Film

Filmpool realisiert für RTL "Prager Botschaft"

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller
Christoph Bach am komplett nachgebauten Grenzübergang (Bild: RTL/Filmpool)

Außenminister Hans-Dietrich Genscher tritt am Abend des 30. September 1989 auf den Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag und verkündet den mehr als 4000 DDR-Bürgern, die seit Wochen unter immer chaotischer werdenden Umständen auf dem Botschaftsgelände ausgeharrt hatten, dass sie ausreisen dürfen. "Kaum ein Ereignis der jüngeren Vergangenheit ist so stark mit einem Bild verknüpft", nennt Filmpool-Produzentin Iris Kiefer einen triftigen Grund für die Verfilmung der nun schon 17 Jahre zurückliegenden Ereignisse. Ganz davon abgesehen, dass die jüngere Zeitgeschichte ohnehin immer stärker in den Fokus der Fernsehfilmredaktionen rückt. "Schon bei Beginn der Bucharbeit kam aber auch zum Tragen, dass in letzter Zeit viel Negatives über die Wiedervereinigung zu hören war", kommt Kiefer auf einen weiteren Antrieb zu sprechen: "Wir wollen mit dem Film daran erinnern, welche Hoffnungen es damals gab. Vielleicht können wir ein kleines Signal setzen, dass wir eigentlich Grund haben, uns zu freuen und nicht in dieser Larmoyanz ertrinken sollen."

In die Schlagzeilen geriet die Produktion bereits im Oktober und Anfang November, als Hans-Dietrich Genscher zunächst zusagte, sich selbst zu spielen und nochmals auf den Balkon zu treten, kurz vor dem anberaumten Drehtag von diesem Unterfangen jedoch wieder Abstand nahm. Filmpool hatte urplötzlich ein Problem. "Durch das perfekte Krisenmanagement der tschechischen Casterin Jessica Horvathová konnten wir das jedoch lösen", erzählt Producerin Annette Köster. "Morgens um neun haben wir sie gebucht, nachmittags um vier hatten wir acht, neun Vorschläge für Genscher-Darsteller, von denen vier in die Maske gingen." Mit dem tschechischen Schauspieler Jan Kostroun war ein absoluter Volltreffer dabei. "Bei der Sichtung erster Muster meinten einige Leute, jetzt ist Genscher ja doch auf den Balkon gegangen", erinnert sich Köster.

Ansonsten verlief die Produktion reibungslos, sofern sich dies von einem "extrem aufwendigen historischer Stoff" (Kiefer) behaupten lässt, den es mit zwei Mio. Euro Etat umzusetzen galt. Ein Kunststück sei das gewesen, meinen Kiefer und Köster unisono, ziehe man etwa die Vielzahl der Komparsen - rund 1800, zudem alle mit Kostüm ausgestattet - in Betracht oder die schwierigen Motive, wie den Straßenzug, der mit 45 Trabis vollgestellt werden musste. 26 Drehtage standen zur Verfügung, die komplett in Prag verbracht wurden, mit der aus so vielen deutschen Produktionen bewährten Wilma Film als lokalem Partner. Auch die in Ostberlin spielenden Szenen entstanden in Prager Randgebieten.

Eine fiktionale Geschichte um ein reales Ereignis zu erzählen, empfanden Iris Kiefer und Annette Köster als Herausforderung, nicht aber als Schwierigkeit. Knapp umrissen geht es in dem 90-Minüter um fünf Ostberliner Freunde, von denen vier einen Aufenthalt in Prag - teils gezielt, teils spontan - zur Flucht über die deutsche Botschaft nutzen wollen. Stephan, die Hauptfigur, hat seine Frau Bettina mit seinen Fluchtplänen überrumpelt und lässt sie allein in Prag zurück, um den in Ostberlin gebliebenen Sohn nachzuholen.

"Es war uns sehr wichtig, mit einer ostdeutschen Autorin - Rodica Döhnert - zusammenzuarbeiten. Wir wollten nicht Gefahr laufen, aus einer möglicherweise verklärenden westdeutschen Sicht in die Biografien unserer Hauptfiguren etwas hineinzudeuten", betont Iris Kiefer. Man habe sich sehr streng an die Realität gehalten, sagt Annette Köster. Die legendäre Balkonszene wurde natürlich auf dem Originalbalkon gedreht. Das DRK, das die Produktion mit Manpower (20 Mann in verschiedenen Schichten) unterstütze, baute eine nahezu identische Zeltstadt für die Flüchtlinge in einem Prager Park auf. Und DRK-Präsident Rudolf Seiters, 1989 Kanzleramtsminister, trat für den Dreh - anders als Kollege Genscher - nochmals auf den Balkon. Der Anspruch nach Authentizität wird auch daran deutlich, dass alle Texte von Dietrich Mattausch in der Rolle des deutschen Botschafters Hermann Huber von Huber selbst freigegeben wurden.

Bemerkenswert ist die Zusammensetzung des Hauptcasts (Casting: Clemens Erbach von Outcast) mit Christoph Bach, Anneke Kim Sarnau, Hans-Werner Meyer (der für Kiefer bereits in "Ich will laufen" den Leichtathleten Dieter Baumann verkörperte), Hinnerk Schönemann, Valerie Koch und Heinrich Schmieder. Nicht unbedingt große Stars oder "Sendergesichter", mit denen sich nach Quote schielen ließe, stattdessen Leute, die sich durch besondere Produktionen profiliert haben. Kiefer ist nicht nur wegen dieser Freiheit in der Besetzung voll des Lobes für RTL. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein anderer Sender so schnell für das Projekt entschieden hätte." fra