Film

Ein Gespräch mit Harry Rowohlt über das Fernsehen

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Herr Rowohlt, die Veranstalter des Festivals in Baden-Baden wollten Sie schon lange gewinnen. Was qualifiziert den Autor von "Pooh's Corner" als Mitglied einer Fernsehfilm-Jury?

Ich war immerhin lange Filmkritiker. Außerdem bin ich seit 13 Jahren Ensemblemitglied der "Lindenstraße".

Gab es weitere Rollenangebote?

Aber ja. Ich habe zum Beispiel in gleich zwei österreichischen Filmen als Gott mitgewirkt, aber nur als Stimme, wie sich das für Gott gehört. Und in "Liebe auf Bewährung" habe ich mich selbst verkörpert, eine Rolle, die man ja nur schwer ablehnen kann. Regisseur Bernd Böhlich meinte damals: "Wenn Sie Zicken machen, finden wir ganz schnell jemand anderen, der Sie spielt."

Welche Bedeutung hat das Fernsehen in Ihrem Privatleben?

Ich bin fernsehsüchtig. Zigaretten, Armbanduhren und Fernsehen: Das muss sein, sonst werde ich hibbelig.

Haben Sie eine Lieblingssendung?

Neben der "Lindenstraße", die ich mir natürlich anschauen muss, gab es verschiedene Serien, ohne die ich nicht leben konnte, allen voran "Adelheid und ihre Mörder"? ? mit der wunderbaren Evelyn Hamann in der Titelrolle. Ach, ich habe immer versucht, an ihr vorbeizuschauen, ich war eher ein großer Fan von Heinz Baumann in der Rolle des Hauptkommissars Strobel. Ansonsten halte ich jedoch nicht allzu viel von Schauspielern. Ein Regisseur hat einmal gesagt, die Vorurteile gegenüber Schauspielern treffen allerhöchstens zu 95 Prozent zu.

Das werden Ihre Kollegen von der "Lindenstraße" nicht gern hören.

Dort sind immerhin 70 Prozent kluge und nette Leute, denen man kaum anmerken würde, dass sie Schauspieler sind. Auch bei der Arbeit nicht.

Jetzt wird sich natürlich jeder im Ensemble fragen, wer die anderen 30 Prozent sind.

Es weiß jeder, was ich von ihm halte. Ich bin ja kein Schauspieler und habe meine Mimik nicht im Griff.

Verlassen wir das dünne Eis der Diplomatie lieber wieder. Schauen Sie sich als Vielseher auch Fernsehfilme an?

Ja, obwohl mir die Pflichtfilme, die ich mir wegen des Festivals ansehen musste, eher Unbehagen bereitet haben.

Das kann ja heiter werden. Sie wissen, dass die Diskussionen in Baden-Baden öffentlich sind?

Davor habe ich auch schon große Angst. Seit meiner Berichterstattung über das 6. Festival des lateinamerikanischen Films in Havanna, als ich 120 Filme in 120 kurzen Texten besprochen habe, bin ich nicht mehr in der Lage, mich länger als in fünf Zeilen zu äußern.

Was genau hat Ihnen an den Filmen nicht gefallen?

Ich finde es immer öde, wenn man den Schauspielern bei ihrer Berufsausübung zusehen muss.

Aber bringt das nicht jeder Film und jede Bühnenaufführung mit sich?

Deshalb ist es in den allermeisten Fällen ja auch so öde. Wenn Will Quadflieg den Kinderkreuzzug von Brecht so aufsagt, dass ich weinen muss, dann hat das noch gar nichts zu bedeuten, denn das darf ich erwarten. Wenn aber zum Beispiel Knut Hinz in der "Lindenstraße" seinen Hajo Scholz vor sich hin stottert, dass man gar nicht merkt, wie er spielt, dann ist das große Kunst. Deshalb liebe ich die Kollegen bei der "Lindenstraße" auch so. Die sind entweder wie ich streng nach Typ besetzt oder wirklich große Schauspieler.

Fernsehen und große Kunst: Schließt sich das automatisch aus?

Nein, keineswegs. Aber es stellt sich nun einmal ein gewisser Verdruss ein, wenn man immer wieder dieselben 40 Gesichter sieht.

Fanden Sie Marcel Reich-Ranickis Fernsehschelte beim berechtigt?

Überhaupt nicht. Urban Priol hat das perfekt auf den Punkt gebracht: Genauso gut hätte Marcel Reich-Ranicki zum Hockenheimring fahren und sich über die vielen lauten Autos beschweren können. Ich fand seinen Auftritt albern.

Aber er scheint manchen Menschen aus der Seele gesprochen zu haben. Brauchen wir eine Qualitätsdebatte über das öffentlich-rechtliche Fernsehen?

Es muss sich doch niemand ansehen, was ihm nicht gefällt! So hoch sind die Fernsehgebühren auch nicht, dass man nicht jeden Monat auf seine Kosten kommt.

Trotzdem beklagen sich viele, wenn sie ARD oder ZDF einschalteten, gäbe es prompt eine Daily Soap, eine Telenovela oder ein Film mit Christine Neubauer.

Mir passiert das nie, weil ich sehr methodisch zu Werke gehe. Ich markiere das Programm jeden Tag mit einem gelben, einem grünen und einem roten Textmarker, das geht ganz fix. Gelb kann, grün darf, rot muss. Man lobt mich übrigens allseits wegen meines goldenen Daumens.

Welche Sendungen gehören zu den roten?

Das wechselt. Aber "Kulturzeit" auf 3sat ist immer rot, besonders, seit Gert Scobel nicht mehr moderiert.

Was haben Sie gegen Gert Scobel?

Ach wissen Sie, früher habe ich immer "Arschloch" geschrien, wenn Joschka Fischer aufgetaucht ist. Jetzt ist er aus den Medien verschwunden, deshalb muss Gert Scobel herhalten. Aber manche Moderatorinnen sind noch schlimmer, ich frage mich wirklich, wer diese Mäuschen aussucht. Jede Backwarenfachverkäuferin hat mehr Kompetenz.

Man wird Sie in Baden-Baden auch bei einer Ihrer mittlerweile selten gewordenen Lesungen erleben. Warum machen Sie sich so rar?

Ich tingle nicht mehr, weil ich Polyneuropathie habe. Aber in Baden-Baden bin ich noch nie aufgetreten, das war also mal fällig. tpg

Die Jury 2008

Klaudia Wick (Juryvorsitz, Journalistin) Anja Dihrberg (Castingagentin) Hans-Jürgen Drescher (Suhrkamp Theater & Medien) Hendrik Handloegten (Regisseur) Eva Mattes (Schauspielerin, Foto) Harry Rowohlt (Autor, Übersetzer) Juror für den MG-Star Matthias Brandt (Schauspieler)