Film

Branchenstimmen zur Lage des Teilmarkts Arthouse

08.09.2004 17:40 • von Jochen Müller

NFP-Geschäftsführer Alexander Thies, der über Filmwelt den Doku-Aufsteiger "Höllentour" ins Kino gebracht hat, meint etwa, dass der Erfolg der Filme "sehr unterschiedlich begründet" sei. "Grundsätzlich" zählten jedoch "menschliche und originelle Geschichten". Auch Heinrich-Georg Kloster (Yorck-Kino GmbH) konstatiert: "Das Bedürfnis nach handfesten Geschichten und die Beschäftigung mit 'unseren' Realitäten hat sich verstärkt." Matthias Elwardt (Abaton, Hamburg) macht gar als Thema für das zweite Kinohalbjahr "die Wiederentdeckung der Wirklichkeit" aus. Das Publikum sei "sehr zufrieden" mit gut durchdachten Filmen wie "Muxmäuschenstill", die sich - quasi-dokumentarisch - an der Grenze zwischen Fiktion und Realität bewegten. Auch die Dokumentarfilme seien "origineller und unterhaltsamer" geworden. Dies scheint überwiegend allgemeiner Konsens in der Branche zu sein.

Als "überaus positiv" bewertet Hermann Thieken, Vorstand der AG Kino/Gilde, die Entwicklung, dass das Genre beim Publikum "immer besser" ankomme. Dies werde bei der Preisverleihung der AG Kino/Gilde in Leipzig mit einer eigenen Auszeichnung für den "besten Dokumentarfilm" honoriert. "Der Dokumentarfilm schreckt die Leute nicht mehr ab", stellt der Kasseler Kinobetreiber Burkhard Hofmann fest. Vier von sechs Erstaufführungen im Juli in den von ihm programmierten Kinos seien immerhin Dokumentarfilme gewesen. "Bei unserem Publikum gibt es eine Offenheit für solche Filme", die sich aber schon vor diesem Sommer u. a. bei "Nomaden der Lüfte" oder "Deep Blue" vorbereitet habe. Falcom-Geschäftsführer Andreas Fallscheer ist, was die wachsende Popularität des nonfiktiven Genres angeht, davon überzeugt: "Man kann den Markt kreieren." Es würde verstärkt Geld für große Dokumentarfilme ausgegeben, die ein großes Publikum anziehen würden. Die Hinwendung zu anspruchsvollen Filmen hält Alamode-Geschäftsführer Fabien Arséguel für einen "Trend, der sich wahrscheinlich verstärken wird". Eine mögliche Erklärung sieht er darin, dass das Publikum der eintönigen Hollywood-Produktionen überdrüssig sei und andererseits eine "gesunde Skepsis" gegenüber den Informationsmedien wie Tageszeitung oder TV-Nachrichten zeige. "Anders als früher" seien die Dokumentarfilme heute "gezielt für den Markt gemacht", bemerkt Marion Closmann (Marburg). "Und wenn erst einmal ein erfolgreicher Dokumentarfilm da ist, haben es die Nachfolger einfacher." In dem Zusammenhang hofft Tiberius-Verleihchef David Marsh, dass ihnen bei "American Splendor", der "dokumentarische Elemente" aufweise, die Popularität der Dokumentarfilme zugute komme. Auch Sabine Matthiesen vom Hamburger Zeise-Kino meint: "Im Moment steht das Barometer ganz oben", Filme wie "Fahrenheit 9/11" oder "Muxmäuschenstill" träfen den Zeitgeist. Eine allgemeine Trendwende im Kino bemerkt Gerhard Groß (Timebandits) gegenüber dem Vorjahr, wo die "schlechte Stimmung", die der Unterhaltungsbranche eigentlich entgegenstehe, zur "Abwendung vom Kino" geführt habe; diese Tendenz habe sich glücklicherweise in den vergangenen drei bis vier Monaten gewendet. Auch wenn Andreas Döhler vom Berliner Central-Kino die Reihe der Erfolge im Dokumentarbereich eher dem Zufall zuschreibt, sieht er - nach einer mehrjährigen Stagnation - eine "positive Entwicklung" im Teilsegment, die "stark verbunden mit einer erhöhten Risikobereitschaft der Verleiher" sei.

