Film

Oscar-Nominierungen oft mehr wert als Award-Gewinn

18.03.2005 12:14 • von
[IMG#174887_1.jpg#Konnte sein Einspiel seit der Oscarnominierung um das zehnfache steigern: "Million Dollar Baby" mit Clint Eastwood und Hillary Swank ^^Kinowelt^^#RIGHT]

Produzent Saul Zaentz kennt sich gut mit Zahlen aus. Deshalb weiß er, dass New Line ihm von den "Der Herr der Ringe"-Einnahmen Millionen vorenthielt und Miramax ihm immer noch Gewinne für den "Englischen Patienten" schuldig ist. Doch bei einem anderen finanziellen Thema ist er unsicher: "Ich kann nicht genau sagen, wie viel ein Oscar-Gewinn wert ist." Dabei müsste Zaentz es besonders genau wissen. Immerhin holte er sich mit "Einer flog über das Kuckucksnest", "Amadeus - Director's Cut" und "Der englische Patient" gleich dreimal die Statuette für den besten Film. Doch nur in einem ist er sich sicher: "Meine Filme haben von den Oscars profitiert."

Dass die Academy Awards nicht nur Ruhm bringen, sondern auch den Rubel rollen lassen, ist selbst für den Laien offensichtlich. Doch eine zuverlässige Regel für die kommerziellen Konsequenzen eines Gewinns in den Hauptkategorien lässt sich nicht aufstellen. Produzent Bill Mechanic, der in seiner Zeit als Studiochef die "Titanic"-Ernte einfuhr, stellt lediglich eine allgemeine Gesetzmäßigkeit fest: "Kleinere Filme profitieren von den Oscars stärker, da sie dadurch erst in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringen." Das zeigt sich vor allem bei einem prozentualen Vergleich. Ein Blockbuster wie "Der Herr der Ringe- Die Rückkehr des Königs"-" nahm nach seinem Triumph in der Verleihungsnacht in den USA nur noch 13 Mio. Dollar ein - 3,4 Prozent seines amerikanischen Gesamtboxoffice. "Monster" dagegen hatte erst sechs Mio. Dollar eingespielt, bevor Charlize Theron als beste Hauptdarstellerin nominiert wurde. Danach stieg das US-Einspiel um knapp 500 Prozent auf 34,5 Mio. Dollar. Das "Monster"-Beispiel zeigt freilich auch, dass nicht allein der Gewinn der Trophäe entscheidet. "Die Nominierungen haben eine größere Wirkung als die Oscars selbst", so James Schamus, Präsident von Focus Features. Das zeigt sich ganz besonders in diesem Jahr. So konnte "Aviator" in den Staaten in den Wochen nach den Nominierungen ein zusätzliches Einspiel von 32,5 Mio. Dollar verbuchen. "Being Julia", für den Annette Bening als beste Hauptdarstellerin ins Rennen ging, nahm bis zur Verleihung nochmals 2,4 Mio. Dollar ein - 40 Prozent seines damaligen Boxoffice. Die Zahlen von "Wenn Träume fliegen lernen" schwebten um 166 Prozent nach oben. "Sideways" legte am Wochenende nach der Nominierung um 122 Prozent zu. Dafür gibt es eine einfache Erklärung. Die Nominierungen sorgen für PR, die Verleiher stocken die Zahl der Kopien auf, um davon zu profitieren, und kurbeln die eigene Marketingmaschinerie neu an. Im Fall von "Million Dollar Baby" war die Verleihstrategie geradezu idealtypisch an die Oscars gekoppelt. Vor den Nominierungen lief der Eastwood-Film, der bis dahin nur 8,5 Mio. Dollar eingenommen hatte, in 147 amerikanischen Kinos, unmittelbar danach startete ihn Warner auf 1863 weiteren Leinwänden. Inzwischen steht der im Dezember in den USA gestartete Film bei über 84 Mio. Dollar. Gerade weil die Nominierungen keinen Unterschied zwischen großen und kleinen Produktionen machen, sind sie für Low-Budget-Projekte wichtig. Don Cheadle, der für "Hotel Ruanda" bester Hauptdarsteller hätte werden können, weiß genau: "Ohne die Nominierungen hätte der Verleih nie 420 weitere Kopien in die Kinos gebracht, und wir hätten nie die Aufmerksamkeit bekommen, die ein Film wie dieser so dringend braucht." Vor Bekanntgabe der potenziellen Oscar-Kandidaten belief sich das US-Boxoffice von "Hotel Ruanda" auf 5,8 Mio. Dollar. Inzwischen sind es über 20 Mio. Dollar. Selbst ausländische Filme können davon profitieren. So machte sich laut Constantin Film AG-Vorstandschef Fred Kogelauch die Nominierung für die internationale Vermarktung von "Der Untergang" bezahlt. Wenn der Gewinn der Trophäe das Boxoffice ankurbeln