Film

Oscar goes to Europe

01.01.1970 01:00 • von Heike Angermaier
Europäische Schauspieler mit Oscar: Daniel Day Lewis, Tilda Swinton, Marion Cotillard und Javier Bardem (Bild: Kurt Krieger)

Denn der achtfach nominierte, knallharte, lakonische Thriller wurde von der Academy zum besten Film 2007 auserkoren, und die filmemachenden Brüder Joel und Ethan Coen erhielten die begehrte Statue für die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch. Für "Fargo" waren die beiden bereits 1996 mit dem Oscar für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet worden. Bei "No Country for Old Men" hatten sie den gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy adaptiert. Ein vierter Preis ging an den Spanier Javier Bardem als bester Nebendarsteller.

Die vier Auszeichnungen sind symptomatisch für die Tendenz der diesjährigen Preisvergabe, europäische Kreative und Filme jenseits des Mainstream-Kinos zu belohnen. Hollywood hatte zwar schon immer den Ruf als Spielwiese internationaler Künstler, so stark war Europa aber wohl noch nie in der Preisträgerliste vertreten, die dieses Jahr zum 80. Mal glamourös, aber ohne Höhepunkte veröffentlicht wurde: Alle Darstellerpreise gingen an Europäer, der Auslands-Oscar und die Auszeichnung für den besten Filmsong gingen an europäische Produktionen. Hinzu kamen zwei Kurzfilmpreise für europäische Arbeiten ("Peter & the Wolf", "Le Mozart des Pickpockets").

Die Europäer stahlen den US-Kollegen schließlich auch noch bei den Dankesreden mit großen Emotionen und/oder Witz die Show. Als beste Hauptdarstellerin wurde Marion Cotillard für "La vie en rose" (der übrigens auch einen Oscar für das beste Make-up erhielt) ausgezeichnet. Die französische Schauspielerin, die zwei Tage zuvor für ihre Darstellung von Edith Piaf bereits mit einem César und einen guten Monat vorher mit einem Golden Globe geehrt worden war, hatte in ihrer Dankesrede wohl den emotionalsten Moment in der von Jon Stewart souverän moderierten Gala. Überrascht von der Auszeichnung - wie auch viele Brancheninsider - sagte sie gerührt: "Es stimmt wirklich, in dieser Stadt gibt es Engel." Viele hätten mit einer Auszeichnung für Julie Christie in "An ihrer Seite" gerechnet. Als bester Hauptdarsteller wurde der Brite Daniel Day-Lewis für seine Berserker-Performance als Ölmagnat im düsteren Epos "There Will Be Blood" geehrt. Mit dieser Entscheidung hätte wohl jeder gerechnet, auch wenn sich der rar machende Schauspieler die Statue bereits für "Mein linker Fuß" (1989) geholt hatte. Mit einem galanten Knicks nahm Daniel Day-Lewis den Preis von Vorjahresgewinnerin und Landsfrau Helen Mirren entgegen. Die Preise für die besten Nebendarsteller gingen überraschend an die Schottin Tilda Swinton ("Michael Clayton"), die sich in ihrer Rede über ihren Kostar George Clooney lustig machte, der leer ausging, und eben an den preisverwöhnten Spanier Bardem, der wie Cotillard und Day-Lewis bereits bei den Globes punktete.

Regisseur und Drehbuchautor Stefan Ruzowitzky, dessen KZ-Drama "Die Fälscher" nach "Das Leben der Anderen" im letzten Jahr der zweite deutschsprachige Film in Folge und der erste österreichische Film überhaupt ist, den die Academy berücksichtigte, sah sich gewitzt in der Nachfolge von erfolgreichen Landsmännern wie Billy Wilder und Fred Zinnemann. Sie hatten ihre Heimat wegen der Nazis verlassen, er werde für einen Film über die Nazis geehrt. Ein Thema, für das die Academy aber traditionell sehr empfänglich ist. So stach "Die Fälscher" "Katyn" und "Der Mongole" aus, denen ebenfalls Chancen eingeräumt worden waren.

Zu absoluten Lieblingen der Zuschauer im Kodak Theater avancierte das Duo des irischen Low-Budget-Musikdramas "Once", Glen Hansard und Markéta Irglová. Die beiden Hauptdarsteller erhielten als größte Außenseiter im diesjährigen Oscar-Rennen die Auszeichnung für den besten Filmsong für ihr "Falling Slowly". Sie stachen die Konkurrenz der Disney-Songs von "Verwünscht" aus, die auch im Rahmen der Gala kaum Eindruck hinterließen. Als bester Kameramann wurde Robert Elswit für "There Will Be Blood" ausgezeichnet. Elswit warf seinen gleich zweimal nominierten Kollegen Roger Deakins aus dem Rennen. So wurde der wie "Country for Old Men" achtfach nominierte Favorit von Paul Thomas Anderson zumindest zweimal berücksichtigt. Die vierfach nominierte britische Bestseller-Adaption "Abbitte" sicherte sich eine Oscar-Auszeichnung für die beste Musik. Mit dem Oscar für das beste Originaldrehbuch an Diablo Cody für "Juno" wurden noch eine Erstlingsautorin und ein Independent-Film gewürdigt.

In vielen technischen Kategorien und beim Animationsfilm hatten dafür Blockbuster die Nase vorn: "Das Bourne Ultimatum", das 230 Mio. Dollar in die amerikanischen Kinokassen spülte, sicherte sich drei Statuen, "Ratatouille" - von Publikum und Kritik geliebt - wurde zum besten Animationsfilm erklärt. Damit durfte sein Regisseur Brad Bird nach dem Oscar für "Die Unglaublichen - The Incredibles" schon die zweite Statue mit nach Hause nehmen. Die kommerziellen Aussichten der prämierten Filme sind für die Auswertung auf DVD besser geworden. Für "No Country for Old Men" steht sogar noch ein Schub im Kino bevor, wird er doch in den USA um doppelt so viele Locations aufgestockt und somit weiter auf der Gewinnerseite bleiben.

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