Film

Thomas Negele zu den Herausforderungen des Kinojahrs

01.01.1970 01:00 • von
"Die wilden Kerle 4" hält die Fahne deutscher Hits hoch - aber bis zu 35 Prozent Marktanteil ist es noch weit (Bild: Buena Vista)

Das Kinojahr 2007 ist mit Blick auf das abgelaufene 1. Quartal mit einer deutlichen Hypothek gestartet. Unter welchen Vorzeichen steht der HDF-Kongress angesichts dieser enttäuschenden Zwischenbilanz?

Dr:Man sollte diese Zwischenbilanz nicht zu dramatisch bewerten. Wenn man die Zahlen für die letzten drei Monate genau betrachtet, wird man feststellen, dass der Februar auf dem Niveau von 2006 lag, der Januar sogar leicht darüber - und das ohne einen Blockbuster. Im März hingegen hatten die Kinos nicht nur mit dem ungewöhnlich guten Wetter zu kämpfen, sondern auch mit Filmen, die das Publikum in der Breite nicht sehen wollte. Das Kino steht mittlerweile mit unzähligen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung in Konkurrenz. Wenn die Produkte, die es bieten kann, enttäuschen, ist der negative Ausschlag in der Bilanz einfach größer als noch in der Vergangenheit.

Wie gestaltet sich nun Ihr Ausblick auf das restliche Jahr?

Sie kennen ja das alte Lied: Es braucht den richtigen Film zur richtigen Zeit. Wie das Jahr weitergeht, hängt nicht unwesentlich davon ab, wie das Publikum die diversen Sequels aufnimmt. Aber insgesamt gehe ich davon aus, dass uns zumindest eine Wahrung des Status quo gelingen wird, dass dieses Jahr also nicht schlechter verlaufen wird als das vergangene.

Wie abhängig ist das Kino denn tatsächlich von diesen Sequels und US-Eventfilmen? Mangelt es der deutschen Branche noch an Kontinuität?

Ja. Das Problem ist, dass wir, was einen hohen deutschen Marktanteil angeht, momentan noch einen Zweijahresrhythmus haben. Ziel muss es sein, jedes Jahr vier oder fünf richtig gute deutsche Filme zu haben, die jeweils über vier Mio. Besucher in die Kinos ziehen. Um dieses Ziel zu erreichen, bräuchte die deutsche Filmwirtschaft allerdings dringend mehr Kapital. Insbesondere im Bereich Drehbücher müsste mehr Geld und Mühe verwandt werden, um bessere Drehbücher zu bekommen. Um den Staus quo auf Dauer halten zu können, gerade wenn amerikanische Filme schwächeln, bräuchten wir meiner Meinung nach einen Marktanteil der heimischen Produktionen von etwa 35 Prozent pro Jahr.

Mit "Mr" und "300" scheint man jetzt auf einem guten Weg, ab Mai geben sich potenzielle Blockbuster quasi im Wochentakt die Klinke in die Hand. Wäre eine Entzerrung nicht im eigenen Interesse der Verleiher?

Das Problem ist schlicht, dass wir in Deutschland, wie jeder in der Branche weiß, andere Schwerpunktzeiten haben, als dies in den USA der Fall ist, wo das Hauptgeschäft auf den Sommer fällt. Früher konnte man große Filme auch zu anderen Zeiten starten. 2001 haben wir es dank entsprechender Entzerrung auf zwölf gute Monate gebracht. Leider hat aber nicht zuletzt das Raubkopieren dafür gesorgt, dass Studios in den letzten Jahren zunehmend auf Day-and-Date-Starts gesetzt haben. Trotz der daraus resultierenden Probleme in der internationalen Auswertung - die im Vergleich zu den USA bereits einen ebenbürtigen, wenn nicht bald sogar höheren Umsatzanteil beisteuert - hat man sich bei den Studios bislang nicht dazu durchringen können, diese Startpolitik wieder zu ändern. Dass die Blockbuster so dicht aufeinanderfolgen, ist von den Verleihern natürlich nicht direkt beabsichtigt, schließlich hätte jeder gern mehr Zeit für seine Filme. Aber der Druck, zu bestimmten Zeiten, insbesondere den US-Feiertagen, zu starten, ist immens. Rücksicht auf das Ausland wird dabei naturgemäß nicht genommen.

Den Majors wird die Startpolitik aus den USA vorgegeben. Sind dann eher die Independents gefragt, die "freien" Monate entsprechend zu füllen?

Eigentlich sollte das die Zielsetzung sein und teilweise tun sie das ja auch bereits. Wünschenswert wäre natürlich, dass sich die Independents mit der Fertigstellung ihrer Filme noch stärker auf die Zeiten ohne starkes US-Produkt einstellen. Aber es ist nun einmal so, dass so eng produziert wird, dass es eben oft zu zwangsweisen Verschiebungen kommt, weil ein Film nicht rechtzeitig fertig gestellt werden konnte.

Welche Möglichkeiten - nicht zuletzt mit Blick auf alternativen Content - gibt es denn, etwaige "Durststrecken" zu überbrücken?

Die Möglichkeit, alternativen Content anbieten zu können, ist natürlich eng mit der Digitalisierung verknüpft. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Kinos, die "E-Cinema" bieten können und das auch nutzen. Zielrichtung muss dabei in Zukunft sein, das Kino noch offensiver zu dem zu machen, was es im Grunde schon immer sein konnte: eine Begegnungsstätte, zu der die Leute aus verschiedensten Gründen gehen, nicht eben nur, um Filme zu sehen. Dazu gehört für den Kinobetreiber auch, seine Kompetenz bei Themen wie DVD, Gaming und Interaktivität generell auszubauen, Werbung attraktiver zu gestalten und auch den Dialog mit dem Kunden über das Internet zu pflegen. Auch ganz klassische Fragen, wie jene nach dem Aufbau einer vernünftigen Gastronomie, werden uns in Zukunft vermehrt beschäftigen.

