Film

Collina produziert "Lippels Traum"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Eigentlich wollte Büchel nach der Produktion von "Paulas Geheimnis" mit seiner und Bernd Hoefflins Firma element e keinen Kinderfilm machen, doch das Drehbuch von Limmer und Maar nach Maars gleichnamigen Bucherfolg war "so berührend und umwerfend", so Büchel, dass er doch zusagte. Er kam sich beim eingespielten Gespann Limmer-Maar, die "Das Sams", "Sams in Gefahr" und "Herr Bello" gemeinsam realisierten, nicht als Fremder vor. Büchel betont, dass er in der Geschichte des elfjährigen Lippel, dessen Vater ihn mit einer schrecklichen Haushälterin allein lässt, woraufhin sich Lippel in eine wie "1001 Nacht" anmutende, orientalische Traumwelt flüchtet, den "Orient nicht als heile Welt" träumt. Dennoch handle es sich auch um ein Abenteuer, das "komische Akzente setzt", so Büchel, und Verfolgungsjagden mit galoppierenden Pferden integriert. Solche und andere Szenen realisierte man vom 25. März an in vier Wochen in Quarzazate, Marokko. "Dort gibt es nicht nur tolle Wüstenlandschaften, sondern vor allem eine sehr gute Infrastruktur samt Dekorationsbauten. Ich würde sofort wieder nach Marokko gehen", schwärmt Limmer. Die Organisation vor Ort hat er Sigma Film anvertraut. Die weite Landschaft fing die junge Kamerafrau Jana Marsik, die Erfahrung im Kinderfilm bei "Hände weg von Mississippi" sammelte, auf Cinemascope ein. Entsprechend wird es laut Büchel "sehr sinnliche Bilder" geben, aber auch mit Handkamera gefilmte Sequenzen. Büchel sieht die Dreharbeiten als "Geschenk" und ist auch mit seinem Ensemble mehr als zufrieden - mit den prominenten erwachsenen Mitgliedern ebenso wie mit den jungen.

Mit Kindern müsse man zwar sehr viel Geduld haben, aber es sei nichts gegen die Arbeit mit den drei alten Damen bei seiner Hitkomödie "Jetzt oder nie - Zeit ist Geld", schmunzelt Büchel. Für den jungen Darsteller des Titelhelden Karl Alexander Seidel ist es zwar nicht der erste Auftritt, aber seine erste Hauptrolle. Seine jungen Freunde werden von Amrita Cheema und Steve-Marvin Dwumah gespielt. Comedian Anke Engelke, die bereits in der letzten Collina-Produktion "Freche Mädchen" mitspielte, gibt die Haushälterin in der realen und die böse Tante in der Traumwelt. Moritz Bleibtreu spielt die Doppelrolle des Vaters von Lippel und des Königs im Traumland. Christiane Paul übernimmt die positive Frauenfigur, die neu ins Skript geschrieben wurde, das, um die Dramatik fürs Kino zu steigern, angepasst wurde. Prominenz tummelt sich auch in den Nebenrollen. So habe etwa Uwe Ochsenknecht, ohne das Drehbuch überhaupt gelesen zu haben, seine Mitwirkung zugesagt. Ein Privileg, das Limmer über seine guten persönlichen Kontakte als erfahrener Produzent genießt. Mit Ochsenknecht etwa arbeitete er bereits bei "Schtonk!" genau wie mit Konstantin Wecker, einem weiteren prominenten Namen auf der Stabsliste. Er schreibt wie auch bei "Herr Bello" den Score, der westliche und orientalische Musik harmonisch miteinander verbindet.

Der zwischen vier und fünf Mio. Euro budgetierte Film ist nicht nur wegen der Besetzung, den Reisen und der bei Kinderfilmen üblichen langen Drehzeit von 40 Tagen aufwendig, sondern auch wegen der Postproduktion. Denn viele Szenen werden vor Green Screen gedreht. So werden etwa die Einstellungen, die in der alten Gießerei in Perlach entstanden, wo ein Königszelt aufgebaut wurde, später im Computer in einen Wüstenhintergrund eingepasst. Arri agiert hierbei nicht nur als Dienstleister, sondern wie bei "Herr Bello" über B auch als Koproduzent. Am 21. Mai wurde die letzte Szene in Lippels Wohnort in Passau realisiert. Weitere Partner bei "Lippels Traum", der bereits 1990 ohne die Beteiligung von Maar verfilmt wurde (dieser Film dürfte aber den wenigsten bekannt sein), sind der Bayerische Rundfunk und Universum Film. "Lippels Traum" ist der erste Film, der nicht über den inzwischen abgearbeiteten First-Look-Deal zwischen Collina und Constantin ausgewertet wird. Fertig werden sollte er Ende des Jahres, sodass eine Präsentation auf der vorstellbar sei, so Büchel. Er hofft, dass der Film, der zwar kein "Harry Potter" sei, aber weit über das klassische Kindergenre hinausgehe, ein Publikum frei nach dem Motto diverser Brettspiele "von acht bis 80 Jahren" findet.

Mit element e bereitet Büchel unter anderem den Kinostoff "540°" vor (wenn alles nach Plan läuft, mit Collina als Koproduzenten), den die sonst als Kinderbuchautorin erfolgreiche Elfie Donnelly mit Blick auf Erwachsene schreibt. Die Geschichte um Turmspringer in einem Internat in den Siebzigerjahren soll auch in Zusammenarbeit mit Limmers Collina Film umgesetzt werden. Für Collina steht noch in diesem Jahr ab Mitte Juli der Kinostart über Constantin von "Freche Mädchen" an. Ob das potenzielle Kinofranchise fortgesetzt wird, wird sich nach den ersten Ergebnissen zeigen. Für Herbst 2009 sind die Dreharbeiten zu Jo Baiers "Das Ende ist mein Anfang" anberaumt. Das Kinokammerspiel nach dem gleichnamigen Buch des "Spiegel"-Autors Tiziano Terzani über ein Gespräch zwischen Vater und Sohn kurz vor dem Tod des Vaters, ist eine Herzensangelegenheit für Limmer. Mit diesem ernsten, erwachsenen Stoff verteidigt er den Anspruch seiner Firma, ein möglichst breites Spektrum zu bedienen - auch außerhalb des Family-Entertainment, mit dem Collina vornehmlich erfolgreich ist. Ein größeres und wohl nur international zu stemmendes Projekt ist die Adaption der Kinderbuchreihe um "Caius, der Lausbub aus dem alten Rom". Limmer hat sich zudem die Drehbuchrechte zu einer Teeniekomödie im Stil von "Dumm und Dümmer" gesichert. "Die Kunst Elchurin frisch zu halten" stammt aus der Feder des "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken"-Drehbuchautors Rochus Hahn. In der Entwicklung befindet sich der englischsprachige Film "Der Champagner-Spion" nach der authentischen Lebensgeschichte des deutschstämmigen Mossad-Spions Wolfgang Lotz. hai