Filmkunst hält Einzug in Multiplexe

Gemischte Gefühle erzeugt auf Kinoseite der verstärkte Einzug der Filmkunst in die Multiplexe. So meint Thieken, es stimme "nachdenklich", wenn Arthouse-Filme wie "Liebe mich, wenn du dich traust" in den großen Häusern besser liefen als im Filmkunsthaus. Er führt dies darauf zurück, "dass im Kunstkinobereich zum Teil noch zu alte Abspielstätten und zu geringe Kapazitäten existieren". "Schade ist, dass die Erwartungen aus dem Ruder laufen" und manche Filme zu groß gestartet würden, statt bei Bedarf (für Multiplexe) Kopien nachzuziehen, bedauert Elwardt. "Ärgerlich, dass jeder mitspielen will" bei "Fahrenheit 9/11" und der Film letztlich mit drei Startkopien in Stuttgart lief, findet auch Peter Erasmus. Schließlich hätten die Filmkunsthäuser "Bowling for Columbine" aufgebaut. "Kein Freund von Overscreenings" ist auch Pandora-Geschäftsführer Thomas Matlok. Anhand der Ergebnisse seiner eigenen Verleihtitel, von denen kürzlich "Coffee and Cigarettes" am Startwochenende mit 738 Besuchern pro Kopie den besten Schnitt verzeichnete, sehe er, "dass unser Konzept, weniger Filme größer vorzubereiten, aufgeht". Gerade das Mitspiel der Großkinos sehen dagegen einige Verleiher aber als essenziell an, so Stephan Hutter (Prokino), der betont, das Besucherergebnis von "Bowling for Columbine" oder "Super Size Me" sei "ohne Mitwirkung der Multiplexe nicht denkbar" gewesen. Und Fabien Arséguel weist darauf hin, dass durch das Mitspiel der großen Häuser "neue Zielgruppen" angesprochen würden. Erwartungsfroh zeigen sich die Kinobetreiber im Hinblick auf das kommende Programm. Matthias Elwardt etwa freut sich auf kommende Filme wie "Agnes und seine Brüder" oder "Motorcycle Diaries". "Das Publikum wird regelrecht bombardiert mit guten Arthouse-Filmen", sagt Kollegin Matthiesen und ist sich sicher, "dass wir den Arthouse-Anteil dieses Jahr zumindest behaupten können".

Münchner Kulturfiliale vereint Kino und Schule

Die Etablierung von Film als eigenständige Kunstform in den Schulen hat sich die Münchner Kulturfiliale zum Ziel gesetzt. "Mittlerweile haben schon viele erkannt, dass Film ein genauso wichtiges Kulturgut ist wie andere Kunstformen", stellt Vera Conrad fest. Daher müsse es selbstverständlich werden, den Film, der Zugänge zu den verschiedensten (Unterrichts-)Themen verschaffe, zunehmend in den Lehrplan mit einzubeziehen. Inwieweit die Kulturfiliale die Zusammenarbeit zwischen Kino und Schulen betreut, hängt von dem jeweiligen Auftraggeber ab. Die Basis stellt jeweils das von der Kulturfiliale in Absprache mit dem Verleih erstellte Filmheft dar, bei dem der methodisch-didaktische Teil stets einen Schwerpunkt bilde. So zeige z.B. das Heft zu dem Oscar-gekrönten Dokumentarfilm "The Fog of War" (Movienet, 30. September), dass dessen Themenvielfalt bis in den Chemieunterricht eingebunden werden könne. Das Besondere an dem Heft zur Eichinger-Produktion "Der Untergang" wiederum sei die erstmals vollständige Filmanalyse, die für das "kritische Sehen" schulen soll. Regelmäßig veranstaltet die Kulturfiliale auch Lehrer-Matineen im Münchner Mathäser; diese sollen auf Grund der "wachsenden Resonanz" deutschlandweit expandieren. Die Geburtsstunde der Kulturfiliale war die Begegnung zwischen Conrad und ihrer Partnerin Gabriele Gillner bei der Bundeszentrale für politische Bildung 2002. Dort beschloss man, die guten Branchennetzwerke zu nutzen und den Bereich Schule und Kino zum Gegenstand der Arbeit zu machen. Erste Filmhefte entstanden dann im Rahmen der von der Bundeszentrale in Auftrag gegebenen Reihe "Islam Cinema". Conrad betont, dass die Vielfältigkeit der verschiedenen Konzepte zur Etablierung von Film in der Schule "wichtig" sei. "Alles, was in dem Bereich gemacht wird, finden wir notwendig und gut." Ziel der Kulturfiliale ist es, neben der generellen Ausweitung der Aktivitäten weitere Langzeitprojekte zu entwickeln; auch eine Übertragung auf den Fernsehbereich sei eine denkbare Aufgabe für die Zukunft. Informationen und Filmhefte unter .