Film

Die Situation der Programmkinos

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Wenn am 11. September in Leipzig die 6. Filmkunstmesse ihre Tore öffnet, werden sich die Betreiber der deutschen Programmkinos über mangelnden Gesprächsstoff nicht sorgen müssen. Digitales Kino, das Überangebot an Titeln sowie das zunehmende Engagement der Majors im Arthouse-Bereich stellen die Programmkinobetreiber vor neue Herausforderungen, und auch ein erstes Fazit über das Kinojahr 2006 aus Sicht der Programmkinos steht an. Mit starken Titel zu Beginn des Jahres wie "Sommer vorm Balkon", "Match Point", dem Dauerbrenner "Wie im Himmel" und dem Crossover-Titel "Walk the Line" konterkarierten die meisten Programmkinos in den ersten Monaten des Jahres sogar den Abwärtstrend, den die Multiplexe und Mainstreamkinos im selben Zeitraum verzeichnen mussten, und erzielten im Schnitt bis zu sieben Prozent mehr Zuschauer.

Eva Matlok, Geschäftsführerin der AG Kino/ Gilde, machte eine regelrechte Aufbruchstimmung aus, die sich im März sogar noch verstärkte. Mit den sehr guten Zahlen, die "Brokeback Mountain" und "Das Leben der Anderen" schrieben, steuerten viele Häuser Besucherrekorde an. Doch die Euphorie wich im Sommer jäh. Das hochsommerliche Wetter im Juni und Juli, mehr jedoch noch die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, die plötzlich auch Publikum elektrisierte, das üblicherweise nicht dem runden Leder zuspricht, traf auch die meisten Programmkinos in einem nicht zu erwartenden Ausmaß. Die Analysen über das bisherige Kinojahr 2006 fallen deshalb zwiespältig aus: "Besser als erwartet" bis "überraschend schlecht" lauten die Einschätzungen der Kinobetreiber.

Entspannt zeigte sich Georg Kloster von den Yorck-Kinos: "Das Jahr 2006 wird letztendlich als gutes bis sehr gutes Jahr für die Programmkinos in Erinnerung bleiben. Der Start verlief vielversprechend mit vielen attraktiven Filmen. Dann jedoch kam der Dämpfer im Juni mit der WM und wie inszeniert dem guten Wetter, das sich dann jedoch bis weit hinein in den Juli hielt. Diese zwei Monate beeinträchtigen das Ergebnis natürlich, aber dennoch wird 2006 besser sein als 2005." Eva Matlok pflichtet ihm bei und resümiert für alle Kinos der AG Kino/ Gilde einen starken Rückgang der Besucherzahlen im Juni und Juli, der den Erfolg der ersten fünf Monate für die Theater erheblich abschwächt.

