Film

Kein Oscar für "Jenseits der Stille'

01.01.1970 01:00 • von

Vergessen waren die langen Gesichter der Majors vom vergangenen Jahr, als die Indies, allen voran Miramax, die mit (neun Preise), , und abräumten, den Studios einen schmerzhaften Denkzettel verpaßten.

Die 70. Academy Awards standen ganz im Zeichen von "Titanic", dem weltweiten Abräumer, der sich keine Blöße gab und seiner Favoritenrolle uneingeschränkt gerecht wurde: 14 mal war das Epos nominiert worden, elf Statuetten nahm das Meisterwerk schließlich mit nach Hause - ebenso viele wie der bisherige Spitzenreiter "Ben Hur" im Jahr 1959. Damit ließ "Titanic" u. a. (zehn Oscars), "Der englische Patient", und (jeweils neun Oscars) hinter sich.

Nur in den Kategorien beste Hauptdarstellerin, beste Nebendarstellerin und bestes Make-Up mußte der Film einem Konkurrenten Vortritt lassen, nachdem bei den Nominierungen bereits Leonardo DiCaprio und James Camerons Drehbuchleistung ignoriert worden waren. Der Filmemacher wird damit leben können: Als erster Filmemacher der Geschichte durfte er drei Oscars in einem Jahr (als Regisseur, Produzent und Cutter) entgegennehmen. Mit ihren Entscheidungen machte die Academy aber auch deutlich, daß sie zwar gewillt war, den außerordentlichen Kraftakt zu belohnen, ein derartiges Projekt zu stemmen, sich aber nur bedingt bereit zeigte, "Titanic" aufgrund seiner künstlerischen Meriten als Meisterwerk anzuerkennen: Außer für den besten Film und die beste Regie gingen die "Titanic"-Preise ausschließlich an technische Leistungen.

Das überraschte Insider ebensowenig wie die weiteren Entscheidungen, die schließlich gefällt wurden: Helen Hunt setzte sich mit ihrer fabelhaften Darstellung einer schlagfertigen Kellnerin als beste Hauptdarstellerin gegen ein Feld von Engländerinnen durch, ihr -Partner Jack Nicholson behauptete sich gegen seinen größten Konkurrenten Peter Fonda () und nahm als vierter Schauspieler überhaupt einen dritten Oscar entgegen (zuvor war er für und ausgezeichnet worden), Kim Basinger machte ihr Comeback in mit einer Auszeichnung als beste Nebendarstellerin perfekt, und Robin Williams schlug in seinem vierten Oscar-Anlauf Burt Reynolds aus dem Rennen, der bei den Golden Globes triumphiert hatte, bei der Academy aber wohl in Ungnade gefallen war, nachdem er sich in Interviews über seinen Film abfällig geäußert hatte.

Die Drehbuch-Oscars gingen wie erwartet an Matt Damon und Ben Affleck für und Curtis Hanson und Brian Helgeland für "L. A. Confidential". "L. A. Confidential", "Good Will Hunting" und "Besser geht's nicht", allesamt Kritiker- und Publikumslieblinge, wurden somit jeweils zweifach prämiert. Der vierfach nominierte Außenseiter erhielt einen Sympathie-Award für die beste Musik in einem Musical oder einer Komödie, womit jeder für einen Oscar für den besten Film nominierte Beitrag wenigstens einen Academy Award gewann.

war der einzige weitere amerikanische Spielfilm, der zu Oscar-Ehren kam: Er wurde für das beste Make-Up geehrt. Caroline Link und mußten sich im Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film dem niederländischen Beitrag von Mike van Diem geschlagen geben, der auch als Favorit gehandelt worden war.

Die deutsche Oscar-Hoffnung befindet sich in bester Gesellschaft: Auch die vielbeachteten Bewerber , , , und gingen leer aus.

Immerhin entstand "Karakter" mit deutscher Beteiligung: Mit dem Hamburger Partner Wüste Film realisierte der holländische Produzent Laurens Geels einen Teil der Literaturverfilmung in der Hansestadt. Einen deutschen Verleih hat der Oscar-Gewinner indes noch nicht.

Wenig Überraschungen

Insgesamt wußte die einmal mehr viel zu lange, von Billy Crystal zwar mit vielen wohlplazierten Onelinern, aber dennoch bestenfalls routiniert moderierte Veranstaltung nur bedingt zu begeistern. Wie bei den Gewinnen gab es auch beim Programmablauf zu wenig echte Highlights oder Überraschungen, um die 220-minütige Dauer der Zeremonie zu rechtfertigen. Wirklich große Momente waren beim 70. Oscar-Jubiläum Mangelware: Allein der singende und steppende Regieveteran Stanley Donen (, , ), der für sein Lebenswerk geehrt wurde, riß das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, und Matt Damon und Ben Affleck überzeugten mit ihrer jugendlichen Begeisterung über ihren Oscar-Gewinn und dem Versuch einer Cuba-Gooding-Dankesrede.

Für einen ergreifenden Moment sorgte jedoch noch James Cameron zum Abschluß: Nach der Übergabe des Best-Picture-Oscars für "Titanic" erinnerte er an die rund 1500 Opfer des historischen Unglücks und forderte den Saal zu einigen Schweigesekunden auf. Für einen Moment sahen die Millionen Zuschauer weltweit ein vollkommen stilles Shrine Auditorium - auch dies die Leistung eines Oscargekrönten Ausnahmeregisseurs, der sich spätestens seit diesem Abend sein nächstes Projekt nach Belieben auswählen kann.