauspielerin für "Die Leibwächterin" ausgezeichnet, gemeint war die Gesamtheit ihrer Karriere. Und die Münchner Polizei ernannte sie 2007 zur Ehrenkommissarin, hatte sie doch in der ARD-Reihe "Polizeiruf 110" als Kommissarin Simone Dreyer immer den Kopf oben und den Durchblick behalten. Seit 2005 spielte Barbara Rudnik zudem als Laura Laurenti die Ehefrau von "Commissario Laurenti" (Henry Hübchen). Barbara Rudnik verkörperte im Politdrama "Schatten der Macht" als Rut Brandt die Ehefrau des Bundeskanzlers Willy Brandt (Michael Mendl). In einem frühen Beispiel von 3-D-Animation, schwamm sie im Gentechnikgrusler "Das Biest im Bodensee" mutig einer genveränderten Kreatur entgegen. Und eine Würdigung der Schauspielerin darf auf keinen Fall ihre urkomische Rolle der feministischen Frauenbeauftragten Dr. Wagner unterschlagen, die in Sönke Wortmanns Uni-Satire "Der Campus" blond, schlank, chic und im Trenchcoat zu konspirativen Treffen eilt.

Als sie Ende 2005 von ihrer unheilbaren Brustkrebserkrankung erfuhr, gab sie, nach einem Jahr Schock und Chemotherapien, ihr Leiden bekannt, um Frauen, die wie sie mit dem angekündigten Tod rangen, Mut für den Kampf zu machen. Sie behielt den Kopf oben und verlor den Kampf nach dreieinhalb Jahren, in denen sie weiter arbeitete und unvermutete Lebenslust gewann. ger