Ähnlich stellt sich die Lage für Marianne Menze, Geschäftsführerin der Essener Filmkunsttheater, dar: "In der Lichtburg Essen war der Besucherrückgang während der WM nicht ganz so dramatisch, aber in den anderen Häusern erlebten wir einen Einbruch von 20 bis 60 Prozent." Überrascht von der großen Zugkraft der Fußball-WM zeigte sich indes auch Antje Witte vom Orfeos Erben in Frankfurt. "Natürlich haben wir damit gerechnet, dass die WM alles überschatten wird. Aber das Ausmaß, in dem sich auch Frauen und Nicht-Fußballfans von der Euphorie anstecken ließen und dementsprechend den Kinos fernblieben, überraschte uns dann doch. Hinzu kam im Juni das warme Wetter, das dann auch noch die wenigen Nichtfußballer eher in die Biergärten als ins Kino zog." Eine zweifaches Problem mit der WM machte Marianne Menze aus: "Einerseits war natürlich die Fußball-WM selbst schon ein übermächtiger Konkurrent für uns, andererseits konnten wir in der Zeit aber auch kaum interessante Filme anbieten, weil die Verleiher sich in der Zeit mit Starts merklich zurückhielten. Das ist von Verleihseite her natürlich verständlich, aber uns Kinobetreiber traf das hart." Und das Problem wirkt über die WM hinaus nach und verschärft einen weiteren Negativtrend: das Überangebot an Filmen. Durch die Zurückhaltung der Verleiher während des Sommers drängeln sich nun im Rest des Jahres noch mehr Filme in dem ohnehin schon noch kaum mehr überblickbaren Angebot von relevanten Titeln. "Das ist eine Tendenz, die uns in Zukunft noch vermehrt Sorgen bereiten wird", ist Antje Witte überzeugt. "Wir Disponenten und Betreiber haben ja schon Mühe, Schritt zu halten mit all den Filmen, die da veröffentlicht werden. Aber wie soll da das Publikum noch den Überblick bewahren?" Peter Erasmus vom Delphi und Atelier am Bollwerk stößt ins selbe Horn: "Hier in Stuttgart haben wir fünf Leinwände für Arthouse-Filme. Es ist schlichtweg unmöglich, alle in Frage kommenden Filme zu zeigen." Erasmus wünscht sich hierbei auch ein wenig mehr Realismus seitens der Verleiher. "Natürlich kann ich nachvollziehen, dass bei Verleihern das Herzblut an einem Film hängt, aber einige Filme weisen einfach nicht die Qualität oder das Potenzial für einen Kinostart auf." Menze fordert gar einen Paradigmenwechsel in der Veröffentlichungspolitik vieler Verleiher: "Es muss wieder mehr Klasse statt Masse her." Antje Witte sieht hier eine Malaise, die sich bis zum Ende des Jahres fortsetzt: "Wir warten trotz des riesigen Angebots immer noch auf den großen Film, die richtige Überraschung." Andere Kinobetreiber sehen deutlich optimistischer in die Zukunft. Peter Erasmus etwa sieht trotz des WM-Knicks das Kinojahr 2006 positiv und erwartet wegen der noch ausstehenden Titel eine weitere Konsolidierung der Besucherzahlen: "Mit 'Volver' schreiben wir richtig gute Zahlen, und bei den noch ausstehenden Starts bin ich fest davon überzeugt, dass wir auch Erfolg haben werden. Das Interesse des Publikums an Filmkunst jedenfalls scheint ungebrochen und ebenso stark wie zu Beginn des Jahre.

Dies ist auch den Majors nicht entgangen, die nun verstärkt auch Arthouse-Filme veröffentlichen. Ein Trend, der - abgesehen vom schon erwähnten Überangebot an Filmen - von den Betreibern der Programmkinos durchweg positiv gesehen wird. Georg Kloster formuliert es kurz und knapp: "Die Vorstellung, dass ein Kinobetreiber einen Film ablehnte, weil er von einem Major kommt, ist ein Denken aus den achtziger Jahren." Zwar müsse jeweils geklärt sein, inwieweit die großen Verleiher den Kinos entgegenkommen und etwa auf eine Crossover-Distribution verzichten, doch wie Kloster und auch Antje Witte betonen, klappe dies mit einigen Majors bereits seit einigen Jahren reibungslos. Zwiespältig dagegen wir das weiter voranschreitende digitale Model der Herausbringung aufgenommen. Marianne Menze etwa setzt auf Kino pur und sieht im digitalen Kino eine Gefahr für die Filmkunsttheater: "Wir können unsere Augen nicht vor neuen Entwicklungen verschließen. Aber ich werde so lange Zelluloid spielen, wie ich nur kann." Jede Menge Gesprächsstoff also in Leipzig.

Nachgefragt bei Magnus Vortmeyer, Tobis

Welche Rolle spielen die Programmkinos für Tobis Film? Da wir sehr viele Arthouse-Filme im Programm haben, natürlich eine überragende. Mit vielen Programmkinos arbeiten wir seit Jahren zusammen. Die langfristige Planung dieser Häuser kommt unserer Disposition sehr entgegen.

Auf dem Oscar-prämierten "Brokeback Mountain" lag großer Druck bei der Herausbringung. Der Titel wurde zum Crossover-Film. Dennoch erreichten wir erst bei weit über 200 Kopien eine Verteilung von 50:50 zwischen Arthouse- und Mainstreamkinos. Am Start lag die Betonung deutlich stärker auf den Programmkinos. Dies wird auch bei anderen Filmen, wie jetzt "Volver", weiterhin so sein.

Es wird also keine Verschiebung in Richtung Multiplex geben? Das muss von Film zu Film geklärt werden. Aber generell sind wir mit der Herausbringung unserer Filme sehr zufrieden. Die Programmkinos kennen ihr Publikum und unterstützen somit den Film optimal. Wir sehen keinen Grund, unsere Politik in diesem Punkt zu ändern.