soll, dann setzt das auch einen entsprechenden Vertriebsplan voraus. "Million Dollar Baby" ist hier wieder ein gutes Beispiel. So wurde der Film in mehreren internationalen Märkten wenige Wochen vor der Verleihung gestartet. Prompt legte er am Boxoffice nach dem 27. Februar im Schnitt um 65 Prozent zu - was nur zum Teil auf eine erhöhte Kopienzahl zurückzuführen ist. Ein besonderer Fall ist England, wo der Oscar-Sieger schon im Januar in die Kinos kam. Der Verleiher Entertainment Film verdreifachte nach der Verleihung die Kopienzahl und investierte in eine neue Kampagne, was zu einer Einnahmesteigerung um 420 Prozent führte. Die Strahlkraft der Academy Awards reicht freilich längst über die Kinokassen hinaus. So kam "Ray" wenige Tage nach den Nominierungen auf DVD heraus und sorgte in der ersten Woche für Umsätze in Höhe von 80 Mio. Dollar. Doch sind es nicht in erster Linie die Studios, die von der Oscar-Hausse profitieren. Zumindest nicht in diesem Jahr. Das 42-Mio.-Dollar-Budget von "Ray" wurde komplett von Phil Anschutz' Crusader Entertainment finanziert. Als Warner nicht die kompletten 30 Mio. Dollar für "Million Dollar Baby" hinlegen wollte, übernahm Produzent Lakeshore Entertainment 50 Prozent der Kosten und erhielt im Gegenzug die Auslandsrechte. "Aviator" wurde von Graham King und seiner Initial Entertainment Group gestemmt. Sollte sich daraus ein Trend konstruieren lassen, dann würde das bedeuten, dass sich das klassische Hollywood noch stärker als bisher aus Prestigeproduktionen zurückzieht. Oscar-Ruhm- und Reibach würden immer mehr zu einer Sache der Independents. Die wahren Profiteure sitzen aber ohnehin nicht hinter den Schreibtischen, sondern stehen vor den Kameras. Halle Berry, die für "Monster's Ball" eine sechsstellige Summe kassierte, durfte sich nach ihrem Oscar-Gewinn über Gagen von acht Mio. Dollar pro Film freuen - ein Anstieg von schätzungsweise 1200 Prozent. Charlize Theron finanzierte "Monster" noch mit ihrem eigenen Geld; dafür stieg ihre Standardgage seit diesem Film von unter drei Mio. auf über acht Mio. Dollar. Für Hilary Swank sollten nach Schätzungen von Branchenkennern künftig über zehn Mio. Dollar pro Film drinsein. Der Qualitätsschub bei den Rollenangeboten dürfte noch mehr wert sein. Ohne seinen "Der Pianisten"-Triumph wäre aus Adrien Brodywohl nie der Held von "King Kong" geworden. Virginia Madsen bekam nach ihrer Nominierung für "Sideways" die weibliche Hauptrolle im neuen Harrison Ford-Film "The Wrong Element". Für Regisseure und Autoren bringen Oscars noch andere Vorteile. Ohne die Auszeichnung für "Traffic" hätte wohl Steven Soderbergh nicht so schnell grünes Licht für sein Herzensprojekt "Solaris" bekommen. Mike Leigh, der dieses Jahr für "Vera Drake" nominiert wurde, erhofft sich nun eine leichtere Finanzierung seines nächsten Films. Sogar Drehbuchschreiber werden mit ungeahnten künstlerischen Freiheiten bedacht. Julian Julian Fellowes, 2001 Preisträger für "Gosford Park", konnte danach sein Regiedebüt feiern. Alan Balldurfte nach dem "American Beauty"-Gewinn für HBO eine TV-Serie nach seinem Gusto schreiben - heraus kam der Quotenhit "Six Feet Under". Natürlich lassen sich daraus keine Gesetzmäßigkeiten ableiten. Aber vielleicht gibt es doch eine Methode, die Wirkung eines Oscars auf das Boxoffice zu bestimmen. Zumindest behauptet das Randy Nelson, Professor für Finanzwissenschaften am Colby College. Seiner Studie zufolge haben Gewinne in der Kategorie "Bester Regisseur" oder in der Drehbuch-Kategorien keinen nennenswerten Effekt. Dagegen sollen die Siege von Cate Blanchett und Morgan Freeman in der Nebendarsteller-Sparte jeweils 3,8 Mio. Dollar an den US-Kassen bringen, der Oscar für Hilary Swank sogar 7,6 Mio. Dollar. In den Staaten beläuft sich der zusätzliche Geldsegen für "Million Dollar Baby" nach Nelsons Angaben auf insgesamt 33,2 Mio. Dollar. Allerdings ist Vorsicht angebracht. Der Professor hat sich in den letzten fünf Jahren nur einen einzigen Film angesehen - "Was das Herz begehrt." Und der gewann keine Oscars.