Film

Regisseur Wes Anderson zu "Die Tiefseetaucher"

16.02.2005 10:52 • von Jochen Müller
An Bord der "Belafonte": Owen Wilson, Anjelic Huston und Bill Murray (v.r.) (Bild: Touchston Pictures/Philippe Antonello)

Blickpunkt:Film: Mit "Die Tiefseetaucher" sprengen Sie die Dimensionen Ihrer bisherigen Filme.

Wes Anderson: Es ist sicherlich der komplizierteste Film, den ich bisher gedreht habe. Aber ich habe das Gefühl, dass er sich nahtlos an die anderen fügt. Meine Charaktere aus "Die Royal Tenenbaums" oder "Rushmore" könnten problemlos in die Szenen von "Die Tiefseetaucher" hineinwandern, und keiner würde eine Dissonanz bemerken.

BF: Sie sehen also einen Zusammenhang zwischen allen Ihren Filmen?

WA: François Truffaut berichtete von einer Meinungsverschiedenheit, die er mit Isabelle Adjani hatte. Sie war der Auffassung, dass ein Film wie eine große Mauer sei. Doch er hielt dagegen: "Ein Film ist nur ein Stein in einer Mauer." Und so denke ich auch. Mich faszinieren Familien, deren Mitglieder zueinander finden wollen, und jede meiner Geschichten ist wie ein einzelnes Element in diesem großen Thema.

BF: Warum haben Sie jetzt einen so komplizierten Mosaikstein geschaffen?

WA: Ich habe selbst versucht, den Grund dafür zu analysieren, aber bislang keine befriedigende Antwort gefunden. Einer der Anstöße für den Film war eine Italienreise. Ich mochte das Land so sehr, dass ich alles, was ich auf meinem Trip gesehen hatte, in eine Geschichte verflechten wollte. Und natürlich gab es diese alte Faszination für Jean-Jacques Cousteau und all die Sendungen über Naturforscher und Abenteurer, die ich als Kind geliebt habe.

BF: Beim Dreh haben Sie ja offenbar ein ähnlich abenteuerliches Leben geführt.

WA: Es gibt das Klischee, dass das Drehen auf dem Meer so kompliziert sei. Ich habe rausgefunden, warum dieses Klischee seine Berechtigung hat. Für den ersten Drehtag fuhren wir auf eine Insel, und dann konnten wir wegen des hohen Seegangs drei Tage lang nicht weg. Allerdings war das nicht so tragisch, denn die Insel war sehr schön. Ich sagte zu den anderen: "Lasst uns bleiben, so lange wir können. Mir fällt schon ein, was wir drehen können."

BF: Dieser äußere Aufwand hat aber Ihr Budget in die Höhe getrieben.

WA: Wir haben über 40 Mio. Dollar ausgegeben, also ungefähr das Gleiche, was "Royal Tenenbaums" in den Staaten eingespielt hat. Manche Dimensionen dieser Produktion haben mich selbst überrascht. Ich hatte nie erwartet, dass wir zwei Schiffe in Südafrika kaufen und die dann ins Mittelmeer bringen müssen.

"Das Budget stellte uns vor Schwierigkeiten"

BF: Und Disney, Ihr Geldgeber, hat da problemlos mitgespielt?

WA: Ja, das war das Erstaunliche. Vor allem weil die Geschichte so surreal ist, dass sie überhaupt nicht zum amerikanischen Standardgeschmack passt.

BF: Wie haben Sie das Studio davon überzeugt?

WA: Das war nicht weiter schwer. Studiochefin Nina Jacobson mochte das Drehbuch, und sie war auch von meiner Besetzung überzeugt. Deshalb hat sie es durchgezogen. Nur das Budget stellte uns vor Schwierigkeiten. Bei den ersten Kalkulationen kamen wir auf eine Summe von 85 Mio. Dollar, die wir zusammenstreichen mussten.

BF: Indem Sie Szenen aus dem Drehbuch eliminierten?

WA: Nein, so etwas mache ich nicht. Wir fanden einfach Wege, wie man diese Geschichte erzählen konnte, ohne so viel Geld auszugeben. Etwa indem wir ein Set nur vier Meter statt zehn Meter lang machten. Es gab unzählige solcher Lösungen, die wir uns einfallen ließen.

BF: Allerdings gibt es jetzt Probleme auf der Einnahmenseite. In den USA bleiben die Einspielzahlen der "Tiefseetaucher" hinter denen von "Royal Tenenbaums" zurück.

WA: Das ist sehr schade, denn ich habe ein sehr gutes Gefühl bei diesem Film. Meiner Meinung nach konnten die amerikanischen Zuschauer "Die Tiefseetaucher" nicht einordnen. Wenn sie einen Trailer zu "Royal Tenenbaums" sahen, dann wussten sie, das ist eine Komödie. Beim Trailer zu "Die Tiefseetaucher" dagegen begriffen sie nicht, worum es hier geht. Manche kapierten das nicht mal, nachdem sie den Film gesehen hatten.

BF: Was werden Sie diesem Publikum als Nächstes liefern?

WA: Mit Noah Baumbach schreibe ich gerade das Drehbuch "Fantastic Mr. Fox", eine Roald Dahl-Adaption. Der Film wird nur aus Stop-Motion-Animationen und Zeichentricksequenzen bestehen. Die übernimmt Henry Selick, der schon die Animationen für "Die Tiefseetaucher" machte.