Film

Programmkinos mit gutem Jahresanfang

01.01.1970 01:00 • von Jochen Müller

Über die Hälfte der 307 Kinobetreiber im Verband hatte auf den Stimmungstest geantwortet. Ob die sieben Prozent Besucherplus auf einen stabilen Trend hinweisen, bleibt abzuwarten. Aber immerhin hebe man sich damit klar ab von der "Krise der Multiplexketten", so die AG Kino/Gilde in ihrer Pressemitteilung. Das Ergebnis sei zwar nur ein Mittelwert, räumt Geschäftsführerin Eva Matlok ein. Dennoch sei eine spürbare Veränderung auszumachen. "Die Programmkinos hatten einen sehr guten Start ins neue Jahr, weil viele gute Filme zur Auswahl standen." Arthouse- und Crossover-Filme wie "Match Point", "Wie im Himmel" "Sommer vorm Balkon" und "Walk the Line" sorgten für gutes Einspiel und Aufbruchstimmung. Auch "Brokeback Mountain", der nicht mehr in die Umfrage einging, bestätigte mit einem Traumschnitt von 1505 Besuchern pro Kopie am Startwochenende die Ergebnisse. Und noch ein Indikator stimmt positiv: In den letzten Monaten musste kein Filmtheater aufgeben. "Insolvenzen kann ich glücklicherweise keine nennen", atmet Matlock auf. Auch bei den Kinos ist jetzt wohl erst einmal Durchatmen angesagt. Von einem echten Aufschwung wollen die Kinobetreiber deshalb aber noch lange nichts wissen. "Wir profitieren derzeit von der guten Kinderware und den Arthouse-Filmen", sagt Karl-Heinz Meier vom Lichtburg Filmtheater in Lemförde. Sehr zufrieden sei er mit den ersten beiden Monaten, gleichzeitig warte man aber "krampfhaft auf gängige Filme für die Zielgruppe zwischen 14 und 30". Ingrid Hartmann, Disponentin bei Thomas Filmtheater in Bayreuth, kann keinen spürbaren Aufwärtstrend in ihren Lichtspielhäusern vermelden. Im Februar gab es sogar einen Rückgang. Man versuche deshalb, die Zielgruppen bewusst anzusprechen. Für seine Kinos Delphi und Atelier am Bollwerk in Stuttgart sieht Peter Erasmus ein deutliches Plus. Aber das bedeute wenig. Entscheidend sei es, die Leute ehrlich zu behandeln und nachhaltig auf ausgewählte Filme zu setzen. "Die Menschen sind ja keine Wiederkäuer." Auch Georg Kloster von den Yorck-Kino relativiert die Zahlen angesichts von viel drastischeren Einbrüchen im vergangenen Sommer. Optimistisch stimme ihn aber, dass das Publikum offensichtlich gern ins Kino gehe, wenn es die richtigen Filme gibt. Zugleich erneuerte Kloster seine Kritik, die er schon vor Wochen an die Verleiher richtete. Mit zu vielen Filmstarts würden Einspielpotenziale fahrlässig verschenkt, die Filme kannibalisierten sich gegenseitig. Auch Eva Matlok stößt ins gleiche Horn. "Zu viele Filme sind jetzt auch wegen der Oscars und des Deutschen Filmpreis auf den Markt gekommen." Selbst das besonders interessierte Zielpublikum gehe nicht dreimal pro Woche ins Kino. Und Paul Fläxl, Betreiber des Camera-Kinos Freising, fügt hinzu: "Es sind nicht genügend Säle da, um die Filme lange genug in den Kinos zu halten, damit die Mundpropaganda wirkt."

Von Verleiherseite allerdings kann nicht mit einem Agieren gegen den Markt gerechnet werden. "Wenn keiner einen bestimmten Film herausbringen will, gründet sich dafür gleich ein neuer Verleih", sagt Fox-Verleihchef Mychael Berg. Den schwarzen Peter will er sich nicht zuschieben lassen, schließlich sei die Situation seit Jahren unverändert. Auch Magnus Vortmeyer von Tobis sieht eher positive Signale. "Dass dieses Jahr bei den Academy Awards ein besonders starkes Arthouse-Jahr war, ist auffällig." Das habe das Zuschauerinteresse angekurbelt. Eine verstärkte Konkurrenz zwischen Multiplexen und Filmkunsttheatern kann er nicht ausmachen. Es gebe zunehmend Filme wie "Brokeback Mountain", die durch die öffentliche Aufmerksamkeit aus der Arthouse-Nische wachsen. Gerade dieser Film zeige, dass mit Crossover-Filmen in allen Lichtspielhäusern gleichermaßen steigende Umsätze erwirtschaftet werden können. Die Aussichten für die Arthouse-Kinos in den kommenden Wochen bleiben in jedem Fall unbeständig. Das hängt laut AG Kino/Gilde zunächst einmal tatsächlich mit dem Wetter zusammen. Auf dem Land steigen die Leute bei derartig kalten Temperaturen nicht mehr ins Auto, weiß Eva Matlok. Zu spüren bekommen haben das etwa die Thomas Filmtheater in Bayreuth: "Wir sind auf das Umland angewiesen", so Ingrid Hartmann. Das Besucherminus im Februar hatte mit der extremen Witterung zu tun. In den Großstädten wird mit Tauwetter hingegen auch ein Abschmelzen der Besucherzahlen erwartet. Die nächsten Wochen sieht Peter Erasmus noch ausgesprochen positiv für seine Kinos. Dann aber werde der Frühling die Leute ins Freie und nicht in die Kinosäle treiben. Auch den Einfluss des Angebots bewerten die Befragten unterschiedlich. "So gut die Stimmung gerade ist - wenn man auf die Starts der nächsten Monate guckt, sieht es nicht mehr so gut aus", gibt Matlok zu bedenken. Georg Kloster wird noch deutlicher. "Von Mai bis Juli ist ein großes Loch." Das freilich sehen die Verleiher anders. "Das Pulver ist noch nicht verschossen", meint Vortmeyer. "Transamerica", "Das Leben der Anderen", "Good Night, and Good Luck" und der eigene Arthouse-Beitrag "Das geheime Leben der Worte" würden auch in den nächsten Wochen für Nachschub sorgen. Viele Kinobetreiber sehen der kommenden Zeit einfach unbeirrt entgegen. "Das läuft in einer Wellenbewegung", weiß Fläxl. Auf ein "dürres" Halbjahr ab Mai ist er eingestellt.