Wo stehen die deutschen Kinos in der Entwicklung zum übergreifenden Eventort?

Die deutsche Kinolandschaft ist ja sehr heterogen. Dementsprechend ist auch die Entwicklung ganz unterschiedlich. Es hängt natürlich entscheidend davon ab, wie fit der einzelne Betreiber oder Eigentümer ist. Was wir als Verband leisten können, ist natürlich - auch in Zusammenarbeit mit Dritten -, Angebote zu unterbreiten und für die nötigen Informationen zu sorgen. Als Beispiel sei nur das FFA-Pflichtenheft genannt, das in Baden-Baden vorgestellt wird. Welche Maßnahmen er konkret ergreift, muss jeder Einzelne für sich selbst entscheiden. Wichtig ist aber, dass die Möglichkeiten bekannt sind. Hier wird der Kongress einiges zu bieten haben, sei es zum Beispiel mit Informationen und Diskussionen zu Games, Werbung, Mitarbeitermotivation oder Ticketing.

Wie weit ist man denn in diesem Zusammenhang auf dem Weg zum digitalen Ticket?

Wir diskutieren über dieses Thema in einer hochkarätig besetzten Arbeitsgemeinschaft von Verleihern und Kinobetreibern, und eigentlich kommen die Gespräche gut voran. Die Crux ist, dass man am Ende ohne das SPIO-Ticket auskommen will, die Verleiher aber natürlich trotzdem über bestimmte Vorgänge informiert werden müssen. Hier müssen wir natürlich sicherstellen, dass unsere Partner auch ohne SPIO-Ticket stets korrekte Abrechnungen erhalten. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg, vor allem auch, weil wir dafür Sorge tragen wollen, dass das Ticketing für die Kunden noch einfacher wird.

Welchen Stellenwert wird in Zukunft die 3-D-Projektion haben?

Ich hoffe, das uns die 3-D-Technologie schon bald ein Alleinstellungsmerkmal gibt, das die Branche auch wieder stärker in den Fokus rückt. Wir können in diesem Bereich eine interessante Entwicklungsphase beobachten. Noch benötigt der Zuschauer spezielle Brillen, doch auch das könnte in einigen Jahren obsolet sein. Für kleinere Anwendungen hat das Fraunhofer Institut bereits jetzt Lösungen entwickelt, die ohne Brillen auskommen. Im Zuge der Digitalisierung müssen natürlich auch die deutschen Kinos flächendeckend fit für 3 D-Projektionen gemacht werden. Natürlich gibt es auch technische Entwicklungen für den Heimbereich. Damit stehen wir jedoch kaum in Konkurrenz - das Kino bietet auch in 3-D ein völlig anderes Erlebnis.

Stichwort Digitalisierung: Wird 2007 das Jahr des Digital Roll-out, oder sind die Hürden noch zu hoch, insbesondere mit Blick auf die Finanzierung?

Ich bin überzeugt, dass in Baden-Baden Antworten auf viele der offenen Fragen gefunden werden. Kinobetreiber werden dann zum ersten Mal klare Richtlinien haben, an denen sie sich orientieren können. Gefragt sind dann insbesondere die Hersteller, die möglichst schnell dafür Sorge tragen müssen, dass Geräte und Software den DCI-Normen entsprechen. Natürlich werden wir Wege aufzeigen, wie Kino sich verändern und wie mit Hilfe der Digitalisierung mehr Umsatz erzielt werden kann. Wenn man dann noch bedenkt, welche extremen Einsparungen die Digitalisierung bringt, allein schon durch die reduzierten Kopienkosten, ist die Finanzierung sicherlich machbar - zumal dann, wenn wir Unterstützung von Förderern wie der FFA erhalten. Man sollte dort nicht vergessen, dass Kino und Video für den Hauptanteil der Einzahlungen verantwortlich sind.

Erhoffen Sie sich von Baden-Baden mit Blick auf die anstehende Novellierung des FFG auch entsprechende Signale an die FFA?

Wie Sie wissen, haben wir in den letzten Monaten bereits intensiv im engen Kreis beraten. Nach dem Kongress beginnen vier Wochen, in denen wir die Ergebnisse dieser Beratungen dann auch intensiv in der Öffentlichkeit diskutieren werden. Natürlich spielt die Digitalisierung bzw. deren Finanzierung eine große Rolle bei den Überlegungen, sie ist jedoch nicht der alles bestimmende Punkt. Es ist an der Zeit, grundsätzlich Bilanz zu ziehen und klar zu sagen, was am FFG gut oder schlecht war. Das Gesetz ist immerhin schon acht oder neun Mal verlängert worden, und es liegt nun an uns, der veränderten Medienwelt mit konstruktiven Änderungsvorschlägen Rechnung zu tragen, damit man auch künftigen Herausforderungen begegnen kann.

Wie gestaltet sich der Dialog mit den Verleihern bezüglich der Novellierung oder möglicher Finanzierungshilfen?

Im Prinzip ziehen wir doch alle an einem Strang, denn man ist sich einig, dass das Kino als Erstausstrahler, als Glanzlicht und Werbeplattform möglichst stark gehalten werden muss. Das Kino spielt ja nicht nur eine wichtige Rolle bei der direkten Einspielung der Kosten. Der Erfolg im Kino ist bekanntermaßen eine grundlegende Voraussetzung für den weiteren Erfolg bei der Videoauswertung. In diesem Sinn bin ich überzeugt davon, dass wir stringent an einem gemeinsamen Ziel arbeiten.