Film

Colonia Media und ZDF produzieren "An die Grenze"

05.09.2006 08:32 • von Jochen Müller

Der junge Alex (Jacob Matschenz) meldet sich aus Überzeugung zu den Grenztruppen, um sein Land vor dem westlichen Feind zu schützen, aber auch um seinem dominanten Elternhaus zu entfliehen. Schnell verliert der Rekrut seine Illusionen. An der Grenze herrscht eine Art Terrorregime älterer Soldaten, die die jüngeren mit gewalttätigen Initiationsriten demütigen. Auch quält sich Alex mit der Frage, ob er tatsächlich auf einen Republikflüchtling schießen könnte. Sein einziger Halt ist die junge Traktoristin Christine (Bernadette Heerwagen). Auf eine besonders harte Probe wir er gestellt, als sie versucht, mit ihrem Bruder (Frederick Lau) zu fliehen.

Vermutlich kommt es selten vor, dass ein Drehbuchautor bedrängt werden muss, einen Stoff zu Papier zu bringen. Bei "An die Grenze" bearbeitete Produzent Christian Granderath ("Der freie Wille") Stefan Kolditz ("Dresden") mehrere Jahre, bis er seine Erfahrungen als Soldat der DDR-Grenztruppen in Drehbuchform brachte: "Das alles zu schreiben, fiel mir nicht leicht", erzählt der 49-jährige Autor. "'An die Grenze' basiert auf Erfahrungen, aber das Buch ist nicht autobiografisch. Alex ist nicht mein Alter Ego, ich hatte schon damals weniger Illusionen als die Hauptfigur. Authentisch erlebt habe ich aber den Druck in der Armee und auch die Schönheit der Natur an der Grenze."

Granderath erinnert sich: "Ich kannte DDR-Grenzsoldaten nur als schikanöse Kontrolleure mit der Kalaschnikow bei meinen Reisen nach Westberlin. Als Stefan Kolditz mir einmal spät nachts von seiner Zeit bei den Grenztruppen erzählte, war mir klar, dass in diesen Erlebnissen viel Potenzial steckt. Aber er weigerte sich lange, darüber zu schreiben." Nach der ersten Skizze, die Kolditz anfertigte, brauchte das Projekt noch weitere fünf Jahre Entwicklung bis zum Drehbeginn. Drei Jahre davon waren Sendersuche, bis sich mit Günther van Endert vom ZDF ein mutiger Redakteur fand. Der Film erzähle von den inneren Konflikten der Soldaten, den Repressionen in der Männerwelt Militär und von der Banalität des Bösen während des Kalten Krieges an der innerdeutschen Grenze, erklärt Granderath. Für Regisseur Urs Egger wurde das Projekt zu "einer Reise in ein untergegangenes Land". Das Drehbuch von Stefan Kolditz sei "ernsthaft und aus dem Innern der DDR heraus erzählt. Im Gegensatz zu 'NVA' und anderen Filmen aus der letzten Zeit ist dies weder eine Militärklamotte noch wird die Vergangenheit biedermeierisch-ostalgisch verschmockt. Dieser Realismus hat mich bewogen, den Film zu machen", nennt er seine Beweggründe.

Ältere Figuren wurden mit prominenten, DDR-erfahrenen Schauspielern wie Corinna Harfouch, Jutta Hoffmann und Jürgen Heinrich besetzt. "Ohne Verständnis der sozialistischen Utopie kann man die DDR nicht begreifen. Und auch nicht, dass viele ernsthaft daran geglaubt haben - mich zeitweise eingeschlossen", erzählt Jürgen Heinrich. Er stellt einen Politoffizier dar, der durch Probleme mit seiner Frau (Harfouch) in eine Sinnkrise gerät. Weitere Darsteller sind Burghart Klaußner, Horst-Günter Marx, Max Riemelt, Florian Panzner und Bernadette Heerwagen. Die Filmstiftung NRW steuert 500.000, die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) 400.000 Euro bei, das Gesamtbudget liegt bei rund zwei Mio. Euro. Davon konnte sich die historisch genau und aufwendig ausgestattete Produktion 16 Drehtage in Thüringen und zwölf in NRW leisten. Eine große Herausforderung war es, eine Landschaft mit kilometerlangen Grenzbefestigungen zu versehen. Diese wurden bei zwei Grenzmuseen teils hinzugebaut, teils werden sie in der Postproduktion noch digital eingearbeitet. Probleme und Verzögerungen gab es, als Teile der Bauten bei einem Unwetter weggespült wurden und Selbstschuss-Attrappen aus der Dekoration gestohlen wurden. Das Wetter bereitete erhebliche Schwierigkeiten - erst extreme Hitze in Thüringen, dann herbstlich-kühles Regenwetter im Rheinand. Ende des Jahres soll die Postproduktion abgeschlossen sein, der Sendetermin ist noch offen. Granderath rechnet sich auch gute Chancen bei der Auslandsverwertung aus, nachdem in letzter Zeit auch andere historische Deutschland-Stoffe auf internationales Interesse gestoßen sind.