Film

Gregor Schnitzler über "Die Wolke"

08.03.2006 16:03 • von Jochen Müller

Ist "Die Wolke" der richtige Film zur richtigen Zeit? Unbedingt. Der Film soll zum 20. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe wachrütteln und unsere Sensibilität schärfen bezüglich der Gefahren, die neben uns lauern. Nach dem 11. September wurde das Thema wieder brisanter, weil Atomkraftwerke als potenzielle Ziele für Terroranschläge gelten. Und ganz aktuell ist die Debatte in Deutschland, die den Atomausstieg wieder in Frage stellt.

Wie kam das Projekt zu Ihnen? Erst sollte Marco Kreuzpaintner Regie führen, der auch das Skript schrieb. Marco Kreuzpaintner entschied sich, ein Angebot in Amerika anzunehmen. Produzent Markus Zimmer, mit dem ich schon bei "Soloalbum" zusammengearbeitet habe, schlug mir das Projekt vor. Ohne eine Finanzierung in Sicht haben wir viel diskutiert, aber erst richtig angefangen zu planen, als die Förderung durch FFA, FFF und Hessen sicher war. Es stand von Anfang an fest, dass wir den Film nur realisieren, wenn er einige Wochen vor dem Jahrestag von Tschernobyl starten kann. Mit Jane Ainscough habe ich das Buch noch einmal überarbeitet, neue Recherchen berücksichtigt. Wir haben mit Top-Physikern und Top-Medizinern gesprochen, uns auf neuere Erhebungen gestützt und auf das filmische Szenario "Todeszone" von Joachim Faulstich und Georg M. Hafner über einen fiktiven Super-GAU, ausgestrahlt 1991. Es existiert nicht viel Material, und in puncto Katastrophenpläne sieht es ziemlich mau aus.

Sie spannen den Bogen vom Teenie-Movie über Katastrophenfilm bis hin zum Liebesdrama. Ist das nicht etwas viel, drei Filme in einem? "Die Wolke" ist ein epischer Film, er findet in Teilabschnitten statt. Mir ging es auch um den Entwicklungsprozess der Hauptfigur - heile Welt, Katastrophe, wie sieht es danach aus. Das sehr komplexe Thema hätte eigentlich einen längeren Film erfordert. Vielleicht hätte ich noch eine Konfrontation mit der Gesellschaft einbauen können. Auf der anderen Seite wollte ich keine Science-Fiction mit dem Effekt, dass sich der Zuschauer zurücklehnt und sagt, damit habe ich nichts zu tun. Die Personifizierung der Problematik auf die beiden junge Leute spricht die Zielgruppe an.

Der Einsatz in Schulen ist geplant. Über dieses Interesse bin ich sehr froh. Ich halte einen Medienvergleich für sinnvoll, zu gucken, wie funktioniert ein Roman, wie ein Film. Jeder Schüler kann sich fragen, ob das Gezeigte seiner Realität entspricht oder nicht.

Könnte "Die Wolke" in die "pädagogische Ecke" rutschen, statt sich an der Kinokasse zu beweisen? Gudrun Pausewang war selbst Lehrerin, lenkt den Schüler aber nicht mit dem Zeigefinger irgendwohin. Der Film lässt im Vergleich zum Buch Assoziationslücken und ist kein Lehr-, sondern ein Spielfilm. Ich setze auf Mundpropaganda, die beste Werbung. Da sind Schulvorführungen eine gute Strategie. Der Film läuft nicht in Arthouse-Kinos, sondern in Cineplexen. Die Jugendlichen haben die Wahl zwischen einem deutschen und einem US-Film. Ich hoffe, sie ziehen "Die Wolke" vor.

Stehen Sie schon in den Startlöchern für einen nächsten Kinofilm? Ich entwickle mehrere Stoffe, es gibt aber noch nichts Spruchreifes. Ich bin auch nicht abgeneigt, fürs Fernsehen zu arbeiten. Da kriegt man bei uns im Gegensatz zu Amerika noch Themen durch, die im Kino nicht mehr machbar sind, selbst mit einem Top-Star.