Film

Münchner Orange Pictures auf hoher See

28.02.2006 12:04 • von Jochen Müller

Wer als deutscher Regisseur in Hollywood Eindruck machen will, sollte nicht unbedingt in Hollywood arbeiten. Hans Horn ist dafür das beste Beispiel. Fünf Jahre lang hatte der renommierte Werbefilmer Projekte in Los Angeles entwickelt. Jedes einzelne wurde abgeblasen, eines davon unmittelbar vor Drehstart. 2004 kehrte er entnervt in die Heimat zurück. Eine seiner Ideen war von den Managern noch vor dem Drehbuchstadium abgeschmettert geworden: In den Siebzigern war eine Partygesellschaft von ihrer Yacht ins offene Meer gesprungen, ohne eine Leiter für den Wiedereinstieg zu befestigen. Unfähig, an den glatten Bootswänden hochzuklettern, starben alle Beteiligten. Horn hatte längst die Hoffnung auf die Realisierung des Projekts aufgegeben, als er den Trailer zu "Open Water" sah: "Wenn ein Film über zwei Leute, die im Wasser rumdümpeln und sich von Haien anknabbern lassen, Erfolg hat, dann musste meine Geschichte erst recht Chancen haben."

Diesmal präsentierte er seine Idee nicht mehr in den mondänen Büros und Bars der Traumfabrik, er erzählte sie Produzent Dan Maag, den er bei einem Grillfest traf. Beide kannten sich privat und wollten ohnehin ein gemeinsames Projekt finden. Bereits wenige Wochen später arbeitete das Autorenpaar Dave Mitchell und Adam Kreutner, das für Maags und Philip Schulz-Deyles Orange Pictures schon die schwarze Komödie "Dead Fish" geschrieben hatte, an dem Stoff, der früher unter dem Titel "Godspeed" gehandelt wurde.

Schnell gelang es Maag, die Finanzierung für das Low-Budget-Projekt "Adrift" auf die Beine zu stellen. Produktionsförderung kam vom FFF Bayern. Als deutscher Verleiher und Koproduzent kam Universum Film an Bord. Partner wurden Thomas Häberle mit Shotgun Pictures und Peter Rommel Productions. Trotz Problemen nicht untergegangen Eines der Probleme war, eine geeignete Luxusyacht zu finden. Als Maag das richtige Boot entdeckte, musste er dem skeptischen Eigner einen halben Tag lang Rede und Antwort stehen. Als Drehort wurde Malta gewählt, das einen der größten Outdoor-Tanks der Welt besitzt. Von vornherein war geplant, den Film auf Englisch zu drehen. Für die Besetzung wurden junge amerikanische Schauspieler ausgewählt, die alle schon einen viel versprechenden Karrierestart hingelegt hatten. Den bekanntesten Namen des Quintetts hatte Emma Caulfield aus "Buffy - Im Bann der Dämonen". Doch ausgerechnet sie hätte das Projekt beinah zum Kippen gebracht. Wenige Tage vor Drehbeginn im Juli stellte sich heraus, dass sie auf Grund einer Phobie nicht im offenen Wasser schwimmen konnte. Und das, obwohl jeder der Akteure die Anforderungen an die Rolle kannte. In letzter Sekunde wurde eine Ersatzfrau eingeflogen - Ali Hillis, die dadurch sogar die Premiere ihrer Komödie "Frau mit Hund sucht Mann mit Herz" verpasste. Dieses Auf und Ab sollte sich fortsetzen. Am ersten Drehtag auf dem offenen Meer steuerte der Kapitän die Yacht munter von Malta weg - bis in libysche Gewässer. Bei fünf bis sechs Meter hohen Wellen und schwerem Gegenwind dauerte die Rückfahrt zehn Stunden. Selbst eine Überdosis Pillen half kaum noch gegen die Seekrankheit. Der dritte Störfall war der folgenschwerste: Kameramann Bernhard Jasper ("Kleinruppin Forever") stürzte und brach sich das Bein. Anstatt selbst ins Wasser zu springen, musste er die Kamerabewegungen fortan vom Rollstuhl aus dirigieren.

Trotzdem blieb die Stimmung beim Dreh gut. Dan Maag erklärt sich den Teamgeist, der bis zum letzten Tag anhielt, folgendermaßen: "Wir sind alle an einem ähnlichen Punkt in unserer Karriere, ob Regisseur, Schauspieler oder Produzent. Alle haben wir schon etwas erreicht, aber wir möchten noch viel weiter. Und jeder wusste, dass mit diesem Film etwas ganz Besonderes entsteht." Maag ist auch nicht zuletzt auf die Durchhaltefähigkeit seiner Besetzung stolz. Fast jeden der 40 Drehtage verbrachten die Schauspieler ohne großes Murren fünf, sechs Stunden im Wasser. Mittlerweile sieht es so aus, als wäre die Münchner Produktion reif für die Traumfabrik. Horn gelang eine so gute Umsetzung seiner packenden Geschichte, dass mehrere US-Verleiher bei Orange Pictures Schlange stehen. Die Weltvertriebsrechte gingen im Dezember an Summit Entertainment. Dan Maag wird inzwischen mit E-Mails von Agenturen überflutet, die mit Horn Kontakt aufnehmen möchten. Doch den "interessieren die Amerikaner erst mal nicht mehr, auch wenn ich mir wünsche, dass sie den Film gut finden". Sein nächstes Projekt will er lieber mit Maag machen: "Der hat sich um 'Adrift' gekümmert, als wäre es sein Baby."